altRette uns, Alexis Carrington

von André Mumot

Berlin, 23. März 2012. Das Telefon klingelt. Mehrmals an diesem Abend. Und manchmal auch im Parkett. Und – wer hätte gedacht, dass so etwas je geschrieben werden könnte – man ist direkt ein bisschen dankbar für die eilig abgewürgten Klingeltöne, freut sich über die unter Stoff summenden Mini-Melodien, die mehr über das aussagen, was kapitalistische Ethik aus uns macht, als alles, was da oben auf der Bühne stattfindet. Aber auch dort, in einer schlichten Jahrhundertwende-Büro-Salon-Kulisse mit hohen Altbauwänden und Kronleuchter und depperten Lorbeerbäumen im Topf, klingelt das Telefon.

Es handelt sich (entsprechend der Werktreue-Deko) um so ein schönes antikes Ding, und das Läuten dringt von hinter der Kulisse an unser Ohr. Und dann nimmt Vassa Shelesnova, die Patriarchin, die zeigen soll, wozu es führt, wenn man sich nur ums Geld kümmert, den Hörer ab und bellt: "Für die Lastenträger ist das mehr als genug, sage ich. Also machen Sie es so." Und später klingelt's wieder in den Dialog hinein, und sie bellt: "Hier eine Einsparung, dort eine. Hier ein Gewinn, dort einer." Und dann später: "Wer? Ja? Ich! Idioten!"

Die Hand auf den Tisch geschlagen

Das ist es also, das weibliche Gesicht des Kapitalismus, stets mit dem Safe-Schlüssel im Rock und dem Hörer am Ohr, Befehle keifend, Gewinne maximierend. Wir kennen es inzwischen anders, säuselnd, gewinnend, und gerade deshalb fatal, und sehnsüchtig wünscht man sich Alexis Carrington herbei. Aber das hier ist nicht der Denver Clan, das ist das Berliner Ensemble, und es wird Maxim Gorki gespielt. Schwerpunktmäßig und mit autoritärer Wucht von Swetlana Schönfeld, die die Reedereibesitzerin, die dem Abend ihren Namen schenkt, zur klassischen russischen Matrone mit Tobsuchtstendenz erhebt.

Vassa3 560 MarcusLieberenz xSwetlana Schönfeld als Vassa Shelesnova © Marcus Lieberenz

Sie ist ein beißwütiges Muttertier, das sentimental werden könnte, es sich und uns aber strikt verbietet. Und manchmal ist es eine Freude, ihr dabei zuzusehen, wie sie die Hände ringt und über die unsagbar muffig möblierte Bühne fegt. Dann sinkt sie in ihrem Stuhl zusammen, winkt ab, als wollte sie sagen: "Mir ist das hier alles sowieso zu dumm, macht doch, was ihr wollt."

Aber so viel gelassenen Fatalismus lässt ihr Regie-Veteran Manfred Karge selten durchgehen. Stattdessen muss sie brüllend beweisen, was so ein kapitalistischer Vulkan alles auszuspucken weiß. Leider zeigen ihre Entladungen jedoch wenig Varianten. Es poltert und rumpelt und explodiert sehr gutteral aus ihr heraus, sehr laut und erbittert, und immer wieder, wieder und wieder klatscht sie mit der flachen Hand oder der Faust auf den Tisch oder auf eine Sessellehne. Peng und Peng und Peng. Aber das Furientum ist noch das Beste an diesem Abend.

Großbürgertum gegen revolutionäre Bewegung

Es beginnt schon mit der fragwürdigen Entscheidung, die zweite Stückfassung von 1935 auszugraben und neu zu übersetzen, die Gorki anfertigte, nachdem vom Moskauer Künstlertheater für eine Aufführung einige politisch klarere Zusätze im Sinne des Sozialistischen Realismus gefordert worden waren. Er hat dann lieber gleich ein ganz neues Stück geschrieben, und wo die erste Vassa ein tragisch verschlungenes Geflecht unglücklicher Leidensfiguren verknüpfte, allesamt verbunden durch ihre bürgerliche Ziellosigkeit, ist das Werk von 1935 auf simple Weise denunziatorisch und kommt ohne nennenswerte psychologische Vertiefungen aus. Vielleicht war das Absicht, vielleicht nicht.

In Karges Inszenierung wirkt das Stück jedenfalls geradezu maßlos simpel in seiner Gegenüberstellung von verkommenen Großbürgern und den Ideen der Revolution. Der immerhin ansatzweise sympathischen (weil patente) Vassa steht die sozialistische Revolutionärin Rachel gegenüber, die ausgestellt burschikos in Hosen und mit Krawatte herumstolziert und mit verkrampfter Stimme Tiraden über ein besseres Leben hält, die so aufgesetzt, falsch und uninteressant wirken, das man es manchmal kaum glauben kann. "Sie unterwerfen sich der Macht des Geldes und der Dinge, die Sie nicht geschaffen haben", sagt sie und zieht an ihrer Zigarettenspitze. "Sie fragen sich nicht, wozu Sie leben."

Gefakte Probleme

Vielleicht sollen ihre Reden als Phrasen enttarnt werden. Aber, ach: Wozu? Es gibt an diesem oberflächlich durchinszenierten Abend keine Menschen auf der Bühne, die den Pamphleten etwas entgegenzusetzen hätten, und kein einziges real wirkendes Problem. Dafür spielt der saufende, grapschende Onkel (Roman Kaminski) Klavier, die Sekretärin (Claudia Burckhardt) steht lauschend hinterm Kunstbaum, als wollten sie sich ohne jeden Humor selbst parodieren, und ein Chauffeur (Michael Kinkel) tanzt den Feuervogel auf eine so dämliche Weise, dass es schon fast wieder allerliebst wirkt.

Und wenn Vassa zum Safe geht, der sich in der Gasse verbirgt, so dass wir ihn nicht sehen, macht es laut vom Band "Quietsch, Quietsch, Krumpel, Krumpel", damit wir wissen, dass sie am Zahlrad dreht und die Scheine einsteckt. Man möchte lachen über all diese ungeschickten, unfreiwillig komischen szenischen Fehlgriffe, aber dafür ist dann alles andere schlicht zu dröge, öde, grau und fad. Auf's nächste Handyklingeln warten, das geht vielleicht.

Vassa Shelesnova
von Maxim Gorki, Deutsch von Manfred Karge
Regie und Bühne: Manfred Karge, Kostüme: Jessica Karge, Musik: Alfons Nowacki, Dramaturgie: Hermann Wündrich, Licht: Steffen Heinke.
Mit: Swetlana Schönfeld, Dieter Montag, Roman Kaminski, Johanna Griebel, Katharina Susewind, Marina Sensckel, Claudia Burckhardt, Laura Mitzkus, Felix Tittel, Arsseni Bultmann/Arda Dalci.

www.berliner-ensemble.de

 

Kritikenrundschau

"Unverhohlen gesagt, ist das, was der langjährige Leiter der Regie-Ausbildung an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst als ebensolche ausgibt, eine pechschwarze Peinlichkeitspfütze", schreibt Nikolaus Merck in der Berliner Zeitung (27.3.2012). "Ein anfängerhaftes Deklamationsunglück." Swetlana Schönfeld als Vassa Shelesnova bediene sich dreier Modi: "Hand-auf-Tisch-knallen (hier bestimme ich), Finger-in-die-Luft-stechen (ich sage dir doch ...), Brüllen mit kasernenhoftauglichem Organ." Und ansonsten: "Finster die Blicke, schreitend der Schritt, die Kiefer mahlen: unversehens finden wir uns bei 'Deutschland sucht den Hotzenplotz wieder." Da fragt sich der Rezensent am Ende "doch einigermaßen entnervt": "Soll das eigentlich zum Lachen sein? Oder ist es bloß zum Heulen?"

Unter den musealen BE-Inszenierungen nehme diese eindeutig den Spitzenplatz ein, schreibt Andreas Schäfer im Tagesspiegel (27.3.2012). Während der anderthalb Stunden, die sie dauere, habe man unablässig gegen den Niesreiz (von den verstaubten 19.-Jahrhundert-Kostümen aus dem Fundus), aber vor allem gegen die Müdigkeit zu kämpfen, "denn die zehn Schauspieler deklamieren mit solch aufschäumender Hemmungslosigkeit und unterstreichen dabei jede Emotion mit der entsprechenden holzschnitthaften Bewegung, dass alle Dramatik der Vorlage unter dem Zellophan einer falsch verstandenen Konvention erstickt und Theatergefuchtel übrig bleibt."

In der Zeit (29.3.2012) schreibt Thomas E. Schmidt, der frühere Redenschreiber des früheren Kulturstaatsministers Michael Naumann: Karge beharre "auf einem unzeitgemäßen Realismus, auf einem Traditionsstil dieses Hauses". Die Reichen seien "moralisch verkommen", behaupte diese Inszenierung. "Niemand würde dem Brecht-Theater seine kleine ideologische Verkniffenheit übel nehmen, wenn es denn dabei seine Würde bewahrte, wenn denn die Botschaft ernsthaft vorgetragen würde, wenn sie Stil hätte und Wucht und das Resultat genauer Beobachtung wäre" und die Inszenierung einen "gewissen handwerklichen Glanz" besäße. Aber es handele sich bloß um "Schauspiel am Rande der BE-Parodie, verfremdungsfreies Unvermögen". Selbst "respektable ältere Schauspieler" wie Swetlana Schönfeld oder Roman Kaminski" chargierten, "als müssten sie dem Niveau ihrer lächerlichen Kostüme entsprechen oder dem traurigen Naturalismus des Bühnenbildes". Dieser "Vassa" zuzusehen, löse "weder Freude noch Erschütterung aus", es bleibe "eher ein behäbiges Theater der Grausamkeit (am Zuschauer)".

 
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