altAm eigenen Zopf aus dem Finanzsumpf ziehen

von Charles Linsmayer

Zürich, 28. Februar 2012. Seit Gottfried August Bürger 1786 – noch zu Lebzeiten des historischen Barons von Münchhausen – die im Jahr zuvor erschienene englische Schnurrensammlung "Baron Munchausen's Narrative of his Marvellous Travels and Compaigns in Russia" von Rudolf Erich Raspe ins Deutsche übertrug und um Geschichten wie den Kanonenkugelritt, den Entenfang mit Speck oder die Selbstrettung aus dem Morast vermehrte, haben die "Wunderbaren Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abentheuer des Freyherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche im Cirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt" unzählige Abwandlungen und Bearbeitungen gefunden.

Varianten und Fassungen, um die sich der neueste Bearbeiter des Komplexes, der Erzähler und Dramatiker Urs Widmer, nicht zu kümmern braucht, geht es ihm doch darum, eine Reihe der bekanntesten Abenteuer so in ein abendfüllendes Zweipersonenstück einzubauen, dass ihre absurde Phantastik zur Spiegelung von realen Gegebenheiten in der heutigen Finanzbranche wird.

Finanzjongleur in der Stunde der Wahrheit

Widmer ist nicht der erste, der Münchhausen in einem seiner späten Nachfahren wiederauferstehen lässt, und auch die lustig sprudelnde Erzählfreude und den permanenten Griff zur Flasche nimmt er wieder auf. Bloß die Freunde sind diesmal nicht mehr gekommen, weil der fabulöse Herr offenbar kurz vor der Verhaftung als Betrüger steht. Und so muss sich Daniel Rohr, der im Züricher Theater Rigiblick in die Rolle von Münchhausens spätem Enkel schlüpft, mit dem Pianisten Daniel Fueter begnügen, der den Gästen hätte aufspielen sollen und der nun, während er die Geschichten des Gastgebers gekonnt untermalt und karikiert, zum einzigen, weitgehend stummen Zuhörer wird.

muenchhausen2 tonisuter 280 uLügenbaronenkel Daniel Rohr sucht Halt bei Daniel Fueter © Toni SuterAuf Ackermann, Hildebrand & Co. warten die beiden auf der vom Flügel dominierten, durch einen Perserteppich zur edlen Absteige stilisierten Bühne vergeblich, dafür aber ist der Zuschauerraum des kleinen Theaters bis auf den letzten Platz von einem Publikum besetzt, das anderthalb Stunden lang bestens amüsiert mitverfolgt, wie das Harmlos-Komödiantische allmählich ins Beklemmend-Skurrile kippt und der fabulierfreudige Finanzjongleur sich unter dem Einfluss des zunehmenden Alkoholgenusses buchstäblich um Kopf und Kragen redet.

Aus Phantastik wird Realität

Hat er zuvor die Geschichte von seinem Vorfahren, der mit einem absurd-infamen Trick 33 Enten an einer Schnur aufgereiht hat, um dann mit ihnen in die Lüfte zu fliegen, als phantastisch-unglaubliche Geschichte erzählt, so kommt ihm nun zu Bewusstsein, dass er selbst genau diesen Trick anwendete, um die Insassen einer Altersresidenz um ihre Ersparnisse zu bringen. Plötzlich wäre er nun froh, wenn er sich selbst am eigenen Zopf aus dem (Finanz-) Sumpf ziehen könnte, wie das dem Vorfahren in seiner Erzählung möglich war, und auch der legendäre Flug auf der Kanonenkugel bekommt nun eine ganz reale Bedeutung, als er sich eingestehen muss, dass er – finanzpolitisch gesehen – seit 1989 permanent auf einer Kanonenkugel auf die Erde zugerast ist, aber jedes Mal noch rechtzeitig auf eine in der Gegenrichtung fliegende Kugel umsteigen konnte, bis er jetzt auf und daran ist, ohne Rettungsschirm auf dem Boden zu zerschellen. Und plötzlich beginnt er in dem Pianisten, den er bisher als Gulda, Backhaus oder Rachmaninow verulkt hat, seinen Richter, den Staatsanwalt und schließlich den Scharfrichter zu sehen, dem er sich, "Das Recht kennt keine Gnade", widerstandslos ausliefert.

Daniel Rohr gelingt mit der packenden, bisweilen hoch dramatischen Umsetzung von Urs Widmers abgründig-ingeniösen Text ein schauspielerisches Kabinettstück, dem die ebenso musikalisch brillante wie pantomimisch hinreißende Leistung von Daniel Fueter in nichts nachsteht. Eine Darbietung, die deutlich die Handschrift des Regisseurs Peter Schweiger trägt, der das Ganze zwischen Komödie und Drama, Humor und Leichtsinn, Blödelei und Tiefgründigkeit wundervoll in der Schwebe zu halten weiß.

 

Münchhausens Enkel (UA)
von Urs Widmer
Regie: Peter Schweiger, Bühne und Kostüme: Tina Carstens.
Mit: Daniel Rohr und Daniel Fueter (Musik)

www.theater-rigiblick.ch

 

 Autor Urs Widmer über die Entstehung des Stücks:

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=1gxH8pGXmUw}

Kritikenrundschau

Andreas Klaeui auf DRS 2 (29.2.2012): Nein, es handele sich nicht um Widmers Stück zur Finanzkrise, das vom Schauspielhaus Zürich nihct angenomen worden sei. "Münchhausens enkel" sei eine viel kleinere Veranstaltung, wohl eher entstanden aus Freundschaft zu den Darstellern. Es "Sehr witzig" funktioniere das ganze Stück in einer "plastischen Übermalung" der alten Lügengeschichten des Barons von Münchhausen. Der Text komme ihm vor wie ein Basler Schnitzelbank, sagt Klaeui; der Blick auf den Banker bleibe zwar bis zum Schluss naiv, dennoch sei die Übertragung der Münchhausiaden "wirklich witzig und geistreich" und habe in Daniel Rohr einen "begnadeten" Darsteller, noch dazu mit einem kongenialen Partner in Daniel Fueter am Klavier.

Eine "Combo fürs Komödiantisch-Kratzbürstige" habe am Theater Rigiblick zusammengefunden, schreibt Alexandra Kedves für den Tages-Anzeiger (1.3.2012). Der von Daniel Rohr gespielte "logorrhoische Banker" treffe auf den Pianisten Daniel Fueter, der "wortkarg und wunderbar kaputt" den "Rechtfertigungsarien ausgeliefert" sei. Die Vergleiche zwischen den Wertpapiertricksereien und den Münchhausen-Geschichten seinen nicht "richtig zwingend oder rasend komisch", "aber der (Anti-)Held ist ja auch nur ein Banker". Die Plaudereien über Münchhausens Märchen und "das Gschäftlimachen" würden von Fueter "witzig" und „mit ironischen musikalischen Zitaten von Mozart bis Armstrong" pointiert. Im Ganzen entstehe an diesem Abend "eine harmlose Sitcom, die Broker und Barpianist am Schluss im Whiskyelend vereint".

"70 Minuten Satire, Witz, Ironie mit tieferer Bedeutung" erlebte Marco Guetg für die Aargauer Zeitung (1.3.2012). Die Münchhausen-Geschichten würden zunächst mit "komödiantischer Verve" vorgetragen. Doch je länger erzählt und Whiskey getrunken würde, "desto düsterer wird die Stimmung". "Peter Schweigers Inszenierung changiert zwischen Drama und Komödie, schreckt vor Blödelei nicht zurück und lässt auch Ernsthaftigkeit zu. Daniel Fueter, der stoisch stumme Pianist, hat eine wunderbar witzige Bühnenpräsenz und Daniel Rohr blüht in der Rolle des maullauten Schwadroneurs richtiggehend auf."

 
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