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Philosophie mit Schifferknoten

von Michael Laages

Wien, 7. Dezember 2011. An den Zutaten dieser immerwährenden Gardinenpredigt hat sich ja kaum etwas geändert: Der Autor René Pollesch ("Dramatiker" wäre verfehlt, denn gerade das will Pollesch dezidiert nicht sein, gerade so will er die Regeln des Theaters nicht bedienen), dieser Autor also formuliert Gedanken und Pointen, abgründig-kluge Philosophien und blankes Gefasel für etwas mehr als eine Stunde; und vor allem durch die Personal- und Ensemblestruktur der klassischen Komödienstrategie entwickelt sich über den Textvortrag hinaus so etwas wie szenische Bewegung zwischen Figuren.

Dass sich diese Kommunikation bis zum Verstehen oder gar Verständnis steigern könnte, wird meist mutwillig abgelehnt, ja geradezu geleugnet. Auch im neuen Wiener Werkstück aus der unendlichen Geschichte kollektiver Pollesch-Litaneien sind Margit Carstensen und Catrin Striebeck, Stefan Wieland und der unlängst mit dem FAUST-Theaterpreis 2011 geehrte Martin Wuttke weithin beschäftigt mit Mitteilungen darüber, dass wir einander grundsätzlich nicht verstehen können – und lieben schon gar nicht.

Therapie ist nicht in Sicht

Fast immer mündet die Pollesch-Suada in selbstquälerischem Gegrübel darüber, ob Liebe, ob Emotion und Gefühl überhaupt noch möglich seien in diesen entpersönlichten Zeiten. Diese Analyse ist vertraut, ja nachgerade ein wenig abgedroschen; und Therapie ist nicht in Sicht – auch nicht in Polleschs Form von Theater.

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Stefan Wieland, Catrin Striebeck, Martin Wuttke und Margit Carstensen. © Reinhard Werner

Dabei steht die Liebe diesmal sogar im Titel: "Die Liebe zum Nochniedagewesenen", zur emotionalen Utopie also, die, sobald sie sich ereignet, alles verändert. Wie fast immer ist das philosophische Tingeltangel mit einer historisch halbwegs wiedererkennbaren Folie grundiert: Diesmal wird – in Anlehnung an Woody Allens Film "Sweet and Lowdown" – ein amerikanischer Tänzer namens Emmett Ray aus der kulturhistorischen Schartekenkiste gezogen. Denn der, sagt Pollesch, war einer mit genau dieser Liebe, dieser fatalen Sehnsucht, die zerstört wird, wenn sie erfüllt ist. Ray lebt mit Hetty zusammen, und deren monologische Momente über den Widerspruch zwischen "Liebe" und "Miteinander-Reden" gehören zu den funkelnden Miniatur-Motiven im Gardinenmuster.

Neben Hetty gibt's noch zwei Tänzer-Kollegen, Männlein und Weiblein: der Mann, "Django", ein Vorbild, die Frau, "Blanche", vielleicht eine Geliebte. Martin Wuttke als "Ray" und Margit Carstensen als "Hetty" sowie Catrin Striebeck und Stefan Wieland kämpfen abendfüllend um den Text und gegen das Vergessen von Übergängen und Anschlüssen. Das ist bei Pollesch immer so gewollt, möglichst nichts soll perfekt sein, und die Souffleuse Sibylle Fuchs hat darum auch in Wien wieder besonderen Beifall verdient.

Krise und Schiffbruch

Seit Pollesch partnerschaftlich mit dem Bühnenbildner Bert Neumann arbeitet, kommt kein Abend ohne große Bild-Behauptung aus, oft mit, manchmal ohne Zusammenhang mit der – na ja – "Story". Im Akademietheater der Wiener Burg bricht zur Eröffnung (und mit Charles Trenets Chanson "La Mer") ein veritabler See-Sturm los, Schiffbruch inklusive. Erst auf Video, dann mit hübschen Theatertricks, an Strippen hängenden Booten zum Beispiel über mechanisch auf- und abdriftenden Wellenbergen aus Pappmaché oder auf Vorhang gemalt.

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Backstage ist besser: Martin Wuttke, Margit Carstensen, Catrin Striebeck, Stefan Wieland und das Technikteam. © Reinhard Werner

Anlass für die Phantasie vom Untergang ist Polleschs wortspielerische Eröffnung, die die feineren Differenzen heraus zu klamüsern versucht zwischen "Krise", "Katastrophe" und "Tragödie". Dieser Emmett Ray muss dies alles in einem gewesen sein, als Tänzer wie als Mensch. Und "Die Liebe zum Nochniedagewesenen" war wohl so etwas wie sein ganz privates Vademecum. Zum Beispiel hätte er gern einen "Knoten" von unfassbaren Ausmaßen auf der Bühne; Neumanns Requisit dafür ist ein sich selbst aufblasendes, in sich verschlungenes Schlauch-Monstrum in wustartiger Form – allerdings quietschgelb. Auch Hineinklettern ist möglich, drauf und drüber und drum herum sowieso.

Eingeschworene Darsteller-Schar

Niemand muss sich all zu viel dabei denken, nur ab und zu ergeben sich schlüssige Verbindungen zwischen Text, Bild und Spiel. Unzusammenhängendes zusammen zu hängen – das bleibt Polleschs Methode. Und es erstaunt mittlerweile doch ein wenig, mit welcher Beharrlichkeit diese Antitheater-Behauptung im Theater-Kostüm auch jetzt, nach immerhin gut eineinhalb Jahrzehnten, für den immer noch wenigstens vorletzten Schrei gehalten wird. Auch die Mitstreiter in Polleschs eingeschworener Darsteller-Schar, in diesem Fall Striebeck und Wuttke, wurschteln sich noch immer mit verblüffend vergnügter Energie durch den Wort- und Satz-Salat.

Nur wenn jemand noch einigermaßen neu dabei ist (wie in diesem Fall neben Wieland vor allem Margit Carstensen), ist auch noch einiges von der Selbstverleugnung zu spüren, mit der das Personal natürlich alles sonst erforderliche Bemühen im Theater zu ignorieren und zu verdrängen hat: Figurenzeichnung der feineren Art etwa, oder gar Interpretation. Das gibt's nicht im Pollesch-Theater, und manchmal fehlt's. Die Neuerung, die sein Spiel-Stil einstmals mit sich brachte, ist nach unablässigem Gebrauch lange schon keine Bereicherung mehr.


Die Liebe zum Nochniedagewesenen (UA)
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Ausstattung: Bert Neumann, Licht: Lothar Baumgarte, Video: Katrin Krottenthaler, Dramaturgie: Amely Joana Haag, Anna Heesen.
Mit: Margit Carstensen, Catrin Striebeck, Stefan Wieland, Martin Wuttke.

www.burgtheater.at


Jüngst gastierte René Pollesch mit Jackson Pollesch in Polen, am Teatr Rozmaitości Warschau. Martin Wuttke erhielt den FAUST-Theaterpreis 2011 für seinen Auftritt in Schmeiße dein Ego weg! an der Berliner Volksbühne.

 

Kritikenrundschau

Martin Lhotzky schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (9.12.2011): Die "stolz verkündete Leseliste, bei der sich die Inszenierung bedient haben will (diesmal ist Giorgio Agamben von Jean-Luc Nancy auf den zweiten Platz verdrängt worden)", könne man "getrost vergessen". Hier werde "wieder vor allem Wirres" geboten. Auf der Bühne: "vier Darsteller, Kameraleute und Toningenieure – und die allerwichtigste Person, die Souffleuse." Sie souffliere, "was das Zeug hält". Es sei halt, wie immer bei Pollesch, ein "frei schwebendes Experiment". Die vier Schauspieler sollten "irgendwie einen Film drehen oder zumindest über einen Film streiten". Aber das sei "ohnehin egal". Wuttke in "Leopardenmuster-Unterhemd" und "Breeches aus Federn" mit blondgelockter Perücke entdecke das "Objekt seiner Begierde": eine "gelbe Hülle, die im Laufe von anderthalb Stunden zu einer verknoteten Riesenluftschlange aufgeblasen wird", eine "Hüpfburg für Nancy und Agamben". Als Faun tolle Wuttke auf der "prallen, gelben Riesenwurst", umgarne sie "mit Ballettgetrippel", turne durch ihre "üppigen Windungen". Hernach kletterten alle Schauspieler, die Souffleuse auch Kameraleute und Tonmeister auf den "Schlangenknoten", lümmelten, kraxelten, ruhten. Der typische, immer wiederholte Ausruf dieser Pollesch-Inszenierung: "Ja, genau!"

Nicht ohne Gewinn hat Ronald Pohl vom Wiener Standard (9.12.2011) René Polleschs neuestem Theoreschwank beigewohnt. Eine "uferloses Redemeer" zwar, in dem er als vereinzelte Schaumkronen Begriffe wie "Tragödie", "Krise", "Katastrophe" oder "Liebe" unvermittelt aus dem mehrstimmigen Geplapper auftauchen sieht. Trotzdem badet der Kritiker eigenem Bekunden zufolge bei Pollesch "man warm und weich", "fühlt sich erquickt und gekräftigt, das Zuhören macht Spaß, und die dem Schauspielerquartett beigesellte Souffleuse (Sibylle Fuchs) wirft den vor Anstrengung stotternden Schauspielern die Stichwörter wie Sprotten zu." Auch Martin Wuttke als blondgelockter Ausdruckstänzer und Margit Carstensen als erhaben Deklamierende können den Kritiker beeindrucken.

Ambivalent klingen Norbert Mayers Mitteilungen von diesem Abend in der Wiener Tageszeitung Die Presse (9.12.2011). "Am Mittwoch gab es die Uraufführung im Akademietheater. Die Vorstellung dauerte 85Minuten und 69Sekunden. Sie war grässlich, so erbärmlich wie die riesige, verknotete, knallgelbe Plastikwurst, die im Verlauf des Stückes auf- und abgeblasen wurde und die Bühne dominierte. Achtung, Symbol! Vorsicht, Ironie! René Pollesch lässt diesmal lauter Luft ab." Die Texte scheinen dem Kritiker "beliebig montiert und zufällig" zu sein und die Akteure "achtlos und probeweise" mit ihnen umzugehen. Die auf der Bühne präsente Souffleuse Sibylle Fuchs spielt dem Eindruck des Kritikers zufolge oft die Hauptrolle. Denn Margit Carstensen "kann sich kaum Text merken, Wieland nicht einmal den wenigen, der ihm gegeben ist. Wuttke, der die Hauptlast hat, verfällt ebenfalls in Phasen der Textunlust. Nur Striebeck ist brav und hat sich fast alles gemerkt."

"Warum sind die 80 Minuten so unsäglich öde?" fragt Ulrich Weinzierl auf Welt-online (9.12.2011) und fleht René Pollesch an, sich doch einmal eine Kunstpause zu gönnen. Zwar habe der "bewährte Castorf-und-Pollesch-Bühnenbildner" Bert Neumann eine symbolträchtige Szenerie geschaffen, "einen aufblasbaren gelben Riesenknoten vor gemalten Prospekten stürmischer See." Das ist für den Kritiker aber auch schon der einzige Trost des Abends. "Und immerhin agieren außer Catrin Striebeck das weiland Fassbinder-Urgestein Margit Carstensen und auch der jüngste Träger des Faust-Theaterpreises, Martin Wuttke, einer von Polleschs Lieblingsschauspielern. Dieser wäre eigentlich Garant für virtuosen Slapstick des Körpers wie des Geistes. Leider völlige Fehlanzeige."

Einst gab es eine Strafe der Verschwörung, jetzt gibt es Rhethorik. Das beweise dieser Pollesch-Abend mit voller Wucht, so Helmut Schödel in der Süddeutschen Zeitung (15.12.2011). Beibootlos havarierten die Schauspieler in einem Meer von Worten. Pollesch sei der Serienautor des Theaters. Er schreibe sich fort und fort, und seine Hauptdarsteller seien Wörter. "Da gelingt ihm oft ein mächtiges Wort, und manchmal muss man einfach an 'Hamlet' denken: 'Words, words, words.' So war es diesmal."