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Echt oder nicht echt? Das ist hier die Frage

von Esther Slevogt

Berlin, 7. Januar 2012. Es wird ja immer schwerer, überhaupt noch zu wissen, was echt ist und was nicht. Neulich im BE zum Beispiel. Da hielt ich eine Aktion in der Pause für einen Teil der Inszenierung. Schließlich traten die Demonstranten verkleidet und mit chorisch einstudierten Parolen auf. Und hatten ihre Forderungen auch noch hübsch mit Büchner-O-Ton kollagiert. Denn dessen Revolutionsdrama "Dantons Tod" wurde hier gegeben. Gesellschaftskritische Stücke spielen und gleichzeitig Menschen ausbeuten: das sei die Realität am Berliner Ensemble. Ich hielt das für eines der seltenen Beispiele von Selbstironie am Theater. Obschon man bei der Beschreibung "gesellschaftskritisch" von Büchners deutlich komplexerem Drama dann doch kurz ins Stutzen kam.

Denn soviel Differenzierungsvermögen traute man der BE-Dramaturgie schon zu, Büchners geschichtsphilosophisches Stück nicht so schlicht für "gesellschaftskritisch" zu halten. Doch weil die Demonstranten aussahen, wie einer schlechten Handke-Inszenierung entlaufen (und zwar einer ebensolchen, wie man sie an diesem Hause schon schmerzlich erduldet hatte), stand doch das Urteil bald fest: Die Aktion ist inszeniert.

Berufskrankheit einer Theaterkritikerin?

Selbst wenn am Tag darauf per Kommentar einige Bekennerschreiben auf nachtkritik.de eingingen, und das Gegenteil behaupteten. Und am Ende sogar die Bildzeitung (die in Sachen investigativer Journalismus und faktennaher Berichterstattung in diesem Lande ja eine feste und verlässliche Größe ist) einen Skandal am BE zu Protokoll gab. Echt oder nicht echt, das ist also die Frage.

Ob das möglicherweise eine Berufskrankheit von Theaterkritikern ist, hier die Trennlinien nicht mehr scharf ziehen zu können? Oder vielleicht ein grundsätzliches Zeitphänomen? Weil eben eigentlich alles nur noch inszeniert wirkt und das, was früher mal so aussah wie Wirklichkeit, nur noch wie eine mediale Fratze mit ferngesteuerten Darstellern wirkt? Überall Inszenierungen, schlechte Mimen. Selbst in höchsten Staatsämtern. Da versagt vielleicht auch langsam der Profiblick der Kritik und hält am Ende alles nur noch für Theater. Erst recht, wenn es dann tatsächlich im Theater geschieht. Es ist ja noch gar nicht lange her, da hatte man erst durch übelriechende Tatsachen (vorgelegt vom Regisseur des Abends höchstpersönlich) dazu genötigt werden müssen, dessen Regiekacke sozusagen für bare Münze zu nehmen.

So hatte Vegard Vinge in John Gabriel Borkman erst auf das geblümte Sitzkissen neben der Kritikerin machen müssen, um die Illusion zu durchbrechen. Oder war es, diese professionelle Frage drängte sich dann (wohl auch aus Gründen des Selbstschutzes!) natürlich sofort auf, auch hier im kultisch begründeten Raum des "Als-ob" zu einer Verwandlung gekommen? Wie im Kapitalismus an sich, wo ja aus Scheiße grundsätzlich Gold gemacht wird. Die Figur des Tausches ist ja auch für das Theater konstitutiv. Und überhaupt? Was unterscheidet die auf Stichwort produzierten Ausscheidungen eines Theatermannes von den auf dem Einfühlungsweg erzeugten Tränen eines Schauspielers? Gibt es da überhaupt einen Unterschied? Findet nicht eben all dies schließlich im Dienste der Kunst und der Wahrheitsdarstellung statt?

Klammheimliche Dankbarkeit

"Das ist doch sehr praktisch und zukunftsweisend", sagt die in theatertheoretischen Fragen bewanderte Kollegin während eines Diskurses über diese Frage, "wenn man die Stanislawski-Methode in Zukunft auch bei Verdauungsproblemen einsetzen kann." Und was sich hier für die finanziell in Bedrängnis geratenen Bühnen für neue Verdienstquellen auftun!

Aber wir schweifen ab. Gehen diese Überlegungen schließlich von einer Bühne aus, die dafür bekannt und beliebt ist, dass man hier noch ziemlich sicher davor ist, dass ein Künstler die vierte Wand durchstößt. Ein Regisseur sich unmittelbar neben einem entleert zum Beispiel. Und ist man nicht sogar klammheimlich dankbar dafür, dass es auch solche Kultureinrichtungen in dieser Stadt noch gibt? Wo Theater nichts als Theater ist. Wo Stücke gespielt werden, die man unbesehen auch dem Verwandtenbesuch von auswärts empfehlen kann?! Und da sollen plötzlich verkleidete Störer den ersten Rang im Berliner Ensemble geentert haben, dieser letzten Bastion?!

Wir bleiben skeptisch. Oder können nicht umhin, diese Störer nicht besonders intelligent oder begabt zu finden. Schon ihre Vorstellung war schlecht. Und jetzt soll das alles auch noch echt gewesen sein?

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Neulich im BE: Form siegt über InhaltAmadeus 2012-01-07 18:17
In diesem Fall muss man doch nicht fragen, ob die Aktion inszeniert wurde oder nicht. Das ist sie natürlich! Es spielt auch keine Rolle, dass es vermeintlich schlecht inszeniert wurde. Das ist voll egal! Es geht um die Absicht und den Hintergrund der Gruppe. Kurz: Im welchen Verhältnis steht sie zum BE? Das möchte ich wissen.

Was mich aber hier stört: Gerade als Student der Theaterwissenschaft frage ich mich oft, ob der einzige Sinn des Theaters nur noch darin besteht, die Welt als eine große Inszenierung zu begreifen und den Inhalt vollkommen auszuklammern. Im Studium und in der Theaterkritik siegt häufig Form über Inhalt, auch hier! Schade, ich verbinde mehr mit Theater...
#2 Neulich im BE: Blick schärfenZuschauer und Aktivist 2012-01-07 19:39
Schön, daß die kleine Aktion so weite Kreise zieht.
Nur: Warum nicht einfach sagen "Ich habs nicht bemerkt, weil es inszeniert war und wir uns dran gewöhnt haben, daß im Theater nur Theater inszeniert wird und Wirklichkeit immer profan daherkommt"?Und dann seine analytschen Schlüsse draus ziehen! Stattdessen strotzt der Artikel leider nur so vor, pardon, Blasiertheit. Schade, daß die Autorin sich genötigt sieht, permanent herauszustellen, wer hier die Deutungshoheit behalten muß, anstatt den AktivistInnen evt. auch ein wenig Hirnschmalz zuzutrauen. Daß die einfache Feststellung "kritische" (sic!) Stücke auf und Ausbeutung hinter der Bühne paßten nicht zusammen sogleich als Beleg für eine unterkomplexe Bezugnahme dienen soll, ist ein mageres Argument. Auch Menschen, die eine kleine Aktion starten, gleich mangelndes Talent vorzuwerfen, kommt ein wenig schal, wenn man derweil gemütlich unten im Plüschsessel lümmeln kann. Aktivismus-Bashing, wenn man es denn immer braucht, bitte mit etwas mehr Substanz und Stil! Und sooo viel Abgrenzung gegenüber so einer kurzen Aktion... Ich bin froh, daß endlich jemand diesen Mißstand aus den Verhandlungs-Hinterzimmern mal in die öffentliche Wahrnehmung gezerrt hat, wo sie hingehört. Laßt uns endlich aufhören, bei jeder schlechten Peymann-Inszenierung gebetsmühlenartig zu zetern (was erwartet ihr?), sondern lieber den Blick für das schärfen, was hier (und an andern Theatern) wirklich skandalös ist!
#3 Neulich im BE: Flashmob-Witzanne 2012-01-07 21:09
gratuliere zu dieser aktion. finde sehr cool und clever theaterprobleme mit theatralen mitteln anzugehen. hat einen hauch arabischen frühling und flashmobwitz und occupystolz.
#4 Neulich im BE: fragwürdig einseitiges KritikertumFrank H. 2012-01-07 21:19
Soll der Satz mit der Bildzeitung ironisch gemeint sein? Immerhin haben die Herrschaften für ihren Artikel halbwegs recherchiert und auch mal bei Ver.di angerufen, während man sich bei Nachtkritik, nach einigen Spekulationen, einfach auf das Statement des BE verließ.
Zum fragwürdig einseitigen Kritikertum, das brav seine ihm zugedachte Funktion erfüllt, ein schöner Satz von Marx. Kommt aus der Deutschen Ideologie, das böse K-Wort haltet ihr hoffentlich ausnahmsweise mal aus ;-)
„Sowie nämlich die Arbeit naturwüchsig verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muss es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will - während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“
K. Marx, Dt. Ideologie, MEW 3, 33.
#5 Neulich im BE: Mehr Demut@ Zuschauer und Aktivist 2012-01-07 22:31
Ich stimme Ihnen zu. Bei so viel Verblendung wäre etwas mehr Demut angesagt.

Die Aktion hat mich übrigens an den TVK-Chor in Karin Beiers "Demokratie in Abendstunden" erinnert (Musik: Jörg Gollasch).. Da pochen Orchester-Musiker auf ihren (bestehenden) Tarifvertrag - als Teil der Inszenierung. Leider habe ich keine Aufnahme davon im Netz gefunden.
#6 Neulich im BE: großes TheaterMartin W. 2012-01-08 12:12
Immherin genügte die Intelligenz der Störer, eben jene Autorin hinters Licht zu führen, von der sie hier als "nicht besonders intelligent oder begabt" gescholten werden. Aber diese Verwirrung ist noch nichts gegen die wunderbare Aussicht, daß Peymann bald die Störung seines "Danton" vor einem Berliner Provinzgericht tribunalisieren lassen könnte. Großes Theater.
#7 Neulich im BE: Gegenwart pur?Guttenberg 2012-01-08 13:53
@ Slevogt: "... und das, was früher mal so aussah wie Wirklichkeit, nur noch wie eine mediale Fratze mit ferngesteuerten Darstellern wirkt?"
Ist das nicht eines der Hauptthemen von "Dantons Tod" - nicht nur im Verhalten der "Redner", die sich sogar noch im Gefängnis und auf dem Schafott inszenieren und das auch ständig kommentieren?
Die Theatermetaphorik zieht sich ja nicht zufällig wie ein roter Faden durch das Stück, vom Souffleur Simon angefangen bis zum "Es lebe der König" am Schluss. Und wer der beiden Mörder, Robespierre oder Danton, recht hat, weiss die Büchner-Philologie bis heute nicht.
Das ist Gegenwart pur. Büchner wurde über diesem Dilemma bestimmt nicht unpolitisch (meine Hypothese), zog es aufgrund seiner Erfahrung mit Politikern/Revolutionären und dem System aber für eine Weile doch vor, sich seiner eigenen Karriere zu widmen und sich mit den exakten Naturwissenschaften und etwas so Objektivem, wie dem Nervensystem der Barben zu beschäftigen. Hätte er länger gelebt, hätte er auch diese Illusion dekonstruiert. Ansätze dazu sind bereits in der Figur des Doktors im "Woyzeck" vorhanden.
#8 Neulich im BE: Trend aufgespürtHorst Rödiger 2012-01-08 16:55
Der Eindruck der generellen Theatralisierung des öffentlichen Lebens bis in die Spitzen der Medien und der höchsten Staatsämter drängt sich in der Tat auf. Vielleicht hat die Rezensentin hier einen Trend aufgespürt, der ihr noch einmal einen Platz bei Google oder Wikipedia, im Brockhaus unserer Tage, sichern wird....
#9 Neulich im BE: Ist das deutsche Theater am wenigsten naiv?Ausser Hier! 2012-01-17 23:16
Hättet Ihr Euch mehr mit "Für wem" das Theater und weniger mit "Was ist" Theater beschäftigt, hättet Ihr heute ein besseres Gefühl für die Dingen... Und ich dachte das deutsches Theater sei der am wenigsten Naiv Weltweit!

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