Grelles Staats-Theater

von Tim Schomacker

Oldenburg, 18. Februar 2012. Als Hamlet wegen Vatertod und Mutterhochzeit aus Wittenberg zurückkehrt, hat er eine Menge Selbstbildung im schmalen Tragetäschchen. Edelmann als Ausbildungsberuf. Gegen Ende wird er sagen, er sei "weder boshaft noch brutal, aber ich habe in mir was Gefährliches, mit Vorsicht zu genießen, Finger weg!" Um dieses schmerzhafte "mir" geht es Regisseur Jan-Christoph Gockel, wenn er den Dänen im Dufflecoat einigermaßen verloren in die Feiergesellschaft stellt. Hamlet betrachtet ein Staats-Theater, das greller wird und grausamer, je aussichtsloser der Versuch, die Fäulnis an den Grundfesten des Staates Dänemark zu kaschieren.

Geschlossene Gesellschaft
Julia Kurzweg hat dafür die reichverzierte Rangbalustrade des alten Oldenburger Theaterhauses in geschicktem Schwung über die ganze Bühne verlängert. Und davor eine raumhohe Containerwand als Vorhang gesetzt. Geschlossene Gesellschaft. Mit einer Königsloge, die so marode ist wie dieser selbst. Darunter, im schnörkellosen Gebälk, heißen Rosencrantz, Guildenstern und Laertes den Heimkehrer als Rockband in Abi-Shirts willkommen. Ophelia, ein "Welcome home, Hamlet"-Pappschild um den Hals, singt dazu. "Wie früher, Hamlet, Flötensolo", ruft Guildenstern von hinterm Schlagzeug. Vincent Deddemas Hamlet sieht, während alle um ihn herumtrubeln, aus, als würde Christian Ulmen in einem Remake von "Harold & Maude" über Adornos Satz vom richtigen Leben im Falschen grübeln. Gockel zeichnet seinen Dänenprinzen als einen Grundzweifler, den nur die Angst vor den "Träumen im Schlaf nach dem Tod" im Leben hält.

hamlet 1 560 andreas j etter uHamlet allein zu Haus © Andreas J. EtterEr lässt den Prinzen seine Abgründe ganz diesseitig erkennen. Obzwar der des Vaters Geist mit furchteinflössendem Elektrogewummer ihm erscheint, ist es doch ein Chor aus allen anderen Figuren, der ihm Mordbericht und Rachegedanken einflüstert. Auf der Suche nach seinem "Ich" lassen sich die menschlichen Abgründe nicht auf irgendein unbeeinflussbares Schicksal mehr abwälzen. Er ist längst verstrickt in ein Geflecht von Inszenierungen. In drei weitgehend kurzweiligen Spielstunden erfindet Regisseur Gockel gerade dafür starke Bilder: Der hinterlistig-schmierige Claudius (Gilbert Mieroph) lässt Gertrud einen maritimen Pullover mit Union-Jack drauf stricken, bevor er den Stiefsohn zur Beseitigung nach England schickt. Wie bei einem Casting-Gespräch horcht Polonius seine dickbebrillte und zahnbespangte Tochter Ophelia nach Liebesdingen aus, um sie dann zur Aufklärung des Hamletschen "Wahnsinns" einzusetzen wie ein kalkuliertes One-Hit-Wonder. "Ich möchte das nicht, so vor allen hier, Papa", wispert die peinlich berührte Ophelia. Doch es hilft nichts. Papa und König haben längst das Bett für das Test-Techtelmechtel hergerichtet – als würden sie eine Daily Soap "romantisch" ausstatten. "Das ist keine Liebe", verkündet Hamlet zur Enttäuschung der vom Rang gaffenden Hofgesellschaft, "wir sind alle Verbrecher, trau keinem von uns." Und will sie mit müder Handbewegung ins Kloster schicken.

Aufklärung in Showmastermanier
Deutlich erfolgreicher als die "Wahnsinns"-Aufklärung verläuft die Entlarvung des Königsbruders als Königsmörder. Doch vor das berühmte Stück-im-Stück hat Regisseur Gockel ein hinreißendes Wortgefecht zwischen Hamlet und seinen Intimus Horatio gelegt. Sie streiten sich – nicht zum einzigen Mal an diesem Abend aus Shakespeares "Hamlet" herauslugend – über Werktreue und Inszenierungsarbeit. Horatio lässt den Schauspieler-König probeweise seinen Text in einen Blecheimer sagen. "Ich hab den Text nicht geschrieben, damit du mit deinem Trashtheater von den billigen Plätzen ein paar Lacher erntest", weist Hamlet ihn zurecht. Und schreibt ihm zum Trost rasch eine kleine Rolle rein. Sebastian Brandes' vielseitiger Horatio darf also in Showmastermanier auf den (Bühnen)Rang: "Wer hat hier die Gedanken schwarz?" animiert er das Publikum-im-Stück zum Mitmachen. Und erntet bei der süffisanten Frage "Wer hat denn hier Gift wirksam?" statt billiger Lacher den verräterisch-türenknallenden Abgang des neuen Königspaares.

hamlet 4 560 andreas j etter uHoratio in Showmastermanier © Andreas J. EtterBilder wie diese entschädigen dafür, dass Jan-Christoph Gockel sein interpretatorisches Ganzes mitunter unter einer Flut origineller Einfälle verbirgt. Polonius (komödiantisch-verdruckst: Denis Larisch) klampft Laertes mit schrägem Biermann-Cover auf die Frankreichfahrt. Sarah Bauretts Ophelia ersetzt das gern genommene Wahnsinnigen-Psychogramm durch ein fulminantes Brabbel-Solo. Hamlet und Horatio gleichen in einer karg-komischen Sequenz den Shakespeareschen mit Saxo Grammaticus' "Ur-Hamlet" ab. Um unter Umgehung des notorischen Totenschädels ganz am Schluss die Tötung aller Beteiligten ganz schlicht zu erzählen. Hamlet erliegt seiner Gefährlichkeit. Der Rest ist – Horatio. Als Chronist des Niedergangs.

Hamlet
Von William Shakespeare
Deutsch von Angela Schanelec und Jürgen Gosch
Regie: Jan-Christoph Gockel, Bühne: Julia Kurzweg, Kostüme: Dominique Muszynski, Musik: Matthias Grübel, Dramaturgie: Johanna Wall.
Mit: Eike Jon Ahrens, Sarah Bauerett, Thomas Birklein, Sebastian Brandes, Vincent Doddema, Denis Larisch, Gilbert Mieroph, Henner Momann, Eva Maria Pichler, René Schack, Klaas Schramm.

www.staatstheater.de


Kritikenrundschau

Eine "jugendbewegte, im Hier und Heute angesiedelte Variante" des "Hamlet" hat Reinhard Tschapke für die Nordwest Zeitung (20.2.2012) gesehen. Jan-Christoph Gockel lasse das Stück als "eine Art Singspiel mit Zwischentexten von Shakespeare" aufführen. "Immer klar und verständlich durch die Übersetzung von Angela Schanelec und Jürgen Gosch, eher eine Komödie denn eine Tragödie und auf Dauer etwas ermüdend." Vieles sei vorhersehbar auf Schüler als Publikum getrimmt. Also müssten im vorauseilenden Gehorsam, um einem möglichen Verlust an Aufmerksamkeit vorzubeugen, vor allem Gags und Unterhaltung her. "Und Schwierigkeiten oder Doppeldeutigkeiten weg." Es gebe keine allein selig machende Inszenierung. Alle Oldenburger Schauspieler mühten sich tapfer, Regieflachsinn in Tiefsinn zu verwandeln. "Der Rest ist in diesem Fall indes besser Schweigen."

"Das ist wahrhaftig kein nur angefaulter Staat, den der Prinz hier vorfindet", schreibt Johannes Bruggaier in der Kreiszeitung Syke (20.2.2012). "Es ist vielmehr ein ganzer Sumpf aus Intrigen und Verrat, ein Morast, dessen Trockenlegung selbst diejenigen herbeisehnen, die von ihm profitieren." Hamlet dagegen "bloß ein nachdenklicher Student ohne politische Erfahrung." In Verhältnissen wie diesen sei mit hehren Werten kein Staat zu machen. "Weshalb sich Hamlet im zweiten Teil des Abends dann doch von der Rachsucht leiten lässt." Das alles sei von Gockel anregend und unterhaltsam, über weite Strecken auch inhaltlich überzeugend gelöst. Großartig aber falle an diesem Abend der Auftritt des Titelhelden aus. "Die Erwähnung von Vincent Doddema auf dem Programmzettel gilt in Oldenburg ohnehin schon als Versprechen." Mit seinem Hamlet übertreffe er diese Erwartungen, "gerade weil er hier nicht allein seinem Talent zur situativen Komik verträumter Charaktere vertraut – was die sichere Bank wäre". Vielmehr zeichne Doddema "das facettenreiche Porträt eines Nachwuchspolitikers, der seinen eigenen Anspruch sukzessive an die Realität anpassen muss". Auch Sarah Bauerett als linkisch intrigante Ophelia vermöge zu überzeugen.

 
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