altSehnsucht nach Rausch

von Esther Slevogt

Berlin, 4. Februar 2012. Der erste Zuschauerunmut entlädt sich nach einer gefühlten Viertelstunde. Als hinten rechts ein älteres Paar wutentbrannt den Saal verlässt, verärgert "Schlechtes Theater!" rufend. Und während die beiden Schauspieler Samuel Finzi und Andreas Leupold vorne auf der Rampe in schwarzen Anzügen zunächst ein wenig irritiert aus ihren weißen Hemdkragen schauen, lugt neben ihnen der Musiker Steve Binetti mit verschmitzter Mine hinter seiner Gitarre hervor, um dem Publikum mitzuteilen, diesen rüden Abgang habe man lange mit dem Paar geübt.

Später, da ist der Exzess schon fortgeschritten, der vor allem ein Exzess der Kunst und keiner des Alkohols ist, brüllt mit empörter Stimme eine Frau laut das Wort "Körperverletzung!" in den Saal.

Psychedelischer Kunstalptraum

Da hatte zuvor minutenlang zu dröhnendem Sound eine gigantische Windmaschine mit ihrer Gebläse-Kraft die Szene komplett entkleidet, dabei sogar den enormen Bühnenprospekt mit dem darauf skizzierten Theatervorhang abgerissen und blies nun eisige Luft in den Zuschauerraum. Bevor er fiel, hatte sich der Bühnenprospekt wie ein Ungetüm in den Zuschauerraum aufgebläht und die Darsteller unter sich begraben. Und noch bevor er sich blähte, hatten unzählige gemalte Insekten als Videoprojektion von ihm Besitz ergriffen, ein wucherndes Strichgewimmel, ständig wie im Wahn sich wandelnde Formen und Figuren: ein psychedelischer Kunstalptraum, den der Leipziger Maler Tilo Baumgärtel Sebastian Hartmanns sehr eigenem Zugriff auf den berühmten Stoff hinzugefügt hat. Einen Hans-Fallada-Abend mag sich mancher anders vorgestellt haben.

trinker1 ThomasAurin 560 uSteve Binetti, Andreas Leupold und Samuel Finzi im Sturm der Kunst. © Thomas Aurin

Sentimentalitäts-Ersparnis

Aber Sebastian Hartmann gibt hier nicht das Rührstück vom abgestürzten Trinker, enthält sich der speziellen Mischung aus staunendem Entsetzen über die Schlechtigkeit der Welt, Naivität und krasser Schilderung gesellschaftlicher Verhältnisse, die stets Reiz aber auch Gefährdung der Prosa Hans Falladas sind. (Das wäre eher der typische Sound von Noch-Hausherrn Armin Petras, denkt man an diesem Abend immer mal wieder.) Regisseur Sebastian Hartmann, Noch-Intendant in Leipzig, gönnt dem Publikum keine Sentimentalität. Spart sie aus, erspart sie, könnte man auch sagen.

Trotzdem ergreifen die beiden Schauspielermenschlein Samuel Finzi und Andreas Leupold, die sich hier die Figur des Trinkers teilen, Protagonist von Hans Falladas 1944 entstandenem, autobiografisch grundiertem und 1950 erst posthum veröffentlichten Roman: wie sie da nun bibbernd am Bühnenrand sitzend, von Übelkeitsexzessen beschmutzt, verklebt, durchnässt (die wiederum reine Theaterexzesse waren). Hinter ihnen nackt, weit und schwarz: die Bühne. Mittendrin nur das Ventilatorenungetüm, das sein Zerstörungskunstwerk gerade mit solcher Macht vorgeführt hat, dass auch der Zuschauerraum wie durchgeschüttelt wirkt. "Idioten!", pariert empört ein Mann auf den Körperverletzungsvorwurf aus den Mittelreihen des Parketts. "Wohl noch nie mit echten Alkoholikern zu tun gehabt!" Die Vorstellung kann weiter gehen.

Hartmann bietet keine emotionale Berieselung bei voller Empathiedröhnung, sondern Partizipation durch die Rückkopplung des Stoffes in der Kunst. Stück für Stück saugt hier nämlich die Kunst den aus dem Schrifstellerleben gegriffenen Stoff an.

Dass das funktionieren könnte, war an diesem Abend nicht von Anfang an absehbar, der erst recht gemächlich (fast etwas einschläfernd) als ziemlich heruntergedimmte Hans-Fallada-Jam-Session anfing: ein Gitarrist (Steve Binetti) und zwei schwarzbefrackte Schauspieler (Samuel Finzi und Andreas Leupold) beginnen musikalisch untermalt und von gelegentlichen softrockigen Liedern unterbrochen, den Roman zu erzählen. Es ist die Geschichte eines Kleinstadtgeschäftsmannes, der plötzlich aus dem Tritt gerät und innerhalb weniger Wochen dem Alkohol verfällt, erst seine Ehe, bald seine berufliche Existenz und schließlich sein Leben ruiniert. Der erst im Gefängnis, dann in einer Einrichtung namens Trinkerheilanstalt landet, einer Hölle, in der alles endgültig heillos wird. Es ist keine klassische Suchtgeschichte (da muss man eher David Foster Wallaces "Unendlicher Spaß" lesen oder "König Alkohol" von Jack London). Vielmehr handelt "Der Trinker" davon, wie wenig sicher die bürgerliche Existenz, wie dünn die Decke über dem Abgrund und wie unumkehrbar am Ende der Absturz aus der Gesellschaft ist.

Von den Tröstungen der Kunst

Sebastian Hartmann macht aus dem sentimentalen Stoff einen Abend, der ebenso krude wie sinnfällig von der Sehnsucht erzählt, sich nicht nur im Rausch aufzulösen, sondern auch in der Kunst. Von der man Erlösung, Rettung, Betäubung von den Zumutungen der Wirklichkeit erwartet. Im Theater auf dem Wege der Einfühlung meist. Die aber verweigert Hartmann dem Zuschauer, wie einem Trinker das Gläschen Korn, nach dem er giert. Ein Regisseur, der selbst die Schauspieler zwingt, in einem langen Exzess nach ihrer bereits im Zuge der Erzählung begonnenen Einverleibung des Stoffes, ihn buchstäblich wieder auszukotzen. Zunächst sieht das alles noch sehr naturalistisch und ekelhaft aus, wie der beige Brei scheinbar aus den Schauspielermündern quillt. Bald sieht man, es sind Schläuche, aus denen dann endlose Breimassen quellen, gelegentlich pink verfärbt. Schließlich sitzen auf nackter Bühne die verschmierten Spieler wie begossene Pudel da.

Dass die Tröstung, die der Alkohol bietet, vom Versprechen der Kunst nicht so entfernt ist, wie der empört mit den Saaltüren klappende Bildungsbürger denken mag, gehört zu den entwaffnendsten Bekenntnissen dieses Abends. Tilo Baumgärtel hat dazu Animationen zwischen Comic und Popart, Rausch und Abstraktion beigesteuert. Graffityhaft gestrichelte Szenerien aus dem Bildermüll der Gegenwart, die sich in der Animation zum Wahnsystem verflüssigen.

 

Der Trinker
nach dem Roman von Hans Fallada
für die Bühne bearbeitet von Sebastian Hartmann
Regie und Bühne: Sebastian Hartmann, Malerei und Mitarbeit Bühne: Tilo Baumgärtel, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: Steve Binetti, Licht: Lothar Baumgarte, Dramaturgie: Jens Groß.
Mit: Steve Binetti, Samuel Finzi, Andreas Leupold.

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

Hartmann lasse die Aufführung "so harmlos beginnen wie einen Barblues, der das Alkoholikerdasein stilisiert", schreibt Matthias Heine in der Welt (6.2.2012). Später breche "dann aber die Hölle los. Diese muss man sich als einen sehr lauten Ort vorstellen: Finzi, der als sehr guter Schauspieler gilt, und Leupold, von dem das nie jemand behauptet hat, müssen sehr viel schreien und lallen. Es wirkt wie eine Teufelsaustreibung aller Betrunkenendarstellungsklischees." Im Vergleich mit den Ekelszenen des Romans wirke "das alles harmlos. Es ist schreckliches Theater, aber wie manchmal bei Hartmann momentweise auch schrecklich faszinierend."

Andreas Schäfer vom Tagesspiegel (6.2.2012)fällt während der ausgiebigen Kotzszene der Inszenierung ein, was sich Sebastian Hartmann von seinem Publikum gewünscht habe: "Das Publikum solle 'offen' in die 'Erlebniswelt' seiner Inszenierungen eintreten." Nun denn: "Wir sitzen und schauen so offen wie möglich, versuchen mit aller Kraft einzutreten, können bei diesem rührend hilflosen Versuch, die Qual einer Alkoholsucht eins zu eins dem Publikum empört vor die Füße zu sülzen, nirgends die Tür zu irgendeinem Erlebnisraum finden." Schäfer endet mit einem Appell an den Kultursenator Wowereit: "Sputen Sie sich bitte mit der Entscheidung zur Petras-Nachfolge. Armin Petras ist zwar offiziell noch am Haus, aber offenbar längst von Bord gegangen. Würde er seinen Job noch ernst nehmen, hätte er diesen Schmarrn abgesagt."

Der Anfang habe "in seiner hörspielhaften Anmutung die Qualitäten einer schläfrigen Séance, er wirkt wie eine launisch lapidare Romanbeschwörung", meint Dirk Pilz in der Berliner Zeitung / Frankfurter Rundschau (6.2.2012). "Zwanzig Minuten lang macht der Abend damit glauben, er habe der Vorlage theaterspezifischerweise etwas hinzuzufügen, als wisse er aus den Romansätzen etwas herauszukitzeln, das die Lektüre übersteigt." Dann kippe das Spiel "vom simulierten Schnaps- in den behaupteten Kunstrausch; die Erlösungshoffnungen werden vom Alkohol auf die Ästhetik übertragen." Immerhin sei der Übergang "die vermutlich längste und lustigste Kunstkotzszene der Theatergeschichte." Fortan aber hätten wir es mit "einer ausgestellt schrillen Kunstsuchtshow zu schaffen." Die Inszenierung stürze "in einen ziemlich selbstverliebten und mithin immer langweiliger werdenden Zeichenrausch, einen Theatermittelexzess."

Sebastian Hartmann habe Samuel Finzi und Andreas Leupold "auf eine Höllenfahrt geschickt, indem das Duo für die Persönlichkeitsspaltung steht, die der Drogenkranke erlebt", berichtet Eberhard Spreng für die Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (6.2.2012). Jedeoch fehle eine "organische Spielentwicklung"; stattdessen gebe es etwa "minutenlang eine Kotzorgie" in "schönster Ekel-Theatermanier", "bevor ein Höllenlärm das gesamte Theater erbeben lässt". So solle "das Dröhnen im berauschten Kopf zur Darstellung kommen". Jedoch wirkten Hartmanns antinaturalistische Regieideen "(a)llzu ausgedacht", und obgleich die Akteure die Vorgaben "mit respektabler Hingabe" "exekutieren", blieben "Roman, Spieler und Regie einander am Ende merkwürdig fremd".

Das diese Inszenierung von Sebastian Hartmann eine ungemütliche Sache wird, ahne man, schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (7.2.2012). Am "Nullpunkt des Theaters", wo "nur noch Dröhnen und Wind existiert, maschinenerzeugt, schmerzhaft laut, da hilft nur Finger in die Ohren. In diesem Moment hasst man den Regisseur für die Wahl seiner Mittel; aber im Nachhinein, und das zählt womöglich mehr, füllt sich dieser Bruch mit Sinn. Er markiert das Loch, das Nichts, das Nichterinnerbare, das weggeschluckte Leben des Trinkers." Am Ende habe der Abend seine bestürzende Geschichte konsequent erzählt.

Einen "Cocktail der leerlaufenden Stilmittel, der die Freuden des Rauschs ausspart und gleich im Regietheater-Kater landet" hat Peter Laudenbach für die Süddeutsche Zeitung (24.2.2012) gesehen. Samuel Finzi und Andreas Leupold tippten ihre Figuren eher ironisch an als sich spielend auf sie einzulassen. Steve Binetti, "der langweiligste Gitarrist unter der Sonne", zerdehne dazu seine "kraftlosen Melodien", was insofern passe, als sich auch der übrige Abend sehr ziehe und "sich nicht entscheiden kann, ob er jetzt eine melancholische Trinker- und Verlierer-Ballade, ein einziger quälender Kopfweh-Kater oder doch nur lustig-zynischer Pop sein will".

Nach der Leipziger Premiere der Produktion im März 2012:

Dieser Inszenierung, die jetzt aus Berlin an koproduzierende Leipziger Centraltheater kommt, war bereits ein Ruf vorausgeeilt, erzählt Peter Korfmacher in der Leipziger Volkszeitung (19.3.2012). "Und ja, es wird ausführlich gekotzt", schreibt er, aber: "Dieses Gekotze" stehe "keineswegs für ein Abwirtschaften des Regisseurs Sebastian Hartmann, sondern für die Rückeroberung des Theaters". Einen "in virtuoser Weise" entfalteten "zynisch-abgründigen Aberwitz" macht der Rezensent hier aus, mit dem die Geschichte des Trinkers "einer unentrinnbaren Abwärtsspirale" zugeführt wird. Hartmann moralisiere nicht, sondern "modelliert auch formal den Rausch nach". Höchstes Lob fällt auf Hartmanns Bildmacht, seine Analytik, seinen genauen Umgang mit dem "großen Text" Hans Falladas und auf die Schauspieler, "die hier mit das Beste abliefern, was seit Langem auf dieser Bühne zu sehen war".

 
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