Die Seele hat Insolvenzantrag gestellt

von Shirin Sojitrawalla

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Mainz, 30. März 2012. In Lisa Danulats kurzem Stück zum langen Unglück ist das Ich kein Einzelwesen mehr. In dreifacher Gestalt, als junges, altes und eigentliches Ich tritt es in Erscheinung. Auf der Studiobühne des Mainzer Staatstheaters verkörpern die Schauspieler Stefan Graf, Tilman Rose und Mathias Spaan diese Variationen einer gespaltenen Persönlichkeit. In hellen Strumpfhosen mit schwarzen Spitzenleibchen auf der Haut und Lackschuhen an den Füßen demonstrieren sie mit Witz und Verve, was geschieht, wenn der Geist mit einem durchgeht.

koenigreich 3 280 bettina mueller hWo gehöre ich hin?  © Bettina Müller

Angst ist der Normalzustand

Als vornehmliche Spielfläche dient ihnen ein laufstegartiges Podest, auf dem sie sich abwechselnd in Positur werfen, Unerklärliches von sich geben und immer wieder in Kontakt mit ihrem Therapeuten treten, der Mami, Chef und lieber Gott in einer allmächtigen Figur darstellen soll. Andrea Quirbach spielt ihn als onkeligen Freud-Verschnitt, dem im Gegensatz zu seinen Patienten die Hände an die Realität gebunden sind, wie er einmal feststellt. Seine wiederkehrende Frage "Nehmen Sie Ihre Tabletten?" quittiert das Trio stets mit einem dreifach donnernden "NEIN!". Die drei Schauspieler verkörpern aber nicht nur das kollektive Ich, sondern auch andere Gestalten, wie den alten König oder den Amokläufer Mirko W. und andere, von denen man nicht so richtig weiß, wo sie hingehören.

Sicher ist bloß, dass ihre Welt aus den Fugen ist und Angst der Normalzustand. Die 29-jährige Frankfurter Autorin Lisa Danulat lässt in ihrem vieldeutigen Stück "Königreich" das Ich als Anstrengung und Last zu Wort kommen. Die Seele hat längst Insolvenzantrag gestellt. Das titelgebende Königreich könnte dabei gut und gerne der eigene vollgestopfte Schädel sein und ebenso gut ist es möglich, dass das Bühnengeschehen ein Abbild menschlichen Seelenmülls darstellt – und sei es auch nur im Traum.

Schulterzuckende Poesie

Kein Wunder also, wenn in der Inszenierung von Johannes Schmit allerlei an Alice-im-Wunderland-Verrücktheiten erinnert: Aus der Glühbirne tropft Lebenszeit, Hartes erweist sich als extrem biegsam, Weiches verursacht krachende Geräusche und Kabel lassen sich verspeisen wie Lakritzschlangen. Den ersten Teil des Abends funktioniert das ziemlich wunderbar, da übersetzt Schmit Danulats Vorlage in anspielungsreiche Clownerien, die den Text zwar nicht aufschließen, ihm aber zumindest ausreichend szenische Albernheit abgewinnen. Wo bei Danulat ein Kalauer auf Entfaltung wartet, lässt Schmit gleich Lacher vom Band einspielen. Dabei macht sich die Inszenierung Danulats Schreibweise zu eigen, indem sie ebenso mit filmischen Versatzstücken operiert, Wiederholungen als stilistisches Prinzip einsetzt und jede Kongruenz mit lässiger Disparität schlägt.

Doch je weiter der 75 Minuten lange Abend fortschreitet, umso anstrengender und fader wird er leider auch. Der schulterzuckenden Poesie des Textes begegnet Schmit zunehmend mit feuchter Dramatik. Seine drei Schauspieler werfen dabei immer wieder umwerfend böse Bubenblicke ins Publikum, und Andrea Quirbach kommt auch noch als eindrücklicher Alexander Litwinenko zum Einsatz, doch das Stück selbst baumelt da bereits bloß noch seinem Ende entgegen. Man schaut zwar noch hin, aber weiß nicht mehr recht, wozu.

 

Königreich (UA)
von Lisa Danulat
Regie: Johannes Schmit, Ausstattung und Co-Regie: Markus Wagner, Dramaturgie: Katharina Gerschler.
Mit: Stefan Graf, Andrea Quirbach, Tilman Rose und Mathias Spaan.

www.staatstheater-mainz.com

 

Kritikenrundschau

Im Main-Spitze (2.4.2012) konstatiert Rotraut Hock: "Wollte man versuchen, sich auf dieses Stück einen Reim zu machen, dann hätte man schon verloren." Man könne sich nur darauf einlassen, auf diese "Mixtur aus beklemmenden, komischen, manchmal auch schrillen Momenten". Der Abend wird unterhaltsam und facettenreich beschrieben, wobei dir Autorin zum Schluss kommt: "Wie im richtigen Leben weiß niemand so recht, worauf das alles hinauslaufen soll."

 
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