altLeichtfüßiger Satyr

von Thomas Askan Vierich

Wien, 15. Februar 2012. Karsten Riedel und Matthias Hartmann kennen sich seit der Ruhrtriennale 2002. Dort produzierten sie gemeinsam "Deutschland, deine Lieder" mit Musik von Schubert bis Rammstein. Auch an diversen Inszenierungen am Wiener Burgtheater war Riedel als Musiker beteiligt und fiel dabei durch seine zurückhaltend-rockigen, gekonnt akzentuierten Beiträge vor allem an der Gitarre auf. Riedel besitzt eine klassische Klavierausbildung und hat jahrelang mit diversen Bands Punk, Ska und Reggae gespielt. Später vertonte er auch einzelne Shakespeare-Sonette. Daraus wurde jetzt an der Burg ein ganzer Abend. Wenn im großen Haus ein ehemaliger Punk auf die hohe Kunst des Sonetts trifft, verspricht das einiges an Spannung.

Riedel sitzt hauptsächlich am Klavier, manchmal spielt er Gitarre, akustisch und elektrisch. Dazu singt er mit ruhiger, leicht bluesiger Stimme – begleitet von der Osttiroler Musicbanda Franui, einer schrägen Musikkapelle mit Harfe, Akkordeon, Zither und Bläsern, bekannt für ihre eigensinnigen Liedinterpretationen von Mahler, Schubert und Brahms. Das musikalische Ergebnis lässt sich schwer einordnen. Manchmal klingt Riedel wie ein entspannter Randy Newman, manchmal wie ein angerauter Chansoneur aus dem Vaudeville.

Dezent ironischer Augenaufschlag

Franui setzt zurückhaltende Akzente, ein bisschen jazzig mit zarten, nur gelegentlich spitzen Bläsern, komplizierter Harmonik und Rhythmen zwischen Polka und Mariachi. Die Sonette klingen, als seien sie für diese zeitlose Musik geschrieben worden. Riedels Songs orientieren sich weitgehend am klassischen Aufbau der Sonette. Riedel zwängt sie nicht in eine Strophe-Refrain-Strophe-Struktur, bietet keinen Shakespeare-goes-Pop.

fooloflove4 560 reinhardwerner uFool of Love © Reinhard Werner

Nicht alle Lieder singt Riedel selbst. Immer wieder übernimmt jemand aus dem schauspielernden Burgtheater-Ensemble: Sunnyi Melles gibt die Diva im eng anliegenden Kleid, Johannes Krisch mit rauher Stimme und Sonnenbrille eine Mischung aus Udo Lindenberg und Klaus Kinsky, Dörte Lyssewski eine etwas blasse Chansonette, Tilo Nest eine Art bärbeißigen Johnny Cash. Aber alle mit dezent ironischem Augenaufschlag.

Alternder Möchtegern-Schauspieler

Zum eigentlichen Star des Abends entwickelt sich der junge Puppenspieler Nikolaus Habjan. Er führt eine lebensgroße Klappmaul-Puppe mit unglaublich hässlichem weißen Glatzkopf voller Falten. Das ist der Dichter, der seine Sonette an den schönen Geliebten, seine "Dark Lady" oder an einen rivalisierenden Dichter richtet. Einmal sehen wir ihm dabei zu, wie er sie schreibt. Da führt ihm einer der singenden Schauspieler sogar die Hand.

fooloflove 280h reinhardwerner.uFool of Love © Reinhard WernerAuch seine Stimme leihen ihm die Schauspieler – die manchmal hinter, manchmal neben dem weitgehend stummen Puppenspieler stehen. Dann spricht die Puppe auch mit ihnen – oder sie kommentiert mit Kopf- und Handbewegungen, was und wie sie singen. Das ist ganz wunderbar bis in die kleinsten Gesten. Die Puppe verlässt auch immer wieder ihre Rolle. Zum Beispiel spielt sie einen alternden Möchtegern-Schauspieler, der immer davon geträumt hat, auch einmal auf der Bühne der Burg zu stehen.

Auch du, Brutus?

In dieser Szene spricht Ofczarek die Rolle mit genussvoll ausgespieltem Wiener Schmäh. Er sitzt am rechten Bühnenrand und beide – Puppenspieler Habjan und er – improvisieren miteinander, reagieren spontan auf das lachende Publikum. Das wirkt locker, gekonnt, hat zwar nicht viel mit den Sonetten zu tun, ist aber trotzdem höchst unterhaltsam.

Überhaupt scheint eines der Anliegen des Abends zu sein, jedes Pathos zu vermeiden. Das Ganze wirkt wie ein heiteres Satyrspiel. Einmal stellt Habjan mit seiner Puppe klassische Sterbeszenen aus Shakespearedramen nach: Die Puppe wird zur todgeweihten Julia und küsst ihren Puppenspieler Romeo. Oder sie verröchelt als Julius Cäsar mit den klassischen Worten: "Auch du, mein Sohn Brutus?" Allerdings so überzogen, dass das Publikum laut lachen muss. Es wird auch an anderen Stellen gelacht. Aber es sind nicht die Sonette, die lustig sind, über die wird sich auch nicht lustig gemacht, es sind die Einlagen dazwischen. Die Vertonung der Gedichte, die Musik und der Originaltext werden durchaus ernst genommen, aber eben nicht todernst und gefühlsschwanger vorgetragen.

Regisseur Hartmann verzichtet weitgehend auf optische Opulenz – anders als Robert Wilson bei Shakespeares Sonetten 2009 im Berliner Ensemble. Hier wird nichts interpretiert oder symbolisch überhöht, stattdessen locker-leicht und abwechslungsreich gespielt und musiziert. Trotzdem hätte man sich ein paar Kanten und Ecken gewünscht, ein paar schräge oder zumindest laute Töne. Wo ist der Punk geblieben? So klingt bis zum Schluss alles heiter gefällig, ohne das musikalisch etwas hängen bliebe. Das hat das Premierenpublikum nicht gestört, das Karsten Riedel, Franui und Puppenspieler Nikolaus Habjan frenetisch feierte.

 

Fool of Love
Shakespeare-Sonette mit Musik von Karsten Riedel und Franui
Regie: Michael Schachermaier, Matthias Hartmann, Musikalische Leitung: Andreas Schett, Komposition: Karsten Riedel, Komposition/Arrangement: Romed Hopfgartner, Markus Kraler, Andreas Schett, Bühne: Stefanie Muther, Kostüme: Melanie Schrittwieser, Dramaturgie: Andreas Erdmann, Licht: Peter Bandl.
Mit: Dörte Lyssewski, Sunnyi Melles, Johannes Krisch, Tilo Nest, Nicholas Ofczarek, Nikolaus Habjan, Karsten Riedel, Romed Hopfgartner, Markus Kraler, Angelika Rainer, Bettina Rainer, Andreas Schett, Nikolai Tunkowitsch.

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Der Wert des Abends liegt in der sinnlichen Verschmelzung dieses Puppenspiels mit der Musik und den Stimmen der singenden Schauspieler", schreibt Margarte Affenzeller im Wiener Standard (17.2.2012). "Sänger und Komponist Karsten Riedel ist zu einer veritablen Kraft am Burgtheater geworden; Fool of Love ist dort sein fünfter, bisher größter Beitrag zu einem Theater, das seine Ränder erkundet. Und das Burgtheater hat mit diesem herzenswarmen Theaterkonzert eine handliche Verschubmasse in bester Nachfolge der Franz-Wittenbrink-Liederabende."

Aufwendige Kleinkunst werde geboten, berichtet Barbara Petsch in der Presse (17.2.2012). Zwar sei Hartmanns "Hang zu chaplineskem Humor spürbar", doch spiele die Regie "keineswegs die Hauptrolle", sondern die Puppe: Sie "ärgert oder freut sich über die Darbietungen der Schauspieler, sie persifliert Todesfälle von Cäsar bis Kleopatra, sie macht Miene, sich in die Musik einzumischen: Dieser weiße Clownkopf mit dem breiten Maul ist quasi die schillernde Seele der Show und ein Haupttreffer."

"Das vielschichtige, vieldeutige Tschinderassa-Synkret übertönt das Wort", kritisiert hingegen Hans Haider in der Wiener Zeitung (17.2.2012). "In den schönsten Momenten des Abends gleicht der Puppenspieler Nikolaus Habjan dem von Shakespeare angedichteten jungen Mann - wenn er fragend, verwirrt und doch seiner Stärke bewusst auf das zerfurchte Pappmaschee-Gesicht hinblickt." Doch "laue Zwischentexte" drückten "das ohnehin schon durch die Musik gebrochene Pathos der Poesie weiter in den Orkus".

 
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