altSpiel mit Street Credibility

von Thomas Askan Vierich

Wien, 18. Januar 2012. Immer wieder fallen sie aus der Rolle. Und das ist nicht gerade einfach: als Schauspieler spielen, dass man ein Schauspieler ist. Noch dazu, wenn man eigentlich einen Schüler mit Migrationshintergrund und schlechtem Deutsch spielt. Doch das machen sie gut, die Schauspieler der Wiener new space company, von denen drei noch an Schauspielschulen studieren. Mit der österreichischen Erstaufführung des Berliner Erfolgsstücks "Verrücktes Blut" von Nurkan Erpulat und Jens Hillje eröffnet die Garage X die zweite Runde ihrer Projektreihe zu "Postmigrantischen Positionen". Und das passt.

Pistolenterror. Karin Yoko Jochum hält als Lehrerin ihre Schüler in Schach. © Yasmina HaddadPistolenterror. Karin Yoko Jochum hält als Lehrerin ihre Schüler in Schach.
© Yasmina Haddad

Terror im Klassenzimmer. Studienrätin Sonia Kelich (Karin Yoko Jochum) ist überfordert. Niemand will ihre gelben Reclamheftchen lesen. Niemand interessiert sich für Friedrich Schiller. Obwohl "Die Räuber" doch der richtige Stoff für pubertierende Rabauken sein müsste. Doch Hasan, Ferit, Khadija, Musa, Bastian, Lajla und Hakim, allesamt junge Menschen mit "Migrationshintergrund", haben keinen Bock auf Schule.

Pistolenpädagogik

Dann fällt bei einem Streit eine Pistole auf den Boden. Alle stürzen sich drauf, doch Frau Kelich ist die schnellste. Als sie in die Decke schießt, ist klar, wer jetzt Chefin im Klassenzimmer ist. Sie zwingt ihre Schülerinnen und Schüler mit vorgehaltener Pistole dazu, Schillerszenen zu spielen. Erst machen sie widerstrebend mit, stottern ihren Text in schlechtem Deutsch. Doch dann finden sie Gefallen an ihrer Rolle, pfeffern das Reclamheftchen in die Ecke und werden zu taffen Räuberhauptmännern oder sich emanzipierenden Jungfrauen. Am Ende sagt Hasan: "Das Einzige was an dieser Schule funktioniert, ist die Bühne. Wir spielen Theater. Aber was wird aus mir, wenn das hier vorbei ist? Ein echter Erfolgskanake? Wie viele Erfolgskanaken erträgt dieses Land? Außerdem bin ich gar kein Kanake, meine Mutter ist Italienerin." Dann redet er auf Italienisch weiter.

Damit ist Paul Busa als Hasan ein weiteres Mal sehr überzeugend aus der Rolle gefallen. Im Dienst von "Postmigrantischen Positionen". Diese Inszenierung ist mehr als ein Stück zur "Sarrazin-Debatte", mehr als ein Stück über Xenophobie oder das vermeintliche Machogehabe von Migrantenkinder. Es zeigt, dass wir eigentlich schon viel weiter sind. Sein müssten. Alle Aspekte dieser Diskussion kommen vor: die Kopftuchdebatte, die Doppelmoral islamischer Männer, Ehrenmorde, die Einforderung von Respekt von Leuten, die selbst am wenigsten Respekt zeigen. Das Meiste davon brüllt die Lehrerin ihren Schülern mit gezückter Pistole ins Gesicht. Was ihre Aussagen natürlich in ein zweifelhaftes Licht stellt. Trotzdem könnte sie recht haben.

Raus aus der Opferrolle, rein in die Theaterrolle

Vor allem, als sie ihren Schülern beizubringen versucht, dass sie aus ihrer Opferrolle herauskommen müssen. Hier kommen die Schiller-Texte ins Spiel. Darin geht es um Emanzipation, Selbstbehauptung. Das erleben die Schüler, wenn sie die Szenen spielen. Deshalb fallen sie aus der Rolle in die Theaterrolle. Und am Ende zeigen sie, dass sich Migranten längst nicht (mehr) auf ihre Rolle als Migranten reduzieren lassen wollen.

verruecktes blut2 280 yasmina haddad uMit Schiller aus der Rolle in die Rolle.
© Yasmina Haddad

Die österreichische Lehrerin im Tweedkostüm entpuppt sich als "Türkin". "Krass, wenn Sie das früher gesagt hätten", sagt Hakim, der "Araber". Lehrerin: "Was dann?" Hakim: "Keine Ahnung, aber..." Lehrerin: "Was dann? Egal." Vielleicht ist sie Japanerin? Bayrisch kann Karin Yoko Jochum jedenfalls auch. Musa spricht Ferit auf Türkisch an. Der zieht seine Rapper-Mütze runter und sagt: "Ich bin Russe." So sieht er jetzt mit rasiertem Schädel auch aus. Der Schauspieler Oktay Günes aber ist Türke. Oder doch Wiener? Jedenfalls singt er zusammen mit den anderen zwischen den Akten sehr überzeugend österreichisches Liedgut. In Mundart.

Das schöne Wort "Vernumft"

Es ist erstaunlich, mit wie wenig Aufwand wie viel an aktueller Problematik in knapp zwei Stunden thematisiert werden kann. Die ganze Zeit sieht man als Bühne das gleiche dröge Klassenzimmer. Mehr braucht Regisseur Volker Schmidt nicht. Außer der silbernen Pistole als "deus ex machina"-Requisit. Seine jungen Schauspieler agieren durchweg glaubwürdig – ohne ihnen zu nahe treten zu wollen: sozusagen mit "Street Credibility". Das liegt auch an den Kostümen von Julia Eisenburger: Von der satinglänzenden Jogginghose bis zur protzig-billigen Handtasche stimmt jedes Detail, ohne dass dabei übertrieben würde.

Geradezu anrührend grotesk wird es, wenn Oktay Günes als Ferit unter Tränen der Angst Schiller rezitieren muss – und ihm die Lehrerin die deutsche Aussprache korrigiert. "Wer soll euch denn glauben, dass ihr keine Affen seid", schreit sie ihn an. "Wenn ihr nicht mal dieses deutsche Wort richtig aussprechen könnt: Vernunft." "Vernumft", nuschelt Ferit. Das ist witzig und berührend zugleich.

Dieser Theaterabend hätte, wie so viele mit tagesaktueller Thematik, kopfschwer, aufgesetzt oder klischeebeladen werden können. Dass er das Gegenteil ist, liegt am stimmigen Text, der unaufgeregten Inszenierung und den locker auf der Bühne Agierenden. Für vertiefende Diskussionen zum Kopftuchverbot kann man sich ja immer noch auf einen Döner zusammensetzen.

 

Verrücktes Blut (ÖEA)
von Nurkan Erpulat und Jens Hillje, frei nach dem Film "La Journée de la Jupe" (Jean-Paul Lilienfeld)
Regie und Raumkonzept: Volker Schmidt, Kostüm: Julia Eisenburger, Musikalische Leitung: Ossy Pardeller.
Mit: Paul Brusa, Oktay Günes, Karin Yoko Jochum, Nancy Mensah-Offei, Mustafa Kara, Benjamin Muth, Sandra Selimovic, Khaled Sharaf El Din.

www.garage-x.at

 

Nurkan Erpulats Inszenierung von Verrücktes Blut feierte bei der Ruhrtriennale Premiere, wanderte dann ans Berliner Ballhaus Naunynstraße und danach weiter zum Theatertreffen und den Mülheimer Theatertagen. Eingeladen wurde es außerdem u.a. zum KJT-Festival "Augenblick Mal!" (wollte aber nicht hin) und zum Festival Radikal Jung in München. Und nachgespielt wurde es in dieser Saison auch schon, nämlich in Braunschweig.

 

Kritikenrundschau

"Der schillernde Text ist ein echter Anti-Sarrazin. Er macht Schluss mit einer Reihe von Dominanzvorstellungen, wie sie hier-, aber auch andernorts durch leitkulturell verseuchte Gehirne spuken", schreibt Ronald Pohl im Standard (20.1.2012), "immer, wenn man glaubt, Verrücktes Blut mache es sich im Konsensbereich gemütlich und werfe mit Ghetto-Kids-Klischees nur so um sich, biegt der Text schon wieder um die nächste Ecke." Die feine Inszenierung von Volker Schmidt beherberge "ein paar eindrucksvolle Typen, die sich auch für die Intonation kerniger Volkslieder nicht zu gut sind: voran Mustafa Kara als kleinkrimineller Wohnsilo-Mafioso, dem wie seinen Mitschülern das "Schlampe"-Sagen gründlich ausgetrieben wird." Und die Frau Lehrerin durchlaufe ihrerseits ein pädagogisches Programm, in dem sich Selbstgewissheit mit dem Jammer der Überforderung paare.

Das Stück sei ein Stoff, aus dem Erfolge sind, und "Regisseur Schmidt tut dem vor politischer Korrektheit triefenden Drama gut", lobt Michaela Mottinger in der Presse (20.2.2012). "Lustvoll dekonstruiert er vermeintlich klare Identitäten (die in Ghana geborene Nancy Mensah-Offei etwa tritt aus der Rolle und erklärt in breitem Oberösterreichisch, dass sie nicht den 'Problemschoko' spielen will). Er lässt seine 'Türkenmachos' Oktay Günes und Mustafa Kara Heimatlieder singen ('Fein sein, beinander bleiben') – und knickt so Erpulats erhobenen Zeigefinger."

 

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