altWie war das noch mal mit dem Schürhaken, Moni?

von Steffen Becker

München, 5. Februar 2012. Das Publikum unterhält sich noch, als die Protagonisten schon auf der Bühne agieren. Erst ein aufleuchtendes Alpenpanorama bringt es zum Schweigen. Später wird es schunkeln, Alphörner halten, rhythmisch klatschen – und am Ende jubeln. "Fein sein, beinander bleibn", der Liederabend von Franz Wittenbrink und sechs der 15 Well-Geschwister ("Biermösl Blosn", "Wellküren"), fühlt sich phasenweise weniger an wie ein Theaterabend in den Münchner Kammerspielen denn wie das Treffen einer Großfamilie in Bierzeltatmosphäre.

Die je drei Brüder und Schwestern und ihr Publikum kennen sich seit Jahren – die Biermösl Blosn etwa spielten 35 Jahre lang mit Witz, Mundart und jeder Menge Instrumente gegen Kirche, CSU und andere Scheußlichkeiten. Vor wenigen Wochen haben sie sich aufgelöst – die Kirche hat auch auf dem Dorf das Leben nicht mehr im Griff, die CSU krebst bei 40 Prozent und steht jetzt für Energiewende. Widerständigen Liedermachern geht der Stoff abhanden.

Volksmusikalische Familienaufstellung

Die Familienzusammenführung Franz Wittenbrinks macht das umso interessanter. Die Welt hat sich verändert, und die Kammerspiele laden zum Schauspiel, wie ein prominenter Haufen Über-50-Jähriger darauf reagiert. Zunächst machen sie das, was sie von Kindesbeinen an am besten können. Sie musizieren gemeinsam mit einer enormen Fülle an Zupf-, Quetsch- und Blasinstrumenten. Wittenbrink hat Dudelsack, Ziehharmonika, Tuba, Klarinette und mehr an Schnüre hängen lassen, von denen sie die Well-Geschwister bei Bedarf pflücken. Gemeinsam spuilns, dass es a wahre Freud is – im Stile der Volksmusik neu komponierte Lieder oder auf Stubnmusi getrimmte Klassik-Bearbeitungen wie ein Auszug aus Ravels "Boléro".feinsein1 560 andrea huber xEx-Biermösl-Blosn und Noch-Wellküren sind fein und bleiben dank Franz Wittenbrink auch beinander
© Andrea Huber

Man spürt hier das lebenslange Training und die geschwisterliche Vertrautheit, erworben in gemeinsamen Auftritten als Kinder. Inhaltlich legen sie genau darüber Zeugnis ab – aufwachsen und leben in einer Großfamilie. Den theatralischen Rahmen bildet die Probe für ein neues Programm. Doch die Wells nutzen auch die Gelegenheit, um untereinander mit Familienlegenden aufzuräumen. Etwa mit der Geschichte, dass Moni ihren kleinen Bruder versehentlich fast mit einem Schürhaken erschlagen habe.

Die Frau Mutter greift zur Zither

Wittenbrink lässt die Geschwister über den Abend verteilt ihre eigene Version des Dramas wiedergeben. Dabei zeigen sich auch die verschiedenen Muster, wie sich Geschwister untereinander behaupten. Die Führungsrollen des Abends beanspruchen die Jüngsten. Monika und Christoph Well bearbeiten ihre Instrumente derart heftig, als müssten sie als die Kleinsten immer noch am lautesten um Aufmerksamkeit kämpfen. Bruder Michael gibt dazwischen den moderaten Conferencier, die anderen Geschwister üben sich in der Kunst des Teamspiels.

Dass diese Konstellationen vermutlich auch der Realität entsprechen, macht es umso reizvoller, den Kabbeleien beizuwohnen. Für Politik pur mögen sich die Menschen nicht mehr so erwärmen, private Gschichterl dagegen funktionieren auch mit kritischer Botschaft. Vor allem, wenn man sie mit Stubenmusi kombiniert. Der boshaft-witzige Streit über den Pflegenotstand "Wer nimmtn d'Oma, de liegt im Koma" entbehrt jedoch Gott sei Dank jeder Grundlage. Die 92-jährige Mutter Traudl sitzt mit auf der Bühne. Noch sehr rüstig greift sie in einem der Lieder selbst zur Zither.

Ich heiratete eine Familie

Als einziger (echter) Schauspieler geht Stefan Merki dazwischen. Aus dem Publikum heraus wehrt er sich als Schweizer Ex-Mann von Moni (und Einzelkind) gegen die Lästereien über sein Unbehagen im Angesicht der Geschwisterhorde, die er da mitgeheiratet hatte. Sein furioser Gesangsauftritt gehört zweifellos zu den Highlights des Abends. Neben Gerhard Polt als Nikolaus im Häkeldeckchen-Gewand. Dieser ist der erste von verschiedenen Überraschungsgästen aus dem Leben der Well-Geschwister. In den kommenden Vorstellungen haben weitere Promis kurze Auftritte.

Aus diesen zum Teil grandiosen Einzelszenen schnürt Regisseur Wittenbrink jedoch kein rundes Ganzes. Die Rahmenhandlung verabschiedet sich nach wenigen Szenen. Die Lieder werden nicht durch einen roten Faden verbunden, es bleibt bei Ausschnitten aus dem Familienalbum. So unterhaltsam und schwungvoll deren Darbietung gelingt, so sehr vermisst man doch eine stärkere Dramaturgie. Sinnbildlich auch der Abschluss: Die Geschwister proben eine Familienaufstellung à la Hellinger – nur Onkel Hans, den alten Nazi, will keiner spielen.

Verpasste Chance?

Aus diesem Einfall hätten die Beteiligten einiges entwickeln können. Rollenwechsel, dunkle Familiengeheimnisse, Geschwisterkonkurrenz, Neid, Hass, Liebe. Die vielversprechende Idee geht jedoch unter in einem wilden Instrumente-Streit, der ins finale Happy End "Fein sein, beinander bleibn" mündet. So will es das selbst auferlegte Stakkato des Liederabends. Auch das macht als Zuschauer Spaß. Es bleibt jedoch im Schlussjubel über einen gelungenen Abend das Gefühl einer verpassten Chance.

 

Fein sein, beinander bleibn
Ein Hausmusikabend mit den Geschwister Well
Uraufführung
Regie: Franz Wittenbrink, Ausstattung: Franz Wittenbrink, Geschwister Well,
Licht: Stephan Mariani
Mit: Stefan Merki, Bärbi Well, Burgi Well, Karli Well, Stofferl Well, Michael Well, Moni Well und wechselnden Gästen.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Weitere Liederabende von Franz Wittenbrink auf nachtkritik.de: Die Lobbyisten am Staatsschauspiel Dresden, So leben wir und nehmen immer Abschied am Burgtheater Wien.

 

 

Kritikenrundschau

Die halbe Familie nebst uralter Mutter und Gast Polt auf der Bühne, Dieter Dorn im Parkett – "Muss man schreiben, wie süß das ist?", fragt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (7.2.2011). Natürlich liege in der nostalgischen Wohlfühlstimmung "dieses familiären 'Hausmusikabends'" eine Gefahr, die der Abend aber souverän umschiffe. "Um die Bürde der Vergangenheit mit den kultigen, dramaturgisch durchgearbeiteten, politisch zubeißenden Stücken von Polt & Biermösl Blosn wissend, nehmen sie bewusst Abstand davon, erzählen kein Stück, sondern schlagen, gemeinsam mit dem von ihnen für diesen Zweck hinzugebetenen Regisseur Franz Wittenbrink, den Weg des Liederabends ein - ohne dabei zu seicht und allzu leicht zu werden. Und auch wenn es bewusst keine Pol(i)t-Satire mehr ist - unpolitisch ist es nicht."

"Das ist kein runder Theaterabend, aber ein sehr großes Vergnügen mit einer musikalischen Familienlegende", findet Gabriella Lorenz in der Münchner Abendzeitung (7.2.2011). Der dramaturgische Bogen verliere sich schnell; Franz Wittenbrink steuere dem Best-of-Konzert der sechs Well-Geschwister optische Gags bei: "Auf dem riesigen Alpenpanorama an der Rückwand erscheinen mal eine Kuh oder Familienfotos, ehe das Bergidyll kurzerhand abgefackelt wird."

Kein Wunder sei es, dass es selbst der versierte Regisseur Wittenbrink nicht recht vermochte, dieses Team aus sehr selbstständigen Langzeit-Musikanten-Brettl-Routiniers in eine dramaturgisch überzeugende Form zu gießen, schreibt Simone Dattenberger im Münchner Merkur (7.2.2011). Immerhin gebe es "leicht fransige rote Fäden". So sei der Abend vor allem eine "richtig unterhaltsame Well-Revue".

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