Ganz interessante Mischung?

18. / 20. Februar 2012. Am Tag, an dem die Jury ihre Einladungen zum diesjährigen Berliner Theatertreffen bekanntgab, trat auch der Bundespräsident zurück. Der Kommentierung dieses Ereignisses widmen die Gazetten deutlich mehr Platz – doch auch zu jenem lassen sich einige Lesefrüchte auffinden:

In der Welt (18.2.2012) zieht Ulrich Weinzierl gleich einmal den Vergleich zur Wahl des Bundespräsidenten und kommt zu dem Befund: "Gegen die Entscheidungen der Bundesversammlung sind die der Kritiker von erstaunlicher Verlässlichkeit. Hier gilt noch das Gesetz der Kontinuität." Berlin als Theatermetropole habe jedenfalls laut Weinzierl nichts zu fürchten. "Insbesondere dann, wenn die aus der Provinz herbeizitierten Gastspiele kaum Chancen haben, sich durchzusetzen. Unter den fast stets glänzenden Arbeiten von Alvis Hermanis wurde die schlechteste ausgesucht (...). So lässt sich's leicht abstinken."

Eine "ganz interessante Mischung" ist der Jury Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (18.2.2012) zufolge gelungen. Sie weiß zu berichten, "dass die Reise- und Leidensbereitschaft der Jury beträchtlich und die Auswahl-Panik am Ende groß war. Ein sicherer Kandidat war offenbar für lange Zeit nur Nicolas Stemanns neunstündige 'Faust I + II'-Erkundung." "Lokalheroisch" freut sich Christine Dössel über die zweifache Einladung der Münchner Kammerspiele, vermisst aber "Three Kingdoms" auf der Liste. Trotzdem: "Mit dem doppelten Bestenlistenplatz sind die Kammerspiele bundesligamäßig wieder ganz auf der Höhe alter Baumbauer-Zeiten." Der "eigentliche Triumphator" sei aber "Frank Castorfs Berliner Volksbühne. Immer wieder totgesagt, kehrt sie nun mit sensationellen drei Einladungen in die Top Ten zurück."

Für Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (18.2.2012) sind die drei Einladungen für die Volksbühne sogar eine zu wenig: Schließlich habe Frank Castorf mit "Der Spieler" "eine seiner besten, also fast alles andere in den Schatten stellenden Inszenierungen hingelegt." Seidler lässt auch en passant fallen, dass die Entscheidung "für den kunstterroristischen Prater-'Borkman'" von Vegard Vinge und Ida Müller "dem Vernehmen nach knapp ausgefallen" sei, er selbst hält sie jedoch für zwingend.

Im Tagesspiegel (18.2.2012) meint Patrick Wildermann, dass sich bei der Juryauswahl der Trend des vergangenen Jahres fortsetze: "frische Formate statt gepflegter Klassik, Newcomer statt großer Namen." Was die dreifache Nominierung der Volksbühne betrifft, so sieht er bereits eine Verlängerung des Vertrags von Frank Castorf, der im kommenden Jahr ausläuft, am Horizont heraufziehen. Ein "schönes i-Tüpfelchen" für Matthias Lilienthals "sagenhaft erfolgreiche Zeit" am Berliner HAU seien die Einladungen von "Hate Radio" und "Before your very eyes". Auch ansonsten seien keine "Inszenierungen im Berliner-Ensemble-Stil" zu erwarten.

Die Frankfurter Allgemeine schließlich markiert mal wieder einen neuen Höhepunkt in ihrer schon etwas länger gepflegten Theatertreffen-Verachtung: Ihr ist – zumindest in der Ausgabe vom 18.2.2012 – die Bekanntgabe der Juryentscheidung nicht einmal eine Meldung wert.

In der taz (20.2.2012) freut sich Katrin Bettina Müller sehr über die Auswahl der Jury, "weil sie nicht mehr einfach Stadttheater und Starensembles abfeiert, sondern Produktionen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen nebeneinandersetzt: weil ihre Stücke die Jury überzeugten". Und damit das deutschsprachige Theater auch als vernetzt mit anderen Punkten der Welt zeigten. Müller erwähnt die Übereinstimmungen des Theatertreffens mit dem Nachtkritik-Theatertreffen ("Die Leser selbst wählen zu lassen (...), das ist ein demokratisches Korrektiv gegenüber der oft umstrittenen Auswahl des Festivals") und freut sich ganz besonders mit dem scheidenden HAU-Intendanten Matthias Lilienthal über die "hochverdiente Anerkennung" für sein Theater, das mit gleich zwei Produktionen ("Hate Radio" und "Before your very eyes") sowohl zum Nachtkritik- als auch zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist. Generell könne man viele Stücke der Auswahl mit dem Stichwort "Versuchsanordnung" überschreiben, so Müller. Um Inszenierungen wie Nicolas Stemanns "Faust" oder Vinge/Müllers "John Gabriel Borkman" zu besuchen, müsse man Theater "nicht nur mögen, sondern ihm auch in seinen Krisen Händchen halten und es durch seine Selbstzweifel begleiten wollen". Die Auswahl der Jury sei "auch ein Bekenntnis: Wir wollen Theater, das uns als Zuschauer auch fordert."

(wb / sd)

 
Kommentar schreiben