altBis zum letzten Ton und weiter

von Kai Krösche

Wien, 12. Februar 2012. Sie kommen da nicht mehr raus. Die festliche Gesellschaft, die sich in der bourgeoisen Villa des Ehepaars Nobilé eingefunden hat, um nach dem gemeinsamen Besuch der Wagner-Oper "Tristan und Isolde" den Abend im Rausch zu beenden, sieht sich – scheinbar ohne Grund – unfähig, jenen Ort der Feier wieder zu verlassen. Bis zum letzten Wort, bis zum letzten Ton sind sie gezwungen, an diesem Ort zu verweilen, ohne Rücksicht auf Verluste oder eigene bzw. fremde Befindlichkeiten, ja sogar ohne Rücksicht auf das Leben einiger unter ihnen: Am Ende gibt es mehr als einen Toten. Sie alle sind gefangen in einem merkwürdigen Dazwischen, das sie dazu zwingt, ihre Lebensentwürfe zu hinterfragen, ihre angelernten Verhaltensweisen auf den Prüfstand zu stellen und schließlich das Tabuisierte, das Undenkbare zu denken und zum Mittelpunkt ihrer Reflexionen zu machen.

Buñuel meets Wagner meets Schönberg
Martin Wuttke, bekannter als Film- und Theaterschauspieler denn als Regisseur, hat mit "Nach der Oper. Würgeengel" eine Reinterpretation des 1962 unter der Regie des mexikanischen Regisseurs Luis Buñuel entstandenen Films "El ángel exterminador" auf die Bühne des Burgtheater Kasinos gebracht. Im Film ist es eine bourgeoise Gesellschaft, der es plötzlich am Morgen nach einer mehr oder eher weniger berauschenden Party unmöglich ist, die luxuriöse Villa zu verlassen und die sich fortan gezwungen sieht, einander auf engstem Raum in den Wahnsinn zu treiben. Die Wochen vergehen, die Sitten verrohen, bis plötzlich am Ende wie aus dem Nichts heraus alles wieder wie zu Beginn zu sein scheint – und der Bann gebrochen wird. Nur um kurz darauf im Rahmen eines "Te Deum" in der Kirche erneut über die Gesellschaft einzubrechen.

wuergeengel 1 560 georg soulek uWürgen oder nicht würgen? © Georg Soulek

Unter der Regie Martin Wuttkes wird diese Grundkonstellation erweitert um Reflexionen über die Oper "Tristan und Isolde", deren letzter Akt gleich vor Ort von einem eigens bestellten Orchester zum besten gegeben wird. Wagner- gehen nahtlos über in Schönberg-Kompositionen (ein wenig überraschender, aber schöner Beweis der nur auf den ersten Blick unerwarteten musikalischen Verwandtschaft jener beiden Komponisten); Reflexionen der Gäste über Beweggründe des Liebestodes, über Vergehenssehnsucht und die sich damit unweigerlich stellende Frage nach dem Sein und dem Nicht-Sein (und dem Sinn dessen) unterbrechen, untermalen, konterkarieren die live von Sängern und Orchester aufgeführte Musik.

Schlingensiefesk
Dabei sind es nicht nur die den Abend durchziehenden Klänge, die in ihrer nahtlosen Verflechtung mit dem (gesprochenen) Bühnengeschehen an die visuell und inhaltlich starken Inszenierungen Christoph Schlingensiefs erinnern: Neben dem Dirigenten Arno Waschk, der sein aus Musikerinnen und Musikern der Wiener Universität für darstellende Kunst bestehendes Orchester zu Höchstleistungen bringt, arbeiteten die Videokünstlerin Meika Dresenkamp (die für "Würgeengel" assoziative Bilder schuf, die sowohl als dynamische Bühnenbeleuchtung als auch als konkrete Projektionen dienen), der hier fürs Licht zuständige Voxi Bärenklau sowie die Dramaturgin Anna Heesen bereits mit Christoph Schlingensief – und halfen, in seinen Inszenierungen jene eindringliche und unverkennbare Ästhetik aus Bewegtbildern, Musik und Licht zu schaffen. In jeder Sekunde des drei Stunden langen und dabei niemals langweiligen Abends von Martin Wuttke zeigt sich jetzt die Eingespieltheit dieses Teams, die einen rhythmisch und visuell mit Wuttkes starker Regiehandschrift im besten Sinne harmonierenden Sog erzeugt.

wuergeengel 5 560 georg soulek uBlutiges Zusammensein © Georg Soulek

Mit der Hilfe eines handwerklich und künstlerisch bereits derart starken Teams wäre es wohl für Wuttke ein Einfaches gewesen, die Bühnenneudichtung von Buñuels unübersehbar gesellschaftskritischem Film auf weltweit aktuelle Umbrüche zu beziehen und anhand der Parabel von einer sich in ihrem Eingekesseltsein selbst entlarvenden Gesellschaftsordnung einen Abend über den Untergang herrschender Strukturen auf die Bühne zu bringen. Dass sich Wuttke dagegen entscheidet, entpuppt sich als Glücksfall. Gerade durch den Verzicht auf jedwede Eindeutigkeit entwickelt der Abend seine Stärken – und schafft eine spannende Neu- und Weiterdichtung der vielschichtigen Vorlage.

Die Zerrissenheit des Menschen an sich
Wuttke geht es dabei offensichtlich nicht um zeitgeistige Schlagworte, nicht um ein Theater der vereinfachenden Statements oder leicht veräußerten, aber umso schwerer einzuhaltenden "kritischen Kommentare". Stattdessen thematisiert er die Zerrissenheit des Menschen an sich, die Frage nach dem Sinn des (Da-)Seins, ohne dabei je in selbstverliebtes Pathos abzudriften. Was sich auf der Bühne des Kasinos abspielt, ist die Gleichzeitigkeit des Lächerlichen und Bedeutsamen, des Banalen und Existentiellen oder anders: Was uns hier vermittelt wird, ist nichts mehr und vor allem nichts weniger als die ganze Absurdität und Widersprüchlichkeit unseres zwischen "Realität" und "Ideal" verlorenen Daseins, das einerseits nach Leben lechzt, sich andererseits nach der zum Loslassen berechtigenden Begleichung offener Rechnungen sehnt, nach dem einen Augenblick der Ruhe, die immer auch eine Abkehr vom gesellschaftlich Konformen, vom Anständigen, ja Möglichen bedeutet. Das klingt nach viel, ist noch viel mehr und kommt hier ohne den belehrenden Anspruch des Besserwisserischen und ohne unkritische Verklärung daher – trifft in seiner Zweischneidigkeit deshalb umso tiefer.

So schauen und lauschen wir gebannt dem schlafwandlerischen Geschehen auf der Bühne, wagen es nicht, auch nur in Gedanken den Raum zu verlassen, bis der letzte Ton verklungen ist. Ein letzter Ton, der nachhallt, der, einmal erklungen, gar nicht mehr aufzuhören droht. Wie fürchterlich, wie wunderbar.

Nach der Oper. Würgeengel
Eine masochistische Komödie von Martin Wuttke nach Luis Buñuel
Textfassung von Anna Heesen und Martin Wuttke
Regie: Martin Wuttke, Bühne und Kostüm: Nina von Mechow, Musik: Arno Waschk, Video: Meika Dresenkamp, Licht: Voxi Bärenklau, Dramaturgie: Anna Heesen, Amely Joana Haag.
Mit: Andrea Clausen, Franz Csencsits, Stefanie Dvorak, Lucas Gregorowicz, Maria Happel, Gerrit Jansen, Ignaz Kirchner, Oliver Masucci, Peter Matic, Peter Miklusz, Dirk Nocker, Branko Samarovski, Yohanna Schwertfeger, Anna Starzinger, Catrin Striebeck, Adina Vetter, Stefan Wieland, Bibiana Zeller, Hege Gustava Tjønn, Agnes Palmisano, Martin Mairinger, Duccio Dal Monte, MusikerInnen der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien unter der Leitung von Arno Waschk.

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Martin Wuttke versucht sich in Wien an Bunuels 'Würgeengel' und an Schlingensiefs Theateridee - das geht schief", so lautet die Unterzeile der Kritik von Helmut Schödel (Süddeutschen Zeitung, 17.2.12), der den Abend ziemlich baden gehen sah. Wuttkes Inszenierung ende im freien Fall. "Dieser Abend ist so ersetzbar, dass er sogar absetzbar ist. Für Interessierte genügen eine DVD des Bunuel-Films und die Erinnerung an einen Liebestod ohne Gleichen."

"Was Wuttke versucht, ist eine Art analytisches Gesamtkunstwerk", befindet Hartmut Krug im Deutschlandfunk (14.2.2012). Liebestod und Selbstauflösung, der Tod, der seine Sinnhaftigkeit in der Gemeinsamkeit findet, das Ich und seine Darstellbarkeit, Theater und Leben, Spiel und Authentizität: all das werde besprochen, befragt und untersucht. "Doch leider, da ändert auch die zuweilen von Schönberg zu Wagner übergehende Musik nichts, in einer szenisch wenig lebendigen Weise."

"Wuttkes Würgeengel-Mixtur opfert bereitwillig dem Geist, den sie zu entlarven vorgibt", so Ronald Pohl im Standard (14.2.2012). Die Inszenierung teilte generös philosophisches Palaver nach allen Seiten aus und würdige damit die herrlichsten Schauspieler des Landes zu Stichwortgebern und -empfängern herab. Gut an dem "fürchterlich umständlichen Theater-Essay" sei, dass man zu sehr erschwinglichen Konditionen in den Genuss eines Opernkonzerts komme.

Wer wirklich würdigen Wagner wolle, warnt Norbert Mayer in der Wiener Presse (14.2.2012), sei woanders am Ring besser aufgehoben. Auch sonst hat er einige Vorbehalte gegen "Wuttkes Monster" (so des Kritikers Umschreibung dieses Abends). Vor allem ist Mayer der Meinung, dass Wuttke sich mit diesem Projekt übernommen hat. Ein Gesamtkunstwerk werde entworfen, mit einer Flut von Bildern, Kostümen und hochkomplexen Texten. "Doch der Effekt ist rasche Ermüdung durch absolute Reizüberflutung. Ein jeder suche sich was aus, wer aber alles will, muss wirklich leidensfähig sein." Auch wirkt die große Oper im kleinen Kasino auf Mayer "etwas deplaziert".

Pyrotechniker Bernhard Baumgartner stellt in der Wiener Zeitung (14.2.2012) fest: "Die Rakete wollte nicht zünden." Bleischwer würden sich endlos verkopfte Dialoge ziehen, und am Schluss blieben trotz des brillianten Ensembles Ernüchterung und viele, viele Fragezeichen.

"Keine Frage: Martin Wuttke hat ein Meisterwerk geschaffen", so Michaela Mottinger im Kurier (14.2.2012). Zwar würde man sich ohne die vorherige Beschäftigung mit Buñuel, Schönberg und "Tristan und Isolde" schwer tun, aber "für 'Auskenner' freilich war der Abend ein Drei-Stunden-Fest, visuell wie darstellerisch. Geprägt von Martin Wuttkes signifikanter Regiehandschrift." Man sehe eine Auseinandersetzung mit Realität und Spiel, Wahrheit und Lüge, und Lüge, die zur Wahrheit wird.

Von einem "traurigen, zähen und – weil ungemein aufwendig gestaltet – ärgerlichen Mischmasch" spricht Ulrich Weinzierl auf Welt-online (15.2.2012). Regisseur Martin Wuttke nenne den Abend im Untertitel eine 'masochistische Komödie'. Für den Kritiker jedoch ist "von Komödie indes keine Spur, und dem Masochismus hat vor allem ein Publikum zu frönen, das wegen Pausenlosigkeit nie Gelegenheit erhält, aus dem Saal zu flüchten." Leider lehne sich Wuttke über die Maßen an seine Vorbilder Castorf, Pollesch und Schlingensief an. Doch das angestrebte philosophisches Diskurstheater verkommt aus Sicht des Kritkers zu Geschwätz und Pseudotiefsinn. Weit unter Wert sieht er auch die "herrlichen Darsteller" verschleudert.

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