Raus aus meinem Theater!

von Sarah Heppekausen

Bochum, 24. März 2012. Das ist alles nur Spiel. Nachdem sein freakiges Gefolge den Eisernen gestemmt hat, betritt Volpone die bühnengroße Showtreppe, die Dominic Huber ihm im Bochumer Schauspielhaus errichtet hat. Im weiß strahlenden Mantel überm Glitzeranzug eröffnet der Fuchs seine Revue. Heute gehe es nicht um Liebe, Sex oder Haustiere, sondern ums Geld. Mit öffentlichen Banken mache er grundsätzlich keine Geschäfte, lässt er sein Publikum – also uns – wissen. Volpone ist kein Sparfuchs, er ist Showmaker. Seine Nummer ist die Hinterlist.

volpone2 560 ThomasAurin uAllein auf weiter Treppe: Martin Horn (Voltore) © Thomas AurinShakespeares Zeitgenosse Ben Jonson schrieb seine Komödie 1605 nach der Fabel vom schlauen Fuchs. Der stellt sich tot, um Aasgeier anzulocken, die er dann frisst. Jonsons Volpone ist der Fuchs unter den Vögeln der Erbschleicher. Er gibt vor, sterbenskrank zu sein und sein Testament noch nicht verfasst zu haben. Mit der Aussicht aufs Erbe stachelt Volpone die Geldgierigen an, ihm Geschenke zu machen.

"Ich bin Kunst"
In Sebastian Nüblings Inszenierung kommen die Erbschleicher mitten aus den Zuschauerreihen. Martin Horn als steifer Anwalt Voltore, dessen Begierde unter seiner Abgeklärtheit allenfalls erahnbar ist. Jürgen Hartmann keucht und krückt als alternde Krähe Corbaccio. Und Michael Schütz' Corvino mit John Travolta-Tolle und Saturday-Night-Fever-Gesangseinlage hält nicht nur seine Frau, sondern auch sich selbst für unwiderstehlich. Volpone und sein Geselle Mosca holen sie sich allesamt als Menschen, Tiere, Sensationen auf ihre Showbühne.

Denn Fuchs und Fliege, wie sie übersetzt heißen, verstehen sich als Artisten. Matthias Redlhammer breitet die Arme aus wie ein Zirkusdirektor in seiner Manege. Sein Volpone jongliert mit Finanzen, Frauen und Falschaussagen. Eigentlicher Spielmacher aber ist Mosca. "Ich bin Kunst", sagt er. Und Tim Porath wechselt Stimmlage, Mimik, Schritt- und Sprechtempo tatsächlich extrem artifiziell. Mal ist seine Bewegung ein teuflisches Zischen, mal rabiates Stemmen. Mal ist er Mit-, mal Gegenspieler. Er vollführt eine Geldschein-Gelenkigkeitsnummer und (wie das komplette Ensemble) akrobatische Stufenstürze. "Raus aus meinem Theater!", herrscht er Corbaccios enterbten Sohn Bonario (Matthias Eberle) an. Aber Poraths Gebaren bleibt ein äußerliches, sein Maskenspiel Manier.

Der Mensch als narzisstischer Spieler
Es passt zum schrägen Kuriositätenkabinett, das diese Spielbühne betritt. "Silly Celia" (Maja Beckmann), die Volpone und seiner meterlangen Trickster-Latte in einer rosa Schaufensterbox serviert wird und die dem Publikum immer mal wieder über die Köpfe steigen muss. Ihr Mann beschimpft sie als Nutte, sie verteidigt sich schnoddrig: "Ich hab doch gar keine Zeit, ich geh manchmal zu Rewe und dann in die Kirche." Oder Lady Would-Be (Marco Massafra), die italienische Dichter- und Denkernamen im Akkord ausspuckt, und die weniger die Nähe zu Volpone als vielmehr zum Mikrofon sucht. Nübling inszeniert eine Farce, streut Zitate von Wulff und Strauss-Kahn ein, und zeigt den Menschen als narzisstischen Spieler, der nach Geld und Sex wie nach dem Rampenlicht giert.

volpone1 560 ThomasAurin uLug und Trug im Schlafanzug: Tim Porath (Mosca), Matthias Redlhammer (Volpone)
© Thomas Aurin
Wie bei einer Revue gibt es bei der Premiere immer mal wieder spontanen Szenenapplaus. Wie bei einer Nummerndarbietung ist wenig Menschliches hinter den Masken zu entdecken. Jede Handlung bleibt Geste, jeder Schritt ist ein Auftritt. Manchmal hat der sogar noch ein Echo: Wenn Bonario in den Zuschauersaal kommt, öffnet sich nicht eine, dann öffnen sich alle Türen. Verlässt er den Saal, knallen sie alle wieder zu. Was spannend und amüsant beginnt, entpuppt sich später als Aneinanderreihung von Behauptungen.

Volpone tappt am Ende wie bekannt in die eigene Fuchsfalle. Aber er und Mosca werden nicht verurteilt. Sie beschuldigen und bekämpfen sich gegenseitig – bis zum Tod durch Ersticken. So scheint es. Aber dann steht Mosca wieder auf. Und beide verlassen gemeinsam die Bühne. Es war eben alles nur Show.

Volpone
von Ben Jonson
Deutsch von B. K. Tragelehn
Regie: Sebastian Nübling, Bühne: Dominic Huber / Blendwerk, Kostüme: Amit Epstein, Musik: Lars Wittershagen, Dramaturgie: Thomas Laue.
Mit: Matthias Redlhammer, Tim Porath, Martin Horn, Jürgen Hartmann, Michael Schütz, Maja Beckmann, Matthias Eberle, Marco Massafra.

www.schauspielhausbochum.de


Kritikenrundschau

Vasco Bönisch stört sich in der Süddeutschen Zeitung (26.3.2012) ein wenig an dem Lehrstückcharakter von Ben Jonsons Komödie: "Es wird einem (zu) viel demonstriert: die Komödie und die Moral von der Geschicht'". Auch Sebastian Nüblings Inszenierung könne "diese Crux nicht immer überspielen". Gleichwohl sei es "schon stark, wie Nübling die Flucht nach vorn ergreift", indem er eine "genregerecht dick auftragende Burleske" aufführe. Eine "Dialektik" entwickele Nüblings Inszenierung, wenn sie "eine Welt selbst verschuldeter Unmündigkeit" zeige: "Die aasigen Erbschleicher gehen sehenden Auges den durchschaubaren Tricks des Schlaufuchses in die Falle, weil die Gier sie blind macht." Des Kritikers Anerkennung finden die schauspielerischen Leistungen, insbesondere Marco Massafra als Edelkurtisane Lady Would-Be mit dem wohl "schönsten" und "traurigsten Auftritt" des Abends.

Achim Lettmann findet auf dem Onlineportal des Westfälischen Anzeigers (26.3.2012) Nüblings Inszenierung "bestaunenswert beunruhigend". Denn sie verallgemeinere die "hohe Kunst der Verstellung". Nübling karikiere "das Personal Jonsons so drastisch, das die Vorteilsnahme immer wie eine Absicht wirkt, die längst im Spotlicht der Moral und Sitte verstrahlt ist". Mit diesem "drallen Schurkenstück" beweise Nübling nicht nur, dass Volpones "Ränke um Erbe" auch heute noch unterhaltsam wirken. Seine Inszenierung lehne sich auch "an die Stadt Bochum, kokettiert süffisant mit dem Mittelmaß und bietet eine Szene, in der Mosca Geldscheine aufliest, weil das Theater eben solche braucht. Auch die moralische Anstalt ist in der Krise."

Auf dem Onlineportal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung derwesten.de (26.3.2012) beschreibt Arnold Hohmann Nüblings Umsetzung der "Raffgier-Komödie" von Ben Jonson als "großes Show-Spektakel mit Gesang und Publikumsbeteiligung". Auch wenn manch didaktischer Bezug auf den Zuschauer kritisiert wird ("Der Regisseur mag es oft doch sehr eindeutig"), würdigt der Rezensent, wie die "hochkomische Inszenierung" ein "schwindelförderndes Tempo" vorlege und dabei die "Fixierung des Menschen auf den Mammon" schildere, wobei der "perfide Vermögenstrickser Volpone" mit aktuellem Anstrich "deutlich zwischen Gordon Gekko aus 'Wallstreet' und dem Investmentbetrüger Bernard Madoff angesiedelt" sei.

Es sei Sebastian Nübling weitgehend unterhaltsam und manchmal sogar bissig gelungen, den Fuchs Volpone aus seinem Bau zu zerren, zeigt sich Stefan Keim in der Welt (28.3.2012) angetan. "Es sind nicht die Regieeinfälle, die den Abend ausmachen, sondern ein Ensemble, das mit riesiger Spielfreude Typen entwickelt, die in die heutige Giergesellschaft passen", meint Keim. Der Zuschauerraum werde häufig mitbespielt, das Publikum vertrete die Öffentlichkeit. "Eine passive, beobachtende Masse, mit der man es sich nicht verscherzen sollte." Die Inszenierung hätte kurze Phasen des Leerlaufs. Und: "Klar, Gier ist doof, das bleibt die vorhersehbare Aussage." Aber immerhin erzählten kraftvolle Schauspieler in vielen witzigen und einigen grandiosen Szenen "von den seelischen Deformationen des Konsumwahns".

Es gehöre von Anfang an beides zusammen: die Überlistung der falschen, habgierigen Freunde und das Theater, meint Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.3.2012). "Ja, die Schauspielkunst glänzt hier als der höhere Betrug, und die Freude darüber, dass sie diese ungeheure Wirkung erzielen kann, ist noch größer als die Genugtuung über den ergaunerten Reichtum." Wie Volpone das Publikum mit moralischen Entscheidungsfragen konfrontiere, wie Lady Would-Be, die Marco Massafra als literarisch gebildete italienische Edelhure spiele, die über die sexuellen Vorlieben hoher Politiker auspacke, wie auf Strauss-Kahn, Madoff und Wulff angespielt werde, all dies bringe die Aufführung in mehr komödiantische als kritische Reibung mit der Gegenwart. Trotzdem könnten Schauspieler wie Zuschauer zufrieden sein, meint Rossmann, "denn einen feinsinnigeren Zugriff hält das Stück nicht aus".

 
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