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Die Suppe war gut

von Thomas Askan Vierich

Wien, 6. Dezember 2011. Was erwartet man von einem Theaterabend zum Thema Arbeitslosigkeit? Zum Thema Arbeit? Was darf man erwarten? Zumindest mehr als eine Talkshow im Fernsehen bietet. Oder?

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"Working Class Zero" © Yasmina Haddad

Das Garage X ist eine explizit sozial engagierte Off-Bühne in Wien. In bester Lage, im ersten Bezirk, gleich neben dem Graben, einer luxuriösen Einkaufsmeile. Ein idealer, subversiver Ort, um Kritik am herrschenden System zu üben. Und das tun sie auch, im Garage X, immer wieder.

Die üblichen Verdächtigen

Heute also "Arbeit". Beziehungsweise "Arbeitslosigkeit". Ein großes, wichtiges Thema. Und was hören und sehen wir? Eine Collage aus Texten. Wie in einem Universitätsseminar. Nur dass wir als Zuschauer nichts zu sagen und mitzudiskutieren haben. Und alle Texte secondhand sind. Nur das Schlusspamphlet hat Dramaturg Hans-Jürgen Hauptmann geschrieben. Katrin Grumeth trägt das Referat des Dramaturgen zum Begriff Arbeit im Clownskostüm vor. Warum? Will sie sich damit von diesem Text distanzieren? Regisseurin Fanny Brunner sagt: "Sie trägt das Clownskostüm, gerade weil sie sich diesen Text nicht vom Leibe hält." Das kann man auch anders sehen.

Der Rest ist kompiliert aus einschlägiger Literatur (u.a. Jeremy Riffkin, Hannah Ahrendt), Interviews von Wirtschaftstheoretikern oder Leuten und Medien, die immer gerne zitiert werden, wenn es um aktuelle Probleme auf philosophisch-soziologischer Ebene geht (Slavoj Žižek, Der Spiegel). Nur der eigentlich unvermeidliche Peter Sloterdijk fehlt.

Im Schweiße seines Angesichts

Regisseurin Fanny Brunner hat vor einem Jahr das Theaterprojekt "Guter Morgen Marienthal" in Gramatneusiedl inszeniert. Am Industriegelände just jener Fabrik in Niederösterreich, die durch die Schließung 1930 einen ganzen Ort über Nacht arbeitslos werden ließ. Darüber wurde eine bahnbrechende Studie veröffentlicht, die wiederum als Material für das Stück diente. Daran knüpft "Working Class Zero" im ersten Teil an. Arbeitslose dieser Zeit berichten über ihre Lage. Dann wird in die Gegenwart übergeblendet.

Brunner kommt mit nur vier Schauspielerinnen bzw. Schauspielern aus, die in alle möglichen Rollen schlüpfen. Horst Heiss verblüfft dabei durch seine Verwandlungskunst. Er gibt zum Beispiel einen Vorstandsvorsitzenden eines Schweizer Unternehmens, der einen Rechenschaftsbericht vor den Aktionären atemlos auf einem Fahrrad hält. Es ist nicht ganz klar, warum er das strampelnd tun muss, aber der Schweiß fließt glaubwürdig. Und der Text ist authentisch. Was ihn aber auch nicht besser macht. Vor allem fehlt die Pointe.

Naive Schmunzelei

Im Hintergrund kochen Asiaten (vermutlich sollen sie fleißige Chinesen darstellen) Suppe. Sie sind die Einzigen, die in diesem Stück über Arbeitslose einer Tätigkeit nachgehen. Kochen sie deshalb? Oder stellen sie die "chinesische Bedrohung" dar? Kurz vor Schluss servieren sie ihre Suppe dem Publikum.

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"Working Class Zero" © Yasmina Haddad

Ansonsten sehen wir unter anderem desillusionierte Jugendliche, die nachvollziehbar die soziale Hängematte ausnutzen. Weil sie nichts anderes kennen. Hartz IV in der zweiten oder dritten Generation. Oder (junge?) Menschen, deren Traum ist, Verkäuferin und vielleicht Sängerin zu werden.

Sie sprechen alle Secondhand-Texte – aus Zeitungsartikeln, aus dem Internet, aus Büchern. Und das ist genau das Problem dieses Stücks, das sich ambitioniert einem großen Thema widmet: Das hat man alles schon irgendwo gelesen oder gehört. Schauspieler als Demonstranten von Occupy Wall Street deklamieren in schlechtem Englisch Auszüge aus der Rede von Slavoj Žižek, die dieser vor eben diesen Demonstranten gehalten hat – und die in diversen Zeitungen abgedruckt war. Und? Sollen wir über die Naivität der Demonstranten schmunzeln? Oder über die Naivität dieser Rede? Žižek hat das vermutlich ernst gemeint. Aber jetzt wirkt es lächerlich. Ist das die Absicht dieser Inszenierung? Will sie sich von allen Ideologien und Aufrufen zum Widerstand (Hessel kommt natürlich auch vor) distanzieren? Oder ist das eher ein ungewollter Kollateralschaden?

Déjà-vu-Effekt

Johanna Orsini-Rosenberg tritt als weiß gekleidete Matrone mit Holzlatte auf und deklamiert arg naive kommunistisch-verbrämte, systemkritische Parolen – zusammengeklaubt aus einem Interview, das der linke Wiener Wirtschaftsprofessor Franz Hörmann einer österreichischen Tageszeitung gegeben hat.

Vermutlich soll hier einfach nur etwas vorgeführt werden. Verschiedene Überlegungen zum Thema. Warum das Bankensystem nicht mehr funktioniert und das System Arbeitslose produziert, haben wir doch neulich in einem Kommentar gelesen. Warum soll man sich das noch einmal anhören – vor allem, wenn es so oft so brav aufgesagt wird wie hier?

Aber vielleicht sollte man seine Ansprüche zurückschrauben. Vielleicht sollte man nicht mit der Hoffnung ins Theater gehen, dass man Antworten bekommt – oder zumindest klug gestellte Fragen. Was könnte das bestehende System ablösen? "Working Class Zero" hat darauf keine Antwort. Manche Fernseh-Talkshow zum Thema ist interessanter. Weil man dort wenigstens hoffen kann, dass einer der Diskutanten aus der Rolle fällt. Etwas Überraschendes, Leidenschaftliches, Persönliches sagt. Hier aber war alles abgesprochen, festgelegt, erwartbar. Bei der anschließenden Publikumsdiskussion ist man immerhin ins Gespräch gekommen. Vielleicht darf man nicht mehr erhoffen.

 

Working Class Zero (UA) 
Eine Produktion von dreizehnterjanuar in Kooperation mit Garage X
Inszenierung: Fanny Brunner, Dramaturgie: Hans-Jürgen Hauptmann.
Mit: Katrin Grumeth, Johanna Orsini-Rosenberg, Horst Heiss, Johannes Schüchner und Sophie Kim, Vina Yun, Phung Tran, Li Ying Ying, Xie Ying, Yo Ban, Lin Ding Wei, Malve Wilhelm, Valery Borisov Hristov.

www.garage-x.at

 

Kritikenrundschau

Ein umfangreichen Würdigung und Wertung enthält sich die Kritik unter dem Kürzel dw im Standard (9.12.2011). Dass der Abend für sie nicht eben überaus gewinnbringend war, lässt folgende Beschreibung der "einprägsamsten Passage des Abends" vermuten: Da "darf sich Horst Heiss bei seiner Ansprache auf einem aufgebockten Fahrrad abstrampeln. Dabei kommt er naturgemäß nicht wirklich von der Stelle, jedoch ordentlich ins Schwitzen. Der eben noch keuchende Heiss schlüpft nahezu ansatzlos in die nächste Rolle. Das ist keine schlechte Leistung, jedoch auch nicht wirklich erhellend."

 
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