altSchuld und Sühne im abstrakten Dschungel

von Rainer Nolden

Luxemburg, 27. Januar 2012. "In verschiedenen Ländern Südostasiens werden nach unterschiedlichen Schätzungen immer noch zwischen 3500 und 10 000 japanische Weltkrieg-II-Soldaten vermutet", schrieb der Spiegel – im Jahr 1974. Soldaten wie Shoichi Yokoi, Hiroo Onoda oder Nakamura Teruo, die es wirklich gegeben hat. Irgendwo in den Tiefen des fernöstlichen Dschungels haben sie das Ende des Zweiten Weltkriegs verpasst und ihre private Schlacht weitergeführt: aus Wut auf den Gegner, Angst vor Kriegsgefangenschaft, vor der Schmach, Verlierer zu sein, oft geplagt von Schuldgefühlen, weil sie überlebt haben und die Kameraden gestorben sind.

Diese verbürgten Geschichten hat der irakische Dramatiker Nahidh Al-Ramadhani als Vorlage für sein Stück "Amado, ein Kriegsmärchen" genommen, in dem er auch autobiografische Erfahrungen verarbeitet hat: Der ehemalige Lehrer hat Jahre seines Lebens im Kriegszustand verbracht, die Absurdität und Ausweglosigkeit eines Landes im permanenten Ausnahmezustand am eigenen Leib erfahren. In seinem Drama vermischt er Realität und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart, aber auch Identitäten, Lebensläufe und Rollen. Amado ist des Name eines fiktiven, aus der Zeit gefallenen Soldaten, dessen Existenz zwei Männer in permanentem Rollentausch spielen, wobei der jeweils andere die Rolle des vorgesetzten Hauptmanns übernimmt. In diesem abstrakten Dschungel ist ihr Leben reduziert auf ein ewiges, sinnloses, zermürbendes Um-sich-selbst-Kreisen, bei dem es weder Anfang noch Ende gibt. Die Zeit ist wie in Acryl fixiert, obwohl sie unerbittlich fortschreitet mit Hoffen, Bangen, und Warten: ein Leben im Paradoxon.

Die eigene Verantwortung kaschieren
Das hat mitunter etwas von der vehement geleugneten Hoffnungslosigkeit eines Beckett, dessen Godot wie ein unausgesprochenes Zitat über der Szenerie schwebt (immer wieder schweift der Blick der Männer erwartungsvoll in die Höhe), aber auch von Fernando Arrabals radikalsardonischer Absurdität, wenn sein "Picknick im Felde" sich auf das Verzehren einer vom Himmel gefallenen Orange reduziert.

Amado BohumilKostohryz 560 uWer ist "Amado"? Links Steve Karier, rechts Wolfram Koch © Bohumil Kostohryz

Ätzenden Zynismus vergießt Al-Ramadhani reichlich, wenn er das Ins-Leere-Laufen hierarchischer Strukturen aufzeigt, das stumpfe Befolgen sinnloser Anweisungen anprangert, die intelligenzverachtende Anmaßung militärischer Befehlsketten entlarvt: Ausflüchte, mit denen Kriegsverbrecher seit jeher die eigene Verantwortung zu kaschieren versuchen.

Sie tun nur so
Der Luxemburger Steve Karier, stämmig und kahlköpfig, und Wolfram Koch, hager und zerzaust, sind die aus der Zeit Gefallenen. Sie haben sich in dieser abstrus-irrealen Welt eingerichtet wie ein seltsames Paar, das sich im Grunde klar darüber ist, nie mehr in die Zivilisation zurückkehren zu können: Sie tun nur so auf ihrer einsamen Insel. Regisseurin Anne Simon lässt sie mal polternde Kameraden sein und mal als erbitterte Gegner aufeinander los. Sie spielen Krieger und Helden und Angsthasen, die drei Seiten der Ehrenmedaille. Karier und Koch tragen mit beachtlicher Präzision und Trennschärfe die Farben auf der Palette ihrer jäh wechselnden Emotionen auf: von schlotternder Angst bis zu ratternder Großmäuligkeit, von sinnentleertem Befehlsgepolter bis zu tumber Unterwürfigkeit.

Langer, verdienter Beifall, der sich noch steigert, als auch der Autor an die Rampe tritt, der zur deutschsprachigen Erstaufführung ins Kapuzinertheater gekommen ist.

 

Amado, ein Kriegsmärchen (DEA)
Von Nahidh Al-Ramadhani, deutsch von Kim Jemel-Bauler
Regie: Anne Simon, Bühne und Kostüme: Anouk Schiltz, Ton: Emre Sevindik.
Mit: Steve Karier und Wolfram Koch

www.theatres.lu

 
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