altZonenübergreifende Frauenbilder

von Esther Slevogt

Berlin, 8. März 2012. Bei Katharina Witt herrschte offenbar eine Art zonenübergreifender Konsens. Jedenfalls sind, als die Rede auf die einstige DDR-Olypmiasiegerin im Eiskunstlauf kommt, die kleinen soziokulturellen Differenzen zwischen den Ost- und den Westfrauen auf der Bühne wie ausgeräumt, die bisher den Abend bestimmten. Und die langbeinige Westfrau Nina Tecklenburg fängt auf ihrem Bürostuhl an, mit großer Geste Witts Carmen-Choreografie aus ihrem Körpergedächtnis zu schleudern. Im Sitzen. Damit hatte die Eiskunstläuferin 1988 in Calgary ihre Goldmedaille verteidigt.

Wie in der Kindergeschichte vom kleinen Häwelmann gerät Performerin Nina mit dem Bürostuhl (und seligem Lächeln) ins Rollen, schnell und schneller. Der Rittberger geht auch ganz locker als Bürostuhlpirouette von der Hand. Bald kommt die Ostfrau Wenke Seemann dazu, in deren Körper die einschlägigen choreografischen Volten ebenso spontan abrufbar sind. Und so wirbeln beide auf ihren Bürostühlen ziemlich synchron über die Bühne. Gelegentlich werden sie von den vier anderen Mitspielerinnen genervt in den Hintergrund geschoben. Selten für lange. Denn gegen soviel Begeisterungsfähigkeit ist kein Kraut gewachsen. Auch nicht im jubelnden Publikum.

Deutschland, deine soziokulturellen Unterschiede

Großer Lacher auch, als die Schriftstellerin Anett Gröschner dann von einem amerikanischen Studenten beim internationalen Heiner-Müller-Seminar in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre an der Berliner Humboldt-Universität berichtet, der mit ihr nur über Katharina Witt und die Mauer reden wollte. Über die Mauer habe sie nicht reden können, über die Witt wollte sie nicht, diese "größte Bitch im Sozialismus". Ja, Heiner Müller, da nickt auch Westfrau Johanna Freiburg wissend mit dem Kopf. Dieser Dramatiker ist, sozusagen als Katharina Witt für die Intellektuellen, ebenfalls konsensfähig in Deutsch-Deutschland.

schubladen 560 benjaminkrieg uKonsensbildung mit She She Pop. © Benjamin Krieg

Den immer noch im diskursiven Überbau wie im Unbewussten arbeitendenden soziokulturellen Unterschieden dieser Deutschländer und ihrer -Innen geht dieser neue Abend der Performance-Gruppe She She Pop nach. Er ist mit "Schubladen" überschrieben, womit einerseits die klischierten Bilder gemeint sind, die die jeweils einen von den jeweils anderen noch immer haben. Aber auch die Schubkästen, in denen ganz reale Erinnerungen aufbewahrt sind: Briefe, Tagebücher, Musiken, die man im Laufe des Abends auch zu hören bekommt. Das Neidlied aus dem DDR-Kinderhörspiel "Traumzauberbaum" von 1980 zum Beispiel, das die sozialistische Utopie kindkomaptibel auf den Punkt bringt und gleichzeitig auch das kapitalistische Feindbild schön bös zu fassen versteht.

Dabei aber natürlich nicht weniger verlogen ist, als die süsslichen Titelmelodien der bewusstseinsbildendenen Westserien von "Schwarzwaldkinik" bis "Traumschiff", die Westfrau Nina immer wieder mit naiver Nöhlstimme und treuherziger Miene zum Besten gibt.

Jugend, Kindheit, Klischees

Und so sitzen an drei Tischen also jeweils drei Frauenpaare einander gegenüber und befragen sich zu den Geschichten ihrer Kindheit und Jugend, die jeweils in einem anderen Deutschland verbracht worden sind. Das ist immer wieder schön im Detail, wenn's darum geht, die Ideologien und wechselseitigen Klischees im ganz Kleinen zu demontieren zum Beispiel.

Die gemischten Doppel arbeiten sich an ihren Tischen langsam durch Kindheit und Jugend in den 1980er Jahren bis zum Datum des Mauerfalls und den ersten Nachwendejahren vor. Immer wieder heißt es zwischendurch "Stop!" und die Befragte muss Begriffe aus dem ideologischen Kontext erklären, in dem sie aufgewachsen ist. "Brigadeführer", "Kapitalist", "Pazifist". Westfrau Ilia kommt beim Erklärungsversuch des Wortes "Dividende" ins Stottern. Geld hat man eben, aber spricht darüber nicht. Ostfrau Alexandra Lachmann kann besonders mit Berichten einer sexuell freizügigen Kindheit ihr laszives Westgegenüber Nina in Verlegenheit bringen. Immer pointensicher, versteht sich.

Und die ideologischen Grundlagen?

Der Abend besticht durch ein gut durchrhytmisiertes Timing, durchdachte Zeichensysteme in der Kleidung der sechs Ladies (zwischen bravem Understatement, popkompatiblen Adidasstreifen und vom Goldknopf-Leopardenmusterpomp der 1980er inspiriertem Chic). Auf den Wellen hübscher Geschichten, süffiger Musiken und Schaumkronen sehr kalkulierter Pointen gleitet man gut durch den Abend. Mit leichten Ermüdungserscheinungen im letzten Viertel allerdings.

Denn so richtig Lust, die Finger in ein paar Wunden zu legen, hat an diesem freundlich-fröhlichen Abend niemand. Die Ostfrauen kommen sehr cool und souverän herüber. Die Westfrauen immer ein wenig zu kurz. Einmal dürfen die Ostfrauen in fröhlicher Wodkarunde ihre Klischees von Westfrauen zum Besten geben. Die Westfrauen halten sich, was das betrifft, jedoch vornehm zurück. Wollen sie sich keine Blöße geben?

Wenn man jetzt böse wäre, könnte man in dieser Zurückhaltung auch eine leise Herablassung des feministischen Westkollektivs She She Pop seinem Untersuchungsgegenstand gegenüber lesen, der auch ein ethnologischer Herrschaftsdiskurs sein könnte, dessen ideologische Grundlagen dieser Abend niemals befragt. Aber man will ja nicht böse sein, und das Spiel verderben, das alle doch scheinbar so genossen haben.

Nur eines vielleicht sei freundlich nachgefragt: Warum werden im Ankündigungstext die Ostfrauen eigentlich als Gegenspielerinnen bezeichnen, wo sie doch Mitspielerinnen sind?

Schubladen
von She She Pop
Bühne: Sandra Fox, Kostüm: Lea Søvsø, Licht: Sven Nichterlein, Video: Branka Pavlovic, Grafik: Tobias Trost.
Von und mit: Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Barbara Gronau, Annett Gröschner, Fanni Halmburger, Alexandra Lachmann, Katharina Lorenz, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Peggy Mädler, Ilia Papatheodorou, Wenke Seemann, Berit Stumpf und Nina Tecklenburg.
Spielerinnen der Premiere: Johanna Freiburg, Annett Gröschner, Alexandra Lachmann, Ilia Papatheodorou, Wenke Seemann und Nina Tecklenburg.

www.sheshepop.de
www.hebbel-am-ufer.de

 

Kritikenrundschau

Für Christine Wahl vom Berliner Tagesspiegel (10.3.2012) besteht She She Pops Masterinnenplan darin, "so unvorbelastet wie möglich auf das Material zu schauen, das einem vor die Füße fällt, wenn man Ost-West-Stereotypen auf individuelle Biografien prallen lässt." Die dialogische Konstruktion des Abends findet sie auf den ersten Blick zwar naiv, grundsätzlich aber alternativlos: "Bei welcher Verhandlungsmasse sollte man schließlich in dieses hochgradig besetzte Thema einsteigen, wenn nicht beim Stand null und ausdrücklich beim Individuellen?" Ein Dilemma bleibt für sie dennoch: "Was beim zweistündigen Ritt durch insgesamt sechs knapp 40-jährige Lebensgeschichten auf die Arbeitstische kommt, ist notwendig anekdotisch und auf Pointe gebürstet." Man kenne diesen grundheiteren Tonfall aus der Post-DDR-Popliteratur der neunziger und nuller Jahre. Aus Sicht der Kritikerin gehen die Ostfrauen aus dem 'Schubladen'- Spiel eindeutig als Siegerinnen hervor. Sie wirkten, so Wahl, "individueller, markanter, reflektierter, manchmal nahezu heroinenhaft". Man könne daraus zwei Schlüsse ziehen: "Entweder haben die She-She-Pop-Frauen den Ostlerinnen tatsächlich wenig entgegenzusetzen. Dann wäre es ein mutiger Akt, die Unbedarftheit in puncto OstWest-Diskurs derart offensiv auszustellen. Oder die Westlerinnen haben sich nicht getraut nachzuhaken."

"Manchmal konnte man auch glauben, man sitze an diesem Abend in einer Gag-Parade der deutsch-deutschen Geschichte," schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (10.3.2012). Das Ganze verlaufe wie eine Art Denksportspiel. "Denn obwohl hier alle nur aus ihren eigenen Poesiealben, Briefen oder Schulaufsätzen zitieren, wird es nie wirklich persönlich, bleiben die Biografien der sechs Frauen ungreifbar. " She She Pop interessierten sich für die Klischees. An ihnen forme sich, so Meierhenrich, das Individuelle und zwar nicht durch die Leugnung, "sondern durch konsequente Bestätigung". Dennoch erfahre man an diesem Abend nichts, was man nicht schon wusste. "Der vielfache Sprecher- und Blickwechsel zwischen den beiden Vergangenheitswelten – nicht nur die DDR, auch die BRD ist ja längst verschwunden – bleibt oberflächlich."

Den bestechenden Charme des Unzeitgemäßen bescheinigt Tom Mustroph in der taz (10.3.2012) diesem Abend, der aus seiner Sicht darüber hinaus Langzeit- und Tiefenwirkung hat. Kein simples Ost-West-Aufarbeitungsprojekt außerdem, von Jubiläen oder Förderpolitik konditioniert, "sondern eine assoziative Recherche über die Bedingungsgefüge, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind". Einen schelmischen Höhepunkt erfährt der Abend für Mustroph, als die Hamburgerin Johanna von den Anstrengungen ihrer Großmutter erzählt, Pakete für die Ostverwandtschaft zusammenzustellen – und dies mit der Bilanz der gebürtigen Magdeburgerin Annett über den Inhalt der angekommenen Pakete konfrontiert wird. "Von den Gütern, die Johannas Oma auflistet, taucht kaum eines in den Statistiken der Staatssicherheit auf, aus denen Annett später zitiert. Es stellt sich die interessante Frage: Welche Quelle ist die verlässlichste: Die Oma aus Hamburg? Das Mädchen aus Magdeburg? Oder doch die Stasi?"

"Schubladen" sei "ein Stück, das reichlich Platz für Vorurteile über zupackende, trinkfeste, sexaktive Ostfrauen und Konsummiezen aus dem Westen bieten könnte", meint Eberhard Spreng im Deutschlandfunk (10.3.2012). She She Pop hätten jedoch"etwas anderes daraus gemacht". Sie beließen es nicht bei der üblichen deutsch-deutschen Plauderei über Unterschiede und Gemeinsamkeiten, sondern forschten "in der Sprache selbst nach den grundlegenden ideologischen und lebenspraktischen Divergenzen". Und wenn die Performerinnen beginnen die Musik ihrer Jugend aufzulegen, komme "an diesem mit viel nostalgischem Schmunzeln und befreiendem Lachen aufgenommenen Schubladenabend" im Publikum "richtig Stimmung auf".

"Mit 'Schubladen' setzen She She Pop ihre autobiographischen Recherche-Projekte fort, mit denen sie spätestens seit ihrem Erfolgsstück 'Testament', bei dem die Performerinnen ihre Väter auf die Bühne gebeten hatten, ein eigenes Genre definiert haben", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (12.3.2012). Der Reiz liege auch bei "Schubladen" "in der Kombination von lustigen oder berührenden Irritationsmomenten und der unprätentiösen theatralischen Umsetzung zwischen Frontalunterricht, Selbstgespräch, Endlosrecherche, Party und nicht ganz ernst genommener Gesprächstherapie". Das offensive Fasziniertsein von sich selbst habe etwas vom Narzissmus, "wie er fürs Berliner Kreativmilieu typisch ist". Aber She She Pop seien "schlau genug, der Eitelkeitsfalle zu entgehen, indem sie diese Selbstbespiegelungsmanöver mit lässiger Selbstironie ausstellen". Der Hang dazu, Leben in Anekdoten aufzulösen, und der begrenzte Erkenntnisgewinn des Abends würden durch die gute Laune, die er mache, mehr als ausgeglichen.

 
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