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Fucking free

von Dirk Pilz

Berlin, 14. November 2007. "Und, bist du glücklich?" Anne Tismer schaut einem Zuschauer streng in die Augen. "Ja?" Keine Reaktion. Tismer schickt eine Wutwelle durch ihre Glieder, schreitet gehetzt den knarrenden Bühnenboden ab, steift sich den Hals. "Ihr seid nicht unschuldig!" Worte, die wie Geschütze ins Publikum knallen. "Ihr habt diesen Krieg angefangen. Ihr!"

Glück, Schuld, Krieg. Lauter Großkategorien, die Generalangriffe sein wollen. Auf Gott, die Welt, auf alles. Denn Anne Tismer spielt einen, der keine Gelegenheit auslässt, wütend zu werden. Einen, der sich und seine Umwelt mit destruktivem Speichel bespuckt. Einen Massenwürgeengel, der sich in Weltbeschimpfung ergeht und von der totalen Freiheit träumt. "Lieber sterben als ohne Freiheit leben" ist sein Leitspruch. Mord oder Anpassung. Wer so fragt, hat schon entschieden.

Dem guten alten Schock huldigen

Es ist ein Monolog des schwedischen Dramatikers Lars Norén über jenen 18-jährigen Schüler, der am 20. November 2006 im westfälischen Emsdetten bei einem Amoklauf in seiner ehemaligen Realschule mehr als drei Dutzend Menschen teilweise schwer verletzte und sich danach selbst erschoss. Psychologisch gesehen zeigt Norén einen Fall von Verhaltensstörung, philosophisch betrachtet einen Anhänger des radikalen Idealismus. Und theatertheoretisch geht es dabei immer auch um die Spannung zwischen Zuschauer und Darsteller, Bühne und Parkett. Wir sind auch schuld an dem, was geschieht. Das Publikum spielt mit.

"20. November" heißt dieses Stück Literatur, das Norén aus den im Internet hinterlassenen Schmähschriften des Schülers gebastelt hat. Ein Text, der das Denk- und Gefühlslabyrinth eines exemplarisch genommenen Amokschützen ausmisst, um Ursachen- und Seelenforschung zu betreiben. Und um ein bisschen dem guten alten Schock zu huldigen. "Ich hasse die Menschen" und "Ich bin vielleicht nur der Erste" sind klassische Schaudersätze, mit denen behütete Geister aus ihrem Selbstgefälligkeitsdösen aufgeschreckt werden sollen.

Noréns Text balanciert dabei auf dem schmalen Grat zwischen Nachvollzug der wüsten, auch pubertären Tätergedanken und dem Einverständnis mit ihnen. Er will dezidiert nicht verurteilen, sondern verstehen. Weil solche Taten aber in keinen kausalen Zusammenhang zu stellen sind, ist letztlich nicht mehr zu verstehen, als dass da jemand sehr wütend war. Ich bin nur zufällig, feixt hier immerfort die Notwendigkeit zwischen den Zeilen.

Jeder Satz eine Rache-Sinfonie

Über die Motivlage des Amokschützen wird so kaum Genaueres herausgebracht. Dafür gibt es an diesem Abend aber: Anne Tismer. Norén hat seinen Text für sie geschrieben und gemeinsam mit ihr auch inszeniert. Jetzt steht sie auf der Bühne des Ballhaus Ost, jener Spielstätte, die sie letztes Jahr nach ermüdenden Jahren im Stadttheaterbetrieb mit gegründet hat. Die Uraufführung fand Anfang Februar beim Festival de Liège statt, die Berliner Premiere eröffnete "Nordwind", das "Festival for nordic performing arts and music".

Ein Tismer-Solo also. Sie nimmt es als Demonstration ihrer Sprech- und Verkörperungskunst, indem sie der Wut, den Rachegelüsten, dem Hass ihrer Figur nicht nachforscht, sondern hinterherfühlt. Zu großen Teilen allein mit den reichen Mitteln ihrer Stimme. Sie presst die Worte durch die Lippen, nimmt ihren sonstigen rauchigen Klang zurück, baut Sch-Zischer und Vokal-Stopper ein. Jede Silbe eine Wut-Nuance, jeder Satz eine Rache-Sinfonie.

Dass sie in einem Kapuzenshirt steckt, mit einer Pistole hantiert und Zettel mit Auszügen aus den Internet-Notizen an die Zuschauer verteilt – alles überflüssige Darstellungshilfsmittel, die diese Schauspielerin nicht bräuchte. Ein Wort, und es ist alles gesagt. Tismer will nichts erklären und niemand entschuldigen; sie will sprech-spielend etwas umzingeln, das sich jedem psychologischen und philosophischen Begriff entzieht: das Ausgeliefertsein an die Verzweiflung. In den Augen der Gesellschaft geht das Verbrechen vom Täter aus, bei Tismer kommt es auf ihn zu wie ein wild gewordener Vogel.

Denn für Tismer ist die Täterfigur ein Mensch, der sich mit allen Hirn- und Herzfasern gegen jede Form von Entfremdung stemmt. Sie schreit, und die Halsadern quellen hervor; sie flüstert und spreizt die Finger. Bis zur Rente durchwursteln oder frei sein? "Fucking free!", röhrt Tismer, "ich will Anarchie!". Klingt bei ihr überzeugend.


20. November
von Lars Norén
Regie: Lars Norén, Bühne und Kostüme: Anne Tismer. Mit: Anne Tismer.

www.ballhausost.de

 

Kritikenrundschau

Irene Bazinger hat in der Berliner Zeitung (16.11.2007) einen "starken Auftakt" für das zweite "Nordwind"-Festival gesehen: mit einer "famosen Anne Tismer". Die mache – "vibrierend vor mühsam beherrschter Aggressivität" – aus Lars Noréns Monolog "20. November" "ein kalt leuchtendes Fanal, indem sie mit intensiver Parteilichkeit ausdeutet, wie aus dem früheren Opfer ein späterer Täter wurde." Anne Tismer lasse "den baldigen Amokläufer wie zwischen Ursache und Wirkung taumeln" und "dabei Gewalt und Hilflosigkeit, Omnipotenz und Ängstlichkeit ausleben."

Im Tagesspiegel (16.11.2007) bezeichnet Patrick Wildermann Noréns Monolog als "ein Drama, das nicht erklären will, sondern zum Zuhören zwingt." Anne Tismer, "vor Spannung vibrierend", nehme "keine Distanz zu dem Jungen, den sie spielt, sie schreit aus seiner todtraurigen Welt herüber." Wildermann weiß zudem zu berichten, "dass manche Pädagogen wegen der Überzeugungswucht der Abschiedsworte gar Anstiftungsgefahr" in Tismers Darstellung wittern. Dabei zeigten Tismer und Norén doch vielmehr, "wie eine Atmosphäre von Sprach- und Hilflosigkeit aufbrechen kann".