altLiebe ist (k)ein Buchstabenspiel

von Grete Götze

Frankfurt am Main, 20. Januar 2012. Eine Inszenierung von Lars Noréns Stück "Liebesspiel" könnte so beginnen: Zwei frisch Verliebte fallen übereinander her, lieben sich heftig, rollen zusammen über die Bühne, schließlich haben sie miteinander eine verbotene Affaire, und beginnen zu reden.

Eine Inszenierung von Lars Noréns Stück "Liebesspiel" könnte auch so beginnen: Zwei unverkleidete Schauspieler sitzen an einem Tisch und beginnen mit verteilten Rollen, den Text zu lesen. Dies würde der Tatsache gerecht werden, dass der Autor keine Figuren, sondern Buchstaben sprechen lässt.

Schwanger von Mann C

In den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt lässt Alexander Frank seine Inszenierung des Stücks so beginnen: Ein kleiner Junge in einem Tierumhang stellt sich vor das Publikum und fährt seine Finger zu Krallen aus. Dann klettert er in ein Baumhaus, das auf der Bühne steht, und dann liegen Andreas Uhse und Constanze Becker statisch einander zudrapiert auf einer aufsteigenden Bretterbühne und beginnen zu reden.

Bei Lars Norén sind es Mann C und Frau B, die zu reden beginnen. Frau B ist schon lange mit Mann A zusammen, mit dem sie das Kind Elias hat, und Mann C mit Frau D. Frau D wünscht sich ein Kind mit Mann C und bekommt partout keines, dann adoptieren sie eines, das stirbt, und dann ist das Buchstabenpaar keines mehr. Auch beim anderen Buchstabenpaar kriselt es, Frau B hat ja die Affaire mit Mann C, zieht aus, wird von Mann C schwanger, treibt ab und will schließlich eine Therapie mit dem alten Buchstabenmann A beginnen.

liebesspiel 560 birgithupfeld uBuchstabenfrau liebt Buchstabenmann  (Andreas Uhse und Constanze Becker)  ©  Birgit Hupfeld

"Liebesspiel", 2010 am Stockholmer Theater Dramaten uraufgeführt, ist ein Stück über das Scheitern von Beziehungen. Wie so häufig schreibt der schwedische Autor vier Figuren in sein Stück hinein. Und weil es eine übergeordnete Bedeutung haben soll, die nicht nur die Gefühle von vier bestimmten Personen widerspiegelt, sondern paradigmatisch für Beziehungen von heute stehen soll, haben die vier Figuren A, B, C und D keine Namen. Sie haben auch keine Berufe und keine Vorgeschichte, sie gehen immer nur "nach Hause", über das man auch nichts erfährt.

" ... als hätte ich keine Haut mehr."

Auf 62 Seiten führen die Buchstaben-Paare Dialoge miteinander, in denen das Scheitern ihrer Beziehungen deutlich wird: "Ist es, weil wir gestern nicht miteinander geschlafen haben?", fragt Constanze Becker vor der Trennung. "Es fühlt sich an, als hätte ich keine Haut mehr", sagt sie nach der Trennung. Warum die Beziehungen scheitern, wird nicht erklärt, lediglich die Fährte des unerfüllten Kinderwunsches wird gelegt.

Alexander Frank führt die Schlichtheit des Textes mit seiner Inszenierung fort. Zwar stellt er Schauspieler aus Fleisch und Blut auf die Bühne. Aber er lässt sie nicht ihre Persönlichkeit erklären. Das gibt der Text zwar auch spontan nicht her, aber Frank fordert ihn auch nicht heraus. Das eine unglückliche Paar spricht miteinander – wunderbar, wie die stolze Constanze Becker zusammengesunken und mit gequältem Gewissen auf der Couch sitzt und sich ihre Rollen unter ihrem roten Kleid abzeichnen, während sie das Ende ihrer Beziehung auf ihren Schuhspitzen zu erkennen scheint. Dann geht das Licht aus, dann spricht das andere unglückliche Paar miteinander.

Oberfläche ohne Kratzer

Das ist manchmal komisch, meistens traurig und insgesamt unterhaltsam. 23 Mal geht das so, auf unterschiedlichen Zeitebenen. Am Ende sitzen alle zusammen auf der Couch, und der Junge, der eineinhalb Stunden fast ständig im Baumhaus gesessen hat, macht hinter ihnen "Buh"!

Aber was soll es uns sagen? Dass Beziehungen schwierig sind? Dass es furchtbar ist, ein Kind zu verlieren? Dass Kinder besonders unter der Trennung leiden? Dass Norén in der düsteren schwedischen Tradition Strindbergs mit wenigen Worten Beziehungshöllen zeichnen kann, was er schon mit seinen Stücken "Dämonen" und "Nachtwache" unter Beweis stellte? Das wissen wir doch! Über die Arbeitsweise von Norén, einem der meistgespielten zeitgenössischen Dramatiker, stand schon 1986 in der "Zeit", dass er menschliche Versuchsreihen anlegt. Die Inszenierung bringt sie gekonnt und wenig überraschend auf die Bühne. Die Schauspieler sind gut, der Zuschauer kann sich in den Dialogen wieder finden, aber am Ende bleibt kein Widerhaken auf der Oberfläche der modernen Beziehungen. Vielleicht ist es das, was wir merken sollen. Dann wäre es gut.

 

Liebesspiel (DSEA)
von Lars Norén
Deutsch von Katja Hagedorn
Regie: Alexander Frank, Bühne: David Gonter, Kostüm: Dorothee Joisten, Musik: Dorothee Joisten, Licht: Jan Walther, Dramaturgie: Nora Khuon.
Mit: Till Weinheimer, Constanze Becker, Andreas Uhse, Birte Leest.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Mehr Lars Norén? An der Berliner Schaubühne inszenierte im März 2010 Thomas Ostermeier mit Dämonen ein anderes trauriges Liebesspiel.


Kritikenrundschau

Das anfängliche Gefühl, mit diesem psychologischen Drama "einer Antiquiertheit beizuwohnen" verliert Dieter Bartetzko von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.1.2012) im Laufe dieser Aufführung. Zwar verweigere Norén seinen Figuren "jeden bedeutungsvollen Satz, jede Spur von Erkenntnis" und schaffe "eine Endlosspirale aus jedermanns Banalität und Passivität". Doch merke man langsam, "wie gefährlich nahe unser aller Alltag diesen Musterfiguren ist". Mit zunehmender "Souveränität" würden die Schauspieler ihre Rollen entwickeln. Vor allem "das stumme, enorm konzentrierte Spiel des Jungen Julian Kowalke-Jeri" wird herausgehoben. "Diskret eindringliche Details" streue "der junge Regisseur Alexander Frank", und "gänzlich" verzichte er auf "die gerade in Frankfurt inzwischen oft die Schmerzgrenze überschreitenden grellen Effekte". So entstehe eine "leise Inszenierung, in Spiel und Bühne auf das Wesentliche beschränkt. Sie wühlt nicht auf, aber weckt Nachdenken."

An Schnitzlers "Reigen" fühlt sich Sylvia Staude von der Frankfurter Rundschau (23.1.2012) beim neuen Stück von Norén erinnert, das wie andere Werke dieses Autors unter der Überschrift "Die große Desillusion" stehen könnte. Dass Regisseur Frank nicht "den Regieeinfalle nach vorne schiebt", sei für dieses Stück gut. Auf der sparsam ausgestatteten, abschüssigen Bühne wird – den Beschreibungen nach – diskret und unaufbrausend gespielt, was dem Stück angemessen sei, denn "abgesehen von einer Abtreibung tut keiner keinem Gewalt an".

"Hassliebe und Seelenschlachten, scheiternde Ehen und tote Mütter, Affären und vernachlässigte Kinder, Kindersegen und seelische Unfruchtbarkeit, gespenstische Risse im Normalen und Psychiatrie, versaute Welt und ödipale Muster." All diese Motive durchzögen das Oeuvre von Lars Norén, schreibt Marcus Hladek in der Frankfurter Neuen Presse (23.1.2012). "So inkonsistent sind Menschen: ein Kuddelmuddel der Liebesspiele", beschreibt der Kritiker die Lebensnähe dieser Dramatik. "Nordisch streng? Gewiss. Vor allem aber ein kühles Kammerspiel von Graden."

Als "ist vollends frei von Überraschungen" empfindet Stefan Michalzik in der Offenbach-Post (23.1.2012) diese Drama von Lars Norén und seine Umsetzung durch Alexander Frank. Nicht, weil es ästhetisch dürftig wäre, sondern: "Man kennt das alles schließlich gut. Von diesem Autoren, aus dem eigenen Leben." Auch wenn Noréns Figuren "(f)ast schon klischeehaft" angelegt seien, erschienen sie nicht "abgeschmackt". Frank mache in seiner Inszenierung "nicht zu viel und nicht zu wenig". Seine Akteure agierten "in diesem Konzert der Dissonanzen durchweg großartig. Da sind Dinge, Tonfälle und Gesten akzentuiert und auch mal pointiert, aber nie überzeichnet."

Regisseur Alexander Frank stelle das Kind, über das bei Norén nur geredet werde, tatsächlich auf die karge Bühne der Frankfurter Kammerspiele, ein immerwährendes Menetekel, und buchstabiere den Text brav durch, schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (26.1.2012). "Unfertig und scheu wirkt die Aufführung, die Schauspieler stieben auseinander": Till Weinheimer werfe sich mit emotionaler Emphase auf seine Figuren, Andreas Uhse spiele, als denke er die ganze Zeit an etwas anders, die beiden Damen bewegten sich zwischen diesen Extremen. "Der Erkenntniswert des Abends fällt hinter den eines jeden Gesprächs zurück, das man mit einem sich gerade trennenden Paar führt, das Publikum indes, bestehend aus Frankfurter Bürgerpaaren, freut sich."

Jan Küveler findet in der Welt (4.2.2012): Die Bühnen-Bohlen seien "nur halb so hölzern und holprig wie die Dialoge, die der schwedische Dramatiker Lars Norén seinen Figurensurrogaten auf den Astralleib geschrieben hat." Man könne nicht sagen, dass Alexander Frank, der auf den Bohlen seine ersten Regieschritte mache, an dem Stück scheitere. "Es gelingt ihm nur auch nicht, es zu retten, gewissermaßen seiner Grätigkeit etwas Filet hinzuzufügen." Die allumfassende Trostlosigkeit, in der sich selbst Seitensprungekstasen wie Depression ausnähmen, sei schauspielerisch versiert geschmiert. "Aber anderthalb Stunden Mayonnaise, Herr Norén, das geht doch nicht. Nächstes Mal den Fisch bitte vorher auftauen!"

 
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