Farbenblinde Normalität

16. Februar 2012. Nachdem nachtkritik.de-Redakteur Nikolaus Merck bereits gestern seine in einer Replik auf einen Kommentar im Kontext der Blackfacing-Debatte geäußerten Positionen in Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung präzisierte und erweiterte, reagieren heute auch die Kollegen der Welt und der taz.

In der Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung (15.2.2012) wundert sich Nikolaus Merck unter anderem über die Schwierigkeiten des Theaters im Umgang mit der Kritik am Vorgehen, weiße Schauspieler schwarz zu schminken. Die Authentizität einer Figur erweise sich nicht durch die korrekte Hautfarbe, sondern im Spiel, mit diesem Argument werde die Schminkpraxis in der Regel rechtfertigt. "Im diskriminierungsfreudigen, um nicht zu sagen: rassistischen Deutschland" beglaubige also die Überzeugungskraft einer Theaterfigur, nicht die Lebenserfahrung der 'Person of Colour', die Qualität von Spiel und Inszenierung. Selbst wenn das so sei, so Merck, habe das Deutsche Theater und das Theater in Deutschland mit seiner vorherrschenden Praxis, weiße Schauspieler schwarz zu schminken, ein Problem.

"Denn das Theater befindet sich nicht im luftleeren, sondern im politischen Raum. Und dort ist es nicht üblich, dass der Kritisierte selbst darüber entscheidet, ob Kritik zulässig ist oder nicht. Das Theater ist als Teil der Gesellschaft, als ein Mittel der Verständigung der Gesellschaft über sich selbst, ständig auf die Gesellschaft bezogen. Deshalb ist es ja auch hierzulande so gerne aktiv, wenn es darum geht, Figuren aus dem überkommenen Dramenkanon die heuchlerische bürgerliche Maske abzureißen." Wann also würden schwarze Schauspieler auf deutschen Bühnen ebenso normal wie weiße sein? "So normal wie die 'türkisch-stämmigen' Kommissare und 'migrationshintergründlerischen' Stand Up-Comedians, die sich sogar das vom Theater gerne als geistig hinterwäldlerisch verachtete Privatfernsehen seit geraumer Zeit leistet. Höchste Zeit, dass diese farbenblinde Normalität sich auch als Normalität im deutschen Theaterbetrieb durchsetzt."

In der Welt (16.2.2012) schreibt Matthias Heine: "Der Protest hat insofern etwas seltsam Anachronistisches, weil er mit dem Begriff 'Blackface' hantiert, der bis dahin den meisten deutschen Theatermachern vermutlich unbekannt war", weil er sich auf eine us-amerikanische Tradition beziehe. "Hierzulande war dieses humoristische Stilmittel allerdings nie weit verbreitet. Nicht, weil wir hier so gute Menschen wären, sondern wohl eher aus Mangel an für Witze verwertbaren Klischees. Es gab in Deutschland so wenig Afrikaner, dass der Vorstellungskreis, der sich mit schwarzen Menschen verband, offenbar zu klein blieb, um ihn dauerhaft für Brachialkomik zu nutzen." In Deutschland blieben "die Farben, die man in Deutschland mit Rassismus verbindet, eher Braun (wie die Hemden der Nazis)".

Warum entzündet sich dieser Protest erst jetzt, Monate nach der Premiere, fragt Daniel Bax in der tageszeitung (16.2.2012). Und tippt darauf, dass, nachdem die Hintergründe der rassistischen Mordserie von Neonazis aus Zwickau bekannt wurden, manche nicht mehr bereit scheinen, "den alltäglichen Rassismus hinzunehmen". Die Begründung des Schlossparktheaters (wo die Blackfacing-Debatte begann), keinen geeigneten schwarzen Schauspieler gefunden zu haben, weil es an deutschen Bühnen so wenige schwarze Schauspieler gebe, was wohl daran liege, dass es zu wenige Rollen gebe, die eine "Festanstellung rechtfertigen" würden, "hatte für viele das Fass zum Überlaufen gebracht". Dabei sei die Kritik in Sachen "Blackfacing" durchaus differenziert: "Im Blog 'Bühnenwatch' etwa konzediert der Schauspieler Tyron Ricketts, dass die Praxis der deutschen Theater nicht der gleichen rassistischen Motivation wie in der amerikanischen Geschichte entspringe. Er 'finde es aber ignorant, die Augen davor zu verschließen, dass sich schwarze Menschen davon beleidigt fühlen'. Provokant fügte er hinzu: 'Ähnlich wäre es, wenn ich mit einem Hakenkreuz auf eine jüdische Veranstaltung gehen und auf die eigentliche Herkunft des Symbols als indisches Sonnenrad verweisen würde.'"

(geka / sle)

Eine Woche später reagierte auch die Neue Zürcher Zeitung auf die Debatte. Auf ihrer Webseite (24.2.2012) schreibt Martin Eich: Die Frage ob "Figuren in einem Theaterstück, die ausdrücklich als «Schwarze» gekennzeichnet sind, von schwarz geschminkten Weißen dargestellt werden" sollten, werde zurzeit "aufgrund veränderter soziologischer Umstände" in Deutschland debattiert. Es handele such um eine Debatte, die symbolhaft den "Konflikt zwischen Kunstfreiheit und den normativen Vorgaben der Realität" zeige.

Das Schwarz-Anmalen weißer Schauspieler, schreibt Eich, sei "jenseits des Atlantiks inzwischen undenkbar". In Deutschland offenbare es zumindest wenig Sensibilität. Wenn das Schlossparktheater darauf verweise, dass es "an kaum einem deutschsprachigen Sprechtheater schwarze Ensemblemitglieder" gebe, "weil das Repertoire 'ihnen zu wenig Rollen bieten könnte'", sehe darin nicht nur der Berliner Senat eine "als diskriminierend zu wertende Einstellungspraxis", sondern das Theater könne sich zudem auch nicht allzu gründlich umgesehen haben. Am Berliner Maxim-Gorki-Theater wie am Nationaltheater Mannheim gebe es schwarze Ensemblemitglieder. "In Mannheim versuchen wir, die Gesellschaft im Ensemble abzubilden. Peter Pearce ist eine Bereicherung", sage der Mannheimer Schauspiel-Chef Burkhard C. Kosminski.

Auch am Staatstheater Mainz besetzte Intendant Matthias Fontheim Bruce Norris' "Clybourne Park" mit schwarzen Darstellern. "Es ist schwierig, die Figuren in dieser Produktion nicht gemäss der Vorlage zu besetzen", zitiert Martin Eich den Mainzer Hauschef. Beim Dramatiker Norris sei die Besetzung, so Eich, immer auch die Botschaft: "Wirklichkeitsgetreu und nicht idealisierend seziert er Rassismus und Fremdheit; jede Veränderung würde das detailreich entwickelte Geflecht aus Aktion und Reaktion, Verantwortung und Schuld aufbrechen." In "Die Unerhörten", das Fontheim im Februar wiederum mit schwarzen Darstellern aufführte, seien Schwarze "sowohl Folterer wie Opfer, Weisse lediglich die anfangs zögerlichen und später beifälligen Kollateral-Profiteure dieser Exzesse".

Eich fasst zusammen: Aus den untauglichen Gegenargumenten forme sich das Inbild einer Szene, die nicht anders wolle, obwohl sie anders könnte. Das die Theater könnten, habe die Szene mit der Förderung des sogenannten postmigrantischen Theaters gezeigt. "Einerseits bei schwarzen Figuren vor einer Realismusfalle zu warnen, anderseits bei Migranten Authentizität zu fördern, ist ein Widerspruch, den das deutsche Gegenwartstheater erst noch auflösen muss."

 
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