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Die Provinz als Wille und Vorstellung

von Marcus Hladek

Darmstadt, 11. Dezember 2011. Zweimal über die Dörfer, so lautet der Reiz dieses Abends. Zweimal Theaterklitsche in dreieinhalb Stunden. Oder alternativ: Theater-Irrsinn von der Tragödie zum Satyrspiel. Und wieder anders: Prinzip Theaterprinzipal – vom genialischen Menschenfeind nach Bernhard zum großen: Oh Lächerlichkeit, der Erhabenheit Tod!

Zwei Stücke sind geboten. Eingerichtet hat sie beide derselbe Regisseur auf dem gleichen Bühnen-Grundbau von Lukas Noll, doch je in unterschiedlichem Tempo und Rhythmus. Bernhards monomanen "Theatermacher" erlebt man aus Bühnenperspektive: von innen auf den Theatervorhang im Wirtshaus blickend, mit zur Seite und außer Sicht geräumtem Wirtshaus-Krimskrams.

Die staubige Rückseite des Glasschranks

Auf den grüblerischen Ernst, das niederdrückende Läster-Monodram folgt mit "Raub der Sabinerinnen" die Farce zweier Bühnenpraktiker der Bismarckzeit (Paul und Franz von Schönthan), gespielt in einer Bürgerstube mit extralangem Sofa und Seitenabgängen, dass die Auftritte nur so flutschen. Die Stimmung hellt sich auf, so wie dies auch der Wechsel von der Schwärze des Theatersaals und den braunstichigen Fotos ins blauweiße Tapeteninterieur mit Papageienkäfig und Travertinkamin besorgt.

Ein wenig imitiert die überzeugende Paarung zweier Stücke das Umbauprinzip aus Michael Frayns Farce "Der nackte Wahnsinn", die uns ein und dieselbe Aufführung in wachsender Auflösung mal aus den Kulissen, mal aus Zuschauersicht zeigt. Soviel mag auch Regisseur Hermann Schein vorgeschwebt haben, denn einen Glasschrank dreht auch er in Frayn-Manier ganz einfach um und macht ihn zur bürgerlichen Bücher-Bar, nachdem er uns im "Theatermacher" die staubige Rückseite zukehrte: obenauf Reichsadler-Krimskrams, hinterwärts ein Hitler-Foto als "Ostmark"-Provinzfolklore.

Lieber die volle Dröhnung

Nichts gegen das Einzelstück im Double Feature. Doch als vor einer Woche krankheitshalber nur eins davon Premiere haben konnte (die wahre, die Doppel-Premiere fand dagegen jetzt erst statt), wartete aus gutem Grund mehr als ein Feuilleton lieber den Doppel-Whopper ab und ließ die volle Dröhnung auf sich wirken: Erst den größenwahnsinnigen Theatermacher Bruscon (Andreas Manz) mit seinem maßlosen "Rad der Geschichte", den endlosen Schimpftiraden und vermessenen Leiden am "Landpack" mit seinen "Blutwursttagen". Dann dessen Farcen-Kumpel, Theaterdirektor Striese (Aart Veder).

Der Kontrast bereichert beide: den "Theatermacher", weil das Monomane des Bernhard-Griesgrams zwar ein Juwel ist, mit seinem Ösi-Schmäh aber ganz gut die ironische Brechung ex post verträgt. Und die präwilhelminischen "Sabinerinnen", weil diese Posse ein für allemal aus dem Boulevard- und Sommertheater-Ghetto erlöst und in dramaturgische Parallele zur "hohen" Kunst gerückt gehört. Nur dass man das vorher nicht wissen konnte.

Doppelbesetzungen

Natürlich lebt Hausregisseur Scheins widerständig-subversiver Anti-Weihnachtsabend von den Darstellern, die in der Büchner-Stadt ein besonders gut eingespieltes Ensemble bilden. Bruscons Tiraden sah man selten so flüssig unverkrampft wie bei Andreas Manz. Die stumme Renitenz der Familie ist bei Schein ein einziger Akt wortloser Demütigung und Indigniertheit, der immer heftiger an die Schwelle zum Vater- oder Gattenmord brandet.

Schein lässt, natürlich, Figuren von einem Stück zum andern aufleben und sich spiegeln. Karin Klein als Bruscons schweigsam-kränkelnde Frau im dicken Schal, der ein Pfarrhausbrand den Auftritt erspart, wird zur red- und saufseligen, in lauter Rosa kostümierten, turmhoch frisierten Gattin des Gymnasialprofessors und Gelegenheitsautors Gollwitz: ein wahres Hochperlen aus dem Stand der Unterdrückung.

Die Würde der Provinzbühne

Matthias Kleinert gibt als maulfauler Wirt mit schlurfendem Schritt und gedehnt-törichter Sprechweise eine herrlich präzise Studie von Geistlosigkeit und Sein-bestimmt-Bewusstsein ab, bevor er in den Bildungsbürger Gollwitz umschlägt und um seine Reputation bangt, falls er als Autor seiner Jugendsünde eines Römerstücks ruchbar würde. Bis zur Premiere durchlebt er Dramatiker-Leiden und die Boulevard-üblichen Paarfindungs- und Ehekrisen-Katastrophen seiner Familie, bevor er mit dem hohlen Pathos seiner "Sabinerinnen" nach einem Höllensturz des Fast-Abbruchs noch triumphiert: durch unfreiwillige Komik.

Schön, wie etwa Simon Köslich vom geduckt-aufmüpfigen Theatermachersohn Ferruccio zum ebenso talentfreien Weinhändlerssohn und Schauspieler Emil wird oder Sonja Mustoff von der Wirtin in blutiger Schürze zur hesselnden Zofa. Neu in den "Sabinerinnen" ist unter anderem Anne Hoffmann als kess-frühreife, Lolita-mäßige Professorentochter Paula in einem Gelb wie frisch geschlüpft, vor allem aber Aart Veder, der als vom Leben gerupfter Theaterdirektor Striese mit zerzaustem Haar über geierhaftem Regenmantel in schönem Monolog die Würde noch der geringsten Provinzbühne hochleben lässt.

 

Der Theatermacher / Der Raub der Sabinerinnen
von Thomas Bernhard / Paul und Franz von Schönthan.
Regie: Hermann Schein, Bühne und Kostüme: Lukas Noll, Dramaturgie: Martin Apelt.
Mit: Andreas Manz, Aart Veder, Karin Klein, Katharina Uhland, Simon Köslich, Matthias Kleinert, Sonja Mustoff, Anne Hoffmann, Andreas Vögler, Gerd K. Wölfle.

www.staatstheater-darmstadt.de

 

Der Raub der Sabinerinnen hat sich erst unlängst auf etwas andere Weise vom Boulevard emanzipiert: am Thalia Theater Hamburg in der Regie von Herbert Fritsch.


Kritikenrundschau

Über das Double-Feature, eine "genialische Kombination", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (13.12.2011): Während sich "Bernhards Quasi-Monolog ausbreiten darf", sei der Schwank "rigide gekürzt". "Beide sind jetzt fast gleich lang, beiden tut das gut." Durch die jeweilige Stück-im-Stück-Situation bekomme das Publikum "also insgesamt vier Stücke, zwei vermutlich furchtbare, ein geniales, das billige Späße verhöhnt, und ein ganz lustiges, das billige Späße nicht fürchtet, und heraus kommt gegen die Algebra ein ausgezeichneter Theaterabend. Glück gehabt und auch etwas dafür getan." Denn Regisseur Hermann Schein "lässt Sorgfalt walten und geht konsequent vor". Gesondertes Lob erhält Andreas Manz als Theatermacher Bruscon gesondertes Lob, denn er "gibt alles, was ein Schauspieler geben kann".

Ein "Vergnügen" war dieser Doppelabend auch für Johannes Breckner vom Darmstädter Echo (13.12.2011): Denn "nach der Vorstellung des dünnhäutigen Theatermachers, den Andreas Manz als furioses, freilich auch über Gebühr ausgedehntes Solo hinlegt, verschärft Scheins Regie noch einmal das Tempo und lenkt den Schwank an den Rand der Groteske". Dabei hat der Kritiker ein "wach agierendes Ensemble" mit "Lust am Spiel mit den Karikaturen" erlebt.

Zur Einzelpremiere von "Der Theatermacher", einige Tage zuvor, sagt eine Kritik unter dem Kürzel jsc in der Frankfurter Neuen Presse (6.12.2011): "Hermann Schein hat den 'Theatermacher' sehr solide inszeniert und den Regieschwerpunkt auf die große Sprachkunst Bernhards gelegt, der mit diesem Stück auch mit dem Theaterbetrieb an sich abrechnete." Hauptdarsteller Andreas Manz spiele "diesen Miesepeter mit der notwendigen Schärfe und Bosheit und stemmt souverän die Wortkaskaden."

Etwas reservierter blickte Bettina Kneller im Main Echo (8.12.2011) auf die Vorabpremiere des "Theatermachers". Andreas Manz zeichne seine Hauptfigur als "als gnadenlosen Tyrann". Er "meistert das im Großen und Ganzen gut und verleiht seiner Figur gehörig Ecken und Kanten. Allerdings das Leise, das Unterschwellige geht stellenweise bei ihm im allzu lauten Getöse unter." Ein "wunderbarer Gegenpart" sei Matthias Kleinert als Wirt, der einen "einfachen, beschränkten, behäbigen Menschen" vorstelle. Im Ganzen zeige Bernhards Stück "ein beklemmendes und zutiefst verstörendes Familientableau", das Schein "mit einer Intensität durch die Beschränkung auf eine Perspektive und die Fokussierung auf den Theatermacher" realisiere.

In der "Frühkritik" auf HR 2 Kultur (3.12.2011) berichtet Birgit Spielmann ebenfalls über "Der Theatermacher" allein: "Hass auf die Provinz" sie das "ureigenste Thema" von Thomas Bernhard gewesen, er habe die "Verweigerung der Kunst gegenüber" attackiert. Und die Sichtbarmachung ebendieser Themen sei Andreas Manz in seinem Spiel "ganz großartig gelungen", wenn er sich förmlich "in einen Furor" hineinredete. Allerdings komme in der Aufführung "das Tragische und das Ambivalente" etwas kurz. Im Vordergrund stehe das Amüsement.

 
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