altHauptmanns Geist(er)

von Nadja Lauterbach

Zittau, 25. Februar 2012. Am Anfang steht der Schreck. Völlig unvermittelt betritt nach dem verschneit-düsteren Prolog von Gerhart Hauptmanns "Winterballade" am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau – Gerhart Hauptmann selbst die Bühne. Keineswegs in Form einer Videoinstallation oder einer Puppe. Dafür ist die Inszenierung des Regisseurs und Schauspielintendanten Carsten Knödler von Beginn an zu minimalistisch. "Lebt wohl, ihr guten Kinder", spricht Hauptmann, und erst in diesem Moment wird klar, dass Trug im Spiel sein muss. Dass kein wiederauferstandener Dichter diese Worte sagt, sondern die Figur Arnesohn, gespielt von einem Schauspieler (Christian Ruth), der dem Dichter auf gruselig frappierende Weise ähnelt. Innerhalb einer Viertelstunde hat Knödlers Inszenierung bereits so viel mystische Atmosphäre aufgebaut, dass man ihr sogar Gerhart Hauptmann auf der Bühne zutraut.

Im schwedischen Kriegseinsatz

Zweifelsohne hatte das Inszenierungsteam für die Umsetzung dieses Stoffs jede Menge Narrenfreiheit. Die Liste der Häuser, an denen die "Winterballade" seit 1917 zu sehen war, ist überschaubar. Es ist Knödler und seinem Ensemble hoch anzurechnen, dass man sich fragen muss, warum. Die kriminalistische Spukgeschichte im Tragödiengewand hätte ein Allzeit-Kassenschlager sein können. So zeitlos Hauptmanns Geschichte um einen Pfarrerssohn ist, dessen Familie von Soldaten getötet wird, so brisant dieser Stoff gerade zur Zeit des Ersten Weltkriegs gewesen sein mag – so reif ist die Zeit jetzt, wenn Kriegseinsätze in Afghanistan und die Schäden, die sie beim Menschen hinterlassen, diskutiert werden.

Es sind die gleichen Schäden, die Hauptmann seiner Hauptfigur zuschrieb. Sir Archie ist schottischer Söldner, der nach beendetem schwedischen Kriegseinsatz im Gewalttaumel in das Haus des Pfarrers Arne einsteigt, raubt, plündert und mordet. Gemeinsam mit zwei Kumpanen wird er zum animalisch Tötenden. winterballade05 560 pawelsosnowski.xWinterballade © Pawel Sosnowski

Die Inszenierung setzt auf Reduktion. Schwarze Kostüme vor schwarzen Wänden, sie zeigen die – wie sie im Prolog genannt werden – "schlimmen Zeiten" an. Carsten Knödlers Szenen ertrinken nicht in einem Meer aus Theaterblut: Er inszeniert "die Blutnacht" mit einem Guantanamo-Sack, angedeuteten Messerstichen und der Kraft der Stimmen.

Blutnacht, Bluttat, Blutrache

Nahezu links liegen lässt Knödler diese Schlüsselszene, entspinnt sich das eigentliche Dilemma ohnehin erst noch. Ein Spiel um Liebe, Wahnsinn und Rachegelüste. Es ist die beachtliche Schauspielerführung des Regisseurs, die für diese Darstellung aus einem heterogenen Ensemble ein starkes Kollektiv machte. Eine Figur nach der anderen tritt in den Hintergrund, bis die Sicht frei gegeben wird auf die inneren und äußeren Konflikte von Pfarrer Arnesohn und Sir Archie. Ein Vertreter Gottes, der den Tod seiner Familie blutig (!) rächen will und ein kriegsmüder Krieger, der seine Bluttaten nicht verarbeiten kann.

In Knödlers Bühnenfassung leben die beiden Figuren von der besonderen Darstellungskraft ihrer Spieler Christian Ruth und Philipp von Schön-Angerer – ihre volle Energie entlädt sich, wenn sie sich zum Stückende begegnen. Ihre Szenen werden getragen von einer einzigartigen Theateratmosphäre. Mit grünem Lichtschimmer, folkloristischer Musik und Figuren, die sich ihre Spielräume selbst zurecht schieben, gelingt es Knödler, die Mystik von Hauptmanns später Schaffensphase auf die Bühne zu bringen. Besonders gruselig wird das dort, wo Tote als maskierte Geister durch die Handlung schweben.

Wo der Feind sitzt

Das Theater Görlitz-Zittau ist zum Gerhart-Hauptmann-Jahr tief hinabgestiegen in das Werk des schlesischen Dichters, hat viel gewagt und zeigt, dass Hauptmanns Ballade eine Geschichte ist, die auf der Bühne glänzend funktioniert. Das geht so weit, dass der Zuschauer irre geführt wird. Etwa, wenn Figuren wie die Handelsleute (René Schmidt und Sabine Krug) beharrlich negieren, was Minuten zuvor deutlich zu sehen war: Dass die einzig Überlebende der Blutnacht Elsalil (grandios entrückt: Natalie Renaud-Claus) im Raum war. Dann traut der Zuschauer und gleichermaßen Zeuge der Blutnacht seinen Augen nicht mehr und weiß Halluzination von realem Geschehen nicht zu unterscheiden.

Ein Schicksal, das auch Sir Archie ereilt – er stirbt im Wahnsinn. Arnesohn muss nun befreit vom Lebenssinn zurückbleiben. Verzweifelt spricht er vor riesigen schwarzen Kruzifixen den symbolischsten Satz des Abends in den Bühnenhimmel: "Und wo ist mein Feind?"

Für das Gerhart-Hauptmann-Theater ist das klar: In der drohenden Schließung des Hauses (Meldung vom 5. Februar 2012). "Schlimme Zeiten sind das" heißt es im Prolog – einer bevorstehenden Abwicklung ist allerdings nichts Besseres entgegenzusetzen als ein solch wundervoller Bühnenabend und die stehenden Ovationen des Premierenpublikums.

Winterballade
von Gerhart Hauptmann
Regie und Bühne: Carsten Knödler, Kostüme: Ricarda Knödler, Dramaturgie: Kathrin Brune.
Mit: Wolfgang Adam, Sabine Krug, Christian Ruth, Charlotte Kintzel, René Schmidt, Natalie Renaud-Claus, Philip von Schön-Angerer, Stefan Migge, Stefan Sieh, David Thomas Pawlak, Stephan Bestier, Detlef Lux, Renate Schneider.

www.gerhart-hauptmann-theater.de

 

 
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