altDämonen in Weiß

von Jürgen Reuß

Freiburg, 25. Februar 2012. Die Freiburger "Spurensuche Grafeneck" besteht aus vielen guten Ideen. Das beginnt schon bei der Konzeption. Warum nicht mal der Anregung einer Realschule folgen und einen Prüfungsstoff für die Mittlere Reife auf die Bühne bringen?

Auch die Idee, statt auf die Prüfungsvorlage, Rainer Gross' Krimi "Grafeneck", zurückzugreifen, Schülerinnen und Schülern im Alter von 14 bis 16 Jahren in einer Schreibwerkstatt mit Autor Paul Brodowsky Texte zu den NS-Euthanasiemorden auf Grafeneck erarbeiten und von ihnen selber auf Video einlesen zu lassen, ist gut nachvollziehbar.

Ebenso, wie die Idee, den Bogen mit Videostatements von Mitgliedern des Arbeitskreises "Euthanasie und Ausgrenzung heute" der Freiburger Hilfsgemeinschaft e. V. bis in die Gegenwart zu spannen. Es wirkt, wenn ein 14jähriger solche Sätze schreibt: "Wir schlugen 30 Goldzähne aus. 40 Menschen. Einmal noch 40 vergasen, verbrennen, verheizen." Oder ein 75jähriger darüber räsoniert, dass Künstler immerhin noch eine Möglichkeit fänden, nützliche Teile der Gesellschaft zu werden, "normale" psychisch Erkrankte wie er jedoch nicht.

Ein Tribunal für Mediziner

Auch der Idee, das Kernstück als Tribunal anhand der Fragen "Wer?" , "Warum?" und "Auf welchem geistigen Nährboden?" zu inszenieren, mag man folgen. Das Tribunal von einer Art Eulenspiegel durchführen zu lassen, ist grenzwertig. Andererseits steckt in der Figur des Heisel Rein die interessante Biographie eines Außenseiters, der selber als "Verteidiger der Faulheit und des Lachens" in Grafeneck ermordet wurde.

Es funktioniert auch, dem Freiburger Publikum mit der Spurensuche auf den Pelz zu rücken, indem die Fährte der furchtbaren Mediziner bis an die Freiburger Uni und Psychiatrie verfolgt wird. Wie erklärt ein Arzt, der 1967 von der Badischen Zeitung noch als "Altmeister der menschlichen Vererbung" geehrt wurde, was eine Rasse ist und was daraus folgt? Dass er dazu wie ein Zirkusdirektor auftreten muss – geschenkt. Vielleicht ein Zugeständnis an die vermutete Aufmerksamkeitsspanne von Jugendlichen – die Vorstellungen sind mit Schulklassen gut ausgebucht.

Was bringt einen anderen Psychiater dazu, zusammen mit einem Juristen auf der Grundlage von Kostenaufrechnungen "Die Freigabe der Vernichtung unwerten Lebens" zu empfehlen? Warum nahm er sich 1943 vermutlich selbst das Leben? Wie fließend die Grenzen zu vermeintlichen Abweichungen sind, zeigen die Schauspieler in der Rolle der Depressiven oder des durch beginnenden Parkinson arbeitslos gewordenen Handwerkers.

Voraussetzungsreiche Arbeit

Auch die Aufführungsorte, Filter-, Vollgut- und Werkstatthalle der Brauerei Ganter, haben ihren Charme, aber vielleicht liegt bei ihnen der Kern des Problems dieser Aufführung. Sie lassen die Aufmerksamkeit diffundieren. Schon in einem kompakten Theaterraum hätte man viel Konzentration aufbringen müssen, um die vorangestellten Videostatements in Bezug zu den Vorgängen auf Grafeneck setzten zu können.

Im Grunde ist dafür Vorwissen nötig. Aber gehört es zur Allgemeinbildung, dass in dem schmucken Barockschlösschen auf der Schwäbischen Alb die erste Gaskammer der NS-Zeit eingerichtet wurde und dort in zehn Monaten 10.654 Menschen ermordet wurden? Die Inszenierung von Stefan Nolte führt die Gedanken an viele Abgründe, zwingt aber wenig, wirklich in sie hinein zu sehen. Das Ganze bleibt weniger als die Summe seiner vielen bedenkenswerten Teile. Aber vielleicht sehen das gut vorbereitete Schulklassen auch ganz anders.


Spurensuche Grafeneck  (UA)
Stück zu den NS-Euthanasie-Morden
Regie: Stefan Nolte, Stückentwicklung: Paul Brodowsky, Ruth Feindel, Stefan Nolte, Stückfassung: Paul Brodowsky
Mit: Frank Albrecht, Johanna Eiworth, Mathias Lodd, Orhan Müstak, im Video: Barbara Bolenz-Hafez, Hans Keppler, Gardy-Käthe Ruder, Irene Schäuble, Selina Binninger, Tom Dallmann, Tringa Lenjani, Silke, Leppert, Zoe Radzuweit, Melissa Stork

www.theater-freiburg.de

 

Kritikenrundschau

"Ein fraglos hochambitioniertes Projekt" sei "Spurensuche Grafeneck", "konsequent recherchiert und gut gespielt", schreibt Marion Klötzer in der Badischen Zeitung (27.2.2012). Ein "gelungenes Jugendstück" sei es "aber nur bedingt: Zu langatmig verfranst man sich an Nebenschauplätzen wie den Mendel'schen Regeln oder den daraus konstruierten Rassentheorien, zu albern versucht man den eher drögen Schulstoff mit Perücken oder Hirschkäferkämpfen aufzulockern. Zu sprachlastig und zu wenig theatral wird so vor allem die erste Hälfte zur Fakten- und Fremdwörter-gespickten Geschichtsstunde."

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