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Du, Pluto, kamst nur bis Nord-Lappalien

von Georg Kasch

Berlin, 16. Dezember 2011. Aufklapp- beziehungsweise Popup-Bücher sind eine feine Erfindung: Auf jeder Seite entfalten sich neue papierne Wunderwelten, die Mehrdimensionalität vorgaukeln, wo eigentlich alles ganz platt ist.

Für Jacques Offenbachs Operette "Orpheus in der Unterwelt" hat (Film-)Regisseur Philipp Stölzl ("Goethe!") zusammen mit Conrad Moritz Reinhardt etliche davon erfunden. Als unscheinbare Podeste stehen sie herum, bis irgendjemand an den Seilen zieht und sich prachtvolle Miniaturwelten aufklappen: eine Schäferhütten-Idylle, Unterwelts-Höhlen, barocke Wölkchen im Olymp mit Jupiter, der als Realgestalt nur noch hinter die Kulisse klettern und seinen Kopf durch ein Türchen stecken muss, fertig ist die imposante Götterkulisse.

Musikalische Übersetzung

Das ist witzig, wirklich, und vielleicht sollte man sich zufriedengeben mit dieser reizvollen visuellen Pointe zu Offenbachs beißender Erkenntnis, dass der Schein auch in höchsten gesellschaftlichen Kreisen trügt. Will man aber nicht so recht. Offenbach rüttelte 1858 an den Grundmauern der gesellschaftlichen Ordnung, und auch, wenn uns heute Napoleon III. und seine eifersüchtige Gattin Eugènie nicht mehr viel sagen, könnte zumindest der Versuch eines Bedeutungstransfers gewinnbringend sein.

© Mattias Baus
Gustav Peter Wöhler mit Pappblitz, Stefan Kurt und Cornelius Obonya im Pappflugzeug
© Matthias Baus

Zumal an diesem "Orpheus" an der Berliner Staatsoper ohnehin alles Übersetzung ist: Gleich drei Komponisten um Christoph Israel haben Offenbach für ein kleines, rhythmisch aufgepepptes Orchester bearbeitet (das Resultat klingt in seinen guten Momenten wie Kurt Weill, in seinen schlechten wie Jahrmarkt), Thomas Pigor (ja, genau, der von "Pigor singt, Eichhorn muss begleiten") hat den Text sehr frei nachgedichtet.

Bio-Feta und John Cage

Die Öffentliche Meinung ist jetzt keine sittenstrenge Dame mehr, sondern bei Cornelius Obonya ein überambitionierter Moralapostel, der uns zunächst an unsere Werte erinnert (und für sein Lob von Selbstdisziplin und Selbstbeschränkung ironiefreien Szenenapplaus von der Dinosaurierfraktion bekommt), danach verzweifelt und zunehmend ramponiert versucht, das mythologische Paar zu retten. Vergeblich: Die Ehe zwischen Orpheus und Eurydice ist zerrüttet. Auch wenn die Öffentliche Meinung den Musiklehrer am Orph-Gymnasium dazu zwingen kann, seine überraschend ablebende Gattin bei Jupiter einzuklagen, bleibt die große Liebe eine Lüge und eine Scheidung die einzige Lösung.

Mit aktualisierenden Witzchen jedenfalls wird nicht gespart: Der Ausstattungsplunder stammt von Deko-Behrendt (eine Berliner Institution), der Hirte Aristeus produziert Bio-Feta und Orpheus wird, nachdem Eurydice ihm seine Stradivari zertrampelt hat, als Stille-Apostel zu einer Art John-Cage-Vorgänger. In der Hölle schließlich betrachtet der olympische Betriebsausflug, der nur Sex, Drugs und Rock’n’Roll im Kopf hat, als Höhepunkt das ehemalige Schillertheater, in dem die Staatsoper vorübergehend residiert mit Plutos Anmerkung, dass seit seiner Schließung 1993 die Zuschauer hier in der ewigen Verdammnis säßen.

Die große Bühne als Off-Nudelbrett

Ben Beckers mephistophelischer Unterwelt-Gott wackelt als Touristenführer-Zampano dem Choristinnen-Tross in symbolüberladenen Kostümchen voran und triezt seinen Diener John Styx. Der ist bei Hans-Michael Rehberg ein so herrlich bedröppelter Hamlet-Melancholiker, dass sein "Prinz von Arkadien"-Couplet (hier: Nord-Lappalien) zum Höhepunkt des Abends gerinnt. Und auch Gustav Peter Wöhlers Jupiter mit Party-Kater und späterer Fliegenverwandlung hat feine Momente, wenn die Charge ins Filigrane kippt. Dazwischen Stefan Kurts Schlacks mit Menjoubärtchen, ein abgehalfterter italienischer Gigolo (warum eigentlich Italiener?), der der Ohnmacht weit näherzustehen scheint als seiner Gattin.

Die kann bei Evelin Novak immerhin singen: Etwas breit geht sie die Koloraturen der Eurydice an, treibt sie aber lässig in die Höhe. Szenisch fehlt es ihr allerdings an Biss. Wie überhaupt dieser mit der Kleinkunst so nachdrücklich kokettierende Abend schon vom Staraufgebot her das große Forum sucht, dann aber auf der Hälfte stecken bleibt. Allein wie der berühmte Höllen-Cancan absäuft, ist ein Lehrstück darüber, wie man's nicht machen sollte: Während sich hinten das Staatskapellen-Rudiment ins Ungefähre schrammelt, stecken vorne ein paar Mädels ihre bestrumpften Arme durch eine bemalte Wand, um so die Puppen tanzen zu lassen. Da verkommt die große Schillertheater-Bühne zum Off-Nudelbrett.

Um den Biss betrogen

Vor einem Jahr setzte Sebastian Baumgarten in seiner Im weißen Rößl-Inszenierung an der Komischen Oper ebenfalls auf singende Schauspieler, was auch deshalb funktionierte, weil Max Hopp und Kathrin Angerer allein eine riesige Bühne füllen können. In der Staatsoper vermisst man eine vergleichbare Spannung. Selten verlässt einen das Gefühl, dass man um Offenbachs Musik und Biss betrogen wird mit diesem in jeder Hinsicht jugendfreien Abend. Wer allerdings noch nach einem ungefährlichen Weihnachtsgeschenk für die Schwiegermutter sucht, sollte getrost zuschlagen.

 

Orpheus in der Unterwelt
von Jacques Offenbach, Nector Crémieux und Ludovic Halévy
Fassung von Christoph Israel und Thomas Pigor
Inszenierung: Philipp Stölzl, Musikalische Leitung: Julien Salemkour, Co-Regie/Choreographie: Mara Kurotschka, Bühnenbild: Conrad Moritz Reinhardt / Philipp Stölzl, Kostüme: Ursula Kudrna, Chor: Frank Flade, Arrangement: Christoph Israel, Ingo Ludwig Frenzel, Bernd Wefelmeyer, Textfassung: Thomas Pigor, Dramaturgie: Jens Schroth.
Mit: Evelin Novak, Cornelius Obonya, Stefan Kurt, Ben Becker, Gustav Peter Wöhler, Hans-Michael Rehberg, Irene Rindje, Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor.

www.staatsoper-berlin.de

 

Weitere Offenbachiaden? Am Theater Neumarkt in Zürich ließ Sebastian Baumgarten die Banditen los, an der Komischen Oper in Berlin befasste sich Nicolas Stemann mit La Périchole, und Christoph Marthaler brachte am Theater Basel eine Version der Großherzogin von Gerolstein heraus.


Kritikenrundschau

In ein "klingendes Boulevardstück" verwandelten Philipp Stölzl und Co. Offenbachs Operette, findet Christoph Schmitz im Deutschlandfunk (17.12.2011). Gegen Ende der drei Stunden ermüde man, der "Kalauer sind dann doch zu viel", denn die Inszenierung habe "einen Mangel, wenn nicht einen Fehler. Offenbachs 'Orpheus' ist ja nicht nur eine Antikenpersiflage, sondern auch eine bissige Kritik an der Gesellschaft des zweiten Kaiserreichs in Frankreich." Mit der Öffentlichen Meinung befrage uns der Regisseur nach dem heute, "erzählt aber eine Geschichte von gestern".

Zweieinhalb Mal gelacht an diesem Abend, mit viel gutem Willen, bilanziert Christine Lemke-Matwey im Tagesspiegel (18.12.2011). Zweieinhalb Mal, das sei in jeder Beziehung zu wenig. "Zu wenig für zweieinhalb zähe, lähmende, Riesenratlosigkeitslöcher in die Bühnenatmosphäre stanzende Stunden. Zu wenig für Jacques Offenbach, dessen quirlige Subversivitäten und grelle Mythentravestie man hier nicht im leisesten ahnt." Dabei hätten sich die Voraussetzungen gar nicht so übel gelesen. Doch scheitere Stölzl daran, dass er sich weder zum "fetten, echten Trash" durchringen könne noch "die zweite Ebene" suche. Vernichtendes Fazit: "Wäre diese Produktion in einem der Varieté- und-Fresszelte der Stadt zur Welt gekommen, man hätte sich, ein volles Glas und lustige Freunde in Reichweite, nicht weiter gestört an solch grämlicher Magerkost." So aber sei und bleibe es die Berliner Staatsoper, die meine, origineller sein zu müssen als Offenbach und seine Rezeption zusammen.

Philipp Stölzl habe sich für das Verhältnis von Kritik und Amüsement als Grenzproblem interessiert, diagnostiziert Jan Brachmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.12.2011). "Wie weit kann man es mit der Kritik treiben, ohne das Amüsement zu behindern? Wie weit kann man es mit dem Amüsement treiben, ohne das Recht auf Subventionsgelder zu verwirken, deren Gewährung ja an den Konsens des kritischen Bewusstseins geknüpft ist, dass Kunst und Spaß sich zanken müssen?" Dreh- und Angelpunkt des heiklen Verhältnisses sei die Figur der öffentlichen Meinung. Eine blutige Nase hole sie sich nur auf der Bühne. Die Inszenierung und die neue Textfassung durch den Kabarettisten Thomas Pigor hätten es nämlich, ebenso intelligent wie verzagt, aufs "Gekicher der vermeintlich Pfiffigeren" abgesehen. Gesungen werde, von Evelin Novak als Eurydike einmal abgesehen, "insgesamt erbärmlich, will sagen schlecht, aber herzerweichend." Zum Schluss spricht Brachmann noch ein Einzellob aus: "Hans-Michael Rehberg aber als John Styx ist durch sein Spiel auf so anmutige Weise plemplem, dass er durch das Gekicher hindurch zu rühren vermag als einer, der seine Welt verlor und dazu noch Schaden nahm an seiner Seele."

Ein "einschläferndes Offenbach-Missverständnis" hat Manuel Brug für die Welt (19.12.2011) gesehen. Am Ende dieses trübseligen Abends sei eigentlich "immer noch nicht klar, warum er überhaupt stattfand." Was habe solches, zudem mäßig komisches Lachfutter in einem veritablen Opernhaus zu suchen, wenn man ausgerechnet Offenbachs opulenteste Mythentravestie klanglich dermaßen kastriere und zusammenstreiche, bekannte Schauspieler als nicht immer passgenaue Protagonisten engagiere und den Rest der Belegschaft spazieren gehen lasse? Das skelettierte Stück schleppe sich als Kabarettleiche dahin. Regisseur Philipp Stölzl, "sonst durchaus ein Mann für plakative Bildwirkungen", habe so viel verordneten Frohsinns-Frondienst einfach nicht in den Griff bekommen. "In seiner Inszenierung wird herumgestanden und deklamiert. Da klaffen Bedeutungslöcher und Spannungsabgründe."

 
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