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Papiergespenster und ein strahlender Autor

von Simone Kaempf

Berlin, 8. Januar 2012. Die Regietheaterfrage entfaltet sich an diesem Abend an Heikko Deutschmanns deutlich ergrauten Achselhaaren. Sind die etwa gefärbt? Man hängt sich ja gerne an solche Details, wenn der Zugriff auf der Bühne wenig zu bieten hat, aber immerhin die Hauptfigur – der verkrachte Wissenschaftler, der seine besten Zeiten hinter sich hat – im Unterhemd noch bella figura macht.

Dabei geht es in Daniel Kehlmanns "Geister in Princeton" um so einiges: das Leben des Denkers Kurt Gödel, der über Umwege in die USA emigrierte, einem genialen Mathematiker, aber auch verkorksten Wiener Mutterkind. Der an den paradoxen Problemen der Logik nicht nur litt, sondern auch starb, weil er seine Theorie bis zum Widersinn auf sich selbst anwendete. Ein Menschheitsleben wird von der Gespenster-Seite her betrachtet, mit mäandernden Zeit- und Ortwechseln und ziemlich vielen Toten, zu denen gesprochen wird.

Das alte Missverständnis der Regie

Torsten Fischers Inszenierung am Berliner Renaissance-Theater dünstet so einige Reminiszenzen ans vergangene Jahrhundert aus. Die Wissenschaftler, denen begegnet wird, ähneln in ihren Anzügen FBI-Agenten der 1940er Jahre, und Katja Bellinghausen als Adele Gödel erinnert mit Strickjacke über dem Kleid an die Trümmerfrauenzeit. Wird auf der leeren Bühne eine geblümte Decke über einen Holztisch geworfen, wirkt's wie ein behäbiges Überbleibsel aus fernen Zeiten.

Und doch liegt es nicht am Ambiente, dass das die Äquilibristen der Theorie, die hier sprechen und sich aberwitzige Argumente liefern, ziemlich auf Distanz bleiben und die pointierten Dialoge, die Daniel Kehlmann seinen Figuren so gekonnt in den Mund legt, nicht zum Funkeln kommen. Sondern an dem alten Missverständnis der Regie, man könne die Sprache wirklich als Ausdruck der Figuren auffassen und den Abstand ignorieren, den auch Kehlmann zwischen die Worte und die Figuren, zwischen ihre vernunftgesättigten Theorien und lebensnahen Fehltritten legt. Dieser Abstand ergäbe eine Komödie und im besten Fall sogar eine Tragödie. Wenn er genutzt würde.

Wo sind die Geister, die Kehlmann rief?

Zu besichtigen ist im Renaissance-Theater ein knapp 90 Minuten langes Stationenstück, das von Gödels Beerdigung zurück in seine Kindheit wechselt, von einem Reisestopp irgendwo in der Mongolei zum Treffen mit Albert Einstein, der ihn für die Fragen des Einwanderungskomitees trainieren will. Der Einstein von Gerd Wameling mit elektrisch zu Berge stehender künstlicher Haarpracht schrammt hier hart die Satire eines schusseligen Professors, aber komisch wird es auch in dieser Szene nicht.

Vielleicht wollte die Regie dem Stück und seinem Autor ein Denkmal bauen, doch alles wirkt hier nur wie erstarrt. Nichts ist übrig von der Rutschpartie aus Raum und Zeit. Die Geister, Abgründe und Alpträume bleiben leblose Papiergespenster. Und auch Heikko Deutschmann als Gödel verschwindet am Ende hinter dem Sturz des gesunden Menschenverstandes, als den er das Irrewerden zeigt.

Ist das der Umgang, den sich Kehlmann für sein Stück wünscht? Man mag es nicht glauben. Aber als er zum Applaus breit strahlend auf die Bühne kommt, sieht er rundum glücklich und zufrieden aus.


Geister in Princeton
von Daniel Kehlmann
Regie: Torsten Fischer, Bühne: Vasilis Triantafillopoulos, Kostüme: Bettina Gawronsky.
Mit: Boris Aljinović, Heikko Deutschmann, Gerd Wameling, Michael Rastl, Katja Bellinghausen, Fang Yu, Benno Lehmann, Nikolaus Okonkwo, Victor Schefé, Philipp Alfons Heitmann, Dimosthenis Papadopoulos, Horst Schultheis, László I. Kish.

www.renaissance-theater.de

 

Die Uraufführung der "Geister in Princeton" inszenierte Anna Badora in Graz.

Mit seiner Salzburger Rede gegen das Regietheater hatte Daniel Kehlmann 2009 für erhebliche Aufregung gesorgt.


Kritikenrundschau

Die Dialoge seien pointiert, überhaupt besäßen Kehlmanns Sätze oft pfiffige Eleganz, lobt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (10.1.2012). In Torsten Fischers Umsetzung allerdings offenbare der Text "doch einen Mangel an theatraler Qualität." Das Stück sei "mehr Szenenfolge als Erzählung. Ein Stationenritt ohne Halt." Fischer inszeniere auf einer kleinholzbedeckten Bühne mit wenigen Stühlen und rückwärtigem Spiegel vor allem das Drama eines Exilanten im unbehausten (Denk-)Raum. "Das ist ein sympathischer Ansatz, man hätte den belesenen Kalauern aber viel mehr Zucker geben können." Was die Vorlage schuldig bleibe, könne auch Fischer letztlich nicht entfesseln: den Rausch der Logik. Hauptdarsteller Heikko Deutschmann finde generell wenig Zugang zu seiner Figur. "Und steht mit seiner Figurenmühe nicht allein."

Flirrend zwischen Genie und Wahn, Realität und Traum, klarster Logik und ständiger Paradoxien skizziere das Stück wichtige Lebensstationen Gödels, den eitlen Wissenschaftszirkus, die alltäglichen Absurditäten und seine dämonischen Ängste, schreibt Georg Kasch in der Welt (10.1.2012). Am Renaissance-Theater klotze Torsten Fischer das Stück bei seiner deutschen Erstaufführung als kostümierte Geschichtsstunde hin. "Wo Kehlmanns Text ein Spiel mit den Ebenen und Nuancen ist, die man durchaus ins Surreale ausreizen könnte, wird hier vor der großen Spiegelwand alles historisierend ausbuchstabiert." Das langweile manchmal und schmerze, wenn die mäßig besetzten Nebenrollen ihre großen Auftritte hätten. "Nur allzu gern würde man wissen, wie dieses Stück zum Beispiel am Deutschen Theater aussehen würde."

In der tageszeitung (11.1.2012) schreibt Esther Slevogt, sie sei bei der Uraufführung der "Geister" in eine Zwangslage, gar an den "Rand der Berufsunfähigkeit" gekommen. Warum? Weil sie Autor Daniel Kehlmann nach der Premiere seines Stückes hochzufrieden erlebte. Und also, vermutet Slevogt, muss Kehlmann, der bekennende Regietheaterverächter, mit Torsten Fischers "musealer Inszenierung samt klischeehaft kostümierter (und spielender) Akteure" zufrieden gewesen sein. Die Lektüre des Stückes rege noch zu "allerlei Gedanken" an. Doch Kehlmann "mitunter so luzide gedachte und dann so freundlich komödiantisch auf intelligentes Boulevardtheaterformat heruntergerechnete Wissenschafts-Sentenzen" bekämen in Fischers "krachlederner Inszenierung" einen "derartig muffigen Grundton", dass man dem Verlauf des Abends immer wieder fassungslos folge.

 Irene Bazinger kann man in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau (beide 11.1.2012) lesen: Weil man die Lehren der großen Wissenschaftler eh nicht recht verstünde, widme man sich "lieber den oft bewegten Biographien", wie eben Daniel Kehlmann mit "Geister in Princeton" (2011). Die Person sei "gespalten, die Zeit macht Sprünge, die Handlung – Tür auf, Tür zu – auch". Kehlmann habe sich "redlich Mühe gegeben". Und Torsten Fischer sei ein "äußerst devoter Regisseur", der das Stück "brav und bieder vom Blatt" inszeniere. Insofern werde die szenische Umsetzung "noch papierener und zäher, als sich der Text liest", der immerhin "ein paar witzige Dialoge" enthalte.

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