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Die Wucherlust der Planzenwelt

von Martin Pesl

Wien, 10. Dezember 2011. "Sie sind im Hirn zuhause, gewohnt, die Dinge scheiße zu finden." Ja, um uns Kritiker geht es. Ganz allgemein aber um "die Leute", denen in Anja Hillings neuem Stück "der Garten" selbiger gegenübergestellt wird, als Hort der Emotion, wo noch nicht alles Leben intellektualisiert und durch den Reißwolf der Sprache geschreddert wurde. Die bittere Ausweglosigkeit des schreibenden Menschen, der die Nähe zum Schönen sucht und doch nur Distanz schaffende Worte hervorbringt, thematisiert die 36-jährige Autorin im Auftragswerk des Schauspielhauses Wien.

Hillings Prämisse ist die romantische Behauptung, jemand könne dieses Paradoxon überwinden. Es ist Antonia (Nicola Kirsch), Journalistin, die über das große Comeback des Rockstars Sam Embers (Thiemo Strutzenberger) berichten soll. Sie interviewt ihn, besucht sein Konzert. Obwohl (oder weil) das Interview eher kommunikationsarm verläuft, springt ein Funke über und die Kritikerin vergisst "den wesentlichen Schritt ins Studio der Gedanken".

Rückzug ins Gartenidyll

Sie begibt sich zu Sam in dessen angelegten Garten, um mit ihm inmitten exotischer Pflanzen ihr Leben hinter sich zu lassen, und das buchstäblich: Da die Geschichte völlig unchronologisch erzählt wird, ist gleich klar, dass am Ende der Tod stehen wird, kombiniert mit der "Explosion des Gartens", einer Art Totalüberwucherung, einem befreienden Rückschlag der Natur, wonach den Kriminalbeamten (Steffen Höld, Vincent Glander) nur noch bleibt, zwei nackte, kalte Leichen auseinanderzureißen wie das Fleisch eines Tieres.

In Hillings souverän geschriebenem, rhythmisch lupenreinem Text nistet beharrlich ein "Schwarzes Tier Traurigkeit" (wie eines ihrer früheren Stücke heißt). Wo Witz vorhanden ist, ist es der Galgenhumor der Krebskranken, der Vereinsamten, die meinen, sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben. So feiern die von Antonia zurückgelassenen Freunde und Kollegen (u.a. Max Mayer, Katja Jung) ohne sie ihren Geburtstag, wohl hochemotional, aber seltsam unbetroffen von ihrem Verschwinden. Sie sind selbst Versehrte, denen Liebe, Anerkennung oder gar eine Brust fehlt.

Süßes Gift Kritik

Auf ihrem Weg zurück zur Natur gestattet sich Hilling oft hemmungsloses Pathos, lässt etwa ihre Hauptfigur "am Saft einer Blume ertrinken" wollen. In keinem einzigen Satz jedoch, und sei er in noch so bekannte Beziehungssituationen eingebettet, lässt sie Abgedroschenes, Althergebrachtes zu. Diese Trivialitätsverweigerung fordert freilich Regie und Ensemble heraus. Was noch tun, wenn ein Text als Text und als Gedankenkonstrukt schon in einer Lesung reüssieren würde? Wie damit umgehen, wenn auch die Autorin vom Gift der Distanz nicht verschont bleibt, ihre Worte der ihnen zugrundeliegenden Emotion schon entwachsen sind? "Wir kritisieren, was wir lieben, und vergessen den Anfang", schreibt sie ja schon selbst.

 

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Action-Painting mit v.l.n.r. Steffen Höld, Veronika Glatzner, Max Mayer, Vincent Glander, Katja Jung © Alexi Pelekanos

 

Felicitas Brucker ist Hausregisseurin am Schauspielhaus und nicht zum ersten Mal mit einem Hilling-Text konfrontiert. Sie holt Sams Rockband auf die Bühne (in Gestalt von Strutzenbergers eigener Band Beautiful Boys), lässt hin und wieder ein paar Frösche quaken und enthüllt ein Gemälde mit Riesenrosen, das die gesamte Bühnenrückwand ausfüllt.

Theatrales Action-Painting

Einmal erinnert zerrinnendes Grün aus einer Farbtube an eine fleischfressende Pflanze, aber mehr fällt der Regisseurin zu Hillings komplexem Stoff leider nicht ein. Die nicht unwesentliche Stückidee, die auf sämtliche Darsteller verteilten, erklärend-reflektierenden Stellen den Gartenblumen in den Mund zu legen, vertuscht sie gar völlig: Man entnimmt sie nur der Besetzungsliste und dem klugen Interview mit Hilling im Programmheft. Ersatzweise versucht Brucker, eine Requisitenschlacht aufzufahren. Gegen Ende werden unter feierlicher Orchestrierung der Beautiful Boys immer mehr Farbtuben ausgepresst, was wohl als Bild für die Vermoosung der Welt zu interpretieren ist, gegen die Wucherwucht des Textes jedoch wie Beschäftigungstherapie wirkt. 

Derart zwischen hyperaktiver Regie und anspruchsvoller Prosa hin und her gerissen, greifen die Schauspieler auf ihr solides Handwerk zurück, was in diesem Fall eine Gesamtleistung auf hohem Niveau bedeutet, allen voran die  wandelbare, sich der Euphorie des musikalisch-botanischen Untergangs mit frischer Neugier nähernde Kritikerin der Nicola Kirsch.

Dieser Abend könnte dem Kritiker aus dem Herzen sprechen und tönt doch nur in seiner Hirnrinde wieder. Aber das ist eben der Schreibenden Schicksal.


der Garten (UA)
von Anja Hilling
Regie: Felicitas Brucker, Bühne: Susanne Hiller, Kostüm: Sara Schwartz, Musik: Christopher Roth, Werner Sturmberger, David Wukitsevits.
Mit: Vincent Glander, Veronika Glatzner, Steffen Höld, Katja Jung, Nicola Kirsch, Max Mayer, Thiemo Strutzenberger, Musiker: Christopher Roth, Werner Sturmberger, David Wukitsevits.

www.schauspielhaus.at

 

Kritikenrundschau

Es werde "mehr beschrieben, erklärt und behandelt als gehandelt in Hillings sprachkräftigem, bilderreich intellektualisiertem Stück", meint Hartmut Krug in der Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (11.12.2011). "Der Garten" sei "eine merkwürdige Kunstanstrengung. Faszinierend in seiner sprachlichen Kraft, in seiner selbstverständlichen Pathetik, in seinen tieferen Bedeutungsbehauptungen. Aber auch unfreiwillig komisch in seinen in den Kitsch entgleisenden Formulierungen" und "in seiner gelegentlichen Begründungsvagheit". Doch Regisseurin Felicitas Brucker löse "Hillings poetischen Denk- und Behauptungstext wunderbar in Theaterspiel auf". Dank "einem wunderbar homogenen Ensemble und einer fantasiereichen Regisseurin" werde so aus Hillings "ambitioniertem Stück" ein "kleines Theaterereignis".

Das Setting für Anja Hillings neues Stück klinge "vergleichsweise harmlos", schreibt Elisa Weingartner im Standard (12.12.2011), "wären da nicht die dahinvegetierenden Blumen, die in der Textfassung als Erzähler auftauchen." Diese Ebene falle jedoch in Felicitas Bruckers Inszenierung gänzlich weg: "Die auftretenden Personen beschreiben und bewerten sich selbst, was die Zuschauer eher verwirrt zurücklässt. Auch von der Vergänglichkeit des Lebens, die Hilling in ihrem Text mit der übermächtigen Natur symbolisiert, ist nichts bemerkbar." Immerhin seien die schauspielerischen Leistungen zu bewundern.

Hillings anspielungsreiches Drama sei "auch eine konventionelle Beziehungskiste von Menschen, die früh in die Midlife-Crisis gekommen sind", meint Norbert Mayer in der Presse (12.12.2011), aber es biete viel mehr: "Der Metatext wuchert, es geht um Sprache, Distanz, um die Rolle des Künstlers." Das sei ein bisschen viel, aber Felicitas Brucker habe "die 78 Seiten beherzt zurechtgestutzt, vor allem die Allegorien der Blumen. Das schafft dem kleinen Ensemble Raum zur Entfaltung, gibt ihm Luft, denn einen so dichten Text zur Anschauung zu bringen, kann nicht leicht sein, es wurde aber bravourös gemeistert."

Hillings Text entführe uns nicht in einen verwilderten Garten der Romantik, sondern konfrontiere uns mit einer fast bedrohlich vitalen Vegetation, schreibt Helmut Schödel in der Süddeutschen Zeitung (15.12.2011). Er scheine an einem Steilhang zu liegen, an dem alles abstürzt in eine existentielle Finsternis und unaufhörliche Bedeutsamkeiten. "Und die Sprache purzelt bisweilen hinterher, in oft unfreiwillig schiefe Bilder und pathetische Existenzphrasen." Regisseurin Brucker sei es allerdings gelungen, dem Garten eine Architektur zu verleihen und mit einer Band und einem "gut gestimmten" Schauspielhaus-Ensemble einen spannenden Theaterabend daraus zu machen. Bruckers Inszenierung mache begreifen, "wie gefährlich unromantisch das Vegetative ist und dass zeitgenössisches Theater Texte nicht nur verstümmeln, sondern auch retten kann."

 
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