altIst sie schon tot, die Politik?

von Christoph Fellmann

Basel, 27. Januar 2012. Die Apokalypse ist auch nicht mehr, was sie einmal war. Einst prallten Meteoriten auf die Erde und krochen Eiszungen über die fruchtbare Flur, oder es kam halt die Sintflut. Heute aber herrscht ein postmodernes Durcheinander an Katastrophen, eine impertinente Gleichzeitigkeit des ungleichzeitigen Massensterbens sozusagen, und wer wollte da noch den Überblick behalten. Überfordert ist jedenfalls auch die Kleinfamilie Antrobus, und die hat in ein paar Millionen Jahren weiß der Teufel schon allerhand überlebt. Aber jetzt steht auch sie ratlos auf der Bühne des Theaters Basel, vis-à-vis der Tagesaktualität, die sie erreicht und die da lautet: "Kernschmelze im Finanzsystem, toxisches Zertifikat, Klimakrieg, Warnlücke, Klimakatastrophe, Massenmigration, elektromagnetisches Desaster." Ja, genau: "Irgendwie ist da der Wurm drin." Ob George, Maggie, Henry und Gladys Antrobus also noch einmal davonkommen werden, und wenn ja, ob sich das auch lohnt: Man weiß es nicht.

WirSindNEDavongekommen JudithSchlosser 280 xNoch einmal davongekommen: Die Antrobus' in Basel © Judith Schlosser Die Antrobus' sind eines der seltsamsten Figurenensembles in der Theaterliteratur. Thornton Wilder hat sie 1942 in drei Akten die Dinosaurier, die Sintflut und den damals gerade aktuellen Weltkrieg überleben lassen, wobei sie zuverlässig auch Erfindergeist, Familiensinn und die Gewalt als Mittel zur Lösung von Problemen an die folgenden Jahrhunderte weiterreichten. In der Version, die das Theater Basel jetzt zeigt, reckt sich der Zeigefinger freilich bis in unsere Gegenwart, in Form nämlich eines neuen dritten Aktes: Die österreichische Autorin Kathrin Röggla hat, siehe oben, ein kurzes Summarium zum aktuellen Stand des Weltuntergangs verfasst, nicht ohne sachkundigen Hinweis auf die untätige Politik, die an Konferenzen verweilt; die vielleicht, was für ein abgründiger Gedanke!, aber auch schon tot ist. Kein Wunder, fällt der Regie dazu nicht viel mehr ein als das Licht runterzufahren. Ist ja jetzt auch ernst gemeint.

Knochentrockener Slapstick
Ironisches Inszenieren ist bekanntlich nur toten Autoren zuzumuten. Thornton Wilder war ja selbst ein begnadeter Ironiker, wenn Amélie Niermeyer also die ersten zwei Akte da und dort etwas gar stark verwitzelt, so ist man ganz froh um den Unernst, mit dem hier der Weltuntergang und das stoische Überleben einer All American Family auf Generationen von Spannteppichen gezeigt wird. Knochentrockener Slapstick, kurze satirische Nümmerchen und eine Handvoll richtig guter Pointen entschädigen dafür, dass die Fährnisse der Antrobus' weder nahe gehen noch besonders interessieren. Da stolpert Miss Shoppycenter über die Panikeinkäufe der Kundschaft und souffliert souverän das Trennungsgespräch zwischen George und Maggie Antrobus. Und natürlich ist es auch sehr zum Lachen, wenn die Familie, als die Sintflut dann hereinbricht, die Arche in Pelzmänteln und Fellmützen betritt.

Vor allem dem zwar nahe am Klischee, dabei aber genau und lustvoll spielenden Ensemble ist es zu verdanken, dass man an diesem Abend leidlich gut unterhalten wird und resümiert: Kann man machen. Warum aber dieses Stück noch einmal auf den Spielplan kommen musste, die Antwort auf diese Frage bleibt das Theater Basel schuldig. Der Weltuntergang war vielleicht noch nie so unübersichtlich wie an diesem Abend. Aber bestimmt schon dringlicher.

Wir sind noch einmal davongekommen
von Thornton Wilder und Kathrin Röggla
Regie: Amélie Niermeyer, Bühne: Stefanie Seitz, Kostüme: Kirsten Dephoff, Video: Stefan Bischoff, Dramaturgie: Martin Wigger.
Mit: Mavie Hörbiger, Christiane Rossbach, Agata Wilewska, Claudia Jahn, Lorenz Nufer, Andrea Bettini, Florian Müller-Morungen, Barbara Lotzmann u.a.

www.theater-basel.ch


In der kommenden Spielzeit 2012/2013 wird "Wir sind noch einmal davongekommen" in Hamburg inszeniert: Das Stück belegte den dritten Platz bei der öffentlichen Spielplanwahl des Thalia Theaters.

Kritikenrundschau

Amélie Niermeyer und ihr Dramaturg Martin Wigger trauen Wilders "hehrem Optimismus" nicht mehr über den Weg, stellt Alfred Schlienger in der Neuen Zürcher Zeitung (30.1.2012) fest. Den müsse man ja auch nicht unbedingt teilen – aber nachdem der ganze Bildungsballast kräftig eingestrichen worden sei, wirke es doch, "als habe man dem Stück die Seele geraubt". Kathrin Rögglas neuer Schluss erschöpfe sich weitgehend in einer Auflistung aktueller Krisen und Problemfelder und gefalle sich in der simplen Repetition von Polit-Floskeln. Die Schauspieler hingegen hätten "zweifellos viel drauf"und gäben ihr Bestes, nur fehle es der Inszenierung dann auch an Tempo und Überraschung. "Zu viele Witzchen wirken verbraucht und sind voraussehbar." Fazit: "Obwohl das Rezept und die Zutaten durchaus passend schienen, ist das Menu nicht wirklich gelungen."

Gründe für den kräftigen Premierenapplaus macht Stephan Reuter in seiner Kritik für die Baseler Zeitung (29.1.2012) aus. Vor allem die Schauspieler (speziell Andrea Bettini) sorgen aus seiner Sicht für das Gelingen der Produktion. Nicht gut allerdings kommt der von Kathrin Rögglas beigesteuerte neue Schluss im heutigen Politikerjargon beim Kritiker an. Auch sonst wird der Abend aus Reuters Sicht "langfädig", sobald er sich als Satire des Niedrigniveaus der aktuellen Mediendemokratie versteht und schlingert auch darüber hinaus immer mal wieder ins Ungefähre, wie man lesen kann.

"Allzeit munter und amüsant, aber ohne Blick für die Abgründe und Brüche", wurstelt sich aus Sicht von Martin Halter von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (31.1.2012) nicht nur die Slapstick-Familie Adam und Eva, sondern auch Regisseurin Niermeyer durch die Welt- und Basler Theatergeschichte. Zwar empfindet er das Stück zwei Akte lang schrill, aber durchaus erfrischend als Familien-, Konsum- und Mediengroteske inszeniert. Der Ersatz des 3. Aktes durch den Text von Kathrin Röggla beweist dem Kritiker dann die Mutlosigkeit der Regisseurin beim Umgang mit der "Menschhheitsrevue des Broadway-Caldéron". "Rögglas Sprachspiele, eine politisch korrekte, routinierte Kompilation aus den beschwichtigenden Phrasen überforderter Finanz-, Schweinegrippen- und Klimakatastrophenmanager und den Vokabeln zeitgenössischer Orientierungslosigkeit, sind nicht nur ein Fremdkörper in der aufgekratzten Weltuntergangsstimmung. Sie sind selbst Dokumente der Rat- und Hilflosigkeit."

"Durchaus witzig" findet Alexandra Kedves im Zürcher Tagesanzeiger (30.1.2012) diesen Abend, den sie als Materialschlacht beschreibt: "Familie Feuerstein meets the Simpsons" , "Kathrin Röggla meets Thornton Wilder". Insgesamt aber wirkt das Treiben recht inflationär auf die Kritikerin, die in Basel vor allem "ganz viel Theaterkrise" erlebt.

 
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