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Erlebnistourismus im Außen-Innen-Raum

von Katrin Ullmann

Hamburg, 14. Januar 2012. Orson Welles starb, bevor er sein Projekt vollenden konnte, Terry Gilliams Vorhaben wurde von katastrophalen Drehbedingungen torpediert: Beide Regisseure wollten "Don Quijote" auf die Leinwand bringen – ohne Erfolg. Auch Stefan Puchers Version des spanischen Ritterromans droht noch vor der Premiere am Thalia Theater zu scheitern. Das Inspizientenpult ist defekt, der theaterinterne Aufnahmeleiter damit außer Gefecht gesetzt. Intendant Joachim Lux spricht ein paar erklärende Worte vor dem Eisernen Vorhang, bittet um Verständnis, warnt vor etwaigen technischen Ungenauigkeiten und lässt die Vorstellung (dennoch) beginnen. Und sie scheitert nicht. Dass hinter den Kulissen während der folgenden zwei Stunden ein organisatorisches Meisterwerk stattfindet, muss man sich regelmäßig in Erinnerung rufen, denn auf der Bühne dreht und flimmert es ungemein bunt und reibungslos.

Insekt, Ufo, Bienenwabe?
Barbara Ehnes hat ein höchst eigenartiges und absolut bemerkenswertes Bühnenbild entworfen. Seine bizarre geometrische Form erinnert an landläufige Ufo-Darstellungen. Es könnte aber auch eine überdimensionale Bienenwabe, ein kubistisches Haus oder ein riesiges Insekt sein, das hier zwischengelandet ist. Drumherum winden sich Ecken, Kanten, Nischen und Treppen. Helles Holz wechselt sich ab mit Glas- Licht- und Spiegelflächen. Das Bühnenbild wirkt zunächst sperrig, seine Ästhetik befremdlich. Und doch erweist es sich im Laufe des Abends mehr und mehr als eine wundervolle, absolut spielfreudige Fläche. Es ist ein klug konstruierter, sich drehender Außen-Innen-Raum, der sowohl die wiederkehrenden, kunstvoll-charmanten Videoprojektionen von Chris Kondek trägt als auch die beiden Musiker Carsten "Erobique" Meyer und Ben Schadow. Diese thronen in glitzernden Mariachi-Kostümen samt Sombrero (Kostüme: Annabelle Witt) auf der Bühne.

Stefan Pucher inszeniert auf Ehnes' Schauplatz eine assoziative Textcollage: Fünf Autoren – Jörg Albrecht, Diedrich Diederichsen, Roland Schimmelpfennig, Ginka Steinwachs und Juli Zeh – waren aufgerufen für die Inszenierung Beiträge zu schreiben. Was dabei herausgekommen ist, ist mal humoristisch, mal analytisch, mal kritisch, mal lyrisch, mal plump. Die Texte bilden die Bausteine für diesen "Trip zwischen Welten", umrahmen Cervantes' literarische Reise in die Mancha, begleiten Jens Harzer als Don Quijote und Bruno Cathomas als seinen Knappen Sancho Panza. Der lange Dünne und der kleine Dicke. Sie erinnern ein bisschen an Stan Laurel & Oliver Hardy. Blechklappernd zappeln sie die Bühne entlang, stolpern, fallen und rutschen, der eine voraus, der andere hinterher.

Kühnes Herz, stolze Stirn
Traumverloren und immer ein kleines bisschen dem Wahnsinn zugewandt erzählt Jens Harzers Quijote von seinen ritterlichen Tugenden, von seinem "kühnen Herzen und seiner stolzen Stirn", von seinen Plänen und Zielen, vom Zauber der Anti-Realität, vom Abenteuergeist und vom Kampf gegen die Windmühlen der Einbildungskraft, vom Erlebnistourismus und der Erholung des Meeres. Dazwischen kommentiert der weit bodenständigere Bruno Cathomas als Sancho Panza, schaltet sich die salonfähige Musik von "Erobique" und wird– basierend auf den Autorenbeiträgen – der ein oder andere Monolog vorgetragen. Einigen dieser Beiträge hätte eine Kürzung sehr geholfen, denn allzu ausufernd werden da wenig kuriose Fälle von gegenwärtigem Realitätsverlust beschrieben oder mögliche Bedeutungsebenen und Analysen des Textes gelistet. Ganz weit vorne sind jedoch der Auftritt von Gabriela Maria Schmeide, die sich als Vertreterin einer Anti-Windkraft-Initiative im Opernformat ereifert und die fulminante Gedichtwut, die aus Bruno Cathomas hervorbricht.

Stefan Pucher gelingt ein sehr assoziativer, sinnlicher Abend, der Video, Musik und Schauspiel zu einem geschmeidigen Gesamtkunstwerk vereint. Mit Westernromantik, fliegenden Pferden und großartigen Schauspielern. Textlich fehlen leider die Spitzen und Kanten, die Provokationen und die Überraschungen. Das wiederum ist ein bisschen schade.

 

Quijote. Trip zwischen Welten
Ein Projekt nach Miguel de Cervantes, mit Texten von Jörg Albrecht, Diedrich Diederichsen, Roland Schimmelpfennig, Ginka Steinwachs, Juli Zeh u.a.
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Video: Chris Kondek, Musik: Carsten "Erobique" Meyer, Dramaturgie: Sandra Küpper.
Mit: Bruno Cathomas, Jens Harzer, Daniel Lommatsch, Gabriela Maria Schmeide, Birte Schnölnk, Patrycia Ziolkowska.

www.thalia-theater.de


Mehr Don Quijote-Anverwandlungen? 2010 inszenierte Daniel Pfluger ihn im schweizerischen Solothurn, grell wurde es 2009 bei Claudia Bauer in Magdeburg, in Oldenburg weitete Marc Becker mit Quijote und Sancho Pansa die Vorstellung der Welt, und eher kindergeburtstaglich ging es in Frankfurt bei Simon Solberg zu.


Kritikenrundschau

Begeistert ist Stefan Grund in der Welt (16.1.2012) von diesem Abend. "Der begnadete Jens 'Kopf' Harzer als Don Quijote und umwerfende Bruno 'Bauch' Cathomas als Sancho Panza durchlitten ein hin- und mitreißendes Multimedia-Performance-Abenteuer." Pucher habe "erneut Theater als Designerdroge" geschaffen: "berauschend schön" und mit einer Wirkungsspanne von "ästhetischer Bewusstseinserweiterung über kalkulierten Wirklichkeitsverlust bis hin zu lyrischer Euphorie". Die beiden "großen Fantasten" Quichote/Pansa zeigten, "wie der Wahn sich in der Realität Bahn bricht". Frei nach Gerhard Richter laufe das Stück auf eine radikale Künstlerapotheose hinaus: "'Nachdem es keine Priester und keine Philosophen mehr gibt, sind die Künstler die wichtigsten Leute auf der Welt'".

Einen "Ritter von bezaubernder Gestalt" feiert auch Annette Stiekele in ihrer Kurzkritik für das Hamburger Abendblatt (16.1.2012). "Klug hat Pucher den Cervantes-Text um einige Auftragsarbeiten von Diedrich Diederichsen, Roland Schimmelpfennig oder Juli Zeh ergänzt." Das Duo Hartzer/Cathomas überzeuge in den Rollen von Don Quichote, dem "das Ideal des Guten aus jeder Pore quillt", und Sancho Pansa. "Quijote" werde "als gelebte Metapher des fahrenden Ritters in universeller Mission greifbar" und Pucher erweise sich einmal mehr als "Könner eruptierender Visionen", der die Figuren alle "Attribute des 'Wahns' ausleben" lasse.

Eine Doppelbesprechung über "zwei der größten Schwärmer der Literaturgeschichte", nämlich Don Quichotte und Jay Gatsby, verfasst Till Briegleb von der Süddeutschen Zeitung (18.1.2012). Über Puchers Umsetzung des "Don Quichotte" schreibt er ausführlicher: Pucher habe mit seiner Textcollage ein "Interpretations-Experiment" eröffnet und auf einer "wirklich trickreichen Drehbühne mit diversen Spiegel- und Projektionsflächen" in Szene gesetzt. "Das ist ästhetisch beeindruckend, wirklich moderne Unterhaltung und mit einer Schlagzahl arrangiert, dass Langeweile nicht aufkommen kann." Allerdings würden die "Schönheit des Staunens und die Witzigkeit" nicht verdecken, "wie das System vieler extrem unterschiedlicher Texte mögliche Gedankenstränge letztlich hilflos zerfleddert." Dank dem Duo Harzer/Cathomas fällt das Ergebnis aber positiv aus, weil die beiden "Cervantes' Atmosphäre so gegenwärtig zu spielen, dass der mangelnde Zusammenhang dieses Abends egal wird".

 
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