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Brichst Du mir das Herz, brech ich Dir die Knochen

von Martin Krumbholz

Bochum, 28. Januar 2012. Wie man den Titel übersetzt, ist nicht entscheidend. Unübertrefflich ist ohnehin das italienische Original, "Le baruffe chiozzotte", etwa chiozzottische Raufereien oder chiozzottische Händel. Man mag das shakespearesierend "Viel Lärm in Chiozza" nennen oder aber auch, da das Fischerdörfchen in der Nähe von Venedig heute Chioggia heißt, "Zoff in Chioggia" – warum nicht. Nein, entscheidend ist etwas anderes. Carlo Goldoni hat sich in einer seiner letzten Komödien 1762 einem ihm eher unvertrauten Milieu zugewandt, den armen Fischern und ihren Familien, er hat dieses ungemein realistisch betrachtete Milieu als Rahmen für seine eher heiteren erotischen Rivalitäten benutzt, und er hat vor allem seinen liebenswerten Helden eine wunderbare, ganz eigene, lakonische Sprache gegeben – auch nach 250 Jahren ist das unverwüstlich.

Anverwandlung oder Aufhübschung?

Der Regisseur Nuran David Calis, bekannt dafür, dass er alten Stoffen ein neues Outfit verpasst, benutzt den Goldoni-Text so, wie ein Kfz-Freak ein schönes altes, erstaunlicherweise sogar noch fahrtüchtiges Auto benutzt: Er tauscht nach Gutdünken aus, was ihm nicht gefällt; die Kühlerhaube, die Elektronik (die ist wichtig), die Lackierung, wahrscheinlich auch den Motor. Am Ende hat er ein ganz anderes Auto, bei weitem nicht so schön wie das alte, aber es hat den Vorzug, dass es seinem Besitzer von der Optik her vertraut vorkommt.

Calis' Methode der Anverwandlung klassischer Sujets ans Heutige entpuppt sich mit einem Mal als Flucht vor der Zumutung des Fremden – also vor der Herausforderung, sich in eine andere Zeit, eine fremde Problematik einzufühlen, die das Theater erst interessant macht. Die Anbindung ans Internet-Zeitalter, mit der Calis den alten Stoff aufhübschen will, gibt diesem jedenfalls keine neue Brisanz, sondern wendet ihn nur ins Beliebige und erspart dem Betrachter die Mühe, seinen Augen und Ohren etwas Unvertrautes zuzumuten.

Existenzgründung und Raufereien

Statt des Strandes von Chiozza sehen wir auf der Bühne (Irina Schicketanz) nun ein unsäglich steriles, McDonald's-ähnliches Café, hinten eine Glasfront mit Blick auf irgendeine Stadt, egal wo, oben zwei Leinwände, auf die immer wieder "Raufereien" aus dem Off übertragen werden – wie gesagt, die Elektronik ist wichtig. Chioggia2 ArnoDeclair 560 uLeben, lieben, arbeiten im Café Chioggia. © Arno Declair

Aus einer der Goldoni-Figuren hat Calis eine Gründerexistenz gemacht: Sie gründet ein Café mit dem Namen "Chioggia". Nur floriert das Café leider nicht (was angesichts der vollständigen Abwesenheit von Flair kaum ein Wunder ist), und nun beratschlagen die handelnden Personen (es sind etwa so viele wie im Original), wie sie das Boot ins Wasser bekommen könnten. Dazu fällt ihnen nichts ein, weil sie alle – ob jung oder alt – mit ihren immer gleichen pubertätsberauschten Liebeshändeln beschäftigt sind. Sie fragen nach dem "Sinn des Lebens" (Antwort: die Liebe) und sind der Meinung, dass "Augen nicht lügen" können.

Große Worte für große Gefühle

Calis, an dem kaum ein Regisseur im eigentlichen Wortsinn verloren gegangen ist, stellt seine Figuren gern an die Rampe und schreibt ihnen pathosgeschwollene Monologe, die einen ob ihrer Plattheit das Gruseln lehren können. "Wenn du mir das Herz brichst, dann brech ich dir die Knochen" – das ist so ungefähr das sprachliche Niveau dieses elend langen Goldoni-Verschnitts.

Meilenweit entfernt ist Nuran David Calis vom Charme seiner Essener "Homestories", als er mit jugendlichen Laien die Abgründe virulenter Problembezirke auslotete. Hier und heute missbraucht er ausgewachsene Schauspieler für einen frivolen Ranschmiss. Dieser Abend ist nichts anderes als ein trauriges Dokument der Selbstüberschätzung.

Zoff in Chioggia
nach Carlo Goldoni
Regie: Nuran David Calis, Bühne: Irina Schicketanz, Kostüme: Amélie von Bülow, Musik: Vivan Bhatti, Video: Karnik Gregorian, Uwe Wrobel, Kamera/Bildgestaltung: Markus Krämer, Choreografie: Lorca Renoux, Dramaturgie: Thomas Laue, Sascha Kölzow.
Mit: Jürgen Hartmann, Krunoslav Šebrek, Henrik Schubert, Ismail Deniz, Werner Strenger, Bettina Engelhardt, Constanze Wächter, Matthias Eberle, Veronika Nickl, Barbara Hirt, Marco Massafra, Abed Alauoi, Burak Göktepe, Dan Matweta, Frieda Frost, Janis Heldmann, Marcel Gonzales Villa, Lin Verleger.

www.schauspielhausbochum.de

 

 

Kritikenrundschau

Von einer einer überfrachteten Geschichte schreibt Max Florian Kühlem auf RuhrNachrichten.de (30.1.2012). Positiv wird die Figur Fortunato (Marco Massafras) als das heimliche Zentrum des Stücks bewertet; das war's aber auch schon. Vor lauter Text-Versatzstücken und Video-Einspielungen wisse man als Zuschauer irgendwann nicht mehr, wer da eigentlich vor einem stehe – jedenfalls nicht die Bewohner des Ruhrgebietes, bei denen im Vorfeld recherchiert wurde. Das ganze sei dazu streckenweise "handlungsarm und zäh".

Andreas Rossmann schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1.2.2012), aus Goldonis "Le baruffe chiozzotte" werde bei Nuran David Calis ein Vorort am Meer und ein Café am Hafen, ein "ziemlich öder Schuppen und viel zu groß". "Liebesgeschichten und Enttäuschungen, Beziehungshändel und Verletzungen." Calis wolle mit jeder Figur eine "gesellschaftliche These formulieren und einen Missstand belegen". Doch "die Auftritte" würden "nur gereiht, die Themen nur gestapelt". Statt "Haltungen und Positionen zu erspielen", werde in Monologen "geleitartikelt".

Peter Michalzik schreibt in der Frankfurter Rundschau (1.2.2012): Nuran David Calis habe ein "neues Chioggia aus Goldonis Geist heraus erfunden". Er habe das Stück "neu und eigenständig geschrieben" und es sei die größte Produktion der Spielzeit. Eine "Uraufführung unter großem Aufwand im großen Haus", das gebe es nur noch selten. Vor allem gehe es um einen in diesem Stück: den "jungen Mann". "In seiner sehnenden Libido, seiner kraftstrotzenden Unbeherrschheit und vor allem in seiner anstrengend-charmanten Unwiderstehlichkeit." Seinen Geist wolle Calis in der gesamten Inszenierung lebendig werden lassen". Chioggia denke er als Ort, vor dem man flieht, und als Ort der Sehnsucht. So wäre Chioggia schon "der ideale Ort für die wunden, wehen, wild schlagenden Herzen". Aber "leider gelingt das der groß angelegten Drei-Stunden-Aufführung nicht". Einzelheiten des Scheiterns täten dabei "nichts zur Sache".

Calis' Inszenierungen besäßen immer etwas Drängendes, Direktes, das sich beachtlich wenig um Erzählkonventionen oder angesagte Theatertrends schere, meint Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (22.2.2012). So auch hier: "Seine Figuren würden keinen Staatsbeamten als Schlichter akzeptieren wie noch bei Goldoni. Sie kämpfen und verlieren auf eigene Faust. Auch ihre Sprache hat einen eigenen Rhythmus, den der Straße." Calis gönne seinen Figuren und den Zuschauern allerdings kein Happy End: "Der alltägliche Kampf kostet zu viel Kraft, die Sehnsucht bleibt irgendwann auf der Strecke."

 
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