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Liebe im Keep-Smiling-Land

von Sarah Heppekausen

Bochum, 8. Januar 2012. Jedes Ankommen der beiden ist ein Abstieg. Wenn Pinneberg und seine Frau "Lämmchen" ein neues Heim beziehen, wenn Pinneberg als Angestellter seine Anzüge verkauft, wenn Lämmchen mit dem Neugeborenen nach Hause kommt – jedes Mal geht's ein Stückchen abwärts. Sie laufen, oder stolpern vielmehr, einen unebenen Schotterberg hinunter. Ihr Leben ist eine Kraterlandschaft, unsicher und immer nah am Abgrund.

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Zwischen Schrott und Schotter: Maja Beckmann als Lämmchen, Raiko Küster als Pinneberg.
© Arno Declair

Die Pinnebergs sind das Paar der Wirtschaftskrise. Hans Fallada hat 1932 mit ihrer Liebes- und Lebensgeschichte ein prägendes Gefühl jener Zeit dokumentiert: die Angst vor Arbeitslosigkeit, vor dem sozialen Abstieg. Die ist längst wieder aktuell, und entsprechend wird Falladas "Kleiner Mann – was nun?" auch häufiger inszeniert. 2009 brachte Luk Perceval seine erfolgreiche Version des Gesellschaftsromans an den Münchner Kammerspielen heraus, vor einem Jahr zeigte Barbara Bürk ihre Adaption in Dresden. Die meisten Bochumer allerdings (und nicht nur die) erinnern sich vor allem an eine Inszenierung von 1972, Peter Zadek eröffnete damals seine Intendanz mit der Romanbearbeitung als Revue.

Zusammenbrüche im Zeitraffer

40 Jahre später lässt es David Bösch gedämpfter angehen im Schauspielhaus. Etwas Farbe in die Gesteinslandschaft von Bühnenbildner Thomas Rupert bringt zwar eine riesige Warenweltkugel im Rücken der Schauspieler. Aber selbst das Sammelsurium aus Plastikmöbeln, Lampenschirmen, Kanistern, Schallplatten und sonstigem Gedöns verströmt den Grauschleier ollen Schrotts. Es ist die Welt des kleinen Mannes, die nur langsam rotiert und nur manchmal leuchtende Funken schlägt. Dann schimmert das romantische Funzellicht der Liebenden, kein greller Schein des Konsumentenhimmels. Aus dem herab hängen die glitzernden, knallbunten Kleider, wenn die Szene im Warenhaus Mandel spielt. Verkäufer Pinneberg kann sich noch so verkrampft an einen dieser Anzüge klammern, er muss trotzdem zusehen, wie der am langen Seil wieder in unerreichbare Höhe entschwindet. Sein Himmel bleibt die Liebe auf Erden.

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Liebende zwischen Freaks. © Arno Declair

Und darauf konzentriert sich die extrem geraffte Textfassung von David Bösch und Sabine Reich. Auf den Versuch der Kleinfamilie, zwischen Geldnot und Trostlosigkeit, Quotendruck und Absagen solche Werte wie Ehrlichkeit, Zusammenhalt und eben Liebe weiter hochzuhalten. In gut zweieinhalb Stunden durchleben die Pinnebergs Umzüge, Arbeitsplatzwechsel, Entlassungen, Geburt, Schwiegermutterstreit, Fremdanbaggerei, Sex und Zusammenbrüche im Zeitraffer. Keineswegs ohne die Zeit für stille Momente auf der Bühne. Dann spielt Karsten Riedel seine wunderbaren Musikkompositionen ein (nur leider nicht live). Aber so vieles bleibt bloß angedeutet, angespielt, auf Pantomime verkürzt.

Dusel-Diva und Glitzerfrack-Guru

Eine von Böschs Regiestärken ist die Freilegung von Emotionen. Nun neigt Falladas Roman selbst schon zur sentimentalen Liebesduselei. Bösch tut also einerseits gut daran, dem diesmal entgegenzuarbeiten. Raiko Küster als Pinneberg und vor allem Maja Beckmann als Lämmchen bedauern sich nur kurz in tragischer Verzweiflung, um gleich darauf die Szene komödiantisch zu brechen. Und Notlösungen wider den Realismus hat der Abend gleich mehrere parat: Ein Telefon besitzen die Pinnebergs nicht – also klingelt's und spricht's eben aus dem Koffer, zum Beispiel.

Andererseits mangelt es dem Abend gerade deshalb an Entschiedenheit. Ein bisschen Gefühl erzeugt noch keine Leidenschaft. Und ein bisschen Witz keine Ironie. Entschlossener geht Bösch beim übrigen Personal vor. Das reduziert er auf zwei Schauspieler und fünf Rollen, die in ihrer deutlichen Überzeichnung einen Kontrast zum Pinneberg-Pärchen setzen. Henriette Thimig ist als Mutter Mia Pinneberg eine Diva im Dauerdusel, unfähig zu Mutter- oder sonstiger Liebe muss sie sich glatt übergeben, als sie ihren Sohn einmal in den Arm nehmen will. Nicht weniger berauscht ist Nicola Mastroberardinos Jachmann als melancholische Gothic-Rocker-Karikatur. Und als Verkaufs-Guru im Glitzer-Frack säuselt er Pinneberg das Mandel-Mantra ein: Keep Smiling!

Zwischen Schotter, Schrott und Freaks

Von Karikaturen allerdings geht keine lebensbedrohende Gefahr aus. Und so bleiben dieser Pinneberg und sein Lämmchen nur Ausgeschlossene aus einer bizarren Gesellschaft von Freaks. Ihre Not, die doch mehr ist als eine bloß materielle, die ist kaum nachvollziehbar. Sie taumeln in einer fernen Welt zwischen Schotter und Schrott, zwischen Stolpersteinen aus Möbel- und Menschenmüll.

Es gibt sie auch an diesem Abend, die wirkungsvollen Bösch-Bilder. Es sind die stillen Momente des zweisamen Glücks, die niederdrückende Gewalt eines Blätterregens aus Absagen. Aber es bleiben kurze Sequenzen einer unentschlossenen Inszenierung. Fürs Gefühl gibt's am Ende ein genähtes Herz und für den Witz noch einen letzten Nieser.


Kleiner Mann – was nun?
nach dem Roman von Hans Fallada
in einer Bearbeitung von David Bösch und Sabine Reich
Regie: David Bösch, Bühne: Thomas Rupert, Kostüme: Meentje Nielsen, Musik: Karsten Riedel, Dramaturgie: Sabine Reich.
Mit: Raiko Küster, Maja Beckmann, Nicola Mastroberardino, Henriette Thimig.

www.schauspielhausbochum.de


Kritikenrundschau

"Theater für eine Region am Rande der Armut" hat Stefan Keim, der auch am Abend nach der Premiere auf Deutschlandradio (7.1.2012) berichtete, für die Welt (10.1.2012) gesehen. Die Qualität der Aufführung liege in der Ruhe und Ernsthaftigkeit, der mitfühlenden Wärme. "Der Kitschgefahr entgeht Bösch, indem er Textpassagen, in denen Fallada etwas dick aufträgt, streicht." Der Regisseur konzentriere sich ganz auf seine Hauptdarsteller: "Raiko Küster und Maja Beckmann spielen ehrlich, glaubwürdig, ganz aus der Situation heraus." In den Kammerspielen, so Keim, wäre diese konzentrierte Aufführung wahrscheinlich besser aufgehoben. "Doch ihre Herzlichkeit, der Glaube an die Familie als Lebensentwurf jenseits der allgemeinen Ökonomisierung füllen auch die große Bühne."

Andreas Rossmann schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.1.2012): "Der Roman im Schnelldurchlauf, Vorlage für ein Schmalspurtheater, das mit vier Schauspielern auskommt, die Epochenansicht, enggeführt auf eine Liebesgeschichte in schwieriger Zeit, die von den Verhältnissen immer wieder auf neue Zerreißproben gestellt wird." Wie Maja Beckmann und Raiko Küster sie spielten, sei anrührend, ohne sentimental zu werden. In ihrer Mitte sei die Inszenierung lange stimmig, dicht, ausdrucksreich. Doch bleibe sie zu sehr aufs Private gerichtet, "Arbeitsdruck und Arbeitsnöte schwingen herein, Politik, Wirtschaftskrise; Milieu und große Stadt aber bleiben draußen." Zweieinhalb Stunden trage das nicht, "die Aufführung zerdehnt und verflacht."

Auf dem Internetportal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (9.1.2012) schreibt Jürgen Boebers-Süßmann erst einmal über Peter Zadeks auch nach 40 Jahren unvergessene Inszenierung. An die Bösch wohl nicht heranreichen werde. Bei ihm seien vier Fünftel der zweieinhalb Schauspielhaus-Stunden "konventionelles Sozialdrama". Bösch konzentriere sich auf das Paar Pinneberg und „Lämmchen“. Das sei "redlich ‘runterinszeniert", aber die "soziale Haltlosigkeit", die das Paar dauernd vorgebe, färbe einfach nicht ab – "zumal die Frage nach dem 'Warum?' dieser unzureichenden ökonomischen Verhältnissen gar nicht gestellt" werde. Bösch spüre dabei manche Untiefe des Romans mit "Sinn fürs Bühnenwirksame" auf. In grotesken Einschüben gewinne der Abend "minutenlang an Fahrt". Doch "all die Herzlichkeit, dieser unverbrüchliche Glaube an die Familie als Lebensentwurf jenseits der allgemeinen Ökonomisierung", ließe einen letztlich "ungerührt".

In der Rheinischen Post (10.1.2012) aus Düsseldorf erinnert auch Max Florian Kühlem an Zadeks Aufführung. Weiter schreibt er: Böschs Arbeit sei "solide, aber leidenschaftslos". Maja Beckmanns und Raiko Küsters "Ringen um Liebe in schweren Zeiten" vermöge "immer wieder kurz zu berühren". Bösch bemühe sich nicht, eine "benennbare soziale Wirklichkeit zu zeigen". Das Paar sei "ganz in seiner Zeit", umgeben allerdings von "anachronistischen Freaks". Eine "denkwürdige Übertragung des alten Krisenszenarios auf das neue" finde nicht statt, die "politische Dimension" sei "komplett gestrichen".

In der Süddeutschen Zeitung (11.1.2012) schreibt Cornelia Fiedler: Bösch und seine Dramaturgin Sabine Reich konzentrierten sich auf die Geschichte der beiden jungen Leute, ließen "den historischen und politischen Kontext der dreißiger Jahre" weitgehend "außen vor". Falladas heute "fast schon irritierende Warmherzigkeit und Nähe" sei anfangs auch in Böschs Inszenierung spürbar. Doch trotz nahegehender Momente gelinge es "bei allem Können" nicht, die Spannung zu halten. Die schier endlos gedehnte Erzählweise zerfleddere die Inszenierung. Maja Beckmann und Raiko Küster wirkten "wie eingesperrt in die Bravheit ihrer Rollen", blass und eindimesnional. Ungleich faszinierender die Nebenrollen, an ihnen führe Bösch beiläufig vor, was seine Inszenierungen so besonders macht: "In der drastischen Zuspitzung der Figuren bleibt eine Ahnung dessen, dass auch die schillernden Bösewichter selbst Getriebene sein könnten."