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Im Rausch der Verzweiflung

von Christian Baron

Jena, 8. Februar 2012. Wer sich ohne Vorwissen über Leben und Werk Thomas Braschs auf dieses Experiment einlässt, wird wohl stellenweise ein anderes Stück sehen. "Ich komme aus meiner Haut. Sieben Tage Doppelmord" erschließt sich dem uninformierten Zuschauer wahrscheinlich schwer – oder zumindest anders. Jungregisseur Roman Schmitz unternimmt an der Unterbühne des Theaterhauses Jena zusammen mit Hannah Speicher (Textauswahl) und Jonas Zipf (Dramaturgie) gar nicht erst den Versuch, dieser Aneinanderreihung von Texten aus der Feder und dem Archiv des 2001 verstorbenen Literaten und Filmemachers Thomas Brasch einen Spannungsbogen oder eine selbsterklärende Verständlichkeit zu verleihen. Was man durchaus kritisch sehen kann. Einerseits.

Charakterdimensionen des Verzweifelnden

Denn vielleicht ist es ja andererseits gerade das, was dem Team an der Auseinandersetzung mit dieser Person attraktiv erschien – und das Resultat derselbigen zugleich so reizvoll macht. Die Uneindeutigkeit beginnt schon mit der Gestaltung der Spielstätte: Drei Akteure (Sebastian Thiers, Yves Wüthrich, Mathias Znidarec) mimen jeweils eine spezifische Charakter-Dimension des Thomas Brasch, wobei jeder sein eigenes, vom anderen abgetrenntes Areal einnimmt. Da ist etwa Thiers' Schreibtisch, auf dem wenig mehr platziert ist als eine Lampe und Briefe von Braschs Vater, der lange Kulturpolitiker war in der DDR – jenem Land, das Thomas Brasch Ende der 1970er Jahre verließ. Auch in dem Bereich, den Wüthrich bespielt, steht ein Schreibtisch, auf dem jedoch eine Schreibmaschine postiert ist. Znidarec schließlich wandert von Beginn an im Raum umher, wie die anderen immer in Bewegung, die permanente innere Unruhe des Dissidenten körperlich explizit zum Ausdruck bringend, indem er seine partiell konfusen Werkschnipsel bisweilen mit erheiternden, akrobatischen Einlagen versinnbildlicht.

haut 5 560 joachim dette uVerabredeter Mord? © Joachim DetteZwischen der allmählichen performativen Entfaltung jener Elemente, an denen Brasch letztlich im Arbeitsrausch verzweifelt ist, wird im Nebenraum der Mord des Banklehrlings Karl Brunke an zwei Frauen aufgeschlüsselt. 1905 stellte sich tatsächlich ein junger Mann und verhinderter Theater-Autor namens Brunke der Polizei und gab zu, zwei junge Frauen ermordet zu haben. Er behauptete jedoch steif und fest, dies sei der ausdrückliche Wunsch der beiden gewesen. Sieben Tage nach Prozessende fand man den Mädchenmörder tot in seiner Zelle. Brasch erstellte in den 1990er Jahren im Zuge seiner exzessiven Beschäftigung mit dem Fall über 14.000 Manuskriptseiten, von denen knapp 100 in einem schmalen Suhrkamp-Bändchen versammelt sind.

Vier Morde, vier Blickwinkel

Bewegend ist vor diesem Hintergrund insbesondere Znidarec, der die lyrischen Niederschriften Braschs mit nur wenigen gestischen Kniffen gekonnt so verkörpert, dass sie nicht leer im Raum stehen, sondern das offenbar dauernd zwischen Wut und Resignation schwankende Gemüt des Protagonisten prägnant symbolisieren. Stimmig gelingt es auch Yves Wüthrich, Braschs Weg von der Begeisterung für einen literarisch zu verarbeitenden Stoff bis hin zu dessen Entgleiten zu vermitteln. Thiers hat seine besten Momente dann, wenn er Prosa-Abschnitte rezitiert und ihnen dabei eine Vitalität verleiht, die die sprachliche Wucht der Literatur Braschs entfesselt.

Die zweifellos beste Szene des Abends ist die des (erst vom Ende her gänzlich dechiffrierbaren) zentralen Gewaltausbruchs: der viermaligen Rekonstruktion der Brunke-Morde. Viermal werden die Morde in gleicher Form wiederholt, dank einer Video-Installation für den Zuschauer aber stets der Blickwinkel modifiziert. Während der Text stets gleich bleibt, blickt die Kamera im Nebenraum in unterschiedlichen Einstellungen aufs Geschehen. Die beiden Damen (Znidarec und Thiers) wollen es schnell hinter sich gebracht wissen, derweil Brunke (Wüthrich) noch den Abschiedsbrief Heinrich von Kleists verliest. Kleist schrieb den Brief an seine Schwester Ulrike, kurz bevor er Henriette Vogel – wie verabredet – erschoss, um sich danach selbst umzubringen.

Verteilung sozialer Anerkennung

Warum wird Kleist heute als Held verehrt und jemand wie Brunke als Täter tituliert, obwohl beide die gleiche Tat begangen haben? Nur deshalb, weil der eine Veröffentlichungschancen genoss, die dem anderen Autoren verwehrt blieben? Es ist diese falsche Verteilung nicht allein von materiellen Gütern, sondern primär von sozialer Anerkennung, die Brasch nicht ertragen konnte; an der er zwar verzweifelt ist, aber nicht gescheitert. Sein Werk belegt dies. Und die erfrischende Jenaer Inszenierung bringt es eindrucksvoll zum Ausdruck durch ihre kreative Vereinnahmung des antiquierten Bildungsroman-Genres: In der bürgerlichen Gesellschaft entwickelst du dich grundsätzlich nur zu dem, der du ohnehin schon bist.

 

Ich komme aus meiner Haut. Sieben Tage Doppelmord
nach Thomas Brasch
Regie: Roman Schmitz, Textauswahl: Hannah Speicher, Dramaturgie: Jonas Zipf, Musik: Levi Raphael, Bühne/Kostüme: Benjamin Schönecker & Veronika Bleffert, Video: Clemens Jarosch.
Mit: Sebastian Thiers, Yves Wüthrich, Mathias Znidarec.

www.theaterhaus-jena.de

 

Mehr zu Thomas Brasch? Klaus Pohl hat jüngst einen Roman über das Leben des Regisseurs und Autors Thomas Brasch geschrieben, das Berliner Ensemble zeigt sein Stück "Mercedes" und die Textsammlung "Vor den Vätern sterben die Söhne".


Kritikenrundschau

Dieser "unverkrampft und neugierig" vorgehende Theaterabend mache "Lust, Brasch wieder zu entdecken". So schreibt Angelika Bohn für das Onlineportal der Ostthüringer Zeitung otz.de (10.2.2012). In "Schlaglichtern" näherten sich die drei Schauspieler den "verschiedene Facetten einer starken, selbstzerstörerischen Persönlichkeit": dem alkoholabhängigen, "auch mal lallenden Flaneur"; dem "Funktionärssohn" und dem genialischen Autor des Brunke-Fragments, "eine messiehafte Gestalt, für deren Abdriften in den Wahnsinn Benjamin Schönecker und Veronika Bleffert (Bühne/Kostüme) ein poetisches Bild finden: (Der Schauspieler Ives) Wüthrich spinnt sein Gehäuse in Haushaltsfolie ein."

Brasch oder nicht Brasch, das sei hier permannent die Frage, in einer Perfomance, die zwischen Autor und Figur changiere, deren Textcollage Insidern runter gehen mag wie Whisky, aber ahnungslosen Theaterbesuchern eine trockene Kehle mache, so Frank Quliitzsch in der Thüringischen Landeszeitung (10.2.2012). "Man muss, um den bis zum Irrsinn gesteigerten Diskurs genießen zu können, wissen, wer Thomas Brasch gewesen ist und woran er gescheitert ist." Dass der Jenaer Brasch in drei Figuren aufgespalten werde, ergebe jedoch Spielvarianten, die fantasievoll ausgereizt werden.

 
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