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Trostlose Trägheit

von Sarah Heppekausen

Oberhausen, 13. Januar 2012. Die Schauspieler sind eingezäunt, die Bühne ein riesiger Käfig. Europa ist jetzt zweigeteilt, das Schengener Abkommen Vergangenheit, und wer im Norden lebt, kommt nicht mehr einfach in den Süden, oder andersrum. Die Grenze ist nicht nur in, sondern vor allem vor den Köpfen. Sichtbar, hoch und unüberwindbar. Es ist das Jahr 2031 und die D-Mark ist zurück, sie heißt jetzt neue deutsche Mark.

Das ist die eine Geschichte in Kornél Mundruczós neuem Stück "Schöne Tage", das der ungarische Theater- und Filmregisseur für das Theater Oberhausen inszeniert hat. Kein kleines Thema, aber längst nicht das einzige. Mundruczó adaptiert seinen eigenen Film "Pleasant Days" (2002). Der ist inspiriert von Hauptmanns "Die Ratten" und erzählt die Geschichte einer Frau, die einer anderen das Baby abkauft und um dieses kämpft bis zum Letzten: zum Mord. Das soll ihr Bruder erledigen. Und der spielt bei Mundruczó nun die Hauptrolle.

Proletarische Operette für das 21. Jahrhundert

Peter wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen, beobachtet im Waschsalon seiner Schwester die Geburt des verkauften Babys und verliebt sich in dessen Mutter. Und – ein weiteres Thema – er glaubt an die Invasion von Außerirdischen. Der griechische Immigrant (das Europa-Thema) sieht als einzige Überlebenschance die Flucht auf die Akropolis. Liebesdrama, Migrationsdebatte, Euro(pa)krise, Lokalbezug, Realismus und Science-Fiction – Mundruczó vermengt Genres und Motive, die den Stoff für gleich mehrere Geschichten liefern könnten. Und das ist noch nicht alles.

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Leben hinter Gittern aber mit Musik      © Thomas Aurin

Es wird reichlich gesungen und musiziert auf der Oberhausener Bühne, das komplette Ensemble ist beteiligt, unter der musikalischen Leitung von Otto Beatus. "Proletarische Operette für das 21. Jahrhundert" hat Mundruczò seine "Schönen Tage" untertitelt. Auf der Songliste stehen neu arrangierte Stücke von Nick Cave, The White Stripes oder Pink Floyd und Eigenkompositionen von Janós Szemenyei.

Musik und Gesang als intervenierende Realismusschranke sind nicht neu in Mundruczós Arbeit als Theaterregisseur. Aber diesmal unterbrechen die Musikstücke die Handlung nicht, sondern führen sie weiter oder – im schlimmeren Fall – verdoppeln sie. Mundruczó scheut keinen Musicalkitsch, er kostet ihn ebenso aus wie die Brutalität menschlicher Gewalt. Dieser Regisseur ist unnachgiebig, seine Maxime ist es, zu berühren. Viel nackte Haut, körperliche und psychische Grenzgänge, atmosphärischer Bühnennebel und filmische Nahaufnahmen sind die entsprechenden Mittel auf aufwendig gestalteter Bühne.

Illusion ohne Wirkkraft

Márton Ágh hat hinter den Gitterstäben das ganze Leben in einen engen Hinterhof verbannt. Das Schrottplatzauto parkt neben der Sofagarnitur, die provisorische Dusche ist mal Wohnungs-, mal Strandbadinventar. Laublose Bäume, Straßenlaterne, Tisch und Bett hängen dort genauso wand- und distanzlos ab wie die Darsteller, die allesamt die gut zwei Stunden auf der Bühne verbringen. Trostlose Trägheit bei Mensch und Möbel, das ist die Grundstimmung des Abends, die dem Titel sarkastisch entgegenschlägt. Schöne Tage gibt's allenfalls als Sehnsuchtsmoment der Erinnerung oder auf der Sonnenbank.

Der Hauptmannsche Dachboden ist nach außen verlagert, aber nicht weniger perspektivlos. Die Schauspieler positionieren sich dort als eine Art Stehaufmännchen. Sie lungern im Sessel bis sie dran sind. Dann springen sie auf und in ihre Figur hinein, möglichst authentisch, schließlich sollen sie berühren. Sergej Lubics Peter ist naiv, aber unberechenbar. Er leidet unter der Liebe und unter Wahnvorstellungen, er singt schmachtend Schnulzen und er vergewaltigt. Maja ist das Ziel seiner Liebe und seiner Gewalttätigkeit. Nora Buzalka gibt ihr die Ambivalenz des sexy Opfers.

Das Ensemble leistet eine ganze Menge, spielend, singend und musizierend. Aber der Abend will zu viel. Vielleicht blockiert der Zaun die brutale Nähe, die in Mundruczós früherer Arbeit Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein (trotz Brechungen) zu spüren war. Wahrscheinlich aber sind es die permanenten Wechsel des Aggregatzustands, die die Gefühlstemperatur senken. Wenn am Ende die Außerirdischen am Gitter stehen und ins Publikum starren, dann sind das bloß lächerliche Theatermasken. Die Illusion hat sich ihrer Wirkkraft beraubt. Sie hat sich verfangen im Maschendrahtzaun der Mischungen.

 

Schöne Tage
von Kornél Mundruczó und Viktória Petrányi

Regie: Kornél Mundruczó, Bühne und Kostüme: Márton Ágh, Musik: János Szemenyei, Musikalische Leitung: Otto Beatus, Deutsche Texte: Orsolya Kalász, Monika Rinck, Dramaturgie: Rüdiger Bering, Viktória Petrányi.
Mit: Nora Buzalka, Angela Falkenhan, Anja Schweitzer, Torsten Bauer, Mohammad-Ali Behboudi, Sergej Lubic, Jürgen Sarkiss, Michael Witte, Klaus Zwick, Musiker: Otto Beatus, Serge Corteyn und das Ensemble.

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

Mundruczó habe mit trashigen Inszenierungen auf sich aufmerksam gemacht, in denen er Gegenwart und Dystopie miteinander kurzschließe, so Christiane Enkeler im Deutschlandfunk (14.1.2012). "Das Monströse steckt im Abseits unseres Alltags, nicht unbedingt nur im verlotterten Chaos, sondern auch in erstickender, menschenverachtender Ordnung." In Oberhausen nun bleibe Sozialkritisches "eher oberflächlich". Der Text verkomme zwischenzeitlich zum Schlager, außerdem "stakse" die deutsche Sprache. Angesichts dessen, dass es um Klimawandel, Finanzkatastrophe, verkaufte Kinder, Migrationsproblematik und zerfallenes Europa gehe, wünsche man sich, "Mundruczó hätte sich diesmal eindeutig für eine Show mit Kult-Charakter entschieden und dabei für die Kritik einen anderen Weg gefunden."

In der Welt (4.2.2012) legt Stefan Keim nach: Es liege nicht an den Schauspielern, dass an diesem Abend "so wenig Gefühl aus dem Käfig dringt." Kornél Mundruczó treibe fast jede Szene ins Extreme: "Man schreit, haut, vergewaltigt." Selbst die abstruseste Geschichte sei ernst gemeint. "Mundruczó schreibt puren Trash und hält ihn für hohe Kunst." Es sei sicher nicht richtig, solche Geschichten platt zu ironisieren und daraus eine pure Unterhaltungsnummer zu machen. In gutem Trash stecke immer großes Gefühl, Mut zu Ruppigkeit und Ekstase, ein wilder Spaß am Überdrehten. "Darin können Poesie und Ernsthaftigkeit enthalten sein." Aber Mundruczó liefere nur "ein fieses Sex-&-Crime-Spektakel, überlang und belanglos." Im Festivalgeschäft bräuchten Theatermacher wohl ein schrilles Branding, um sich als Marke erfolgreich zu verkaufen. Viele Stadttheater versuchten, da anzuschließen und lüden internationale Regisseure mit ausgeprägten Handschriften ein. "Interessante Ergebnisse sind möglich, doch die Gefahr besteht, dass es zu hippen Kurzschlüssen kommt."

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