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Der Lockruf der Geldkritik

von Susanne Zaun

Frankfurt am Main, 17. Januar 2012. Die Inszenierungen von Klaus Gehre sind ein bisschen wie kunstvoll gewirkte Wundertüten: Man kann vor dem Öffnen vielleicht schon ungefähr erahnen, was sich darin verbergen mag, ist aber immer wieder erstaunt über die kleinen Details und Kniffe in der Verarbeitung.

Mit zwei kongenialen Bearbeitungen der Kultkrimis von Wolf Haas um den kauzigen Kommissar Brenner hat Gehre in den vergangenen beiden Spielzeiten das Herz des Frankfurter Publikums im Sturm erobert – und das ganz ohne großes Tamtam, sondern mit Modellbauteilen und viel Pappmaché, einer Live-Kamera und der Charmeoffensive von Schauspieler Torben Kessler und Musiker Michael Lohmann.

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Lieber Absteigen, Cowboy!
© Klaus Gehre

Männer in der Puppenstube

Nun meldet sich das Dreiergespann zurück. Nicht nur das Team ist vielversprechend auch der Titel – "Wenn du merkst, dass dein Pferd tot ist, dann steig ab" – stimmt schon im Vorhinein vergnüglich, so dass man die stickige Luft in der Box des Schauspiel Frankfurt gerne in Kauf nimmt. Gehre hat die Messlatte mit seinen beiden fulminanten Brenner-Inszenierungen sehr hoch angelegt, und auch das auf der Homepage des Schauspiels angedeutete Thema der Kapitalismuskritik lässt wieder auf feine Gemeinheiten hoffen.

Aber Schritt für Schritt: Die Bühne wirkt wie eine chaotisch geordnete Puppenstube für große Jungs: etwas undefiniertes Gerümpel, Kleider auf einer Stange. Links, fast ein bisschen abseits und schüchtern, Lohmann an der Gitarre, rechts Gehre selbst an der Kamera, vor ihm ein Tisch mit kleinen Kostbarkeiten, die er live abfilmt und projiziert, und in der Mitte Kessler im Cowboyoutfit samt Sattel, den er über das Gestell eines Drehstuhls geschwungen hat.

The Taste of Cassidy Whiskey

Das Publikum wird von ihm mit markigen Sprüchen im Stile einer Whiskey-Werbung empfangen: "Remember the kiss of your lifetime and you already know the taste of Cassidy Whiskey!" Genüsslich haut Kessler eine Plattitüde nach der anderen heraus, und seine diebische Freude über jede noch so schiefe Idee der Werbetexter überträgt sich sofort. Aus Papier gebastelte Kakteen ziehen auf der Leinwand im Hintergrund vorbei, die Live-Musik sorgt zusätzlich für die richtige Westernstimmung.

So weit, so charmant. In einen guten Dreiviertelstunde bleibt Gehre dem Western-Motiv treu, reichert es aber mit etwas Ritterromantik und zeitgenössischen Bezügen an: Kessler ist mal Butch Cassidy und mal der Sundance Kid: Gemeinsam streiten sie sich um eine Frau. Mal verkörpert er die Frau selbst, dann schlüpft er in die Rolle des Ritters Kunibert, der seiner Geliebten den Zusammenhang von Geld bzw. Gold und Freiheit erklären möchte. Der rote Faden der Inszenierung ist der Warencharakter der Liebe und ihr Verhältnis zum Konsum: "Erst dann kannst du über so etwas wie romantische Liebe nachdenken, wenn Du nicht mehr übers Geld nachdenken musst."

Unentfremdete Arbeit

Das kommt nicht nur angesichts der Theorieschlachten eines René Pollesch, die mehr als nur eine Stufe im Diskurs weiter gehen, ein bisschen brav und altmodisch daher. Was nämlich fehlt bei dieser heiteren und sehr unterhaltsamen Collage, ist das Böse und Abgründige, aber auch das wirklich Kritische. Hier wird dem Kapitalismus eben nicht, wie es der Ankündigungstext verspricht, der Garaus gemacht, genau genommen wird er nicht einmal richtig angepiekst. Zumindest nicht auf dramaturgischer oder inhaltlicher Ebene des Stückes; auf produktionsästhetischer schon eher.

Selten sieht man auf deutschen Stadttheaterbühnen Arbeiten, deren "Produkt" so wenig entfremdet scheint von den Machern. Der handgemachte Charme der Inszenierung ist viel zu verspielt und eigen, um modisch zu sein, und das macht ihre Stärke aus, hebt sie hervor zwischen der gefälligen Konfektionsware. Und dennoch: Wenn Torben Kessler nach gut einer Dreiviertelstunde dem Sonnenuntergang entgegen reitet, bleibt das leicht unbefriedigende Gefühl zurück, dass hier noch nicht alles Potential ausgeschöpft und lediglich sachte an der Oberfläche eines Themas gekratzt wurde, dessen Untiefen noch zu erforschen sind.

Einige Bilder aber bleiben hängen: Etwa Kessler als Butch Cassidy Hand in Hand mit dem Sundance Kid alias Barbies Ken. Kessler und der kleine Puppenmann wie sie in Zeitlupe eine Klippe hinunterspringen . Das ist ebenso witzig wie rührend in Szene gesetzt; effektvoller Minimalismus, der Lust macht auf mehr. Gerne möchte man die Jungs bald wieder in ihrer Puppenstube besuchen. Ein bisschen mehr Biss darf dann ruhig auch wieder mit dabei sein.


Wenn du merkst, dass dein Pferd tot ist, dann steig ab (UA)
Video-Live-Performance von Klaus Gehre
Regie/Bühne/Video/Text: Klaus Gehre, Musik/Sound: Michael Lohmann, Mitarbeit Kostüm: Laura Robert.
Mit: Torben Kessler.

www.schauspielfrankfurt.de


Hier geht's zur Nachtkritik über die Wolf-Haas-Inszenierung Komm, süßer Tod vom Trio Gehre/Kessler/Lohmann. Mehr über Klaus Gehres Arbeiten finden Sie im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Als Solodarsteller habe es Torben Kessler in "Wenn du merkst..." einigermaßen schwer mit dem Pathos der Filmvorlage, schreibt dek in der Frankfurter Neuen Presse (19.1.2012). So triumphierten bei Gehre "Ironie und 'arme' Regiemittel als Stilprinzip". Das setze Kessler "souverän um und durchwebt es in den Ritter-Kunibert-Passagen so intellektuell mit Reflexionen über Gold, Glück und Liebe, dass ihm und den Machern eine kurios philosophische Western-Anverwandlung in und an den Geist Frankfurts glückt". Das sei zwar "kein großer Wurf, aber: charmant gemacht".

Dieses neueste "Theaterstündchen" von Gehre ist laut Judith von Sternburg (Frankfurter Rundschau, 19.1.2012) "nicht weise, sondern der reinste Jungs- und Bossler-Streich" und kombiniere dabei "gleich zwei beliebte Kinderspiel-Sphären, den Wilden Westen und das Mittelalter". Dabei führe "Wenn du merkst..." "ausgerechnet in diesen Tagen den Nachweis, wie ungemein praktisch Geld gegenüber Folg ist. Und wie uns genau das hineingeritten hat ins Unglück". Alles bleibe hier "federleicht" und "will nicht anders und schon gar nicht klüger sein".

 
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