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Im Zombiewunderland

von Falk Schreiber

Hamburg, 7. Januar 2012. Auf keinen Fall solle man "Leben und Erben" als Hamburg-Stück verstehen, lässt Autor Oliver Kluck im Vorfeld der Premiere via Hamburger Abendblatt wissen. Überhaupt: Inhaltliche Verortung gehe gar nicht. Was insofern schwierig ist, weil "Leben und Erben" ein Auftragswerk des Hamburger Schauspielhauses ist und weil das Schauspielhaus zuletzt immer dann ein paar Krümel vom Relevanzkuchen abbekam, wenn es sich ganz eindeutig inhaltlich in seiner Stadt verortete: mit Volker Löschs Hänsel und Gretel gehen Mümmelmannsberg, mit Studio Brauns Rust. Mist.

Aber. In erster Linie geht es in "Leben und Erben" um Verweigerungsstrategien, darum, das Leben nicht so zu leben, wie es von einem erwartet wird. Als Hausbesetzer, als Hausbesitzer. Entsprechend verweigert Regisseur Dominique Schnizer dem Autor den Wunsch nach Verortungsverzicht. Und siedelt die Inszenierung schon mit den einleitenden Projektionen (Video: Marcel Didolff) ganz explizit in der Realität des Hamburger Wohnungsbaus 2012 an: im Luxusneubaugebiet Hafencity. Special Guest Stefan Haschke irrt da durch die menschenleere High-Class-Architektur, durchs Zombiewunderland, irgendwann gibt es einen Reißschwenk auf ein Sichtbeton-Appartmenthaus, dann eine Überblendung in den Sichtbetonkasten des Schauspielhaus-Malersaals (Bühne und Kostüme: Christin Treunert), und dann sind wir im Stück. Was schon sehr elegant gelöst ist.

Schrägtöner und Echtheits-Interviews

Doch Obacht. Elegante Lösungen verzeiht Klucks Stück nicht, "Leben und Erben" handelt nicht nur von Verweigerung, der Text ist selbst eine. Um ein besetztes Haus soll es gehen? Ach was, zunächst geht es erst einmal um alles und um nichts, darum, Rollen auszuprobieren, Theater zu spielen, sich einmal ganz und gar ehrlich Gemeinheiten ins Gesicht zu sagen. Mit anderen Worten: Der Text plänkelt so vor sich hin, eine halbe Stunde lang, und Schnizer macht das einzige, was ihm hier übrig bleibt – er inszeniert Kabinettstückchen. Die das Ensemble vor allem nutzt, um zu zeigen, was es kann. Das hatte man zuletzt ja fast vergessen: was für begnadete Schrägtöner am Hamburger Schauspielhaus spielen, Marion Breckwoldt! Michael Prelle! Tim Grobe!

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Das neue Oliver-Kluck-Stück als Komödienstadl. Marion Berckwoldt und Michael Prelle in "Leben und Erben". © Kerstin Schomburg

Und so kichern wir uns durch die Szenen, durch eine Mischung aus Partysmalltalk und T-Shirt-Sprüchen, bis ganz unvermittelt doch noch die versprochene Handlung auftaucht. Ein Haus wurde besetzt, von Langzeitstudenten, die irgendwie aus der Prä-Bologna-Zeit in die Gegenwart gerutscht sein müssen, ein großstädtischer Provinzler will die Bewohner raus haben, und ein öliger Makler namens Maschmeyer (!) ist im Grunde gar nicht so böse, wie man es von ihm erwarten würde.

Kurz: Wir sind im Komödienstadl gelandet. Und gerade als wir vollkommen den Überblick verloren haben, wer jetzt die allerpeinlichste Figur in diesem Reigen ist, erinnert uns ein Werbevideo daran, dass es eine eigene Website zum Stück gibt: Unter lebenunderben.de interviewen die echten Schauspieler einen echten Makler, eine echte höhere Tochter und eine echte Hausbesetzerin – Christine Ebeling, charmesprühendes Gesicht der Recht-auf-Stadt-Bewegung, die mit der Besetzung des historischen Gängeviertels vor zwei Jahren Hamburg tatsächlich kurzzeitig zur Hauptstadt des Gentrifizierungsdiskurses machte. Verortung gerade noch in den Griff bekommen, puh!

Was für eine liebe Regie!

Man will nichts sagen, "Leben und Erben" funktioniert, ist albern und klug, ist nicht zuletzt ein Schauspielerfest, das jedem Darsteller seine fünf Minuten Glanz zugesteht. Zuerst fürchtet man, dass die Ensemblemitglieder sich frei spielen und die beiden Gäste Betty Freudenberg und Johannes Flachmeyer ein wenig im Regen stehen lassen, dann aber schenkt die Regie auch ihnen noch ein Solo. Überhaupt, was für eine liebe Regie! Dominique Schnizer ist unglaublich fair zu seinen Schauspielern, keiner wird allein gelassen, jeder ist gleich viel wert. Einzig der Text steht ein wenig zurück hinter der Menschenfreundlichkeit dieser Inszenierung.

Nur führt einen die nirgendwohin. Man ist unterhalten, man fühlt sich bestätigt in seiner Meinung zur Gentrifizierung, man ist angetan von der Eleganz, mit der Schnizer die Vorlage unterläuft, man freut sich, dass das krisengeplagte Schauspielhaus doch noch eine 1A-Uraufführung hinbekommt. Und vielleicht ist das der Wermutstropfen dieser Inszenierung, die einen nach kurzweiligen 90 Minuten beseelt in den Abend entlässt: dass das alles zu glatt geht. Oder, anders gesagt: dass keine Fragen offen sind, weil Schnizer gar keine Fragen stellt, sondern kunstvoll unter ihnen durchtaucht.

 

Leben und Erben (UA)
von Oliver Kluck
Regie: Dominique Schnizer, Bühne und Kostüme: Christin Treunert, Licht: Andreas Juchheim, Video: Marcel Didolff, Dramaturgie: Steffen Sünkel.
Mit: Marion Breckwoldt, Johannes Flachmeyer, Betty Freudenberg, Tim Grobe, Michael Prelle.

www.schauspielhaus.de

 

Eine Gentrifizierungsstory, mit Verortung allerdings in Berlin, erzählt auch Dirk Lauckes Stück Bakunin auf dem Rücksitz, das im Oktober 2010 am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt wurde.

 

Kritikenrundschau

"Leben und Erben" sei nach "Warteraum Zukunft" die "zweite, textlich schwächere Auftragsarbeit" Oliver Klucks fürs Schauspielhaus, schreibt Monika Nellissen in der Welt (9.1.2012). Bei seiner Uraufführung des Textes habe sich Dominique Schnizer für "reine Unterhaltung" entschieden, "bedingungslos". Klucks "Seitenhiebe auf das Theater, auf 'sogenannte Inszenierungen'" würden dabei ebenso "in den Turbulenzen schnell wechselnder Szenen und Bilder bei permanentem Rollentausch" verwehen "wie etwaige politische Brisanz oder Herztöne. Fünf Schauspieler suchen hier Autor und Text, versuchen mit Lust, einen gewissen Sinn ihres Unterfangens um Hausbesetzer und Hausbesitzer, um Leben und Erben zu ergründen."

Oliver Kluck schreibe "vehement an gegen das System und die herrschenden Verhältnisse", schreibt Klaus Witzeling im Hamburger Abendblatt (9.1.2012): "Er behauptet schreibend seine Position gegen die Alten und misstraut zutiefst den sich (seiner Meinung nach) in Scheinrevolten erfolgsorientiert anpassenden Jungen." Für Kluck sei "Leben und Erben" kein Stück, vielmehr seien "es Textstücke zur Gentrifizierungsdebatte im Kontext von Hausbesitzer-Vätern und revoltierenden Töchtern, von Hausbesetzung und Räumung". Schnizer nehme in seiner "sogenannten Inszenierung" Klucks "sicherlich nicht besten, doch von einer Angst und Verzweiflung getriebenen Text etwas von seiner Aggression und Irritation, verharmlost ihn in gewisser Weise durch eine wild entschlossene Komödiantik. Allerdings kommen so Publikum und Schauspieler auf ihre Kosten und ihren Spaß."

Das Stück, das den (zu) viel versprechenden Titel "Leben und Erben" trage, "von dem (zu) viel versprechenden Autor Oliver Kluck" solle, könne man glauben, von dem handeln, was man Gentrifizierung nennt und was man in der Stadt, in der dieses Schauspielhaus steht, in Hamburg nämlich, und zudem in dem Theater selbst nur allzu gut kenne, schreibt Volker Corsten in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.1.2012), und weiter: "Handelt es aber nicht. Es handelt von nichts, und es wird darin auch nicht gehandelt, allenfalls wird Handlung simuliert – ähnlich wie das Schauspielhaus es kaum mehr schafft, mehr als die Simulation eines großen deutschen Theaters zu sein." Mehr als "die Karikatur einer Inszenierung" habe auch der "noch junge" Regisseur Dominique Schnizer in der "sogenannten Uraufführung dieses Nichtstückes" nicht hinbekommen, "offensichtlich damit zufrieden, diesem form- und weitgehend figurenlos mäandernden, irgendwie wütenden Etwas überhaupt so etwas wie eine Gestalt gegeben zu haben."

Ein "loser Haufen von Phrasen und schlechten Witzfiguren" sei Klucks Stück, so Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (12.1.2012). "Wo das Stück politisch konfrontativ wird, ist sein Schematismus geradezu peinlich, wo es fabuliert (und das geschieht die meiste Zeit), langweilt es durch Geschwätz." Schnizers verzweifelter Versuch, "aus dieser textlichen Totgeburt ein plakatives Volkstheater zu gewinnen", hänge wie Zombie am Glockenseil. "Der Horror, den diese Kinderei beim Zuschauen auslöst, war nicht beabsichtigt."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Leben und Erben, HH: Sinn für MaßArkadij Zarthäuser 2012-01-13 22:55
Volker Corsten wählt fast umstandslos die Einordnung in größere Zusammenhänge,
wenn er schreibt: "...- ähnlich wie das Schauspielhaus es kaum mehr schafft, mehr
als die Simulation eines großen deutschen Theaters zu sein." Er bleibt begründete Belege für diesen Befund schmerzlich schuldig; derweil habe ich das ganz anders empfunden, was zu Jahresbeginn an kluger, ja feiner Spielplangestaltung meines Erachtens einer Erwähnung bedarf. In nur neun Tagen erlebte ich an drei unterschiedlichen Spielorten des Schauspielhauses drei interessante, drei junge
Arbeiten zwischen den Polen des Tschechowschen Diktums, das "man" in zweihundert Jahren nur mit Verachtung auf "seine" Zeit und Menschen wird blicken können und dem jetzigen Stand "wie herrlich weit wir es doch so gebracht haben",
und ist jeglicher "futuristischer" Sinn etwa schon verflogen ("Warteraum Zukunft") ??
Fast bin ich versucht, sogar die Regiezugriffe von Schnizer bzw. Alice Buddeberg auf Klucks jeweiligen Texte mit denjenigen Stanislawskijs auf Tschechow zu vergleichen.
Lese ich das Schauspielhausmagazin "Hawaii II- Geliebter Schandfleck", so habe ich anhand dieser drei Abende eine gute Gelegenheit dazu, die Eigengesetzlichkeiten von Philosophie, Alltagspraxis, kultureller Lebensform, von Literatur und Bühne, Mediengebrauch zu befragen, ich finde, daß dies nicht wenig ist. Ja, als eine regelrechte "Hawaii II"-Trilogie kommen mir diese Abende im jetzigen Zusammenklang vor; ich streiche mir derweil mein "Postenddreißigerhaar" (siehe Kullmann-Artikel des Heftes) aus dem Gesicht, und ich wundere mich nicht schlecht,
beim Ende der "Möwe" weder etwas über das Medusenhaupt zu lesen noch etwas zu
der atemberaubenden Spiegelregie des neuen Kluck-Abends im Malersaal.
Natürlich liefert Kluck plakative, angreifbare, lustvoll übersteigerte Anspiele "inszenierter Wirklichkeiten", aber, er liefert auch seinem Anspruch gemäß Figuren, die klug genug sind, sich einem schnellen ideologischen Zugriff zu verweigern; warum keine letztlich "verurteilbaren Figuren" (ganz im Tschechowschen Sinne, siehe Siegfried Melchingers Tschechow-Buch zum Platonow-Projekt !) ?!
Die scharfsinnigsten Analysen zur Gentrifizierung haben diesen Vorgang mitnichten gestoppt; einen solchen Scharfsinn mit nachträglicher Dringlichkeitsdurchwirkung von der Bühne zu verlangen, scheint illusorisch, scheint aber die negativen Kritiken des Abends dann doch nicht wenig zu motivieren. Flapsiges, Albernes, Selbstgerechtes, all das gibt es an beiden Kluck-Abenden zu genüge, und dennoch, mindestens ebensoviel Sinn für Maß, gute Einzelbeobachtungen und die spürbare Richtung in der Tat in Richtung dessen, was positive "Ent-Täuschung" heißen könnte
und Ehrlichkeit, getreu dem Thomas-Satz aus Musils "Schwärmern": "Verlieren ist schön, verlassen werden ist schön, ..." oder Anselm-Satz "Man ist nie so sehr bei sich, als wie man sich verliert" (siehe Ohnmachts-Teil bei Kluck, auch bei "Warteraum Zukunft" ließe sich das "Elliptische Integral und der "Alles, wofür die Alten gearbeitet haben und gestorben sind""-Monolog des Thomas, aber auch Tschechows "Handarbeitsethik" anbinden, ohne allzuschnell verblassen zu müssen).
Danke Deutsches Schauspielhaus: eine Trilogie - Vom "Buddeberg-Tschechow" über den "Schnizer-Kluck" zum "Buddeberg-Kluck", vom Großen Haus über den Malersaal zum Rangfoyer; fast möchte ich noch mit Kafkas "Kleine Fabel" enden..

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