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Es lebe der Sport

von André Mumot

Hannover, 21 Januar 2012. Es scheint eine Gemeinsamkeit zu geben zwischen dem Theater und den Reden, die Trainer vor Spielbeginn für ihre Mannschaften halten. Für beides braucht man manchmal sehr viel Geduld. An diesem Abend jedenfalls spricht Agamemnon, Feldherr der Griechen, über die Moral der Truppe und trägt nur ein Handtuch um den Bauch. Es zieht sich, dieses Tasten nach dem motivierenden Ton, und Christoph Müller, der den mythologischen Giganten (ganz wunderbar) mit angeschlagener Vereinswürde und grimmiger Hilflosigkeit gibt, hängt an die meisten Sätze noch ein strammes, zustimmungsbedürftiges: "Ne?"

Aber als hätte all das nicht schon lange genug gedauert, kommt auch noch Vize-Kapitän Odysseus (Wolf Bachofner) zum Zug und erklärt, warum das Beachten der Hierarchie so wichtig ist. Eine berühmte, ausgefeilt blumige Shakespeare-Rede, die aber selbst für dessen Verhältnisse geradezu endlos ausgefallen ist. Man kann also nachvollziehen, dass die Mannschaft, an die sich die Suada richtet und die zwischen ihren Sporttaschen und auf dem Mattenwagen hockt, ganz albern wird und lachen muss und gar nicht wirklich zuhört.

Kurz romantisch aufatmen

Für das Junge Schauspiel Hannover hat Jürgen-Gosch-Intimus Thomas Dannemann Shakespeares trostlos verbitterte Kriegskomödie "Troilus und Cressida" in eine urdeutsche Turn- und Sporthalle verlegt, in deren Schweiß und Gummisohlenatmosphäre sich Griechen und Trojaner als austauschbare Gegner belauern, anpöbeln, provozieren und, wenn's passt, bierselig verbrüdern. Aus dem Narren, der all das mit misanthropischer Galle betrachtet und kommentiert, wird dementsprechend der Hallenwart (Martin Horn) – ein angewiderter Burn-Out-Hausmeister, der feststellt, dass nichts anderes in Mode kommt als "Krieg und Geilheit".troilus 560 katrinribbe uKriegs-Workout – egal ob Grieche oder Trojaner © Katrin Ribbe

In diesen ewig menschlichen, ewig männlichen Moloch des Schlachtfeld- und Spielfeldrandes setzen Stück und Regie ein zuckersüß verliebtes Pärchen. Aus dem Heißsporn Troilus (Camill Jammal) und der nur anfangs spröden Cressida (Elisabeth Hoppe) hat Shakespeare seinerzeit (so um 1602 muss es wohl gewesen sein) Titelhelden gemacht, nur um sie in den Szenen von der Belagerung Trojas weitmöglichst an den Rand zu treiben, ihre leidenschaftlichen Gefühle von der lächerlichen Eitelkeit und Großmannssucht der Kriegsführenden an die Wand spielen und zertrümmern zu lassen. Ihr juveniles Werben umeinander, mit hochkomischen Enthusiasmus begleitet von Kuppler Pandarus (Rainer Frank), sorgt auch in Hannover für ein romantisches Aufatmen, ist dann aber auch rasch wieder vorbei. Diese Liebesgeschichte hält keinerlei retardierendes Moment aus, ist in ihrer Instabilität provozierend realistisch.

Abtauchen ins Ekel-Proletariat

Insofern trifft es sich gut, dass Thomas Dannemann ein bemerkenswertes Händchen hat für das naturalistische Abbilden stereotyper Verhaltensweisen – unter Männern. Dieser Sportstück-Abend, der langsam aber sicher auf beinahe vier Stunden Länge anschwillt, versteht sich als ausgiebige Vorführung maskulinen Imponiergehabes, maskuliner Sentimentalität und Gewaltbereitschaft. Der alte Text wird ohne allzu viel Raffung von einer hoch motivierten Mannschaft mit angenehmer Präzision aufgeführt, während zugleich sehr amüsant und treffend draufloskarikiert wird. Helena (Katja Gaudard), um deren Besitz dieser sinnlose Krieg geführt wird, kommt als verhärmte Cheerleaderin auf Rollschuhen vorbei, Kraftmensch Hektor (Sebastian Schindegger) und der unterbelichtete Vollprolet Ajax (Andreas Schlager) gehen einander als lächerliche Sumoringer an die Unterwäsche und am Ende steht eine Vereinsparty, in der Tarnkleidung angezogen, Bier gesoffen, gegrapscht, und "Those were the days" gegrölt wird, wobei einem ganz elend werden kann. Weil es so wahr ist, was man zu sehen bekommt, so gruselig banal und ekelhaft echt.

troilus 280 .katrinribbe uDie Unterhosenringer Andreas Schlager
und Sebastian Schindegger © Katrin Ribbe
Satt nach Hause gehen

Aber zu diesem Zeitpunkt liegen schon drei Stunden fortdauernder Männerpersiflage hinter dem Zuschauer, und so langsam reicht's dann auch. Zumal die dicklichen, tapsigen, dümmlichen, kindischen Kampfhähne meistens gar nicht so unsympathisch daherkommen. Einmal lassen sie einen ferngesteuerten Spielzeughubschrauber hochgehen und tun so, als gäbe es tatsächlich Krieg, aber all das bleibt demonstrativ unspektakulär. Die Sporthallenmätzchen, die wir kennen, das will der Abend wohl sagen, sind Vorstufe und alternative Ausdrucksform für die Kriegsgeilheit der Männer.

Und so sitzen ganz am Schluss die Herren der beiden Mannschaften ganz locker beieinander, und der Hallenwart zählt auf, wer wen am nächsten Morgen bestialisch umgebracht hat, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Sie gehen dabei ab und werden anschließend, einer nach dem anderen, in schwarzen Leichensäcken zurück auf die Bühne getragen. Das sollte (nein: müsste) in seiner fatalistischen, ungerührten Ruhe ein erschreckendes Finale sein, aber man hat sich längst sattgehört und sattgesehen. Es ist vielleicht nicht die Absicht der Regie, aber am Ende findet man sich erneut in der Realität wieder, die man kennt. Von Soldaten hört man, die gefallen sind, und Leichenbilder ziehen vorbei. Man nimmt es hin, man kennt es nicht anders, und man will nach Hause. Es hält jemand eine Rede über unsere Moral – da vorn, wo Theater gespielt wird – und sie dauert sehr lange. Man hat dann doch die Geduld verloren.

 

Troilus und Cressida
von William Shakespeare
Fassung von Thomas Dannemann unter der Verwendung der Übersetzung von Simon Werle
Regie: Thomas Dannemann, Bühne: Anna Sörensen, Kostüme: Regine Standfuss, Lieder: Camill Jammal, Dramaturgie: Vivica Bocks.
Mit: Sebastian Schindegger, Andreas Schlager, Camill Jammal, Rainer Frank, Elisabeth Hoppe, Katja Gaudard, Christoph Müller, Tillbert Strahl-Schäfer, Wolf Bachofner, Christian Fries, Martin Horn.

www.schauspielhannover.de

 

 

Kritikenrundschau

Der lange Abend ähnele dem Gosch-Theater, schreibt Siegfried Barth in der Neuen Presse (23.1.2012): "Spiel mit offener Garderobe, ständig zieht man sich um für neue Taten. Stinkendes Männermilieu, Imponiergehabe in verschwitzter Unterwäsche." Trotz "guter Schauspielerei" sei man "den besonderen Eigenarten dieses selten gespielten Stückes ausgeliefert. Es ist so wortmächtig, dass man nichts versäumen mag, und doch so weitschweifig, dass man öfter mal die nächste starke Szenze herbeisehnt, um sich aus der Erschlaffung reißen zu lassen."

 
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