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Zerrissene Familie, gespaltenes Land

von Sarah Heppekausen

Bochum, 3. Dezember 2011. Die Ärmel seiner Wolljacke sind ein wenig zu lang. Seine früher starken, auch mal zuschlagenden Hände verschwinden fast darin. Sein Kopf und sein Nacken fallen immer wieder nach vorn. Äußerlich hat dieser Alte trotz aller Gebrechlichkeit etwas Gemütlich-Teddyhaftes. Bis er den Mund aufmacht. Dann sprechen Sturheit, Bösartigkeit und Kompromisslosigkeit, und der alte Mann ist wieder ganz der Papa. Das ist der Name, den er in Biljana Srbljanovićs neuem Stück "Das Leben ist kein Fahrrad" trägt. "Papa". Das klingt nicht nur so, das hat auch tatsächlich einen persönlichen Hintergrund.

Die Töchter sterben nach den Vätern

In vielen ihrer Theaterstücke setzt sich die serbische Autorin mit ihrem Vater auseinander. Diesmal tritt er als dieser auf, auch wenn die Tochter im Stück nicht Biljana, sondern Nadeža heißt. Vor knapp zwei Jahren referierte Biljana Srbljanović im Wiener Burgtheater über ihr Verhältnis zu ihrer Heimat Serbien. Ihre Rede ist Grundlage des neuen Stücks, im Programmheft des Bochumer Schauspielhauses, für das Srbljanović das Drama verfasst hat, ist sie nachzulesen. "An dem Tag, an dem ich die Einladung erhielt, hier zu sprechen, brachte ich meinen Vater ins Krankenhaus", sagt die Autorin. Eben dort spielt auch die erste Stückszene, im Militärkrankenhaus, denn das soll das beste Hospital Belgrads sein. 

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"Das Leben ist kein Fahrrad" © Thomas Aurin

In der Uraufführung von Intendant Anselm Weber gibt Dieter Hufschmidt den verletzlich-verletzenden Papa, liebens- und verachtenswert. Xenia Snagowski spielt die Tochter Nadeža ebenso ambivalent, stimmungsschwankend zwischen genervter Protesthaltung und nähesuchender Zartheit, zwischen Wutausbruch und Besänftigungsgeste. "Jetzt war er (…) ein verdorrter Greis, körperlich harmlos, aber noch immer unerträglich aufbrausend", heißt es in der Rede über ihren Vater. Und über sich selbst sagt die Autorin: "Wie recht er hat. Ständig zanke ich. Immer bin ich gegen und nie für". Srbljanović formuliert ihre private Familiengeschichte in Figuren, Regisseur Weber lässt sie von seinen Schauspielern entsprechend texttreu darstellen.

Verwoben mit Gesellschafts- und Sozialkritik

Den Blick aufs Familiäre kennt der Leser von Srbljanović-Stücken, auch wenn der Zugriff diesmal noch privater ist. Aber es geht um mehr als bloßes Vaterleiden. Wie gewohnt weitet sich der Blick zur Gesellschaftspolitik und Sozialkritik, werden der Tod und das Leben als Zwischenwelten-Dasein thematisiert. 

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Xenia Snagowski als Nadežda © Thomas Aurin

Srbljanovićs Figuren sind Einsame in einem politisch zerrissenen Land. Die Dicke, deren Vater ein Arbeitstier und nie zuhause ist, die sich die Zeit lieber mit dem 50-jährigen alkoholkranken Ropac vertreibt, statt in die Schule zu gehen. Aleksa, Psychiater und wohnhaft bei seiner Mutter. Die ist Politikerin, hat sich verbal allerdings nicht mehr ganz im Griff. Oder Fähnrich Jokić, der im Krankenbett neben Papa liegt, weil er 17 Liter Wasser getrunken hat, um sich das Leben zu nehmen. Deren Geschichten sind miteinander verwoben. Wie, das ist eigentlich gar nicht wichtig. Vereinte sind sie sowieso, in ihrer Perspektivlosigkeit und in ihrem Egoismus, der sich historisch begründen lässt.

Licht ohne Schatten

Srbljanovićs Dialoge sind zu unpathetisch, um in die Persönlichkeitsfalle zu tappen. Sie sind zu knapp und direkt, um auf Betroffenheit zu setzen. In seiner Inszenierung verstärkt Anselm Weber das Unnahbare und Schablonenhafte. Raimund Bauer hat auf dem Bühnenboden der Kammerspiele Neonröhren ausgelegt. Wild verstreut erzeugen die nicht nur das kühle Licht für das in Weiß gehaltene Bühnenbild, sie werden auch zum Hindernisparcours für die Darsteller. Es sind Störfaktoren für Seelenabschotter und Straightdenker. Sie werden in der Inszenierung aber auch zum Sinnbild für ein zu grelles Leuchten, das (tragische) Zwischentöne überblendet. Dann erscheint eine Figur wie die Dame (Anke Zillich) ausschließlich im Licht der ausgereizten Komik. Oder Fähnrich Jokić (Henrik Schubert) bloß als mechanischer Marschierer und Bettenfalter.

Webers vorherige Srbljanović-Inszenierung von Barbelo (2009 in der Essener Casa) war noch geprägt von wundersam-grotesker Atmosphäre. Diesmal geht den Figuren im kühlen Licht (trotz stimmungsvoller Gipsy-Live-Musik) das Zauberhafte verloren. Sie haben keine Schatten mehr. Weber inszeniert klar, aber überdeutlich. Präzise, aber kühl. Alles ist ausgeleuchtet. Da bleiben keine Fragen mehr. Und das ist auf die Dauer leider etwas langweilig.


Das Leben ist kein Fahrrad (UA)
von Biljana Srbljanović
aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann
Regie: Anselm Weber, Bühne: Raimund Bauer, Kostüme: Meentje Nielsen, musikalische Leitung: Gregor Hengesbach, Dramaturgie: Thomas Laue.
Mit: Xenia Snagowski, Dieter Hufschmidt, Henrik Schubert, Kristina-Maria Peters, Jürgen Hartmann, Anke Zillich, Andreas Grothgar, Musiker: Kapelsky.

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

Biljana Srbljanovic finde "immer im Privaten das Politische" und insofern sei "Das Leben ist kein Fahrrad", in dem es nicht zuletzt um das Sterben ihres Vaters gehe, auch "kein Selbstverarbeitungsstück", sagt Stefan Keim bei WDR 3 Mosaik (5.12.2011). Das Stück zeige, wie "Menschen in ihrer Fähigkeit zur Empathie geschädigt worden" seien "durch die Gesellschaft, in der sie aufgewachsen sind". Srbljanovic schaue dabei "mit einer gnadenlosen Kälte auf sich selbst und auf die Menschen um sie herum", und "das gleißende Licht der Neonröhren" auf der Uraufführungsbühne von Raimund Bauer zeige genau das. Für die Zuschauer sei es zwar Arbeit, sich da einzugucken, doch sei Anselms Weber Inszenierung dem Stück sehr dienlich. "Ein Stück, das viel über unsere Gegenwart aussagt und hervorragendes Schauspielertheater." In der Welt (6.12.2011) ergänzt Keim: "Auf unspektakulär präzise Art bringt Weber die Charaktere und Situationen auf den Punkt. Dabei sind die Dialoge so pointiert geschrieben, dass sie oft grimmigen, sarkastischen Humor entwickeln."

In der Frankfurter Rundschau (5.12.2011) schreibt Andreas Wilink: Die "soziogrammartig formalisierten Episoden" mit den "demonstrativen, teils sarkastischen, teils klügelnden Anmerkungen und Regieanweisungen" seien "biografisch grundiert". Die Autorin zeige "Leiden an Serbien und Krankheit als Metapher. Eine gebrochene Nation, verrohte, abgestumpfte Menschen, Infarkte, Depression und Schizophrenie." Von sieben Figuren sterben zwei, dem Rest bleibt "Verzweiflung, Isolation - und der Schmerz über abwesende Väter". In dem "cleanen Raum mit (...) gutem Konsumklima-Mobiliar" inszeniere Weber "unbeirrt kreuzbrav und stocknüchtern, penetrant aufmunternd begleitet von einem fidelnden, klampfenden Trio". Als "Schmerztherapie womöglich heilkräftig", sei Srbljanovics "Belgrad-Blues" in seinen Theatermitteln jedoch "wirkungslos".

"Knapp und pointiert" entwickele Biljana Srbljanović in ihrem Stück die Handlungsstränge, benenne sie "verrohte Beziehungen und verkorkste Verhältnisse". So schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.12.2011). In den Figurenkonstellationen "klingen Identitätsprobleme an, beben soziale Konflikte nach." Allerdings vertraue Srbljanovićs Stück "in seinen Realitätsbezügen zu sehr auf Andeutungen, als dass es die serbische Gegenwart dramatisch verdichten könnte", und "die Analogie Vater und Autorität und Staat" ziele "dezidiert auf die dortigen Verhältnisse". Anselm Webers "textgetreue Inszenierung" lasse "die Aktualität, die dem Stück in Belgrad zukommen dürfte, wo die Anspielungen auf praktische Erfahrungen des Publikums treffen, nur erahnen."

 
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