altHartsprachig mit kleinen Zeichen

von Michael Laages

Schwerin, 24. Januar 2012. Stimmt: Bad Sülze liegt nicht in Tirol. Aber auch um das Städtchen mit dem gut küchendeutschen Namen herum, zwischen den Flüsschen Recknitz und Trebel, wo seit dem Wiener Kongress 1815 das preußische Vorpommern durch eine Grenze vom Nachbarn Mecklenburg getrennt wurde, tummelten sich ehedem die Schmuggler; mit, zum Beispiel, Salz im Angebot. Das war damals dringend nötig, um Lebensmittel zu pökeln, das heißt: zu konservieren. Auch Zucker und Mehl, Eier, Butter und Tabak wechselten illegal hinüber und herüber.

"Der Weibsteufel", das archaische Kammerspiel des zeitweilig berühmten österreichischen Dramatikers Karl Schönherr, einem Frauenhasser, der – obwohl mit einer Jüdin verheiratet – weiter schreiben durfte bis zum Tode 1943, spielt nun allerdings eigentlich in der Tiroler Heimat des Autors; ein Drei-Personen-Stück, aufgeladen mit Verrat und Verführung, Begehren und Betrug, das bis in die jüngste Gegenwart ein Musterbeispiel konzentrierter dramatischer Fabel-Kunst blieb. Zuletzt war Martin Kusejs Burgtheater-Fassung eingeladen zum "Theatertreffen" nach Berlin.
Wie kommt nun so ein Stück nach Bad Sülze?

Kunst des Umtopfens

Manfred Brümmer, seit Urzeiten Dramaturg der Fritz-Reuter-Bühne, die ihrerseits seit über 80 Jahren unter dem Dach des heutigen Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin zu Hause ist, hat die Kunst des "Umtopfens" schon öfter betrieben; wie das berühmtere Hamburger Ohnsorg-Theater (das die aktuelle Spielzeit mit einer niederdeutschen Fassung vom Sommernachtstraum eröffnete) rücken auch die niederdeutschen Theatermacher in Schwerin mit den Mitteln der eigenen, regional verwurzelten Sprache sehr gerne klassisch-vertrautem Material zu Leibe. So eine Verpflanzung des Volkstheaters sei immer dann möglich, sagt Brümmer, wenn die Fabel des Stückes "denkbar" sei am neuen, fremden Ort, Und rund um Recknitz, Trebel und Bad Sülze ist die Geschichte vom Schmuggler, seiner allzu schönen Frau und dem leicht verführbaren Grenzjäger allemal denkbar. Deshalb ist jetzt in Schwerin ein starkes Stück zu sehen.

Plietsches Düwelswwiew

Die Fabel, rasch erzählt, geht so: Der Schmuggler, ein Schwächling, aber "plietsch", also schnell im Kopf, sieht die eigenen Geschäfte in Gefahr angesichts verstärkter Verfolgung durch die Grenzjäger, eine Art Polizei; und er setzt die eigene Gattin, gefangen im Frust einer lieb- und kinderlosen Ehe, auf einen der jungen Fahnder an, um den auszuhorchen. Zunächst profitiert die Schmuggelei von dieser Verführung, bald aber fängt die junge Frau tatsächlich Feuer; langsam brodelt Lava im Vulkan. Nun nutzt sie, instinktiv plietscher als plietsch, die neu gewonnene Kraft der Verführerin, um umgekehrt den jungen Liebhaber gegen den armseligen Gatten auszuspielen. Am Ende ist der tot, erstochen vom nunmehr ehrlosen Ordnungshüter – und die junge Frau, "Der Weibsteufel" oder "Dat Düwelswiew" ('Wiewsdüwel' wäre eigentlich besser), wird sich im geerbten Häuschen am Marktplatz von nun an einen Liebhaber nach dem anderen ins Bett holen.

dat duwelswiew1 560 silkewinkler u3"Dat Düwelswiew" in Schwerin: Tina Landgraf und Bernhard A. Wessels. Foto: Silke WinklerDer karge niederdeutsche Ton kommt in der Fassung des Hamburger Schauspielers Harald Maack dem hartsprachigen, grob gehämmerten Original sehr nahe: kein Wort zu viel, kein Gefasel und Gezeter, kein szenischer Umweg auf Doris Engels gefährlich steil ins Publikum stürzender Bühne, einer Art Dachboden, der von unten her zu glühen scheint und mit zwei sich kreuzenden Horizonten nach hinten begrenzt ist. Szenerien für die Fritz-Reuter-Bühne müssen kompakt sein wie für eine Landesbühne, und tatsächlich reist das Ensemble. Auch vor Ort in Schwerin findet nur die Premiere im Großen Haus statt, für alle weiteren Vorstellungen ist das kleine E-Werk groß genug. Adelheid Müthers Inszenierung lässt Akteurin und Akteure kleine, unspektakuläre Zeichen aussenden, die das unausweichliche Spiel hoch dynamisch in Gang halten; das final zum Mord (ver)führende Tänzchen der Frau ist da fast schon ein Exzess.

Nichts zu Lachen

Tina Landgraf zeigt sehr vorsichtig, wie aus dieser Opfer- eine Täter-Frau wird; Jens Tramsen als junger Lover zeichnet parallel den schwierigen Weg vom Milchbubi zum Macho und Mörder. Und Bernhard A. Wessels helfen die abendfüllenden Humpel-Krücken und viel bleiche Schminke beim Kampf um (und zugleich gegen!) die im Stück behauptete Hinfälligkeit des Schmuggel-Chefs. Für die Schweriner Stammkundschaft ist "Dat Düwelswiew" eine Herausforderung – denn hier gibt's nichts, absolut nichts zu Lachen wie sonst immer, stattdessen aber einen verzweifelten Liebesausbruch in Verrat und Lust und Mord mit zu erleben. Das fällt manchem nicht leicht in der Premiere; aber vielleicht setzt sich ja die Power des Abends gegen traditionalistische Vorbehalte durch.

Gut und angemessen wär's. Und Mecklenburg-Vorpommerns Kulturpolitiker müssen sich wirklich gut überlegen, ob sie ausgerechnet dieses sehr spezielle "Theater im Theater", also die Fritz-Reuter-Bühne im Schweriner Staatstheater, zur Disposition stellen sollten, wenn demnächst mal wieder Kunst und Kultur geopfert werden sollen auf dem Spar-Altar.

 

Dat Düwelswiew
nach "Der Weibsteufel" von Karl Schönherr, niederdeutsche Fassung Harald Maack
Regie: Adelheid Müther, Bühne und Kostüme: Doris Engel.
Mit: Tina Landgraf, Jens Tramsen und Bernhard A. Wessels.

www.theater-schwerin.de

 

zeitstiftung logo ermoeglicht grDer Nord-Schwerpunkt auf nachtkritik.de berichtet in dieser Spielzeit in loser Reihenfolge über die Theater in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, zwei Regionen, in denen sich die Kunst, so sie nicht unmittelbar ökonomischen Interessen zugute kommt, nur schwer gegen die Zwänge der Haushaltskrisen behaupten kann.  

 
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