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Ich und Moi

von Falk Schreiber

Hamburg, 23. Februar 2012. Ich, ich, ich. Der Schauspieler, der über sein Coming out ein Selbst konstruiert, der Tänzer, der einen wirtschaftlichen Erfolg erringt (und ihn, weil es eben nicht nur ein einziges "Ich" gibt, auch gleich wieder gegen die Wand fährt), schließlich der Popstar, dessen "Ich" nicht mehr ist als die Kopie eines viel größeren Stars: Alle versuchen sie, "Ich" beziehungsweise "Moi" in Monika Gintersdorfers und Knut Klaßens "Insistieren" irgendwie in Bezug zu sich zu stellen. Ich?

Der dreiteilige, gut zwei Stunden lange Abend im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel ist eigenartig. Er ist nackt und spröde und gleichzeitig voll spielerischen Humors. Er ist intellektuell aufgeladen – innerhalb weniger Sätze springt er von Heidegger über Alain Badiou bis zu Freud – und gleichzeitig sinnlich bis zur Schmerzgrenze. Man möchte behaupten, dass "Insistieren" extrem heterogen daher kommt, bis man kapiert, dass alle Teile aufeinander Bezug nehmen, dass am Ende überraschend alles passt. "Insistieren" macht es einem nicht leicht, und das Spannende an diesem Stück ist, dass es einem dennoch ziemlich leicht fällt, sich auf diese Ästhetik einzulassen.

Keine Bezüge zwischen den Ichs
Am Einfachsten geht man mit Teil 1 um, "Ich": Schauspieler Hauke Heumann erzählt, wie er als Teenager versuchte, sich über Abgrenzung von den Eltern und Angleichung an den ersten Freund selbst zu finden. Währenddessen spricht Filmemacher Peter Ott davon, wie er sich von seinem streng religiösen Elternhaus emanzipierte: eine gar nicht mal so andere Geschichte, die man theoretisch auch auf Heumanns Erzählung beziehen hätte können. Allein: Es geht hier ums "Ich", Bezüge stellen Gintersdorfer und Klaßen erst einmal keine her. Wenn Heumann und Ott aufeinander reagieren, dann höchstens, indem sie sich gegenseitig zur Seite schubsen.

insistieren2 560 knut klassen u"Insistieren" © Knut KlaßenKontakt gibt es dann im zweiten Teil, "Die Ratte". Einerseits, weil der ivorische Tänzer Gotta Depri französisch spricht, simultan übersetzt von Hauke Heumann, es reden also schon mal zwei. Dann, weil Depri plötzlich Zustimmung von den Zuschauern erbittet (wobei die sich noch in der Phase des individualisierten Ichs befinden und entsprechend befremdet reagieren). Und schließlich, weil es ein klar vom Außen abgegrenztes Ich in "Die Ratte" gar nicht mehr gibt. Depri erzählt: Wie er als Ensemblemitglied in einer europäischen Ethnokitschshow um einen Teil der Gage geprellt werden sollte. Und wie er es schaffte, fürs gesamte Ensemble den gerechten Lohn zu erstreiten: indem er zur "Ratte" wurde, zum ökonomisch ultrarational agierenden Individuum. Leider ist Depri nicht ausschließlich Ratte, sondern zu mindestens genauso großem Teil Verrückter. Und während die Ratte das verdiente Geld in Form eines Gebrauchtwagens nach Abidjan verschiffte, setzte sich der Verrückte ausgerechnet am Silvesterabend ans Steuer, obwohl doch jeder weiß, dass die westafrikanischen Straßen da voller Geister sind. Gute Geschichte, das.

Hendrix heute
So mitreißend und sympathisch diese ersten zwei Drittel des Abends verlaufen, so lärmig walzt der Abschluss deren inhaltliche Sensibilität mit Lautstärke um. Der dritte Teil "Jimi" nämlich gehört SKelly, der ist in Abidjan ein Coupé-Décalé-Star und sprechsingt raumgreifend durch den Theatersaal, unterstützt wieder von Heumann (der, was dann doch recht cool ist, das afrikanische Französisch SKellys im Call-and-Response übersetzt) und Ott an der elektrisch verstärkten Geige. Gintersdorfer und Klaßen behaupten, dass SKelly 2010 erstmals Jimi Hendrix auf Youtube gesehen habe, den berühmten Auftritt 1970 auf Fehmarn, und sich seither für eine Reinkarnation des Gitarrengotts halte. Reinkarnation schmeißt natürlich alle zuvor aufgebauten "Ich"-Modelle um, bewirkt aber immerhin, dass sich die Katze hübsch in den Schwanz beißt. Von ebenjenem Konzert erzählte Peter Ott rund eine Stunde zuvor: wie nämlich seine sittenstrenge Mutter ein einziges mal zügellos gewesen sei und den kleinen Peter im Tragekörbchen zu Hendrix mitgenommen habe.

Allerdings ist Ott Jahrgang 66, und Vierjährige schleppt man eigentlich nicht mehr im Körbchen mit sich rum. Egal, vielleicht spielt ihm die Erinnerung einen Streich, vielleicht ist die ganze Geschichte ein Fake, es ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen es geschafft haben, einerseits klug mehrere Modelle des Selbst durchzudeklinieren, andererseits einen so lauten wie sensiblen Theaterabend zu gestalten, der sich jeder Kategorisierung konsequent entzieht.

Insistieren
von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen
Konzept/Regie: Monika Gintersdorfer/Knut Klaßen, Kostüm-Objekte: Marc Aschenbrenner, Dramaturgie: Nadine Jessen.
Mit: Gotta Depri, Hauke Heumann, SKelly, Peter Ott

www.kampnagel.de


Kritikenrundschau

"Aus dem schwierigen Kampf um eine persönliche Identität machen Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen in ihrer neuen Show 'Insistieren' einen ebenso komplizierten, verkopften Kunsttrip mit viel Gehopse, noch mehr Palaver und einer Prise Philosophie", schreibt ein ungenannter Rezensent in einer Kurzkritik im Hamburger Abendblatt (25.2.2012). Gegenüber den ersten zwei Teilen falle der letzte Teil ab. Für Jimi Hendrix-Fans sei die dort ausgestellte "musikalische Kakofonie" "garantiert ein Ärgernis".

 
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