altDie Unsterblichkeit des Handschuhs

von Katrin Ullmann

Hamburg, 18. Januar 2012. Ein Bild soll entstehen, eine Erinnerung bleiben. An eine Person, die verschwunden, vielleicht gestorben ist, an eine junge Frau. "Können Sie sie sehen? – Strengen Sie sich an" – heißt es immer wieder im Stücktext, einem "Theatertext in Gegenständen". Darin ruft die Autorin Katharina Schmitt die Abwesenheit jener einen Person durch die Anwesenheit verschiedenster Gegenstände in Erinnerung. Ob Vierfarbenstift, Handschuh, Stulpen, Spiegel, Schlüssel, Regenmantel oder Lippenstift: Sie alle erzählen einen Teil der Biografie jener Abwesenden und werden zu Erinnerungsstücken einer Ausstellung.

"Jugendbildnis" hat die Autorin, Jahrgang 1979, ihr Stück genannt, es entstand als Auftragswerk für das Thalia Theater. "Jugendbildnis", so betitelte sie auch die erste (Verhör)Szene in ihrem viel beachteten Stück über den Deutschen Herbst: "Knock out" aus dem Jahre 2007. Und meint man zunächst, die Autorin sei in "Jugendbildnis" einer bestimmten Person, einer bestimmten Biografie, einem ganz bestimmten Schicksal auf der Spur, so entwickelt sie im Verlauf des Stück ein zunehmendes Verwirrspiel.

Vage Spurensuche

Bis schließlich das eine – durch zahlreiche Gegenstände belegte und widerlegte und aus verschiedensten Perspektiven erzählte – Jugendbildnis auf zahllose Jugendliche zu passen scheint. Am Ende gibt (oder gab) es die "Jugendliche beim Synchronschwimmen" genauso wie die "Jugendliche als Heroinsüchtige" oder die "Jugendliche beim Eisessen im Schwimmbad". Ein bisschen zu sehr erinnert Schmitts vage Spurensuche an "Angriffe auf Anne" von 1997 – Martin Crimps sehr starke Setzung in Sachen multiple Abwesende.

Benedikt Haubrich hat die Uraufführung in der Garage, der kleineren Spielstätte im Thalia Gaußstraße übernommen. Die von der Autorin – wie auch bei Crimp – als "variabel" vorgesehene Besetzung hat er klug auf drei Darsteller reduziert: Marie Löcker, Nadja Schönfeldt und André Symanski. Sie sprechen mal aus der Perspektive der Eltern, mal aus der der Mitschüler, mal aus der der scheinbar besten Freundin. Sie tragen verschiedene Objekte in den Raum, bringen sie in Zusammenhang mit der Abwesenden, stülpen ihnen Bedeutungen über oder huldigen sie bis ins kleinste Detail. Am Ende eines jeden kleinen Monologs übergeben sie die Dinge einer Ausstellung, haken sie ein in in einer der Handwerker-Stablampen, die Christof Rufer (Ausstattung) in der Raummitte aufgehängt hat. Schmitts Figuren wollen die Materie bewahren: "Die Unsterblichkeit des Handschuhs in der Sammlung gegen die Sterblichkeit der Seele."

Etwas abgeben – aber was?

Maria Löcker, Nadja Schönfeldt und André Szymanski folgen diesem Ritual mal mit dokumentarischer Besessenheit, mal mit großer Andacht, mal mit kühler Distanz und mal mit erotischer Erregung. Benedikt Haubrich inszeniert sie mal voller Empathie und Ernsthaftigkeit, mal voller Ironie und Zweideutigkeit. So bleibt der Abend stets nah am Leben, nah am Dinglichen und driftet glücklicherweise nie ab in ein pathetisches Memorial. Denn dieses bleischwere Potenzial wohnt dem Stück genauso inne wie die akribische Spurensuche: Schließlich sind Verbleib und Schicksal der abwesenden Hauptfigur absolut ungewiss.

Die Zuschauer sitzen für eine gute, kurzweilige Stunde im Kreis um das Geschehen, werden freundlich angespielt und sanft miteinbezogen und am Ende dann doch recht streng dazu aufgefordert, von sich selbst etwas abzugeben. Einen Schlüssel, einen Handschuh, ein Taschentuch? Was ist persönlich? Was austauschbar? Was bleibt? Was geht? Wer erinnert sich?

Jugendbildnis (UA)
von Katharina Schmitt
Regie: Benedikt Haubrich, Ausstattung: Christoph Rufer, Dramaturgie: Annika Stadler.
Mit: Maria Löcker, Nadja Schönfeldt, André Szymanski.

www.thalia-theater.de


Kritikenrundschau

In einem kurzen Kritik unter dem Kürzel –itz wird im Hamburger Abendblatt (20.2.2012) behutsam über diese Uraufführung geurteilt: Durch Szenenumstellungen und eine intime Raumsituation gelinge es Regisseur Benedikt Haubrich, "Schmitts beschreibendem 'Theatertext in Gegenständen' Konzentration und den Anflug einer dramatischen Entwicklung ohne falsches Pathos zu gewinnen." Die "Spielfantasie der Akteure und beiläufig gesetzte komödiantische Farbtupfer" verliehen dabei den "vage bleibenden Figuren skizzenhafte Kontur".

Till Briegleb von der Süddeutschen Zeitung (23.2.2012) rechnet Katharina Schmitt in die Riege von weiblichen Jungdramatikerinnen, "die für ihr halbes Leben eine ganz eigene Sprache formen können". In der toten Schülerin in "Jugendbildnis" begegne "ein entrücktes Wesen, das sowohl engelsgleich wie teuflisch rätselhaft erscheint – je nach Perspektive" derer, die die Tote beschreiben. Das Rekonstruktionsverfahren ziele dabei weniger auf "Biografisches aus dem Schüleralltag" als auf "die manipulative Bedeutung von Sprache, wenn sie sich zum Verschönern genötigt fühlt". Die "erstaunliche Komödie der Verstellungen und Deckerinnerungen" werde von Benedikt Haubrich allerdings etwas "schmerzfrei", mit Drift "ins Goldige" präsentiert.

 
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