altEs führt ja alles zu nichts

von Matthias Weigel

Lübeck, 23. März 2012. Man kann nur mutmaßen, wie viel Zeit Regisseur Marco Štorman in die Schauspielarbeit investiert hat. In die Schauspielstil-Arbeit genauer gesagt. Was sein Ensemble in der Lübecker "Anna Karenina"-Inszenierung macht, ist jedenfalls – besonders.

Denn was bekommt man nicht allzu oft vorgesetzt: Klischeefiguren, Abziehbilder, künstliche Konstrukte, Kopfgeburten. Figurenzeichnungen, hinter denen es hervorschreit: Seht, so stelle ich mir vor, wie jemand sein könnte. Das aber schafft meist nur Distanz. Zwischen Schauspieler und Rolle, zwischen Zuschauer und Theater.

Anna-Karenina 560 ThorstenWulff uLisa Charlotte Friederich (Kitty), Thomas Schreyer (Lewin) © Thorsten WulffEine Distanz, die Marco Štorman mit seinem Ensemble eindampft. Seine Schauspieler verschanzen sich nicht hinter Illustrationen, Plattitüden oder sogenanntem "Ausspielen". Sie ziehen die Rollen ganz nah an sich heran, streifen sie sich über. In den besten Momenten bringen sie dann Sätze mit einer selbstverständlichen Einfachheit und einer direkten Ehrlichkeit über die Lippen, wie es auch in einer Jürgen-Gosch-Inszenierung passieren könnte.

Genießen oder offenbaren?
Armin Petras' Theaterfassung von Tolstois "Anna Karenina" konzentriert sich auf die drei zwischenmenschlichen Beziehungsgeflechte, drei Liebesgeschichten, von denen jeweils eine beginnt, eine endet, und eine wieder aufgenommen wird. Anna Karenina verlässt ihren Mann für ihren Liebhaber Wronski. Dascha vergibt ihrem untreuen Mann Stefan, und sie finden erneut zusammen. Kitty lässt sich nach anfänglichem Zögern auf den schrulligen Lewin ein, und sie heiraten.

Mit dem, was sich hier kitschig bis lahm anhört, weiß Marco Štorman vom ersten Moment an zu verzaubern: Auf einen Schlag öffnet sich der Vorhang, und das Licht trifft auf eine stumpfe Beton-Fassade, verrostete Gartenstühle und eine alte Laterne. In der Mitte mümmelt ein zaghaftes Männlein und fragt sich, ob es lieber das Glück seiner heimlichen Liebe zur Angebeteten genießen soll, oder aber seine Liebe offenbaren soll – dann freilich mit dem Risiko, dass auch ganz schnell die Enttäuschung hereinbrechen kann.

Anna-Karenina 280 ThorstenWulff uKatrin Aebischer (Dascha), Thomas Schreyer (Lewin), Robert Brandt (Karenin).
© Thorsten Wulff

Bunte Strickpullover
Anna Rudolph hat nicht weniger als einen Plattenbau in die Kammerspiele des Lübecker Theaters gestellt, wie er in einem russischen Vorort oder auch Berlin-Marzahn stehen könnte. Davor liegt Schnee. Es weht die einstimmige Melodie der Depression. Man trägt bunte Strickpullover, die ausgeleiert an den Schultern ziehen. Wodka fließt.

Das Männlein, der Gutsbesitzer Lewin (Thomas Schreyer), will es nun doch drauf ankommen lassen. Er hält beim Schlittschuhfahren um die Hand der jüngeren Kitty an. Lisa Charlotte Friederich spielt diese Kitty, jung, hübsch, mit funkelnden Augen. Und: sie spielt sie nicht. Sie antwortet, ohne dabei etwas zu behaupten, ohne etwas anderes darzustellen. Sie spielt nicht Kitty, die antwortet, sondern sie antwortet einfach als Kitty. Und zwar erstmal mit: Nein. Denn eigentlich hegt sie Hoffnungen für Graf Wronski. Doch die werden schnell enttäuscht, als Anna Karenina (Susanne Höhne) beim Tanzball auftaucht. Denn Wronski verfällt sofort der reiferen Anna, und sie ihm.

Die große Tristesse
Was hier nach Handlungsdrama klingt, wird unter Štorman zum Zustandsdrama. Das alles muss ja nicht passieren, es gibt dafür keinen notwendigen Sog, es führt ja auch zu nichts. Aber es passiert trotzdem. Und das ist die große Tristesse des Abends, genauso wie die große Tristesse des Lebens. Wenn ein Partner den anderen nicht mehr liebt und sich trennt, muss das nicht der Auftakt zur bewussteren Lebensführung oder einer neuen großen Liebe sein. Es kann damit auch einfach allen schlecht gehen.

Und so zeigt der Abend auch ausgewogen die verschiedenen Seiten der Konflikte. Da gibt es dann nicht Opfer und Täter oder Aktive und Passive, sondern ein dynamisches Geflecht aus Menschen, die gemeinsam ihren Halt verlieren. Und vielleicht manchmal auch vorsichtig wiederfinden. Aber das festbetonierte Glück gibt es hier nicht. Auch nicht für Kitty und Lewin, die schließlich zueinanderfinden. Zumindest die, so meint man, hätten es doch verdient. Aber noch während der Trauung erfahren wir, was die junge Kitty eigentlich zur Hochzeit bewegt: Ein eigenes Leben anzufangen, zuhause auszuziehen, ausschlafen zu können, wenn man es möchte – klingt nicht nach den zukunftsträchtigsten Gründen. Auch das scheinbar junge Liebesglück muss nicht zu etwas führen. Es kann auch zu nichts führen. Selten hat man solch bittere Erkenntnisse so gern erfahren.

Anna Karenina
Theaterfassung von Armin Petras nach dem gleichnamigen Roman von Leo Tolstoi
Regie: Marco Štorman, Bühne und Kostüm: Anna Rudolph, Musik: Thorsten zum Felde, Dramaturgie: Peter Helling.
Mit: Susanne Höhne, Robert Brandt, Patrick Heppt, Katrin Aebischer, Lisa Charlotte Friederich, Thomas Schreyer, Matthias Hermann.

www.theaterluebeck.de


zeitstiftung ermoeglichtIm Rahmen des Nord-Schwerpunkts berichtet nachtkritik.de  in dieser Spielzeit über die Theater in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, wo sich die Kunst, so sie nicht unmittelbar ökonomischen Interessen dient, kaum noch gegen die Zwänge der Haushaltskrisen behaupten kann.


Kritikenrundschau

"Vergesst die Ehe, die Familie, das Streben nach Glück." Diese Botschaft entnimmt Michael Berger von den Lübecker Nachrichten (26.3.2012) dieser Inszenierung. Tolstois Panorama einer spätfeudalen Gesellschaft mit Diskursen über Liebe, Religion, Militärtaktik, Glauben, Politik und Landwirtschaft" werde in der Textfassung von Armin Petras "verkürzt auf eine zeitlose Geschlechtertragödie". Štorman lasse die "Parabel" in "einem ramponierten Betonbau" spielen, doch bleibe der Abend ein "Surrogat". Obgleich die Schauspieler "allesamt ihr Bestes" gäben, komme man den Figuren nicht nahe. "Die Herabstufung ihrer Charaktere durch die Ratingagentur Petras/Štorman vermindert auch Mitleid und Fallhöhe ihrer Verzweiflung."

Ein "schwaches Stück mit starken Schauspielern" hat K. Lubowski für das Onlineportal des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags (26.3.2012) erlebt. Petras' Romanadaption "mimt Zeitlosigkeit, weil Liebe ein zeitloses Thema ist. Warum aber das Leben für eine der Zeit entrissene Anna Karenina am Ende nur noch wert ist, auf die Eisenbahngleise geworfen zu werden, muss für jeden stabilen Erwachsenen im 21. Jahrhundert ein Rätsel bleiben." In puncto Schauspielkunst rage Susanne Höhne, "Grande Dame des Lübecker Ensembles", heraus, wenn sie als Titelheldin die Zuschauer "durch Liebesräusche und Ernüchterungen zum finalen Kater" führe. Sie "trägt das Stück nicht nur, sie adelt es mit Sinnhaftigkeit".

Kommentar schreiben