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Arbeiten in einem kaputten System

von Thomas Askan Vierich

Wien, 21. Dezember 2011. "Froschfotzenleder" nannten die Menschen in der DDR das Kunstleder, mit dem die Sitze ihrer Autos bespannt waren. Im ostdeutschen Flachland, vor dem Hintergrund einer verblassenden DDR-Vergangenheit, spielt das neueste Stück von Oliver Kluck, das im Wiener Kasino seine Uraufführung erlebte.

Tatsächlich blitzt da ein Stück vergangener deutsch-deutscher Realität auf, wenn ein junger Arzt (Philipp Hauß) aus der Stadt seine ostdeutsche Verwandtschaft, "Bewohner der Ebene", besucht, die ihn als "Studiosus" mit protzigem Auto verhöhnt. Er ist zur Hochzeit seines Neonazi-Cousins geladen. Die Braut (Alexandra Henkel) stellt sich auf einen Tisch im Publikum und trällert das schrecklich abgenudelte "Marmor, Stein und Eisen bricht". Der betrunkene Bräutigam (Daniel Sträßer) ist völlig hingerissen. "Das ist meine Frau!", ruft er unentwegt und fordert das Publikum zum Klatschen auf. Eine sehr lustige Szene, weil man diese peinliche Gefühlsduselei schon oft selbst erlebt hat.

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"Mein Mercedes repräsentiert 1000 Jahre Kohl-Diktatur"        © Reinhard Werner

Ansonsten geht es in der "Froschfotzenlederfabrik" um einen Fabrikanten, der Neonazi-Klamotten herstellen lässt. Seine Tochter macht als Pornodarstellerin Karriere, während ihre Schwester darauf wartet, endlich das Erbe antreten zu können. Die Mutter vegetiert in einem miesen Krankenhaus, wo sich ein desillusionierter Arzt in ihre Pornotochter verliebt.

Nazis, Inszest, nackte Brüste

Aus dieser Konstellation macht das Team um die junge Regisseurin Anna Bergmann einen über weite Strecken unterhaltsamen, vor allem optisch interessanten Abend. Es kommt alles vor, was man vom zeitgenössischen Theater erwarten kann: laute Musik, Live-Videoübertragungen, nackte Brüste, Inzest, Nazis, sich mit Flüssigkeiten beschüttende Darsteller, Schreierei-Szenen, Sexszenen, Medienparodien. Und am Ende werden auch noch "echte Ausländer" auf die Bühne geholt. Einiges davon, vor allem der pseudodokumentarische Aufmarsch der Ausländer und die unentwegt nackten Brüste von Jana Schulz, hätte sich Anna Bergmann schenken können. Andererseits überzeugt gerade Jana Schulz in der Rolle der Pornoqueen, die ihren Job als künstlerisch wertvolle "Performance" verkauft. Sie turnt akrobatisch an der Stange und badet ausgiebig mit ihrem verklemmten Doktorfreund in einer schaumgefüllten Badewanne.

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Alexandra Henkel, Philipp Hauß und Jana Schulz © Reinhard Werner

Gelungen ist auch, wie der gesamte Raum des Kasinos zur Bühne wird. Was sich rechts ereignet, wird links auf einer Videoleinwand gezeigt, die Schauspieler wandern durch die Zuschauerreihen, agieren in deren Rücken oder steigen auf Tische mitten unter ihnen. Einmal klampft Daniel Sträßer in der Rolle eines polnischen Zuhälters stümperhaft auf einer E-Gitarre, dabei reißt ihm auch noch eine Seite. Das wirkt in seiner Jämmerlichkeit herrlich authentisch. Andere Szenen, wie die mehrfach wiederholte Parodie auf TV-Talkshows, können weniger überzeugen. Hier darf sich der Fabrikant als zynischer Kapitalist ausbreiten. Michael König tut das mit sichtbarer Freude an seiner Rolle. Dennoch bleibt es klischeehaft.

Unser verfluchter Staat

Leider. Denn das eigentliche Thema dieses immer wieder scheinbar entgleisenden Abends ist "Arbeiten in einem kaputten System". "Herr Kollege, ich sage es immer wieder, so ein Krankenhaus ist wie unser verfluchter Staat", heißt es einmal. "Immer am Abgrund und doch funktioniert es und keiner weiß genau warum." Es soll wohl bezeichnend sein, dass nur die Pornodarstellerin voll in ihrer Tätigkeit aufgeht. Der überarbeitete Arzt fühlt sich unterbezahlt, die Krankenschwester von den Ärzten ausgebeutet, der Neonazi ist vermutlich arbeitslos.

Doch die meisten Feinheiten des sehr bösen Textes von Oliver Kluck, der in seiner Weltverachtung manchmal an Thomas Bernhard erinnert, gehen in dieser auf Showeffekte setzenden Inszenierung unter. Da wird viel zu viel gebrüllt und vor allem genuschelt. Philipp Hauß unterspielt seinen Text durchgängig, manchmal wirkt er, als würde er frei improvisieren. Herrliche Sätze wie "Mein Mercedes repräsentiert 1000 Jahre Kohl-Diktatur" gehen dabei fast unter.

Sturz in die Badewanne

Daniel Sträßer in der Rolle des Neonazis verfällt hin und wieder in ein aufgesetzt wirkendes sächsisches Idiom. Andere wie Michael König, der neben dem Onkel und dem Fabrikanten auch noch die Mutter mit Perücke spielt, überzeugen bei ihrem ständigen Rollenwechsel mehr. Der Star des Abends ist Jana Schulz – nicht nur weil sie vollen Körpereinsatz zeigt. Sie interpretiert ihren Text nicht als unverbindliche Nuschelvorlage. Auch Alexandra Henkel brilliert in gleich vier Rollen, besonders als verzickte, vom Leben enttäuschte Schwester – nicht nur als sie effektvoll in die Badewanne fällt.

Fazit: Ein anarchischer Abend mit überwiegend überzeugenden Schauspielern und voller guter Regieeinfälle. Von denen man aber ruhig einige auch hätte weglassen können. Klucks Text hätte auf alle Fälle weit mehr süffisante Prägnanz verlangt.

 

Die Froschfotzenlederfabrik
von Oliver Kluck
Regie: Anna Bergmann, Bühne: Katrin Nottrodt, Kostüme: Claudia González Espindola, Video/Fotografie: Sebastian Pircher, Sounddesign: Heiko Schnurpel, Choreographie: Daniela Mühlbauer, Licht: Peter Bandl, Dramaturgie: Florian Hirsch.
Mit: Jana Schulz, Philipp Hauß, Michael König, Daniel Sträßer, Alexandra Henkel.

www.burgtheater.at



Kritikenrundschau

Wild, schrill und überdreht, und an seinen Regieeinfälllen manchmal erstickend" findet Hartmut Krug in der Sendung "Kultur heute" vom Deutschlandfunk (22.12.2011) diesen Abend. Anna Bergmann schütte ein Füllhorn bunter Regieeinfälle über das Stück und habe mit Jana Schulz "eine kraftvoll virtuose Hauptdarstellerin, die sich zudem unbedenklich unentwegt exhibitionistisch betätigt." Während der Autor sich vor allem mit einer ethisch verrotteten Marktwirtschaft auseinandersetze und dabei die allgemeine Kaputtheit und Hilflosigkeit der Menschen ausstelle, konzentriert sich die Regisseurin stark auf die von Jana Schulz gespielte Pornodarstellerin. Heraus komme, bei aller gelegentlichen Unterhaltsamkeit, ein nicht immer spannender Abend, ohne Botschaft oder Moral. Und das, obwohl der Autor in diesem Stück grundsätzlich eher skeptische und wütend erregte Fragen an unsere Marktwirtschaft und ihre Möglichkeiten von Moral und Arbeit stellen würde.

Den Wortwust liefere der Autor Oliver Kluck, "die Umsetzung, Streichung und Dehnung – offenbar alles nur Plaste und Elaste – steuere Regisseurin Anna Bergmann bei", schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.12.2011) ein mäßig begeisterter Martin Lhotzky. Die Geschichte sei rasch erzählt, "der Abend dauert dann ja auch nur knapp hundert Minuten". Der Vater ist ausbeuterischer Textilfabrikant, "stellt für Rechtsextremisten eindeutig bedruckte Kleidung aus dem titelgebenden Stoff her", "Mutter ist ein verwöhntes, versoffenes Wrack, das von der jüngeren Tochter ins kommunale Krankenhaus verfrachtet wird. Diese wiederum ist aus lauter Langeweile in die Pornoindustrie geraten". Fazit: "Theaterzombies allesamt, man fühlt nichts mit ihnen und hat auch nichts zu lachen."

"Die Froschfotzenlederfabrik ist ein explosives Abbild jüngerer deutsch-deutscher Geschichte", so Margarete Affenzeller im Wiener Standard (23.12.2011). Klucks Texte haben Haltung und reißen Assoziationsräume auf. "Leben in kaputten Systemen" sei sein Motto, und Regisseurin Anna Bergmann mache "die Brüchigkeit sämtlicher sozialer, wirtschaftlicher oder politischer Abmachungen" in ihrer kaskadenhaften Trash-Inszenierung gleich für ganz Mitteleuropa aus. Erst ab der Hälfte ergebe sich ein ineinandergreifendes Bild und "der Abend schraubt sich auf jene übersteigerte Ebene, die dieses groteske Gegenwartspanoptikum im Kern auszeichnet". Affenzeller würdigt auch die Schauspieler: "Das Ensemble, allen voran Jana Schulz als Fabrikantentochter, spielt hervorragend."

Und auch Uwe Mattheiss (taz, 23.12.2011) macht Abstriche. "Die ganze Ausstattung atmet den durchaus sympathischen Junge-Autoren-junge-Regisseure-neue-Stücke-Seufzer: endlich Platz, endlich Budget, endlich keine Nachwuchsförderungsprobenhinterbühnen mehr." Die große Lust am Staatstheaterapparat verursache dann gleich einen Ausflug in die leichte Muse. "Das Ensemble hüpft herein mit einem Tanz, der dem MDR-Fernsehballett alle Ehre machen würde. Der ganze Bühnenzauber ist selbstverständlich dazu da, mediale Formate durch Überaffirmation kritisch zu hinterfragen." Der Abend könne dann aber doch nur Affirmation.

Als schlüpfrige, voyeuristische und "hochgetunte Regie-Zurschaustellungs-Revue" empfand Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (24.12.2011) diesen Abend. Schon den Stücktitel findet die Kritikerin unsympathisch: "Er protzt und lockt mit Obszönität - vielleicht halten das manche auch für Originalität." Dabei sei das Stück gar nicht so schlecht, und vor allem wesentlich abgründiger, wütender und gehaltvoller als die krachlederne, zudringliche Uraufführungsinszenierung von Anna Bergmann. "Ihr geht es eindeutig nicht nur darum, ein neues Stück zu inszenieren, sondern vor allem auch sich selbst zu profilieren. Was man einerseits ja verstehen kann: endlich Burgtheater, endlich Geld, endlich zeigen können, was man kann und was einem so alles einfällt." Diese Form des "forcierten Überwältigungstheaters" findet die Kritikerin jedoch "eher kontraproduktiv, nachteilig nicht nur für den Autor, dessen Stück banalisiert und übertrieben sexualisiert wird, sondern auch für die Zuschauer". Immer nur auf die entblößten Brüste von Jana Schulz zu starren und die Flecken auf ihrem vom exzessiven Regietheater geschundenen Körper zu zählen, sei halt doch nicht abendfüllend. Aus Sicht der Kritikerin nutzt Anna Bergmann die Bereitschaft dieser Schauspielerin, sich mit Haut und Haar zu verausgaben, fast schon schamlos aus. "Dass Jana Schulz ihren Exhibitionismus in schönster Natürlichkeit auslebt, ändert nichts daran, dass er einem auf die Nerven geht. Mehr noch: Die Gewichte des Stücks verschieben sich hier erheblich - von einem bitterkomischen und bei aller Sprachlässigkeit sehr bösen, nach Zukunft fragenden Text (...) hin zu einem kruden Sozialporno rund um die Darstellerin Jana Schulz."

Kommentare  
Froschfotzenlederfabrik, Wien: na bestens!
Was ist das denn für eine (...) Kritik? Alles, was man vom zeitgenössischen Theater erwarten kann, kommmt vor! - na bestens! Was will man mehr? Anarchisch mit guten Regieeinfällen - geil! Tja, nur der Text wird genuschelt - aber Schwamm drüber. Vor allem optisch ist es interessant. (...) Tolle Inszenierung, oder wie?
Froschfotzenlederfabrik, Wien: weglassen
Mickymaustheater - Klucks Texte verlangen vor allem andere Regisseure. Das sinnvollste was man hätte weglassen können ist Frau Bergmann selbst mitsammt den "guten Regieeinfällen".
Froschfotzenlederfabrik, Wien: Höhepunkt
eine Kritik mit Fazit. Find ich persönlich den Höhepunkt jeder Kritikerexistenz. Einmal ein Fazit schreiben. Ach.
Froschfotzenlederfabrik, Wien: weitere Kritiken
Inzwischen sind immerhin schon folgende weitere Kritiken erschienen:

-
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/1635181/ (Deutschlandradio)

- http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wzkunstgriff/buehne/421342_Deutsches-Problemsouffle.html (Wiener Zeitung)

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