altWort ist Mord

von Christoph Fellmann

Zürich, 31. März 2012. Dass es leibhaftig Tote gegeben hat, ist erst ganz am Schluss zu sehen. Da tritt Richard III. hinter die verschiedenen Vorhänge, hinter denen zuvor drei Stunden lang seine Worte zu Taten wurden, und geht ein in die sarggerandete Ahnengalerie. Er ist jetzt selber tot, gefallen in der Schlacht, kurz nachdem ihn auch seine Schlagfertigkeit verlassen hat und er nur noch etwas gesagt hat von einem Pferd, für das er gegebenenfalls sein Dings, sein Königreich was denn schon wieder. Es hätte ein brillanter Schlussmonolog sein sollen und ist doch nur noch Stammeln.

In ihrem fünften Abend mit Shakespeare hat sich Barbara Frey, Chefin am Zürcher Schauspielhaus, "Richard III." vorgenommen. Die Gegner dieses Aufsteigers, die in diesem Stück fallen wie Dominosteine, machen sich in ihrer Inszenierung vor allem durch ihr plötzliches Fehlen bemerkbar, durch einen weiteren leeren Stuhl auf schiefer Ebene. Nur einmal ist ein wenig Blut zu sehen, als kleiner Kollateralschaden im Massnahmenvollzug, und was sonst an Körperflüssigkeit anfällt, wird in rotzgrüne Taschentücher getupft. Das heisst nun allerdings nicht, dass Barbara Frey hier einen blutleeren Theaterabend angerichtet hätte. Im Gegenteil, so bleich und blassgrün ihr Richard auf der Bühne steht, umso heftiger brodelt die Sprache.

Grausames Tableaux Vivants

Was wir sehen, ist ein Drama des politischen Redens. Umso brutaler und erbarmungsloser wickelt es sich ab, je weniger die Regie und ihr Richard zur Tat schreiten. An Tischen, an Betträndern und aus minutenlangen, gestochen scharfen Standbildern erwachsen grausame rhetorische Schlachtenbilder. Und man beginnt zu ahnen, was Sprache vermag, im Theater wie in der Politik, was bei Shakespeare aufs selbe hinausläuft.

richardiii1 560 matthiashorn uMichael Maertens als Richard III. und, rechts, Jirka Zett als Stanley © Matthias Horn

Aus Gedanken an Ranküne und Rache werden Sachzwänge, dann Fakten. Und Richard wird König. Er redet sich an die Macht und lässt sich dann überreden, sie auch zu ergreifen. Es ist ein brillantes Stück politischer Rhetorik, wie Richard die Krone schließlich annimmt: "So drängt ihr mir eine Welt voller Sorgen auf." Heute würde man sagen: Er stellt sich zur Verfügung.

Tonfälle politischen Redens

Die Mechanik des politischen Ränkespiels wird bei Barbara Frey erschütternd klar. Die Gegner ihres Richard, sie sind alle schon tot, bevor sie es wissen. Sie sind in ihren dunklen Anzügen schon halb eingelassen ins Dunkel des Bühnenhintergrunds, während sie auf der Vorbühne noch anreden, manchmal auch anlärmen oder anjammern gegen das Unvermeidliche.

Ihr Problem ist, dass dieser Richard schon lange weiß, was sie sagen und noch sagen werden. Er kennt nicht nur seine, er kennt auch ihre Rede, und sichert sich so mit Leichtigkeit die besten Pointen. Beklemmend, wie der Richard von Michael Maertens nicht nur sämtliche Tonfälle politischen Redens bedient, von der Einfühlung bis zur Empörung. Sondern wie er darüber hinaus das rhetorische Schaulaufen seiner Gegner leise mitspricht, kommentiert und abnickt, so, als gehorche das alles, was es durchaus tut, nur seinem Plan. Aber was heißt hier Gegner: Das Schicksal von Buckingham, seines engsten Verbündeten, wird schon in jenem frühen Moment des gemeinsamen Aufstiegs klar, in dem Richard in seinem Rücken wie ein Bauchredner seinen Text mitgeht.

Selbstgespräch, Selbstermächtigung

Anders als viele Richard III. vor ihm, braucht er bei Michael Maertens noch nicht einmal die Komplizenschaft des Publikums. Schon bei seinem ersten Auftritt dreht er ihm den Rücken zu, dann versenkt sich dieser schüttere Mensch für eine, zwei Minuten in einen anmutigen Folksong, bevor er schließlich zum Selbstgespräch anhebt, zur Selbstermächtigung, die notabene voller unheimlicher Selbstironie ist.

Nur selten geht ein flackernder Blick ins Parkett, und auch dann nicht, um es auf heimliche Sympathisanten abzusuchen, sondern nur um einen Blick auf die Welt zu werfen, die gleich vor ihm in die Knie gehen wird. Dann, lange bevor die Tür auf- und das eigentliche Reden in das politische Reden übergeht, hält Richard inne. Er hat die Ankunft eines Menschen gewittert. Dann tritt Clarence ein, nichts ahnend vom Leichengeruch, der ihm vorausgeht. Und ein grausamer, ein großartiger Abend nimmt seinen Lauf.


Richard III.
von William Shakespeare, in der Übersetzung von Thomas Brasch
Regie: Barbara Frey, Bühne: Penelope Wehrli, Kostüme: Bettina Munzer.
Mit: Michael Maertens, Lukas Holzhausen, Ursula Doll, Susanne-Marie Wrage, Silvia Fenz, Julia Kreusch, Fritz Fenne, Nicolas Rosat, Ludwig Boettger, Jirka Zett, Christian Baumbach.

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Die im Programmheft versprochenen gender-theoretisch begründete Verfluchungsorgien seien auf der Bühne doch nur "abgeschmacktes Brülltheater alter Schule", so Christian Gampert in Kultur heute auf Deutschlandfunk (1.4.2012). Während Michael Maertens den Richard "grandios" ohne körperliche Leiden spielt, sondern "ein virtuoses Aas ist, ein Suicide-Bomber der Verwaltungsetagen", erinnere der Rest an ein Wachsfigurenkabinett. "Die Frauenbeauftragte Frey führt die Männer entweder als dienstbare Aufsage-Idioten oder aber als Mörder mit OP-Besteck vor, während die Frauen schwarzen Hass spucken und dem diktatorischen Richard-Monster femininen Widerstand entgegensetzen."

"Alles ist auf Richards Wortmacht ausgerichtet, Maertens narkotisierendes Spiel – Fluch und Segen einer spannenden wie konsequent öden Inszenierung", befindet Tomo Mirko Pavlovic in der Frankfurter Rundschau (2.4.2012). Frey inszeniere das Stück als Wörterrausch ohne viel Tamtam, was nur anfangs gefalle. Die Nebenfiguren würden zu "Staubsaugervertretern degradiert", und so hänge man nur an Richards Lippen – sonst an nichts.

Für unsere "hilflose moderne Gesellschaft" wäre Shakespeares dritter Richard, der toll grausige Held in einem Königsdrama von 1595, dem er den Namen gibt: eine Herausforderung. "Schon einfach dergestalt, dass man akzeptiert, dass es ihn gibt. Dass er wahr ist", schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.4.2012). Doch Barbara Freys Inszenierung drücke sich irrenhausmäßig vor Shakespeares Stück und seiner Hauptfigur. Michael Maertens sei als Richard "ein Durchgeknallter im psychiatrischen Tonstudio". Um ihn herum: "kühle Beamte, die das Morden klinisch erledigen und selbst wiederum klinisch erledigt werden". Fazit der Doppelbesprechung, in der Stadelmaier auch den Düsseldorfer Richard III. von Staffan Valdemar Holm verreißt: "Das Böse hat auf den Theatern keine Chance. Dafür sind sie sich zu gut."

"160 Minuten, die konsequent spröde, um nicht zu sagen öde sind", legt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (5.4.2012) vor, um dann Michael Maertens und die letzten fünf Minuten zu preisen: Da dröhnen Richard aus vier Kopfhörern je ein anderer Marsch in den Ohren, eine "mehrschichtige Kakophonie, die abbricht, wenn Maertens im Stuhl zusammensinkt, ihm Kopfhörer und Krone vom Kopf rutschen". Womit klar werde, was die vorher so rätselhaft ziellose Inzenierung wolle: "Alles, was man davor sah, war nur das Spiel eines Menschen, der den eigenen Tod herbeisehnt. Und dem deshalb alles egal ist."

 
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