All unsere Schicksale

von Guido Rademachers

Düsseldorf, 16. März 2012. Vor dem Tod sind alle gleich. Nur, dass davon im Leben nicht allzu viel zu spüren ist. Das ist die Krux im neuesten Stück von Iwan Wyrypajew. Besser gesagt: In den sieben Kurztexten, die der 37jährige russische Dramatiker unter dem Titel "Delhi, ein Tanz" zusammengefasst hat. Sieben Mal werden dieselben sechs Figuren in andere Konstellationen gebracht. Sieben Mal treffen sie sich im Besucherzimmer eines Krankenhauses, und jedesmal liegt einer von ihnen im Sterben. Immer geht es um die Kluft zwischen Sterbenden und Lebenden. Um den Schmerz, das Mitleid, das Mit-Leiden und die Unfähigkeit dazu.

Bei Wyrypajew ist das weniger Drama als dramatisches Protoplasma. Die Sprache ist zwar geschliffen, knapp und direkt, aber kaum individualisiert. Die Figuren wirken wie Funktionsträger, kaum wie Charaktere. Die Elementar-Emotionen werden ständig neu zusammengestellt, in ihrem Grundbestand aber nicht verändert. Ganze Textpassagen werden wortwörtlich wiederholt. Wyrypajew entfaltet keine dramatischen Situationen, sondern arbeitet mit klar abgegrenzten Themen und Motiven. Sein Herangehen ist im Kern nicht dramatisch, sondern musikalisch.

Möglichst weit voneinander entfernt
Fluchtpunkt des Schreibens wie der Figuren wird Ekaterinas Tanz. In den Slums Neu-Delhis, zwischen Tierkadavern und Krüppeln, hat sie ihn entdeckt. Beschreiben kann man diesen Tanz nicht, nur erleben. Immerhin wird so viel durch ihn klar: "All unsere Schicksale waren so etwas wie Wellen, Linien oder sogar Skizzen. Ja. Das ist das genaue Wort. All unsere Schicksale, das sind Skizzen. Und wenn man dann genauer hinschaut, dann bestehen diese Skizzen einfach nur aus einer einzigen ununterbrochenen Linie."

delhi1 560 sebastianhoppe uTanz unterm Laubbaum © Sebastian HoppeVon der Decke des Düsseldorfer Kleinen Hauses baumelt keine Krankenhauslampe, sondern – mit Krone nach unten – eine riesige, vielleicht 15 Meter hohe Laubbaumattrappe (der Stamm eher Eiche, die Blätter eher Ahorn). Darunter zirkeln die Schauspieler geometrische Gänge durch den sonst leeren Raum. Sie schreiten die Außenkanten eines Quadrats ab, gehen diagonal bis zur Mitte der Bühne. Und bleiben möglichst weit voneinander entfernt stehen.

Plötzliche Emotionen
Stefanie Reinsperger (mit ihrem massigen Körper, über den ein billiges türkisenes Kleidchen flattert, nicht gerade typbesetzt für Tänzerin Ekaterina) schüttet sich minutenlang vor Lachen aus, wedelt sich Luft zu, geht in die Knie, hebt ein rosa Schühchen. Gefangen in einer motorischen Endlosschlaufe. Kaum vorstellbar, dass Andrej sie lieben sollte. Marian Kindermann starrt mit staunend großen Augen und leicht offenem Mund ins Publikum. Wenn er "Gefühl" sagt, hebt er die zweite Silbe, dehnt sie und wiederholt das Wort. "Schmerz" dagegen kommt aus dem unteren Stimmregister. Wörter sind Klang, die Suche nach dem Sinn delegiert er ins Publikum. Die unerwartet einsetzende Pause nach einem Satz ist das nachgeschobene Fragezeichen. Jetzt bietet er erstmal Ekaterina Wasser an. Der Lachanfall hört sofort auf, herb lehnt sie ab.

Die Emotionen haben in Felix Rothenhäuslers Regie des Abends häufig keinen Aufbau. Sie sind ausgestellte Nummern, fangen plötzlich an, reißen abrupt ab. In ihrer körperlichen Umsetzung des Textes erinnert die Inszenierung an Tanztheater. Verena Reichhardt, sonst als Ekaterinas Mutter resigniert vor sich hinnickend und gefrustet an der Lippe kauend, hält auf einmal zusammen mit der Tochter die Arme seitlich ausgestreckt, als ob sie fliegen wollte. Bettina Kerl steht als Tanzkritikerin schief und verkrampft da, schiebt beim Emphase-Monolog über die Schönheit des Tanzes abrupt eine Hand am Körper vor und zurück und vollführt doch selbst nur ein Tänzchen. Am Ende des zweieinhalb Stunden langen, pausenlosen und doch nicht an Spannung verlierenden Abends liegt nach einem superrealistischen Weinkrampf Annika Olbrich als Olga in den Armen der Krankenschwester (Stefanie Rösner) und schläft. "Wir sind wieder in die Tiefe unseres Traums hinabgestiegen. Den einzigen Traum für uns alle. Ja, und das war es. Das war der ganze Tanz."

Delhi, ein Tanz (DEA)
von Iwan Wyrypajew
Regie: Felix Rothenhäusler, Bühne: Evi Bauer, Kostüme: Katharina Kownatzki, Musik: Matthias Krieg, Dramaturgie: Tarun Kade.
Mit: Stefanie Reinsperger, Bettina Kerl, Verena Reichhardt, Marian Kindermann, Stefanie Rösner, Annika Olbrich.

duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Mehr zu Iwan Wyrypajew? In Chemnitz wurde im vergangenen Herbst sein Stück Illusionen uraufgeführt, außerdem besprachen wir 2009 Florian Flickers Inszenierung seines Monologstücks Juli am Schauspielhaus Wien.

 

Kritikenrundschau

Iwan Wyrypajews Stück "Delhi" untersuche "die Frage von Existenz und Liebe, von Schuld, Mitgefühl und Sprachlosigkeit", schreibt Annette Bosetti in der Rheinischen Post (19.3.2012). Regisseur Felix Rothenhäusler arbeite in seiner Inszenierung "wie ein Choreograf, hält die Menschen auf Distanz. Sie schauen sich kaum an, dann aber verknäueln sie sich ineinander wie Tänzer beim modernen Pas de deux." Stefanie Reinsperger aber als Hauptfigur Ekaterina stelle "in ihrer athletischen Molligkeit einen Antityp der Tänzerin dar, tanzen wird sie nicht. Doch sie beschert uns Theatermomente mit tief empfundener Dringlichkeit, zart, innig, überdeutlich." Und so seien die zweieinhalb Stunden des Abends "gewonnene Theaterzeit. Am Ende lautet die Botschaft: Wo die Sprache versagt, beginnt die Kunst."

Auf dem Internetportal Der Westen (19.3.2012) meint Petra Kuiper hingegen, dass sich Wyrypajews Szenen "beeindruckend fußlahm durch die Nacht" schleppten. Am Ende der Aufführung wünsche man sich, das Stück wäre in Frieden in Warschau – am Ort seiner Urafführung – verblieben. Es gehe "um Schuld und Sühne (Achtung, Verweis Auschwitz!), um Verlust ('Jedes Gefühl vergeht'), um die gequälte Seele als solche, was die ständige Wiederholung der ausgelaugten Metapher vom heißen Eisen, das man sich in die Brust stößt, auch nicht erträglicher macht." Die spare nicht mit Innerlichkeit: "Dieser Abend trieft vor Selbstmitleid. Schade bloß, dass wir nichts fühlen, sind wir deshalb doch gekommen."

 
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