altKunst als Beute?

von Beatrix Kricsfalusi

Budapest, 21. März 2012. Angesichts der jüngsten, immer bedrückenderen Entwicklungen lässt sich die Behauptung wagen, dass das Verhältnis des ungarischen Theaters zur politischen Macht immer noch von überkommenen Reflexen aus der Vorwendezeit beherrscht wird. Die finanzielle und politische Krise erreichte die Theaterlandschaft Ungarns in einem Zustand der Strukturschwäche, Finanzierungsmängel, unzureichenden Selbstregulierung und Interessenvertretung einerseits sowie einer unheilvollen politischen Polarisierung der Theaterschaffenden andererseits.

Die zwei wichtigsten ästhetischen Konsequenzen dieses Chaos sind die immer noch virulente Idee des National- und Volkstheaters, ohne dass dabei ihre reflektierte Neudefinierung vollzogen würde. Daneben lässt sich eine Gleichgültigkeit der Stadttheater ihrem politischen und gesellschaftlichen Umfeld gegenüber beobachten. Ein theatraler Zugang zur (eigenen) Krise bleibt dem ungarischen Theater ohne sozialkritische Ausrichtung zumeist entzogen, da das Repräsentationstheater zur Bearbeitung neoliberaler Finanzkrisen womöglich über keine ausreichenden ästhetischen Mittel verfügt.

Glänzendes Mittelmaß

Die jüngsten Entwicklungen seit Amtsantritt der Regierung Orbán im Frühjahr 2010 sind bekannt: Man spricht von einer ideologischen Gleichschaltung der Kultur- und Kunstszene. Nach unfreiwilligen Personalveränderungen in der Staatsoper (Demission von Balázs Kovalik, Ádám Fischer, Lajos Vass), der geschmacklosen Hetzkampagne der rechtsradikalen Partei Jobbik gegen Nationaltheaterdirektor Róbert Alföldi und der Ernennung des rechtsextremen Schauspielers György Dörner zum Direktor des Budapester Neuen Theaters (Új Színház), das in ein ausschließlich ungarische Dramen spielendes "Heimatfront-Theater" umgewandelt werden sollte, geriet zuletzt das Budapester Trafó auf die Tagesordung. Das Haus für zeitgenössische Kunst wurde 1998 vom Kulturmanager György Szabó ins Leben gerufen und seitdem erfolgreich geleitet. Neben Förderung von ungarischen Off-Projekten aus dem Bereich von Tanz und Performance präsentierte das Trafó als Gastspielort international renommierte Künstler und experimentelle Theaterformate, die in der Theaterlandschaft Ungarns bis dahin gänzlich unbekannt waren.

trafo1 560 thomasaurinDas Budapester Off-Theater Trafó. © Thomas AurinDem sollte jetzt ein jähes Ende gesetzt werden, weil sich die Choreographin und Tanzkompagnieleiterin Yvette Bozsik mit der angeblichen Rückendeckung sämtlicher KollegInnen von Szabós "Geschmacksterror" befreien und mehr ungarischen Tanz im Haus sehen wollte, wo sie übrigens als Zuschauerin kaum auftauchte. Von Staatssekretär Géza Szőcs persönlich zur Bewerbung angeregt, ersparte sie sich die Ausarbeitung eines begründeten und aussagekräftigen künstlerischen Programms. Ihre erst nach der Entscheidung veröffentliche Bewerbung erwies sich aus fachlicher Hinsicht als ebensolcher Bluff wie die von Dörner, nur ohne rechtsextremistische Obertöne. Ihrer Vision nach sollte "das Trafó zu einem noch offeneren Haus gemacht werden, damit es auch ungarischen Künstlern zu einem guten Gefühl verhelfen kann, anstatt sie mit einer fortwährend-kritischen Attitüde unter Druck zu setzen." Mit diesem Konzept einer unkritischen Offenheit wird de facto der Weg ins "glänzende Mittelmaß" geebnet, um den Titel einer selbst- und theaterkritischen Inszenierung von Béla Pintér aus dem Jahre 2010 zu zitieren.

Erben der Gulaschkommunismus-Kulturpolitik

Doch sollte man sich vor der falschen Annahme hüten, dass die hier genannten Theatereklats ohne jegliche Präzedenz im Kulturbetrieb der jungen ungarischen Demokratie wären oder dass die Manipulation von Bewerbungsverfahren als eine geniale Erfindung der Fidesz-Partei gelten könnte, die ohnehin einen Hang zu autoritären Maßnahmen habe. Eingriffe in Auswahlverfahren seitens der politischen Machthaber sowie Stellenbesetzungen ohne Ausschreibung gehörten leider unter jeder Regierung seit der Wende zu den gängigen Praktiken der Machtausübung. Die fehlende Transparenz der Entscheidungsfindung konnte in der Kulturszene leicht zu der Einsicht führen, dass der Weg zum Erfolg nicht in der Erarbeitung von künstlerischen und wirtschaftlichen Strategien bestünde, sondern eher darin, die Gunst der machthabenden Politiker zu gewinnen.

budapest2012 donau thomasaurinVergangenheitsfracht? Lastenkähne auf der Donau   © Thomas Aurin

Es ist, als hätte die Kulturpolitik des Gulaschkommunismus die Wende überlebt. Denn während Theaterschaffende zumeist mit der Erlangung und Erhaltung von Positionen, Intendanten mit der Aufrechterhaltung des eigenen Hauses angesichts jährlich knapper werdender Kultur-Etats beschäftigt waren, entzogen sie sich der Herausforderung, über mediale, gesellschaftliche, institutionelle, finanzielle und politische Voraussetzungen des Theatermachens nachzudenken. Um nur die wichtigsten Versäumnisse der Theaterszene seit 1989 zu nennen: eine Neubestimmung der ästhetischen und gesellschaftlichen Funktion des Theaters, die Nachwuchsförderung, eine Reform der künstlerischen Hochschulbildung, die Pluralisierung von Spielarten und Theaterformaten, die Verstärkung des Kulturmanagements, Vernetzungen im In- und Ausland, eine Förderung der Theaterpädagogik und der künstlerischen Erziehung.

Das Theatergesetz und seine Gegner

Symptomatisch für das Aufschieben oder gar Ausbleiben einer umfassenden Neustrukturierung des Theaterbetriebs ist die Tatsache (für die übrigens nicht allein die politische Macht die Schuld trägt), dass erst 2008 ein Theatergesetz verabschiedet wurde, in dem sich der Staat zur regelmäßigen und berechenbaren Projektfinanzierung der freien Szene in Höhe von zehn Prozent des gesamten Theaterbudgets verpflichtete. Dieses Geld floss an etwa 100 Gruppen und Institutionen mit jährlich 6000 Aufführungen und 1,2 Millionen Zuschauern – also an die gesamte zeitgenössische Tanz- und Performanceszene, die sich in den vergangenen Jahren mehrmals als das kreativste und innovativste Potential des ungarischen Theaters auf internationalen Festivals präsentierte.

g szabo 280 thomasaurinGyörgy Szabó, Gründer und bisheriger Leiter des Trafó © Thomas AurinDoch der Fachverband konservativer Bühnenleiter – den gibt es seit 2008 wirklich – sah darin nur die Subventionskürzung für ihre eigenen Ensemble-Theater und setzte dementsprechend alle Hebel für eine Gesetzesänderung in Bewegung. Ihr Wortführer, der mittlerweile zum richtungsgebenden kulturpolitischen Berater avancierte Attila Vidnyánszky, will die Crème de la Crème der freien Theaterschaffenden in das bestehende System der Stadttheater integrieren und verkennt dabei offensichtlich den engen Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen der Off-Szene und ihren ästhetischen Produkten.

"Ungarische Werte"

Es kann ja kaum ein Zufall sein, dass ein vom überkommenen Modell der dramatischen Repräsentation sich unterscheidendes, genuines Theaterdenken wie das von Béla Pintér, Viktor Bodó oder Árpád Schilling zumeist außerhalb des Stadttheaterbetriebs entstehen konnte. Dem droht jetzt das Aus durch drastischen Mittelentzug, denn der sich vor kulturellen Gegenmodellen hütende Staat will zukünftig nur die bestehenden Theaterhäuser subventionieren. Um weiterhin experimentell arbeiten zu können, müssen Bodó und Schilling wohl noch stärker auf internationale Kooperation setzen. Schwieriger wird es für Béla Pintér, der mit seiner Gruppe ein tief in den ungarischen Traditionen verwurzeltes, zugleich aber scharf auf die ungarische Gegenwart reagierendes Theaterformat erarbeitetet hat, das mit den geläufigen ästhetischen Trends in Europa kaum vernetzt werden kann (etwa in seiner Arbeit Szutyok / Miststück).

Die viel beschworenen "ungarischen Werte" werden gerade in diesem Theater auf höchstem Niveau verarbeitet und reflektiert – eine nationale Eigenart, die auch die Aufmerksamkeit derjenigen erregen sollte, die permanent auf der Suche nach "ungarischen Werten" am Theater sind. Ginge es den "national-gesinnten" Dörner & Co. tatsächlich darum, spezifisch ungarische, ästhetisch führende Erscheinungsformen des Gegenwartstheaters zu fördern, anstatt antiquierte ästhetische und ideologische Konzepte in ihrer musealen Form wiederzubeleben, wie dies nun an den Häusern unter neuer, konservativer Leitung geschieht, müssten sie hier ihre Unterstützung anbringen.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Bereits nach dem deutlichen Sieg bei den Kommunalwahlen 2006 gab es Anzeichen dafür, dass die rechtskonservative Fidesz-Partei die Theater außerhalb Budapests für eine Art Beute hält. Sie sollen zumeist unter formaler Einhaltung des gesetzlich vorgeschriebenen Bewerbungsverfahrens an "nationalgesinnte" oder gar parteinahe Künstler vergeben werden, die sich zu Recht oder zu Unrecht in der vorwiegend linksliberalen Szene Jahrzehnte lang benachteiligt oder "ausgegrenzt" fühlten. Die "Erniedrigten und Beleidigten" sind größtenteils in der Theaterleitung unerfahrene Schauspieler, deren Aufmerksamkeit oft persönlich von einflussreichen Fidesz-Politikern auf die aktuellen Stellenausschreibungen gelenkt wird.

budapestbakelit 560 thomasaurinKünstler an der Wand - Zufallsinstallation in einer Garage nahe des Bakelit Multi Art Center in Budapest
©  Thomas Aurin

Obwohl es sich hier um aus Steuergeldern finanzierte Stadt- und Landestheater handelt, spielt sich der wesentliche Teil des Bewerbungsverfahrens unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab: Bewerbungen werden unter Berufung auf Persönlichkeitsrechte nicht veröffentlicht, der Bestellungsausschuss, der laut Theatergesetz zur fachlichen Beurteilung der Bewerbungen aus Theaterleuten und Beamten zusammengestellt und einberufen werden soll, diskutiert und entscheidet in geschlossenen Sitzungen, wie oft auch der zuständige Stadt- oder Gemeinderat, der schließlich den Theaterdirektor ernennt.

Neue Formen des Protests - mit Erfolg

Weil die Inhalte der siegreichen Bewerbungen nicht bekannt sind, kann kaum Genaues über das ästhetische Programm des neuen, linientreuen Provinztheaters gesagt werden. Aus Stellungnahmen und dem bisherigen künstlerischen Schaffen der frischgebackenen Direktoren lässt sich immerhin darauf schließen, dass ihnen unter Berufung auf Publikumswünsche eine Mischung aus lebensfroher Unterhaltung und der Vermittlung nationaler Gesinnung vorschwebt, wie sie in dem "anspruchsvollen Volkstheater" ab den 1870er Jahren bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in Budapest praktiziert wurde.

trafo1 budapest2012 280 thomasaurin© Thomas AurinGegen diesen Mangel an Transparenz und Objektivität am Theater gab es die üblichen, wirkungsarmen Proteste. Erst der Fall Trafó löste bei unabhängigen Theaterschaffenden andere Formen des politischen Handelns aus, als immer nur Petitionen zu unterschreiben, Demonstrationen zu organisieren oder Hinterzimmerabkommen mit Politikern abzuschließen. Eine öffentliche Diskussionsreihe mit dem Titel "Trafó vernetzt" wurde in den Gang gesetzt, deren Teilnehmer sich für Transparenz, fachlich begründete, mittel- und langfristige Kulturkonzepte, solidarische Interessenvertretung sowie aktive Zusammenarbeit der Kulturschaffenden einsetzen. Ziel soll sein, das Theater auch in Ungarn aus einer Repräsentations- und Vergnügungsstätte in ein politisches und gesellschaftliches Forum der Öffentlichkeit zu verwandeln. Bezeichnend, dass gerade die designierte Trafó-Direktorin Bozsik die Möglichkeit zum wiederholten Mal nicht wahrnehmen wollte, ihre Pläne in diesem Streitraum persönlich zu präsentieren. Offensichtlich aber hatten die Proteste Erfolg: Gestern Nachmittag wurde bekanntgegeben, dass Bozsik, die ihr Amt am 1. Juli hätte antreten sollen, beim Budapester Oberbürgermeister István Tarlós ihren Rücktritt einreichte. Die Stelle wird erneut ausgeschrieben.

 

Die Theaterwissenschaftlerin Beatrix Kricsfalusi ist Mitarbeiterin des Lehrstuhls für Deutschsprachige Literaturen der Universität Debrecen.

 

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