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Zuckersüßes Arbeiterblut

von Petra Hallmayer

München, 2. Dezember 2011. "Woher denn anders", meinte der "Candide"-Bewunderer Schopenhauer, "hat Dante den Stoff zu seiner Hölle genommen als aus dieser unserer wirklichen Welt?" – ein Satz, den Voltaire aufs Anschaulichste illustriert hatte.

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"Candide" mit Band © Thomas Dashuber

Das Leben ist gemeinhin ein unaufhaltsam fortschreitender Desillusionierungsprozess. Grausamer als der Antiheld in Voltaires Roman, den Friederike Heller im Residenztheater auf die Bühne brachte, kann man dies kaum erfahren. In der satirischen Abrechnung mit den Thesen von Leibniz und Pope und einem blinden Fortschrittsglauben stolpert der junge Tor blauäugig ins Leben hinein im festen Vertrauen auf die Lehren des philosophischen Schönredners Pangloss. Mit luzider Boshaftigkeit malt "Candide oder der Optimismus" den grellen Kontrast zwischen wolkigen Theorien und einer höllenfinsteren, von Krieg, Gewalt, Sklaverei und Naturkatastrophen beherrschten Wirklichkeit aus.

Was also soll man tun?

Zwar lernt Candide das utopische El Dorado kennen, doch die Sehnsucht nach seiner großen Liebe treibt ihn fort, deren Erfüllung zu einer weiteren brutalen Ernüchterung gerät. Von schwärmerischen Träumen geheilt zieht er sich aufs Land zurück, wo er sich fernab der blutigen Narreteien des Welttheaters der alltäglichen Arbeit verschreibt. Wie viel idealistischer Pragmatismus und wie viel kleinmütige Resignation in diesem Ende liegen, haben Generationen immer wieder neu diskutiert.

Der berühmte Schlusssatz "Wir müssen unsern Garten bestellen" steht bei Heller gleich zu Beginn in einem die Aufführung rahmenden Gespräch mit den Zuschauern. "Es gibt schrecklich viel Elend auf der Welt", erklären uns die Schauspieler: "Was soll man also tun?"

Syphilis und gezierte Tanzschritte

Richtig verhandelt wird die Frage dann nicht. Stattdessen hören wir eine von Elisabeth Schwarz eröffnete Nacherzählung, aufgelockert von kurzen Spielszenen und Liedlein mit collagierten Voltaire-Zitaten, die eine Live-Band unter Leitung von Kante-Sänger Peter Thiessen rockt. An Schnüren von der Decke baumelt ein kinderspielzeugbuntes Allerlei aus Sandkasteneimern, Schwimmringen, Gießkannen und Plastiktröten. Abwechselnd referieren die fünf Akteure die gruseligen Irrfahrten des aus dem Kindheitsparadies vertriebenen Idealisten, tragen Romanpassagen vor, die in kleine szenische Aktionen übergehen.

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Hier hängt der Himmel nicht nur voller Geigen: "Candide" © Thomas Dashuber

Die sind oft niedlich und lustig anzuschauen. Spastisch zuckend und japsend umarmen sich Candide und Kunigunde (Hanna Scheibe), ehe sie nacheinander niederplumpsen. Unter Trommelwirbeln und Gebrüll lernt der arme Bub am Boden zappelnd exerzieren, der später zum Tode verurteilt kopfüber schluchzend an einer Metallstange hängt. Der von Syphilis zerfressene Pangloss (Jörg Ratjen) trägt Dreckfarbe im Gesicht, mit der er seinen Schüler beschmiert, der Gouverneur Don Fernando (Michele Cuciuffo) zeigt witzig gezierte Tanzschritte.

Kunigunde, mein Moppel

Über weite Strecken aber hat die eineinhalbstündige Romanadaption Hörspielcharakter. Die Darsteller müssen sich auf karikierende Figurenskizzen beschränken, dürfen mit Kulleraugen staunen, hysterisch gestikulieren und ins Mikro schreien. Allein Sebastian Blomberg versucht seinem zwischen zorniger Empörung und Verzweiflung schwankenden Candide wiederholt emotionale Expressivität zu verleihen.

Nun wäre gegen Hellers minimalistische, antiillusionistische Spielweise ganz und gar nichts einzuwenden, wenn diese Raum und Anstöße bieten würde für irgendwie fesselnde Reflexionen. Zwar unterbricht die Regisseurin den Fluss der Narration einmal, schiebt Auszüge eines Dialogs zwischen Ernst Bloch und Adorno über Utopien und das Prinzip Hoffnung ein, doch der Ausflug in die Intellektualität verfliegt folgenlos. Dafür gibt es im Anschluss brave konsenssichere Zivilisationskritik: Während über eine halbrunde Wand alte Reklamebilder mit rassistisch pittoresken Negerlein huschen, singt die Band vom dem in einer Zuckerfabrik vergossenen Blut der Arbeiter, das "der Preis" ist, "um den ihr drüben in Europa euren Zucker genießt".

Der scharfzüngige Spott des Textes verblasst zunehmend, während sich der Eindruck verstärkt, dass sich die Inszenierung die von Voltaire gezielt als Kunstmittel eingesetzte Naivität Candides tatsächlich ernsthaft aneignet. So wirkt der etwas schlampig überstürzt endende Abend schließlich wie eine hübsche Klassiker-Aufbereitung mit drolligen Scherzen ("Kunigunde, mein Moppel, war in Konstantinopel."), putzigen Liedermachernummern und netten Diskussionsanregungen für lesefaule Schüler. Für erwachsene Menschen allerdings ist die Lektüre des Romans denn doch spannender.

 

Candide oder der Optimismus
von Voltaire in einer Theaterfassung von Friederike Heller und Andreas Karlaganis
Regie: Friederike Heller, Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt, musikalische Leitung: Peter Thiessen, Video: Philipp Haupt, Dramaturgie: Andreas Karlaganis. Mit: Sebastian Blomberg, Michele Cuciuffo, Jörg Ratjen, Hanna Scheibe, Elisabeth Schwarz.

www.residenztheater.de


Kritikenrundschau

Die Regisseurin Friederike Heller und ihr Dramaturg Andreas Karlaganis verstünden es wunderbar, den Urtext in unsere beiläufige Alltagssprache umzusetzen, ohne Voltaire zu verlassen, resümiert eine begeisterte Rosemarie Bölts im Deutschlandfunk (3.12.2011). "Sie sind gottlob auch nicht dem aktuell üblichen Reflex erlegen, aus der Vorgabe eine Klamotte auf die verpestete Finanzwelt zu drehen." Stattdessen emanzipierten sie die Figuren, "manchmal schnoddrig, manchmal bissig, immer entlarvend, und in der Inszenierung unendlich: locker." Vorhang war gestern, so Bölts: Hier und heute sei höchst intelligenter, jawohl, Spaß angesagt, frei durchtrieben. "Und das Beste am Schluss": Friederike Heller walze nicht - wie etliche ihrer hochgeschriebenen Kollegen - ihre Regieeinfälle bis zur zappeligen Aufgeregtheit auf ewig in die Nacht hinaus, sondern komme in einem perfekten Timing in eineinhalb kurzweiligen Stunden zu einem umwerfenden Ergebnis. "Alles ist gut."

Heller, der mit ihren Romanadaptionen sonst oft "kluge, verspielt-ironische Bestandsaufnahmen" gelängen, sei sie "eher gescheitert", findet hingegen Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (5.12.2011). Kantes musikalischer Schmelz sei "das Schmieröl der Inszenierung, zum Teil aber auch Hirnschmalzersatz". Die Handlung werde "weniger gespielt als referiert, skizziert, diskutiert, und zwar im Schnelldurchlauf. Gelegentlich verfallen die Akteure in aktionistische Spielszenen, aber immer mit der improvisatorischen Grundhaltung einer Theaterprobe". Das Ganze bleibe "unorganisch und halbgar und ein bisschen auch hohl. Für eine plastische Welt- und Figurenzeichnung und überhaupt: für die theatralische Auspinselung des pittoresken Stoffes fehlt es an Zeit und Text und Liebe zum Detail - dafür gibt es ein viel zu restriktives, pseudo-cooles Antiillusions-Gebot." Auch Blomberg sei als Candide "kein entwaffnender metaphysischer Luftikus, sondern ein finster blickender Schauspielarbeiter, dem man beim Verfertigen seiner nicht so recht zu ihm passenden Rolle zusehen kann". Das Team scheine hier "schlichtweg nicht fertig geworden zu sein und ziehen sich am Schluss mit einem läppischen 'Was sonst noch geschah' aus der Affäre. Sehr unbefriedigend, das Ganze."

"Kreisch! Was für eine Achterbahnfahrt. Ach was! Ein quietschbunter, philosophischer Doppel-Looping ist dieser Theaterabend, mit einigen Höhepunkten und wenigen Durchhängern." So beginnt im Gegensatz dazu Michael Schleicher seine Kritik im Münchner Merkur (5.12.2011). Doch trotz allem "unterhaltsamen Quatschs" sei diese Bühnenadaption "bedenkenswert und manchmal gar schmerzhaft leise". Gelungen sei sie, "weil die Regisseurin einen eigenen Zugang zu Voltaire" finde, eine knackig kluge Fassung destilliert habe und der Abend so "unabhängig von der Vorlage bestehen" könne. Eingerichtet sei das Ganze "als Kombination aus Live-Hörspiel, Nacherzählung und karikaturhaften Dialogen", ausgeführt von einem "spielwütigen und komischen Schauspieler-Quintett". An diesem "schrillen und wortwitzigen Abend" trete die Musik oft in Dialog mit den "sorgsam gewählten Videosequenzen"; sein Reiz bestehe gerade in den "schnellen, harten Wechsel vom Breitwand-Kasperltheater zu genau platzierten Nadelstichen".

Im Resi werde aus Voltaires "Desillusionierungs-Parcours eine bunte Unterhaltungsshow, die dramaturgisch wie ein losgelassenes Zirkuspferd in der Philosophie-Manege dahingaloppiert", so Michael Stadler in der Abendzeitung (5.12.2011). Ausgereift sei die Inszenierung nicht, "was ihr aber den chaotischen Charme eines sorglosen Performanceabends zwischen Klamauk und angedachter Tiefe verleiht. Voltaire für Einsteiger, sozusagen." Dabei überbrücke Kante mit ihren selbst gebauten Pop-Liedern "manche klaffende Inszenierungslücke". Manchmal gebe es gute Spielideen, manchmal nicht. Der Raum bleibe "lange ein spielzeugverhangenes Konstrukt, in dem keine Luft für die Vorstellung wechselnder Orte bleibt". Blomberg immerhin spanne "den Bogen wachsender Verzweiflung so beherzt (...), dass der Abend sich nicht ganz in der Farce verliert."

Einen "braven eineinhalbstündigen Theaterabend, der nicht den Roman und auch nicht das Geschehen auf der Bühne reflektiert", hat Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7.12.2011) gesehen. "Die ausgestellt ironische Puppenstubenhaftigkeit der Figuren" fänden "weder als unterhaltsame Utopie noch als düstere Dystopie oder als neutrales Erzähltheater Halt", wirke weder sonderlich komisch noch mitreißend. Die eigentlichen Spannungs- und Sympathieträger aber seien die Musiker. "Ginge es nach der Stärke des Applauses, könnte der Abend auch gleich 'Kante oder der Optimismus' heißen."

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