altIn der Gottesmaschine

von Annette Hoffmann

Basel, 9. Februar 2012. Physiker sind Menschen, die sich morgens am Küchentisch fragen, woher das Universum kommt, ob es genau so sein muss und ob einen Urknall und gut 13 Millionen Jahre später, wieder jemand morgens am Küchentisch sitzt und sich diese Fragen stellt. Eine müßige Angelegenheit? Alles eine Frage der Perspektive.
Es kann einem wirklich etwas schwindelig werden bei der neuesten Produktion der Basler CapriConnection "Der Urknall oder Die Suche nach dem Gottesteilchen", die jetzt in der Kaserne uraufgeführt wurde.

Sie befasst sich mit physikalischer Grundlagenforschung, wie sie am CERN betrieben wird. Zur Erinnerung: das Europäische Kernforschungsinstitut geriet Ende letzten Jahres in die Schlagzeilen, da Versuche mit dem Teilchenbeschleuniger Einsteins Relativitätstheorie widerlegen sollten. Die Versuche gelangen, doch ob das ominöse Higgs wirklich gefunden wurde, darauf möchte sich niemand so recht festlegen. Zuvor fürchteten Kritiker, dass dabei Schwarze Löcher entstehen könnten, die die Erde verschlucken. Nur, für ihre Klagen fühlte sich kein Gericht zuständig.

Elementarteilchen und Zauberwürfel

Das CERN befindet sich bei Genf, die Ringbahn des Teilchenbeschleunigers erstreckt sich bis nach Frankreich, 20 Staaten sind am CERN beteiligt. Da würde man sich doch gerne vorstellen, dass man dort mit der Bedachtsamkeit arbeitet, mit der Susanne Abelein und Silvester von Hösslin einen Federball minutenlang im Spiel halten. "Der Urknall oder Die Suche nach dem Gottesteilchen" beruht auf Gesprächen mit Wissenschaftlern des CERN und dessen wohl bekanntestem Kritiker Otto E. Rössler, die die freie Theatergruppe um Regisseurin Anna-Sophie Mahler geführt hat. Sie werden als Monologe gesprochen, Lebensläufe und Motivation der Berufswahl werden eingeworfen.

Ganz kommt der Abend nicht ohne Wissenschaftsfolklore aus. Da trägt Thomas Douglas ein schwarzes T-Shirt mit der Formel des Standardmodells der Elementarteilchenphysik (fände man das Higgs wäre dieses obsolet) und Silvester von Hösslin ein Zauberwürfel-T-Shirt unter dem Karohemd (Kostüme: Mirjam Egli). Verschiedene Präsentationsformen werden an Tafelreihen exerziert, die auch als Türen dienen, im Halbkreis sind Lautsprecher aufgestellt (Bühne: Duri Bischoff).

Streben nach Unermesslichkeit

Energischen Schrittes nähert sich Susanne Abelein einem der Tische, setzt ihren Alukoffer ab, öffnet ihn und wird ihm eine Plastikflasche Wasser entnehmen und sich einen aufmunternden Schluck gönnen. Dann wendet sie sich dem Board zu und erklärt anhand von Magneten das Verhalten von Materie und Anti-Materie, während sie immer ein paar Schritte nach vorne und hinten geht, den Zeigefinger zückt und pädagogisch wertvolle Gesten einübt. Thomas Douglas gerät derweil das letzte Bundesligaspiel unter seine Projektion.

urknall 560 donata ettlinCathrin Störmer in "Urknall" erklärt das Universum © Donata EttlinAlles verstanden? Wohl kaum, denn verstehen das überhaupt die Experten? Mitunter gerät der Abend zur Satire. Und doch bekommt man einen Einblick in ein Universum von 10.000 Wissenschaftern, in das Gefüge von Mehrheits- und Minderheitsmeinung, kollegialer Dynamik  und wie es sich vielleicht anfühlt, an einem Jahrhundertexperiment zu arbeiten. "Der Urknall oder Die Suche nach dem Gottesteilchen" legt es nicht auf Denunziation an, auch wenn da manches nach Hybris klingt. Es geht CapriConnection mehr um die menschliche Natur, die mit unermesslichen Zeiträumen spielt und das Naheliegende nicht sieht. Um Utopien, sei es zwischen Wal und Mensch oder auf dem Mars und die Möglichkeit Kunst, Philosophie und Wissenschaft wieder miteinander zu verbinden.

Was gesehen wird, ist auch da

Die gut 70 Minuten vergehen schnell und hinterlassen den Eindruck eines vielstimmigen Panoramas. Dann wenden die Schauspieler die Tafeln und die Anlage des CERN wird als Mosaik von Fotos sichtbar. Während Thomas Douglas über das CERN referiert, fühlt man sich, von Gerriet K. Sharmas ansteigendem Dröhnen umgeben, fast als sei man selbst ein Teilchen, das beschleunigt werden soll.  Nur wenige Momente später wird Cathrin Störmer im weißen Raumanzug einige Aufnahmen auf den Tafeln umdrehen und so blinde Flecken im Gesamtbild hinterlassen.

Wo der Blick hinfällt, verändert sich der Zustand und eine Wechselwirkung zwischen Beobachter und beobachteten Teilchen entsteht. Nur wer gesehen wird, ist auch da. Wer hätte gedacht, dass die Unterschiede zwischen der Physik und dem Theater gar nicht so groß sind. Und was hat es nun mit dem Gottesteilchen auf sich? Nichts als cleveres Marketing.

Der Urknall oder Die Suche nach dem Gottesteilchen (UA)
von CapriConnection
Regie: Anna-Sophie Mahler, Dramaturgie: Boris Brüderlin, Musik: Gerriet K. Sharma, Bühne: Duri Bischoff, Kostüme: Mirjam Egli.
Mit: Susanne Abelein, Thomas Douglas, Cathrin Störmer, Silvester von Hösslin.
Eine Produktion von CapriConnection in Koproduktion mit der Kaserne Basel, dem Fabriktheater Zürich und dem Theater Tuchlaube Aarau.

www.kaserne-basel.ch
www.capriconnection.ch

 
Kritikenrundschau

Für die Basellandschaftliche Zeitung (10.2.2012) hat Alfred Ziltener "Theater zum Mitdenken" gesehen, mit "exzellenten Schauspielern" und Erläuterungen "von absurder Komik". Bei allem Interesse an wissenschaftlichen Erkenntnissen bleibe der Blick der Macher kritisch. Zum Beispiel "beim Pausengeplauder der Physiker hinter den Kulissen, das wir mithören" zeige sich "der blinde Technikglaube dieser Kaste" in der "völligen Verharmlosung der Katastrophe von Fukushima". Man verlasse das Theater "nachdenklich und mit vielen neuen Fragen".

Das Ganze tänzle "elegant auf dem Grat zwischen Volkshochschulpädagogik und Theaterironie", halte die Balance zwischen "Seriosität und Slapstick", so Sigfried Schibli in der Basler Zeitung (11.2.2012). Angenehm sei, dass in dieser "dichten Produktion" wenig private Beziehungskisten ausgebreitet werden, sondern vielmehr die Figuren mit ihren fachspezifischen Interessen und tiefgründigen Fragen ernstgenommen werden.

Auf der Webseite der Neuen Zürcher Zeitung (2.3.2012) schreibt Anne Suter über das Gastspiel von Capri Connection im Fabriktheater Zürich: "Der Urknall oder die Suche nach dem Gottesteilchen" basiere, wie frühere Arbeiten von Capri Connection, auf dokumentarischem Material. Auf der Bühne redeten die Wissenschaftler von "Materie und Antimaterie, Protonen und Neutronen und auch vom Higgs-Boson" in einem "derartigen Affentempo, dass man kein Wort versteht". Überforderung sei ganz offensichtlich Programm. Zwischendurch fielen glücklicherweise auch "Sätze zum Schmunzeln: 'Ich gehe von der Annahme aus, dass der Antiapfel in der Antiwelt genauso vom Antibaum fällt wie der Apfel in der Welt vom Baum.' " Später bekäme das Publikum auch noch den Large Hadron Collider erklärt, den Teilchenbeschleuniger am Cern. Und die wissenschaftler begännen plötzlich mit dne Köpfen zu wackeln und merkwürdige dinge von sich zu geben wie: "Man sollte alles, was man nicht weiss, auf einen Haufen schmeissen und diesen Haufen dann Gott nennen."

 
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