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Auf dem Ponyhof der Leistungsgesellschaft

von Eva Biringer

Rendsburg, 17. Dezember 2011. Wenige markante Attribute genügen, um das Vater-Mutter-Kind-Spiel als bittere Farce zu entlarven: Mit spitzen, plastikbehandschuhten Fingern zupft die Mutter an der quietschrosa Rosenblüte herum, die Pumps hat sie gegen Lackgummistiefel getauscht, die Haare zum akkuraten Chignon gebunden. Wenn sie das Wort an ihr Kind richtet, dann immer im hysterischen Stakkato, selbst wenn die Botschaft "Alles aus Liebe" lautet. Der Vater arbeitet derweil an seinem Handicap, wenn er nicht gerade dem Wein beim Atmen zuhört. Eine Kleinfamilie mit viel Geld, wenig Liebe und dem unbedingten Willen, ihr Kind auf höchstmögliche kapitalistische Verwertbarkeit hinzubiegen. Der Regisseur und Autor Markus Bauer, Jahrgang 1973, findet in seiner Inszenierung von "A Clockwork Orange" am Stadttheater Rendsburg in solch desaströsen Elternhäusern den Grund für eine symptomatische Gewaltspirale. Frei nach dem Motto: Das Leben ist kein Ponyhof.

Schaurig schöne Gewaltstudie
Im Mittelpunkt von "A Clockwork Orange", Anthony Burgess' 1962 entworfener Dystopie, steht Alex, ein narzisstischer Halbwüchsiger, der seinem Frust an der fauligen Gesellschaft in brachialen Gewaltorgien Ausdruck verleiht. Zusammen mit seiner Clique, den "Droogs", und mit jeder Menge Drogencocktails im Blut wählt er Nacht für Nacht Opfer nach dem Zufallsprinzip aus. Als er eine Frau tötet, muss Alex sich dem Umerziehungsprogramm "Ludovico" unterziehen, das aus ihm ein empathisches Wesen machen soll. Zwar reagiert Alex danach tatsächlich beim Anblick von Gewalt mit Ekel – zugleich aber ist nichts von seiner Person geblieben.

Markus Bauer besetzt den Anti-Helden mit Nina Mohr als strenger Führerin, die lasziv mit der Reitgerte knallt und den Gewaltexzessen sexy Momente beimischt. Ihre Kumpanen tragen als Hommage an Michael Hanekes Kultschocker "Funny Games" Yuppieoutfit und weiße Handschuhe. Wenn es darum geht, den ahnungslosen Nachbarn Klingelstreiche zu spielen, stehen Michael Kientzle als Georgie und Johannes Fast als Dim ihren Vorbildern in nichts nach. Welche Wucht eine Vergewaltigungsszene ganz ohne Vergewaltigung hat, zeigt Dims heruntergelassene Hose, die eine Boxershorts mit höhnischem "Union Jack"-Motiv offenbart. Für die "Milchbar", den nächtlichen Treffpunkt der Clique, braucht Friedrich Ludmann (Bühne und Kostüm) auch nicht mehr als eine portable Discokugel und dezente elektronische Musik. Die von Gewaltfantasien beseelt tanzenden Schauspieler und der starke Text der Vorlage reichen aus, um Burgess' schaurig-schöne Gewaltstudie umzusetzen. Überzeugend ist auch der Regieeinfall, die Opfer der Droogs mit Puppen darzustellen. Während diese traurigen Stellvertreter wie Dummies beim Crashtest Schläge über sich ergehen lassen müssen, krümmen sich die Schauspieler, die sie führen, vor Schmerzen.

Kulturpessimistischer Schlagstock

Problematisch ist Bauers Lesart vom Moment des Experiments an. Alex' plötzliche Wandlung mag nicht überzeugen. Seltsam hölzern spielt Nina Mohr den geläuterten Protagonisten, die spastischen Zuckungen und stieren Blicke passen nicht zu ihrer bis dahin soliden darstellerischen Leistung. Mehr als Papierschiffchen-Falten fällt auch dem übrigen Personal nicht ein.

In Burgess' düsterer Gesellschaftsparanoia einen Bezug zur Gegenwart auszumachen, ist plausibel. Wenn man der Clique zusieht, wie sie mit lustvoller Grausamkeit ohne Anlass foltert, kommen einem die Bilder der Überwachungskameras von U-Bahn Schlägern in den Sinn und all die Geschichten, in denen Zivilcourage ein tödliches Ende nahm. Statt jedoch mit dieser kollektiven Angst zu spielen, möglicherweise auch die inflationäre Verwertung solcher Panikbilder in Frage zu stellen, stimmt Bauer ein in das kulturpessimistische Lamento. Dass Alex' Elternhaus in der Vorlage gar keine explizite Erwähnung findet: geschenkt. Dass das theatrale Vokabular unbedingt auch die Begriffe "Finanzkrise", "Steuerklasse" und "Burnout" umfassen muss, nimmt dem Stück viel von seiner Wucht.

Bei aller Deutungsfreude der Regie wünscht man sich, sie hätte auf den moralischen Schlagstock, mit dem gegen Ende noch auf Gegenwartsphänomene wie Facebook und iPhone eingedroschen wird, verzichtet und stattdessen der überzeugenden Angstästhetik den Raum gelassen, den sie braucht. Dann stünden am Ende des Abends auch keine plumpen Sätze wie "Dann wurde ich eine glückliche Konsumentin", und die schnöde Familienfarce würde nicht mechanisch fortgesetzt. Statt eines entindividualisierten "homo oeconomicus" im Blümchenkleid stünde da eine Protagonistin, die sich nicht mit den Antworten der Gesellschaft zufrieden gibt.


A Clockwork Orange
von Anthony Burgess, deutsch von Bruno Max
Regie: Markus Bauer, Ausstattung: Friedrich Ludmann, Musik: Florian Stoffner, Puppenbau: Oliver Köhler, Dramaturgie: Bettina Schuster.
Mit: Nina Mohr, Johannes Fast, Michael Kientzle, André Eckner, Katrin Schlomm, Felix Ströbel.

www.sh-landestheater.de


 

Dieser Text zählt zum Schwerpunkt Nord, den nachtkritik.de in dieser Spielzeit mit Unterstützung der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius veranstaltet. Alle Texte aus dem nachtkritik-Schwerpunkt Nord in dieser Spielzeit hier.

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Clockwork Orange, Rendsburg: Facebook-UnverbindlichkeitenArkadij Zarthäuser 2011-12-18 18:56
Ein merkwürdig sich ziehender Abend, ziemlich lang werdende etwa 2:30 Stunden !
Immer wieder mußte ich mir sagen "Too much", ja, zuviel des sehr bemühten Aktualitätsbezugs, zu viel der Erzählung und Erklärung statt des Spiels, fast sogar zu viel Vertrauen auf den Hintergrund (die "übermächtige" Filmvorlage, die -trotz einschneidender inhaltlicher Änderungen- Kubricks spürbar die Folie des Stückablaufes, ja Ablaufes !, bereitstellt und ohne deren Voraussetzungen manche Szene schwer verständlich ausfällt -so zB. die Show zur Gefängnisentlassung, die ganz zaghaft angedeutet wird). Mag sein, wir beglaubigen es nicht mehr recht, wenn diese Gewaltszenen möglichst "realistisch" nachgestellt werden, mag auch sein, daß hier gewissermaßen der direkte "Bildsensationalismus" unterlaufen werden soll, aber eigentlich werde ich fast gezwungen, diesen hier selbst nachzuliefern, immer vor dem Hintergrund irgendwelcher Schmerz- oder Störgeräusche, die teilweise eher das Publikum ansetzen zu foltern, auch nicht mehr, aber noch viel weniger beglaubigen kann ich letztlich den platten "Kulturpessimismus" (so nennt es die Nachtkritikerin), der dann als nahezu einzige Neuerung in den Änderungen Herrn Bauers immer wieder plump und plakativ bedient wird. Wenn die SchauspielerInnen und vor allem der Regisseur das Theatergebäude verlassen haben werden, so werden sie fernab sein davon, das Publikum und sich wie Vorbild Alex als konsumistische Zombies anzusprechen, schon beginnt das Lächeln zum Premierenablaus ...; ebensoweit bin ich davon entfernt, in dieser einzigen Karikatur von "Forscher-Elternehepaar" einen auch nur ansatzweise exemplarischen Fall zu begreifen.
Ich mag die andere Karikatur, Deltoit, in seinem päderastischen Liebeswahn, ja noch zu folgen bereit sein, wenn er Alex sogar ermuntert, Ihre Eltern gleich mit zu beseitigen, aber wenn diese (nach starker und stark verändernder Variante duftende) Idee ganz und gar keine Konsequenzen für das Spiel hat, völlig zusammenhanglos, beliebig, unanknüpfbar zu Folgendem, so ist das ärgerlich und schmälert die Bereitschaft, diesem Fall, noch dazu als etwas Gesellschaftstypischen, nachzugehen, ganz empfindlich. Ganz ähnlich disparat liegt das Gespräch des Assistenzarztes mit Alex da im Raum: da blitzt plötzlich eine Möglichkeit auf ("Du liegst schon garnicht falsch, das "Böse" erst schafft Kontrast, mit diesem bildet sich ein Wille zur Stärke und kann via Schönheit dem musikalischen Ideal entgegengehen, Du hast nur die falsche Variante der richtigen Partie gespielt, jetzt werden sie Deinen Willen auf ewig brechen"- ich paraphrasiere), aber auch das ist dann schon wieder vorbei. Widersprüchliches kommt hinzu: Abrupt hier und da reuige Eltern, ein nicht erfüllter Kindheitswunsch (Rollschuhe), wo doch alle Wünsche immer und immer wieder erfüllt wurden, so daß das Kind stets in Watte fiel. Nein, es kommt immer mehr das Gefühl auf, daß sich da ein Regisseur besonders klug, gewitzt und erhaben über seinen Gegenstand vorkommt: auf der Bühne sehe ich dann zähe Erläuterungs-Handlungsmotivation, nicht recht "funktionierende" Übersetzungen von Bild zu Text, chargierende Eltern (die ja irgendwie wie wir alle sein sollen), mitunter interessant angespielte Passagen, die epiphänomenal bleiben. Ich kann der Unternehmung kaum den Clou abgewinnen, daß sie uns ja von einer aktuellen "Clockwork Orange" dargeboten wird, im masochistischen Grundton des von uns dressierten Wesens, nein, ein solches Wesen erzählt uns dergleichen Geschichten nicht, erfaßt sich nicht als Konsumzombie etcpp., und es hält uns auch schwerlich einen Spiegel vor: angesichts der sehr speziellen Umstände (Eltern), indem es über Facebookfreundunverbindlichkeiten und iPhonewelt klagt; unter uns sind genügend "Flaschensammler" oder solche, die es leicht werden könnten, die etwas dort austragen, wo es hier letztlich ausgetrieben erscheint.
#2 Clockwork Orange, Rendsburg: für Schulklassen gewiss idealArkadij Zarthäuser 2011-12-18 19:24
post scriptum:

Im Gegensatz zur Kritikerin finde ich, daß Nina Mohr es auch im zweiten Teil der Inszenierung gelingt, das sehr zerfasernde Unternehmen auf bemerkenswerte Weise zusammenzuhalten, wenngleich das alles meilenweit von der provozierenden Leichthändigkeit entfernt ist, mit der Stanley Kubrick hier zum Teufel komm heraus ästhetisiert und stilisiert hat, so daß der Film ja gewissermaßen auch Mode-Ikone geworden ist. Sieht man diesen Film öfter, so verblaßt dieser meineserachtens allerdings durchaus (bei anderen Filmen sieht man viel eher immer wieder neue Details, eigentlich auch geade bei Haneke, oder? !), so daß das grundsätzliche Bemühen der Inszenerung, dem Film gewissermaßen nicht auf den Leim zu gehen, hier bewußt eigene Akzente, ja, ganze Züge , heutige und hiesige, zu setzen, und dieses Bemühen wird spürbar (und das ist ein Vorzug dieser Inszenierung durchaus, ich sah zwei Beispiele bereits, die am Film geradezu klebten und "verendeten"), sehr zu begrüßen ist; mich wundert es schon, daß als Referenz "Funny Games" genannt wird und nicht der Kubrick-Film.
Da, wo Herr Bauer in der Tat Ideen hat, der Abend ist von den drei "Clockwork Orange"-Inszenierungen , die ich sah, unabhängig von meinem etwas schroffen Statement zu einer gewissen Tendenz zur "Selbstverliebtheit zu den eigenen Ideen"(welche ich der Regie unterstell(t)e: Einfallspinselei nenne ich das sonst), gewiß der sehenswerteste, schon weil er "eigen" ist, läßt er es leider nur anspielen; dabei gewinnen die wenigen (Spiel-) Szenen, gerade im Zusammenspiel von Nina Mohr und Michael Kientzle, durchaus Gestalt und Raum und Kontur, um sogleich wieder fahren gelassen zu werden und teilweise vom chargierenden, nicht immer verständlich sprechenden, Ensemblerest geradezu einkassiert: schade. Aber auf jeden Fall verdient der Abend mehr als ein halb gefülltes Rendsburger Haus ; allein der Besuch des Hauses lohnt immer wieder, und garnicht sooft lockt da eine Schauspielproduktion; für Schulklassen gewiß ideal, diese Inszenierung im Zusammenhang mit dem Film oder gar dem Buch (eigentlich verdankt es seinen Bekanntheitsgrad mehr der Adaption durch Kubrick, ja, auch solche Adaptionen gibt es ...) zu diskutieren. Wer weiß, vielleicht gibt es dann ja wirklich einen Facebookunmut festzustellen: stimmt schon, schade wär das nicht..
#3 Clockwork Orange, Rendsburg: diskutabelArkadij Zarthäuser 2011-12-19 16:28
"Ablaus" (siehe § 1), Sachen gibt es -hoffentlich dem Wetter geschuldet und keine regelrechte Fehlleistung, ich bin nicht Raskolnikow- soweit ich es stabil genug bei mir seiend einzuschätzen vermag-. Ansonsten, ein gutes Stichwort jetzt: Thomas Richter (Kieler Nachrichten) und Antonia Stahl (shz) kommen in ihren heutigen Besprechungen des Premierenabends durchaus zum Urteil, einen gelungenen Spielabend gesehen zu haben und registrierten, richtig !, weitestgehend großen Applaus. Die bisherige Spielzeit des Landestheaters verdient diesen uneingeschränkt; der Abend ist diskutabel - als weibliche Version des "Alex-Schicksals" gewiß eindringlich (ganz schnell vergessen dürfte "man" diesen Abend jedenfalls nicht, der einem ja teilweise auch fairerweise Zeit ließ, mit dem Haushalt selbst zur Szenerie beizusteuernder Bilder
halbwegs zurecht zu kommen), ich hoffe, es kommen noch weitere Einschätzungen; was ich aus Gesprächen aufschnappte bzw. jetzt in den Kritiken auffinde, ist keineswegs einheitlich, ganz im Gegenteil.

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