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Rache ist rot

von Sabine Leucht

München, 17. Dezember 2011. "Wir? Wir! Wir..." ist Agamemnons letztes Wort. Doch es gibt keinen, auf den dieses "Wir" sich noch beziehen könnte. Das Mädchen Kassandra in seinen Armen ist tot, seine Frau Klytämnestra hat ihm die Mühen der Schlacht schlecht vergolten, die er doch um der abendländischen Werte und des westlichen "Lebensstils" willen geführt hat. Und: um ein Volk zu "befreien" aus "Verknechtung, Willkür, Terror, Tyrannei". Ein Missverstandener bleibt alleine zurück, wenn Klytämnestra am Ende in Abwandlung des Mythos' nicht etwa den Vater tötet, der die Tochter für guten Wind hinschlachten ließ, sondern die von ihm eroberten Frauen - auf deren eigenen Wunsch! Und weil es kein "Wir" mehr gibt, ist der Sinn all dessen, was bis dahin in dessen Namen unternommen wurde, unwiderruflich dahin.

Antikenschneider

Der Belgier Tom Lanoye, der schon Shakespeares acht Königsdramen zu einem "Schlachten!"-Gemälde vereint und mit Mamma Medea den Krieg der Kulturen auf Familienformat gebracht hat, verschneidet in "Atropa. Die Rache des Friedens. Der Fall Trojas" die Troja-Dramen von Euripides und Aischylos mit der Kriegs-Rhetorik von George W. Bush und Donald Rumsfeld, Hexameter mit Phrasen und Mythen mit flapsigen Jetztzeit-Tönen. Das Stück erklärt die Schlacht um Troja, die der Entführung Helenas durch Paris folgte, zur "Mutter aller Kriege". Troja ist also auch Afghanistan und alle Orte, in die ein Kulturvolk möglicherweise hehrer Ideale wegen einmarschiert und dennoch Unaussprechliches über die Menschen bringt: "Denn was ist Krieg? Ne Serie Katastrophen auf dem Weg zum Sieg", weiß der General der Griechen.

Machtverhältnisse umgekehrt

Bei Stephan Kimmig, der das Stück an den Münchner Kammerspielen inszeniert und um die Hälfte gekürzt hat, ist Agamemnon da schon durch die Hölle gegangen. Und der dichteste Teil des knapp zweistündigen Abends ist bereits vorbei. Großartig ist, wie Kimmig zunächst Kriegsgrund und erstes Kriegsopfer kontrastierend nebeneinander stellt: Die Helena der Anna Maria Sturm ist unter ihrer Wallemähne ein schmollender Punk mit nackten Brüsten unter dem Hoodie. Und Katja Bürkles Iphigenie putzt erst ihre Brille, bevor sie Fahnen schwenkt wie ein Cheerleader - wenn auch mehr mit Eifer als mit Anmut und Esprit.

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"Atropa" von Tom Lanoye in München. Vorne: Wiebke Puls und Steven Scharf. © Arno Declair

Ihre Verwandlung zur Märtyrerin führt über eine Familienaufstellung dicht an der Rampe. Eine vor Entsetzen bebende Klytämnestra (Wiebke Puls) und ein argumentativ in die Enge getriebener Agamemnon (Steven Scharf) verhandeln buchstäblich über den Kopf der Tochter hinweg ihr Geschick. Als wäre sie wieder drei Jahre alt, beugt sich "Papa" zu ihr herunter für eine Lehrstunde in Selbstlosigkeit – und als willige Schülerin und einzig Empathiefähige in der Familie willigt sie just ins Selbstopfer ein, als ihre Eltern beide zu zaudern beginnen. Die Entschlossenheit, mit der die aus dem Kind geschlüpfte Fanatikerin hernach mit ihren Fahnen die Luft peitscht, macht sie und uns atemlos. Zwar stirbt Iphigenie schwer und unter Tränen, aber die Machtverhältnisse kehren sich damit ein für alle Male um.

Trojanisches Pferd

All das ist glasklar gedacht und klug in Körpersprache übersetzt, und doch hat der Regisseur da den Lanoye'schen Textflächen bereits mehr Zwischentöne implantiert, als man es bei der Lektüre zu hoffen gewagt hätte. Vieles davon geht auf die Rechnung von Steven Scharf, der sonst oft der tapsige große Junge ist, unter Kimmigs Führung aber in allen Regenbogenfarben zu schillern beginnt. Sein Agamemnon ist kein kalter Stratege; er glaubt wirklich an die Sache, der er sein privates Glück zum Opfer bringt. Er unterwirft sich Klytämnestra mit dem fast geflüsterten Eingeständnis seines Scheiterns und später seiner Kriegsbraut Kassandra, indem er ihr die Zunge tief in den Hals steckt. So eigenartig es klingt, aber wie Scharf das macht, wirkt er ihr hoffnungslos unterlegen. Und so wie Katja Bürkle nach der Iphigenie auch die junge Troerin spielt, die Lanoye als deren Wiedergängerin angelegt hat, schimmert ihr mörderischer Plan durch jede obszöne Geste, mit der sie ihren androgynen Körper zur Schau stellt, dass es einen schaudert. Sie ist das trojanische Pferd im Stück, das Lanoye in die falsche Richtung schickt: Sie setzt den Stachel der Mitschuld in Klytämnestras pazifistisches Herz und bittet für sich und ihre Mitgefangenen um den Tod, der Agamemnons Wir-Rhetorik und seine Ideale nachhaltiger ins Wanken bringen kann als der eigene.

Süßer Saft

Kimmig bringt die Fronten, die Lanoye zwischen männlichen Tätern und weiblichen Opfern errichtet, früher als der Autor ins Wanken, indem er mit Walter Hess einen männlichen Klageführer ins Stück einschleust. Gleichzeitig zeigt er aber auch, was die emotionale Eigendynamik des Krieges aus einem wie Agamemnon macht, der als "Befreier" den Königinnen Trojas gönnerhaft Kuchen serviert und mangelnde Demut mit cholerischen Ausbrüchen quittiert. Da ist die vorderste von Katja Haß' nachlässig weiß getünchten Bühnenwänden bereits vor einem leicht windschiefen Container hoch gefahren, in dem die Troerinnen in ihrer Salon-Kleidung zusammenstehen wie Vieh. Das alles ist großes Theater, das mit Bildern geizt, aber mit Blut klotzt, als hätte es Himbeergelee umsonst gegeben. Agamemnon hat scheint's darin gebadet, Klytämnestra hat sich etwas davon übergegossen, nachdem sie von Kassandra, Hekabe, Andromache und Helena die rückwärtige Lade- oder Verklapp-Rampe fast schwesterlich hinab gezogen wurde, aus der nur die Mörder wieder heraufkommen. Rache ist rot, aber kein bisschen süß an diesem Abend, an dem allenfalls befremdet, dass die Akteure in Mikros sprechen, als müssten all diese Geschehnisse aus dem sicheren Exil heraus endlich zu Protokoll gegeben werden.


Atropa. Die Rache des Friedens. Der Fall Trojas
von Tom Lanoye
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes, Musik: Michael Verhovec, Licht: Wolfgang Göbbel, Dramaturgie: Matthias Günther.
Mit: Steven Scharf, Katja Bürkle, Wiebke Puls, Anna Maria Sturm, Gundi Ellert, Katharina Hackhausen, Walter Hess, Florian Burgkart/ Johannes Geller.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Andere Inszenierungen von Atropa. Die Rache des Friedens besprach nachtkritik.de im Oktober 2010, nämlich die Hamburger Inszenierung von Antù Romero Nunes im Thalia Theater, davor sahen wir Konstanze Lauterbachs Konstanzer Inszenierung im November 2009, und im Oktober 2009 besuchte nachtkritik.de die Nürnberger Inszenierung von "Atropa".


Kritikenrundschau

In der Abendzeitung München (online am 18.12.2011) findet Gabriella Lorenz, Kimmig bleibe mit dieser Inszenierung "unter seinen Möglichkeiten". Streckenweise sei der Abend "trockenes Aufsage-Theater, das heutige Medienwirklichkeit sein will". Spannend werde es, wenn Kimmig dem hohen Tragödienton traue. "Den Konflikt zwischen Klytämnestra und Agamemnon gestalten Wiebke Puls und Steven Scharf minimalistisch mit atemberaubender Intensität." Puls und Scharf machten den "mit literweise Kunstblut übergossenen Diskurs" doch zu packendem Theater.

Bissig, blutig und unmittelbar wie Tom Lanoyes Texte sei Stephan Kimmig diese Inszenierung gelungen, zeigt sich Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.12.2011) angetan. "Kennt man den in kunstvolle Alexandriner getauchten Text, dann schmerzen nicht Kimmigs Zusätze, nur seine Streichungen zuweilen; kennt man ihn nicht, verschmerzt der Abend beides", schreibt Grenzmann. Denn Kimmig gebe sowohl der mächtigen Rhetorik der Griechen als auch der ohnmächtigen Redundanz der Amerikaner, die Lanoye in seinem Stück verschneidet, Raum, in sich, ob in ihrer Wahrheit oder ihrem Irrsinn, aufzugehen. "Er fängt weder an, den Text in Tagespolitik zu ersäufen – denn für die Absurdität von Krieg und Frieden hat jeder Beispiele genug –, noch lässt er sich von Lanoyes Alexandrinern zu übermäßig viel Pathos verführen."

In seiner Inszenierung von Tom Lanoyes "an Raffinement nicht armen, dabei aber doch merkwürdig spröden Stück" stürze sich Kimmig auf die Sprache, "diese Momente des Geplappers und diese Reime" und vermenge sie mit von Ferne durch den Raum geisternder, recht cooler Musik zu einem Mörtel, mit dem er die engen Fugen der harten Kriegsrhethorik auskleide, so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (19.12.2011). Tholl hat in Kimmigs Inszenierung starke Momente erlebt und lobt besonders Steven Scharf: "Es ist faszinierend, Steven Scharf dabei zu beobachten, wie sein Agamemnon zunächst heult über die Bürde des Amtes, den Zwang, Krieg führen zu müssen, sich dann zum blutbesudelten Metzger wandelt, der allein der Logik des Kriegs folgt, aus dieser heraus bei den Opfern Verständnis einfordert und schließlich nach der Heimkehr nur hilflos zuschauen kann bei der Rache seiner Frau." Insgesamt aber ist der Rezensent sich in Bezug auf Kimmigs Regiezugriff nicht ganz sicher bzw. irritiert, "weil man einerseits glaubt, Kimmig wolle das Geschehen mit einer Art comic relief erträglich machen", andererseits sei hier nichts spürbar, was einen Ausweg aus der sich immer weiter drehenden Spirale aus Macht und Gewalt, die das pessimistische Stück offenlege, zeigen könnte.

Das Stück sei länsgt nicht so gut wie Lanoyes "Mamma Medea", schreibt Petra Hallmayer in der tageszeitung (21.12.2011). Das habe auch Kimmig erkannt, der kräftig gestrichen habe. Wenn Kimmig seinen "fabelhaften Hauptdarstellern" in den Wortschlachten erlaube, wirklich zu spielen, "entwickelt die Inszenierung einen packenden Sog. Statt die Kriegsgräuel zu illustrieren, lässt er die Protagonisten in knallrotem Theaterblut baden. Mit blutgetränktem Hemd bietet Agamemnon den leiderstarrten Unterworfenen jovial Kaffee und Kuchen an, blutbesudelt küsst Bürkles Kassandra ihren Peiniger, eine hassgestählte, todesbereite Rachefurie und Wiedergängerin Iphigenies."

 
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