altEine Welt, kalt und steril wie Aluminium

von Charles Linsmayer

Zürich, 4. Februar 2012. Was als erstes auffällt, ist das Bühnenbild von Claudia Kalinski: eine Konstruktion aus ineinander verschachtelten Bergen aus Aluminiumfolie, ausweglos, unübersteigbar, exakt den Satz "Wir sind von Bergen eingekesselt" umsetzend, der etwa in der Mitte des Abends ausgesprochen wird. Obwohl Daniela Löffner ab und zu mit den Versatzstücken der Schweiz-Kritik spielt, will ihre Inszenierung aber nicht einfach einen allgemeinen Zustand von Beklemmung oder Verklemmung in einem Verbrechen symbolisieren.

Denn das zweite, was auffällt, ist das Kind, das Opfer des Verbrechens, das bei ihr ganz eindeutig im Mittelpunkt steht und das, erstaunlich professionell verkörpert von der zehnjährigen Daniela Blaser, den Anfang und den Schluss des Abends bestimmt.

Warten, das in Gewalt umschlägt

Zuerst steht dieses Kind ganz allein auf der Bühne, flicht mit unendlicher Langsamkeit seine Zöpfe und richtet dann, indem es seinen gelben Rock zerfetzt, sich mit Blut beschmiert und sich in das Laub hineinlegt, das die allmählich hinzukommenden anderen Protagonisten am Boden verteilen, selbst den Tatort ein, an dem es wenig später vom Hausierer von Gunten tot aufgefunden wird.

Am Schluss des Abends dann, als es längst nicht mehr Gritli Moser, sondern den vom ehemaligen Polizisten Matthäi auf der Suche nach dem Serientäter ausgesetzten Lockvogel, darzustellen hat, beherrscht das Kind noch einmal sehr, sehr lange die Aufmerksamkeit: ein Liedchen trällernd spielt es, nicht ahnend, dass es als Köder fungiert, am Bach, und es spielt sein Spiel mit einer solchen Penetranz unentwegt weiter, dass die auf der Lauer liegende Polizei allmählich die Geduld verliert und am Ende, frustriert von der sinnlosen Warterei, zornig über das Mädchen herfällt und genau jene Gewalt an ihm ausübt, die sie eigentlich hatte verhindern wollen.

Ein ganz neuer Ansatz

Diese Konzentration auf das Kind als Opfer der privaten und staatlichen Gewalt ist der entscheidende Unterschied von Daniela Löffners Adaption zu all den Inszenierungen, die man in den letzten Jahren sehen konnte und die alle mehr oder weniger linear Dürrenmatts Roman gefolgt sind: Armin Petras Thalia-Theater-Hamburg-Fassung von 2005, Gerhard Meisters Fassung von 2007, aufgeführt am Luzerner Theater, Markus Kellers beklemmende Inszenierung von 2009 am Berner Theater an der Effingerstrasse. dasversprechen 560 toni suter uDas Versprechen © Toni Suter / T+T Fotografie

Daniela Löffner geht aber mit ihrer eigenwilligen Deutung keineswegs so weit, dem Publikum den komplizierten Plot von Dürrenmatts Roman vorzuenthalten. Dank einer Reihe brillant verkörperter Charaktere gelingt es ihr trotz der markanten Gewichtsverlagerung die Geschichte in einer schnellen Abfolge kurzer Szenen bei aller Raffung vollständig und verständlich umzusetzen und so das tragisch-leidvolle Verhältnis zwischen dem Kind und dem unverdrossen weiter suchenden Ermittler Matthäi als bewegenden Ausdruck seines Scheiterns und als erschütterndes Fanal eines Weltzustands erscheinen zu lassen, in dem nicht die Gerechtigkeit und nicht einmal die Logik, sondern der blinde Zufall das letzte Wort hat.

Hervorragende Besetzung

Markus Scheumann gibt dem idealistischen Ermittler Matthäi auf eine Weise Gestalt, die den inneren Wandel dieser Figur bis hin zum Ausbruch hilfloser Gewalt überzeugend nachvollziehbar macht. Jirka Zett zeichnet den zunächst des Mordes verdächtigten Hausierer von Gunten auf artikulatorisch und mimisch meisterliche Weise als einen Geistesgestörten, mit dem Milian Zerzawy als brutal-repressiver Polizist Henzi ein leichtes Spiel hat. Großartig dann aber, wie Zett den wahren Täter, den von seiner Frau wie ein Kind behandelten Albert, je länger je deutlicher in den pathologischen Formen seines Verhaltens vorführt, so dass am Schluss der wahre und der vermeintliche Täter wie die verschiedenen Spielarten der einen und gleichen Person erscheinen.

Glaubwürdig wird Alberts Verhalten nicht zuletzt auch durch die kurzen Auftritte von Isabelle Menke in der Rolle seiner Ehefrau. Fast schon diabolisch wird da spürbar, dass die Ermordung der jungen Mädchen letztlich jenem Frauenhass geschuldet ist, den die wie eine böse Mutter fungierende Ehefrau dem lächerlichen Pantoffelhelden einimpft.

Vital-lebendig und stimmungsvoll-poetisch

Wer Dürrenmatts Roman gelesen hat, weiß, wie spröd und trocken er in der Erzählung des biederen Polizeikommandanten daherkommt. Und gerade in dieser Hinsicht gelingt es Daniela Löffner, die sich den Ich-Erzähler schenkt, immer wieder, Akzente zu setzen, die dem Geschehen etwas Sinnlich-Lebendiges, bisweilen auch Stimmungsvoll-Poetisches vermitteln. So bringt etwa Julia Kreusch, wenn sie nicht die Polizeiassistentin oder die Mutter von Gritli Moser, sondern die ehemalige Prostituierte Heller zu spielen hat, durchaus erotisches Flair in die Aufführung hinein.

Immer wieder kontrastieren, häufig von unerwarteter Seite wie derjenigen des Hausierers von Gunten formulierte, Landschafts- und Stimmungsbeschreibungen mit dem steril-metallenen Bühnenhintergrund, und wenn Milian Zerzawy den Ermittler Matthäi als Fischerjunge auf die Idee mit dem Köder bringt, artet das zu einer brillant hingelegten glitschig-nassen Slapstick-Nummer aus, die vom Publikum mit herzlichem Gelächter quittiert wird.

Dürrenmatts "Versprechen" auf der Bühne? Daniela Löffners Zürcher Adaption ist nicht einfach der nachgespielte Abklatsch des Romans, sondern ein unter Beibehaltung der wesentlichen Elemente und unter unverfälschter Verwendung von Dürrenmatts Sprache virtuos neu komponiertes Stück, das die tiefsinnigsten Aspekte der Vorlage erst richtig zum Leuchten bringt.

Das Versprechen
nach dem Roman von Friedrich Dürrenmatt
Regie: Daniela Löffner, Bühne: Claudia Kalinski, Kostüme: Sabine Thoss, Dramaturgie: Katja Hagedorn.
Mit: Markus Scheurmann, Jirka Zett, Nicolas Rosat, Milian Zerzawy, Isabelle Menke, Julia Kreusch, Paula Blaser.

www.schauspielhaus.ch

 

Mehr zur Regisseurin Daniela Löffner: zuletzt besprachen wir ihre Inszenierung von Kabale und Liebe in Braunschweig.

Kritikenrundschau

Geschickt überführe Daniela Löffner die Erzählung in Dramatik, so Andreas Klaeui in der Neuen Zürcher Zeitung (6.2.2012). Es werde gespielt auf der Bühne und auch deutlich gezeigt, dass gespielt wird; das Spiel für sich aber, die Art und Weise, wie die Schauspieler ihre Rollen verkörpern, sei von seltener psychologischer Eindringlichkeit. "Gerade in dem Kontrast von psychologisch-realistischer Spielweise und brüchiger Dramaturgie werden wahrhaft berührende Momente möglich, die unter anderen szenischen Umständen leicht an konventionelles Pathos oder heitere Beliebigkeit verloren gingen." Was Daniela Löffner mit Dürrenmatts Roman anstelle, sei eine stimmige, sehr sorgfältige Übertragung auf die Möglichkeiten und die Mittel der Bühne. Die Qualität der Produktion erweise sich in vielen liebevollen Details, aber auch in der Geschlossenheit, in der jedes dieser Details sich zugleich aufs Ganze beziehe. "Eine sehr ernsthafte Theaterarbeit – und gerade darin liegt am Ende auch die Crux." Denn der Begeisterungsfunke wolle dann doch nicht so recht überspringen, was wohl damit zu tun habe, dass bei der Übertragung Dürrenmatts "boshaftes Vergnügen, das beim Blick in die Abgründe – neben dem Ernst – aufblitzt", auf der Strecke bleibe.

Im Tages-Anzeiger (6.2.2012) schreibt Alexandra Kedves. Immer wieder überraschend und unterhaltsam sei es, aber "nichts, leider gar nichts" antworte die Soirée auf die Frage, warum Dürrenmatts "Requiem auf den Kriminalroman" auf die Bühne gehoben sein müsse. Die Regisseurin sei so sehr damit beschäftigt, aus der präzisen und passagenweise sehr poetischen Prosa selbstreflexive Theaterszenen zu bauen, dass ihr das große Ganze aus den Händen rinne wie Wasser. "Theater ist kein Film, keine Illusionsmaschine; Theater kann, weill keinen Schrecken, keinen Schmerz darstellen, scheint die Regisseurin zu predigen", so Kedves - Löffner breche die Spannungsdramaturgie des Romans ebenso wie all seine Abgründigkeiten "mit astreinen – Etüden." Was bei Dürrenmatt tragische Dimensionen annehme, sei hier, in seiner ganzen Dehnung, "ein Dideldumdei".

Unter Einsatz von endlos viel Zeit, eines klapperigen Bühnenbildes und mit vergleichbar lächerlichen Kosten sei Theater das bessere Fernsehen, schreibt Daniele Muscionico in der Basler Zeitung (6.2.2012). "Es ist Nahsehen, es ist Innenschau in unserem Durcheinandertal, in dem die Willkür regiert – jeder ein potenzieller Mörder, jeder der nächste Täter." Denn der Mensch sei der Welt Schwachstelle durch seinen Verstand. Wen die Lebenserfahrung noch nicht zu dieser Einsicht geführt habe, den überzeuge jetzt womöglich Daniela Löffners "furchtlose Bearbeitung" von Dürrenmatts "Das Versprechen". Löffners Lesart zeige die Herstellung, das Making-of eines Mordes, eines Verdachts, eines Zwanges – und einer Gesellschaft, die solch ein System stützt.

In der Luzerner Zeitung (6.2.2012) ist Urs Bugmann ähnlich begeistert: Löffner zeige in ihrer Inszenierung den Kommissär als einen, der gegen den Strom schwimmt. "Den Strom, seine Umgebung, macht sie durch Doppelrollen als Normalität sichtbar." Und sie unterminiere die Gewissheiten, indem sie den Mörder vom selben Schauspieler spielen lasse wie von Gunten, der für den Mörder gehalten werde. Mit maßvoller Übertreibung und mehr Komik als Pathos leuchteten die Schauspieler "diesen packenden Versuch über Wahrheit und Gewissheit" aus. "Es ist ein Spiel, das dem Text auf den Grund geht."

"Kann Dürrenmatts 'Versprechen' auf der Bühne etwas anderes als ein intellektuelles Spiel über ein Spiel werden?" fragt sich Christian Berzins in der Aargauer Zeitung (6.2.2012). Daniela Löffner wähle zunächst eine abstrakte Theatersprache und lasse sich nicht verführen vom Herzeigen des schaurigen Effekts. Sie reihe geschickt die Szenen an- und ineinander und zeichne darüber hinaus klare Charaktere. Schwierig werde es aber, in diesem Handlungs- und Personengeflecht voller Fallgruben auch noch Atmosphäre zu schaffen. Für Berzins' Geschmack hätte Löffner noch mehr aufs realistische Erzählen der bekannten Handlung verzichten können. "Schade nämlich, dass auf der Bühne kaum Zeit und Raum für die stillen Fragen bleibt – was die Wahrheit ist, ob wir sie kenne wollen und welche Mittel wir einsetzen dürfen, um sie zu finden. "

Dass und wie die Regisseurin Daniela Löffner diesen Stoff dekonstruiert und "in halb realistischer, halb verfremdeter Form auf die Bühne gebracht hat, dürfte dem Meister selbst kaum gefallen haben", mutmaßt Klara Obermüller in der Welt (7.2.2012). "Die Charaktere blieben trotz guter schauspielerischer Leistungen von Markus Scheumann und Jirka Zett platt. Die Handlungsabläufe waren vorhersehbar, die simultan gespielten Szenen irritierend." Nichts löse hier jenes kalte Entsetzen aus, "das wir vom Film mit Gert Fröbe in Erinnerung behalten haben".

Kommentar schreiben