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Marija, leer der Gnade

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 7. Januar 2012. Ein Sirren, als würde eine Sense die Luft zerteilen oder eine eherne Schwinge rauschen. Es ist, als wolle Andrea Breth akustisch kundtun, dass der Schnitter Tod reiche Ernte hält. Menschheitsdämmerung im Vorschein des Stalinismus: "Marija" von Isaak Babel, 1935 verfasst ohne sentimentale Floskel und Pathos.

Als sie 2006 mit dem Berliner Theaterpreis ausgezeichnet wurde, hielt Andrea Breth eine philologisch fantastisch aufgerüstete Dankesrede in Form eines Brief-Dialogs mit Friedrich Schiller (zu der Zeit beschäftigte sie sich mit "Wallenstein"). Breth sagte: "In jeder Szene fordert er uns alle heraus, wie in der griechischen Tragödie Haltung zu beziehen." Der Satz gilt für sie selbst – und für Babel. Der jüdische Dichter aus Odessa, der seine Erlebnisse als Soldat der sowjetischen Reiterarmee literarisch verarbeitet hat, zeigt, was Geschichte mit Menschen treibt und wie die Zustände sie ihres Menschlich-Seins berauben. Im Jahr nach "Marija", 1936, wird der kommunistische Individualist André Gide nach der Rückkehr aus der UdSSR in seinem Reisebericht notieren: "Und ich bezweifle, dass in irgendeinem anderen Land heute (...) der Geist weniger frei ist, mehr gebeugt wird, mehr verängstigt ist, mehr terrorisiert und unterjocht." In diesem Klima lebte Babel, bis der rote Zar ihn 1940 ermorden ließ.

Petrograd 1920

"Marija" entwirft mit 22 Figuren ein Gesellschafts-Panorama aus dem revolutionären Petrograd des Jahres 1920. Acht knappe Stationen im Aufriss, scharf angeschnitten, rhythmisch, filmisch montiert. Musikalisch schartige Querschläger trennen knatternd, kreischend, quietschend, quälend in Düsseldorf die Szenen. Dirigieren sie in die Dissonanz, sogar, wenn das Spiel in der ersten der zwei Stunden eher noch moderat bleibt.

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Imogen Kogge als Hausdame und Peter Jecklin als General in "Marija". © Bernd Uhlig

Die Titelfigur tritt nicht in Erscheinung: ein Phantombild. Marija, Tochter des zaristischen Generals Mukownin (Peter Jecklin, der in seiner gestürzten Größe die Aufführung dominiert) und Schwester der Ludmilla (Marie Burchard: zu oberflächlich in der Rolle), steht im Dienst der Partei irgendwo an der Polnisch-Russischen Front. Ihrer zugrunde gehenden Familie schickt sie nur einen Brief, halb idyllisierend, teils beklemmend ausweichend, teils sorgenvoll, statt selbst als ersehnte Retterin zu kommen. Den Brief wird Imogen Kogge als Mukownins Hausdame Katja Felsen bei Kerzenschein-Dämmer Marijas Vater vorlesen: Beide kommentieren die Lektüre in grimmigem Sarkasmus, lachend, höhnend, weinend: eine Anklage, ein Ungläubigkeitsbekenntnis.

Rekonstruktion und Modernität

Aus Babels diagnostischer Fähigkeit präpariert Breth ein für die eigene Theaterarbeit nahezu emblematisches Motiv: Die Welt ist aus den Fugen. Babel trägt, jenseits des Extremismus seiner Schilderung, das Nervenkostüm unserer Tage: Beunruhigung, drohenden Zivilisationsbruch, Entsolidarisierung, die Vertilgungsgier von Systemen. Dabei hält sich die wie von einem schwarzen Passepartout verkleinerte Bühne im Schauspielhaus (Raimund Voigt) bis zu den Filzschuhen und der zum Tee aus dem Samowar gelöffelten Konfitüre an die Rekonstruktion: ein paar Zimmer, bläulich grünlich gestrichen, Relikte einstmals vornehmer Bürgerlichkeit wie etwa ein Flügel, auf dem jetzt freilich die Kinderfrau Wäsche bügelt.

Vive la bagatelle! Manchmal ist's zuviel des Naturgetreuen. Zumal zentrale Figuren wie der Ex-Rittmeister Wiskowski des Gerd Böckmann bis ins Zucken des Schnurrbärtchens und der in die Fistel gesteigerte jüdische Schieber Dymschitz des Klaus Schreiber sich knapp neben dem Chargieren bewegen. Überhaupt ist es so beruhigend wie ernüchternd, dass auch die Magierin Breth aus dem mittleren Maß eines Ensembles nicht nur Spitzenleistungen zaubert.

Die Revolution als "Scheißleben"

Babel litt schonungslos aufrichtig am Widerspruch zwischen Revolution und Konterrevolution, Glauben und Skepsis in einer Umbruchphase. "Marija" führt ein "Scheißleben" vor: soziale Verwerfungen, Deklassierung, moralische Korruption, Verrohung, Liquidierungen. Das Gestern ist verloren, das Heute vulgär, das Morgen zu schön, um wahr zu sein. Die proletarische Utopie hat den Keim der Seuche in sich. Befallen sind Offiziere, Handwerker, Händler, Arbeiter, Invaliden und Ehemalige wie Fürst Golizyn, der für eine warme Mahlzeit in einer Kneipe auf dem Cello Bach spielt und bei Christoph Luser die sanftmütig leuchtende Verzweiflungs-Euphorie des "Idioten" Myschkin ausstrahlt.

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Aus dem Keller in die Belle Etage: die neue Zeit malt und werkt in "Marija". Von links: Oliver Reinhard, Elisabeth Orth und Winfried Küppers. © Bernd Uhlig

Die Umordnung ein Fallbeil

Schmerzhaft suchte Babel nach der Synthese von Tradition und Revolution, Humanismus und Kommunismus, Moral und Schönheit, doch löst sein Hoffen sich angesichts der bolschewistischen Terrormaschine in Angst und Schrecken auf. Breth bricht die Stimmung ab dem sechsten Bild (auf dem Milizrevier beim Verhör der geschändeten Ludmilla) und treibt in die viereckigen Puppenstuben-Ansichten mit expressionistisch gespitzter, kantiger Diagonale einen Keil. Plötzlich erreicht die Aufführung einen den Atem stocken lassende Dringlichkeit und Intensität, als würde die gleichgültige stählerne Kälte eines Fallbeils hernieder sausen. Von da an senken sich die Köpfe unter der Bitternis, verengen sich die Räume, bis Mukownins Wohnung weißen Anstrich für die neue Zeit und neue Bewohner – "Leute aus dem Keller" – bekommt. Die Umordnung überwacht die Hausmeisterin im bodenlangen Pelz, der Elisabeth Orth die herrisch hallende Stimme des Volkes gibt. Von draußen dröhnt Marschmusik, zu deren schmetterndem Gesang eine Putzfrau paradiert. Gleichschritt statt Fortschritt. Parodie des Progresses!

 

Marija
von Isaak Babel
Fassung von Andrea Breth nach einer Übersetzung von Stefan Schmidtke und Arina Nestieva Regie: Andrea Breth, Bühne: Raimund Voigt, Kostüme: Moidele Bickel, Musik: Wolfgang Mitterer, Licht: Erich Schneider, Dramaturgie: Stefan Schmidtke.
Mit: Jonas Anders, Gerd Böckmann, Barbel Bolle, Marie Burchard, Christian Ehrich, Mareike Hein, Marianne Hoika, Benno Ifland, Peter Jecklin, Imogen Kogge, Winfried Küppers, Moritz Löwe, Christoph Luser, Elisabeth Orth, Dirk Ossig, Oliver Reinhard, Janina Sachau, Taner Sahintürk, Klaus Schreiber, Pierre Siegenthaler, Sven Walser, Patrizia Wapinska.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Zu dieser Inszenierung: Die beiden Hauptproben für "Marija" hat Regisseurin Andrea Breth laut einem Bericht auf der Webseite der Rheinischen Post aus Düsseldorf (7.1.2012) für Menschen mit geringem Einkommen geöffnet. Für die Wochenzeitung Die Zeit hat Peter Kümmel ein langes Gespräch mit Andrea Breth geführt über Isaak Babels "Marija", über die Revolution, das Theater. Hier lesen Sie eine Zusammenfassung.

 

Kritikenrundschau

Einen "fast synästhetisch wirkenden Abend voller Realismus und berückender Details" hat Karin Fischer vom Deutschlandfunk (Kultur heute, 8.1.2012) erlebt. Hier stimme "wirklich alles". Ein "umwerfendes Ensemble" treffe auf einen "umwerfenden Erzähler von Kleinst-Geschichten". Isaak Babel führe "alle Beteiligten als mehr oder weniger handlungsunfähige Opfer der Verhältnisse vor" und zeige "vor allem den Menschen selbst in abgründigem Licht". Hier sei die Welt aus den Fugen und herrsche "die pure Amoral". Zwar gebe es in der Inszenierung "ein paar zu überbelichtete, zu laute Momente", insgesamt aber zeige Andrea Breth "mit schmerzhafter Deutlichkeit, wozu es führt, wenn der Mensch haltlos wird und wozu er fähig ist, wenn die Ordnung sich auflöst". Babel so zu lesen, sei zwar "keine Antwort auf die Fragen der Zeit, aber auf eine altmodische Art dann doch hoch modern".

Auf dem Portal Der Westen (8.1.2012) schreibt Petra Kuiper von "zwei Stunden prallem Menschentheater: spannend, mitreißend und verstörend". Breths Fassung sei gerade mal 40 Seiten lang: "ein knackiger Text, der auf der Bühne kraftvoll daher kommt". Dazu habe Raimund Voigt "eine wunderbare Guckkasten-Bühne geschaffen". Breth treibe "das Innere zum Äußersten. Was sind das für Figuren! Wie brutal, kaputt und dumm! Dies ist ein Lehrstück, das zeigt, was Elend aus Menschen macht, ausgefeilt bis in kleinste Nebenrollen".

In "scharf geschnittenen, filmisch konzipierten Bildern" entwerfe Breth "das gnadenlos brutale Gesellschaftspanorama einer Endzeit", schreibt Regine Müller in der tageszeitung (9.1.2012). Von "Aktualisierung im landläufigen Sinne" könne bei ihr keine Rede sein: "historisch korrekt" die Kostüme, das Bühnenbild "penibel, realistisch" und nah am "folkloristischen Kitsch". Zunächst lasse sich das Spiel "recht betulich an", der eisige Hungerwinter werde "zwar behauptet, das Frösteln will sich aber nicht wirklich einstellen". Dann aber trete die Generalsfamilie auf: "Beklemmend eindrücklich" Peter Jecklin als Zarentreuer, "bravourös mit eisigem Zynismus" Imogen Kogge als Hausdame Katja, "grandios" Bärbel Bolle als Kinderfrau Njanja. Marie Burchard allerdings gelinge es nicht, den Niedergang der Ludmilla "plausibel zu machen". Überhaupt bleibe "das vielköpfige Ensemble heterogen" und werde "von grandiosen Einzelleistungen fast unbarmherzig überstrahlt", etwa von Christoph Lusers schöngeistigem Fürsten Golizyn. Im letzten Drittel entwickle die Inszenierung dann jedoch "plötzlich einen Sog. Das Grauen kriecht nicht leise heran, sondern bricht schockartig ein."

Gleichsam "aus der Versenkung" tauche Babels Drama, "ein Juwel", hier auf, so Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (9.1.2012). Es sei heute wieder an der Zeit, "sich ein Stück vorzunehmen, das eine überfällige Revolution beschreibt - und nichts daran beschönigt". Babel sei "ein Meister der Kontrast- und Schockmontage". Anders als ihre männlichen Regie-Kollegen um 1970 setze Breth "nicht auf Unentschiedenheit und Offenheit der Situation (...), sondern verschärft, beglaubigt durch den historischen Abstand von neunzig Jahren, die bitteren Akzente" Babels, spitze zu, schaffe Auftritte von "einer krassen, erschreckenden Kälte" und eine "gallige Schlusspointe". Sicherlich könne man Breths "Zugriff restaurativ nennen", mit naturgetreuem Bühnenbild und schön rekonstruierten Kostümen. "Die alles entscheidende Sorgfalt an diesem Abend aber gilt dem großartigen Text, in dem die Regisseurin, hin und wieder die Schrauben anziehend, zwischen den Zeilen liest, und sie gilt den 22 wunderbaren Akteuren - jeden einzelnen müsste man nennen. Vergesst das behagliche postdramatische Erzähltheater des frühen 21. Jahrhunderts! Hier ist das Drama."

Auch Gerhard Stadelmaier von der Frankfurter Allgemeinen (9.1.2012) findet, "Marija" sei "ein wunderbares Stück, aber vergangen mit seiner Zeit. Wir brauchen andere Stücke." Solch ein anderes Stück bekomme man jetzt in Düsseldorf zu sehen, denn in Breths Inszenierung wirke es "wie ein Drama von heute". Dabei aktualisiere sie nicht, grabe in dem alten Stück aber das aus, "was uns daran angeht". Sie feiere "noch bis ins kleinste Detail kleinster Nebenfiguren die Versehrungs- und Unglücksgröße" der Menschen. Das Verhör Ludmillas auf dem Polizeirevier sei die "grausamste, bewegendste Szene des Abends", hier entreiße die Regisseurin "das Drama den Händen des kühl beobachtenden Babel und übereignet es ganz den Abgrundsvisionen Franz Kafkas, dem ein Stalin über die Schulter blinzelt" – "mit der Oberflächenmöglichkeit einer computerspielähnlichen Gewaltlockerheit von heute". Dabei klage Breth nicht an, sondern zeige den "puren Schrecken im freien Fall in ein heilloses Nichts". Babels revolutionsoptimistisches Ende verdüstere sie zur pessimistischen Szene. "Was kommt, kommt mit Schrecken. (...) wenn Menschen fallen, muss es menschlich zugehen. Das zeigt diese überwältigende Menschentheatergeniearbeit Andrea Breths."

Voll des Lobes für Isaak Babel ist auch Ulrich Weinzierl (Die Welt, 9.1.2012). "Das Bemerkenswerte und Faszinierende" an seiner "Marija" sei, dass "im Sturz des Alten" schon "der Terror des Neuen in seinen unzähligen Varianten" stecke. Und eben das zeige Breth "packend und mit subtilsten Mitteln". Obwohl nichts hinzugefügt wurde, spüre man "die Zeitgenossenschaft, die Aktualität des Geschehens". Der Dramatiker und seine "kongeniale Regisseurin" zauberten "durch Charaktertypen ein ganzes Gesellschaftspanorama auf die Bühne". Schwärmen lasse sich "von der Menschenkunst" so mancher Darsteller: Burchard, Bolle, Marianne Hoika, Luser, Elisabeth Orth. Breth offenbare "im naturgemäßen Scheitern des vergangenen Aufstands das des kommenden, in der einen Menschheitsdämmerung die nächste. Ihr Blick des Humanen zeugt, wie jener Isaak Babels, von gnadenloser Liebe. Genauer ausgedrückt: von einer Liebe, die weiß, dass es keine Gnade gibt."

"Die Zuschauer sitzen im Dunkeln, wummernde und wie bei einem rückwärtslaufenden Band verzerrte Geräusche verunsichern", beschreibt Marion Troja in der Westdeutschen Zeitung (9.1.2011) das Bühnengeschehen. "Fast wie im Film, eher zweidimensional als mit räumlicher Tiefe", präsentiere Breth eine Gesellschaft, "in der Recht und Moral nicht halb so viel zählen wie Wurst und Wodka". Bei dieser Kälte werde einem unwohl, "schwer auszuhalten ist die Brutalität". Die Regie schaffe allerdings "keine Verweise zum Verlust der Werte in unserer heutigen Gesellschaft", so dass Mitleid schwer fällt. "Hier geht es allzu naturalistisch um die Grausamkeiten, wie Babel sie schildert." Darin jedoch sei Breth "eine Könnerin: Jede Einstellung ist genau, jede Bewegung der Schauspieler sitzt." Fazit: "Ein eindrucksvolles Panorama, das jedoch weit weg zu sein scheint."

Babels "Marija" sei sein "dramatisches Beweismittel" gegen die Oktoberrevolution, meint Ronald Pohl in Der Standard (9.1.2012). Der Autor blicke dabei "nicht voreingenommen, sondern interessiert wie ein Zoologe auf das Gewimmel". Und auch "Breth richtet nicht. Sie besitzt kein anderes Interesse an diesen bedauernswerten Geschöpfen als eben dasjenige Babels: Sie wundert sich, wie inmitten eines Infernos, das alle Humanität in den Abgrund zu reißen droht, die Leute nach alter Sitte Tee brauen." Für Pohl liegt "das große Wunder dieser streckenweise meisterlichen Inszenierung" eben darin: "Breth vertieft sich in jede Nuance, wägt jedes einzelne Detail." Die Handlung tue dabei "nichts Entscheidendes zur Sache. Diese nachgeborenen Verwandten von Tschechows antriebslosen Träumern sind sich selbst das größte Rätsel: Wie kommt es, dass wir noch am Leben sind?" Diese "heftig akklamierte Inszenierung bricht verstockte Herzen".

Vollkommen anders sieht das Hubert Winkels in der Zeit (12.1.2012): "Muss man diese Aufführung sehen? Nein. Man muss Babel lesen." Weder die 110 Kostümeinheiten,
die eigens für die Aufführung nach historischen Fotos und Filmen geschneidert wurden" noch das "hochtourig chargierende 22-köpfige Ensemble" finden seine Gnade: "Wir wissen zwar nicht genau, was uns Stück und Inszenierung heute sollen, aber dass es so perfekt eine alte, ferne Ostzeit ausmalt, ist eine aktuelle Botschaft: Die Revolution und ihre Barbarei sind uns so fern, dass sie als kostbar gefasstes Zeichenspiel wieder gute Laune machen. Die Schlachterei und der tausendfache Tod als gesellschaftliches Kammerspiel, das sich nach Tschechows Kirschgarten reckt – das ist Andrea Breths Statement zum aktuellen Theater."

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