altGretchenfrage nach dem Gelde

von Susanne Schulz

Zinnowitz, 8. März 2012. Wer sich heute fragen mag, wie sich ein 80 Jahre altes Brecht-Stück zeitgemäß auf die Bühne bringen lässt, kann nur kurz ausgeblendet haben, wie zeitgemäß Brecht ist. Den Beweis tritt Jürgen Kern, langjähriger Regisseur am Berliner Ensemble und seit 2001 unermüdlich fordernder Ausbildungsleiter an der Theaterakademie Vorpommern in Zinnowitz an der Vorpommerschen Landesbühne an, wo er "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" als frappierend klares, kompromissloses Porträt des Kapitalismus inszeniert: seiner Gier, seiner Tricks, seiner Unverfrorenheit, sich selbst seiner Kritiker schamlos zu bedienen.

Zwischen weißen glatten Schlachthauswänden unterstreichen Kern und Ausstatter Alexander Martynow mit einem guten Dutzend Stühle Brechts überhöhte Vers- mit einer reduzierten Formensprache. Hier tritt die junge Heilsarmistin Johanna Dark an, in faustischer Manier jene gnadenlose Welt zu ergründen, in der die mörderischen Duelle der Großen die Kleinen ins Elend stürzen. Sie blickt in seelische Höllen, die gespeist sind aus materiellen Abgründen. Sie begegnet dem scheinheiligen Fleisch-Magnaten Mauler, der sich den übersättigten Markt untertan macht und gewissermaßen ihr die modernisierte Gretchenfrage stellt: "Was denkst du über Geld?" Von allen benutzt – von den "Schwarzen Strohhüten", in deren Namen sie wärmendes Gottvertrauen predigt, wie von den Fleisch-Multis, von deren Menschlichkeit sie zeugen soll – muss sie scheitern in ihrem Glauben an Einsicht und Gewaltlosigkeit.

johanna 560 kruegervpl.u"Die heilige Johanna der Schlachthöfe" in Zinnowitz. © Martina Krüger

Die Inszenierung benötigt so gar keine künstliche Aktualisierung, um diese Mechanismen als sehr gegenwärtig zu empfinden. In der behutsamen Straffung des Textes mit seiner rhythmischen Sprache wie auch in den von Mike Hartmann vertonten Songs (denen schließlich noch die "Resolution der Kommunarden" hinzugefügt wird) und der sparsamen Bühnensituation bedient der Regisseur so viel Brechtsche Anmutung wie nötig, um den Lehrstück-Charakter für ein heutiges Publikum "griffig" zu machen.

Caroline Wybranietz – als Absolventin der Zinnowitzer Theaterakademie jetzt im Berufspraktischen Jahr an der Vorpommerschen Landesbühne – berührt als Johanna, die in all ihrem naiven Pathos und "heiligen" Zorn nie denunziert wird. Da ist etwa jene Szene, als sie den rivalisierenden "Fleischherren" die christliche Botschaft beizubiegen versucht in einer Sprache, die sie verstehen, indem sie von Kundendienst und moralischer Kaufkraft spricht.

Im Kontrast zu diesem Furor stehen die souveräne Ambivalenz von Heiko Gülland als Mauler und die mephistophelische Lässigkeit seines Maklers Slift (Torsten Schemmel) als eines Kapitalisten der alten Schule und eines Gauners neuerer Couleur.

johanna1 280 kruegervlb.u"Die heilige Johanna der Schlachthöfe" in Zinnowitz. © Martina KrügerZu stimmiger Leistung geführt wird das gesamte Ensemble von einem Regisseur, der sich auf dieses sein Fach bestens versteht. 72-jährig gibt er zum Monatsende das Amt des Ausbildungsleiters an der Theaterakademie ab, bleibt aber als Regisseur der Vorpommerschen Landesbühne sicher erhalten, wo er schon "Arturo Ui", "Schweyk im Zweiten Weltkrieg" und "Der kaukasische Kreidekreis" inszenierte.

Schon die Regelmäßigkeit, mit der hier Brecht auf die Bühne kommt, sollte das Vorurteil, die Vorpommersche Landesbühne lebe allein von unterhaltsamen Spektakeln wie den sommerlichen Vineta-Festspielen, ad absurdum führen. Seit nahezu 30 Jahren von Intendant Wolfgang Bordel geleitet, hat das kleine Theater mit Anklamer Stammsitz vor allem seit 1990 mit stetigem Spielstätten-Zuwachs (Heringsdorf, Zinnowitz, Barth, Usedom) das Überleben trainiert. Vor allem seit per Beschluss der Landesregierung Einspartenhäuser wie dieses nur noch bei Kooperation, am liebsten gar Fusion mit einem der vier Mehrspartenstandorte an überlebenswichtige Landesmittel herankommen. Die Gründung einer gemeinsamen Unternehmensgesellschaft mit dem Theater Vorpommern (Greifswald/Stralsund) wurde in Schwerin erst ein Jahr nach Vertragsunterzeichnung anerkannt.

Aussichtsreichere Effekte werden nun erhofft von der Zusammenarbeit mit der Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz, wo Bordel (neben seinem vorpommerschen Intendantenamt) gerade zum Schauspieldirektor berufen wurde. Ob der künstlerischen Maßstäbe, die hier in den vergangenen Jahren durch Intendant Ralf-Peter Schulze und Oberspielleiterin Annett Wöhlert (beide wechseln ans Mittelsächsische Theater Freiberg/Döbeln) gesetzt wurden, begegnet das traditionsbewusste Publikum dem Neuen nun mit einiger Skepsis, die wohl vor allem besagtem "Tingeltangel"-Vorbehalt geschuldet ist. Bordel kontert mit den 70.000 Zuschauern, die seine Landesbühne jährlich zählt und als Mitgift mit in die gemeinsame Zuschussberechnung bringt: "Die kommen ja wohl nicht alle, um mal besonders schlechtes Theater zu sehen", sagt er. An beiden Standorten zusammen 200 000 Zuschauer pro Saison – das ist die Marke, an der er gemessen werden will.

 

Die heilige Johanna der Schlachthöfe
von Bertolt Brecht
Regie: Jürgen Kern, Bühne und Kostüme: Alexander Martynow, Musik und Musikalische Leitung: Mike Hartmann.
Mit: Caroline Wybranietz, Heiko Gülland, Torsten Schemmel, Amanda Fiedermann, Miriam Hornik, Julia Schmidt, Lisa Voß, Simon Ahlborn, Erwin Bröderbauer, Andreas Schickardt, Peter Christoph Scholz, Dietmar Wurzel.

www.vlb-anklam.de

 

zeitstiftung ermoeglichtMehr Inszenierungen von Brechts Heiliger Johanna? Michael zur Mühlen inszenierte sie in Weimar als Galadiner, Michael Thalheimer mit einer famosen Sarah Viktoria Frick in Wien mit Brüllchor, Nicolas Stemann ironisierte in Berlin den Revolutionskitsch.

Kritikenrundschau

Eine "Sternstunde epischen Theaters" hat Juliane Voigt für die Ostsee Zeitung (10.3.2012) gesehen: "Schnörkellos und glamourfrei". Die Masse der Arbeiterklasse bleibe gesichtslos, Heiko Güllands Mauler zeige "Züge eines bösen Clowns", Caroline Wybranietz sei als Johanna nicht naiv, aber fromm. Das Publikum lerne "nebenbei" die Verstrickungen von Aktien, Börse, Reichtum und Pleiten. Und dass industrielle Lebensmittelproduktion den Charakter verderbe – besonders bei schlechter Bezahlung. Fazit: "Das Stück gehört auf die Bühnen und viele Leute in die Blechbüchse".

 
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